{"id":467,"date":"2021-03-12T00:45:12","date_gmt":"2021-03-12T00:45:12","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=467"},"modified":"2021-05-09T12:37:16","modified_gmt":"2021-05-09T12:37:16","slug":"xenophobie-in-der-community","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=467","title":{"rendered":"Xenophobie in der Community"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der kurze Weg vom Opfer zum*zur T\u00e4ter*in<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Nun k\u00f6nnen wir zwar nicht leugnen, dass viele Migrant*innen in unserer Stadt aus patriarchal und konservativ gepr\u00e4gten Kulturr\u00e4umen stammen. Das gilt f\u00fcr Tiroler*innen und Sizilianer*innen ebenso wie f\u00fcr Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan oder Migrant*innen aus Polen.<\/p>\n\n\n\n<p>Generell emigrieren Menschen eher aus strukturschwachen, l\u00e4ndlichen Regionen nach \u00d6sterreich &#8211; so sie denn nicht vor einem Krieg fl\u00fcchten. Dass gesellschaftliche Progressivit\u00e4t oft mit einem urbanen Lebensstil einhergeht, wissen wir auch in Wien: F\u00fcr eine Zeitreise in eine Gesellschaft mit einer gestrigen Haltung zu Queerness m\u00fcssen wir nur in die n\u00e4chste S-Bahn nach Himberg steigen. Aber auch das bedeutet nicht, dass die meisten Landler*innen homophob sind.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eDeren Religion ist schuld\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Oft wird versucht, den eigenen Rassismus mit scheinbar gut begr\u00fcndeter Islamophobie aufzuh\u00fcbschen. Denn die vermeintlichen homophoben Ideologien des Islam seien in dessen ureigener religi\u00f6ser DNS eingeschrieben. Dieses Argument hinkt jedoch gewaltig. Queer-freundliche Moscheen in vielen Metropolen beweisen genauso wie homophobe christliche Fundamentalist*innen, dass die Buchreligionen nicht zwangsl\u00e4ufig queerfeindlich oder -freundlich sind. Es sind die jeweiligen Gl\u00e4ubigen und Kleriker*innen die ihren Glauben menschenfeindlich auslegen oder eben nicht. Trotzdem sind wir an einem Punkt an dem viele Lesben und Schwule den Islam f\u00fcr Hass und Gewalt gegen Homosexuelle verantwortlich machen. Den einzigen Unterschied \u00d6sterreichs zu den Herkunftsl\u00e4ndern in diesem Punkt ist die (mit einigen Ausnahmen) verankerte Trennung zwischen Religion und Staat. Dass organisierte Religionsgemeinschaften in der Geschichte fast nie die Verb\u00fcndeten der LGBTIQ* Bewegung waren ist nicht von der Hand zu weisen. Wer jedoch mit einer Hand auf die muslimischen Migrant*innen hinschl\u00e4gt, aber mit der anderen Hand Kurz w\u00e4hlt unter dem ein katholischer Hardliner, Menschenfeind und Opus Dei Mitglied wie Bernhard Bonelli an die Schalthebel der Macht gelassen wird, der kaschiert seinen Rassismus nur schlecht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Offene und verdeckte Homophobie<\/h3>\n\n\n\n<p>Zwar gibt es subjektiv viele F\u00e4lle, in denen queere Personen Gewalt durch Migrant*innen erfahren, nur berechtigt uns das nicht, alle Migrant*innen in eine Schublade zu stecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen in diesem Fall vor unserer eigenen Haust\u00fcre kehren. Denn ein Generalverdacht gegen Migrant*innen attestiert ja hier geborenen Bio-\u00d6sterreicher*innen eine Freiheit von homo- und transphoben Einstellungen. Abgesehen davon, dass auch von letzterer Gruppe \u00dcbergriffe bekannt sind, ist die verdeckte Homophobie in \u00d6sterreich weit verbreitet. Konservative \u00d6sterreicher*innen k\u00e4mpfen mit geschlossenem Visier gegen die offene Gesellschaft. Die homofeindliche Schulleiter*in verweigert das Aufh\u00e4ngen von Regenbogenfahnen im Pride-Month mit scheinbar anderen Priorit\u00e4ten, w\u00e4hrend sie eigentlich meint: \u201eLGBT hat hier keinen Platz.\u201c Diese unterschwellige, passive Homophobie wirkt auf den ersten Blick harmloser, ist aber wesentlich schwerer zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Umfragen zu Homo- und Transphobie sind aus diesen Gr\u00fcnden nicht aussagekr\u00e4ftig (z.B. das Eurobarometer). Das Problem der sozialen Erw\u00fcnschtheit, also der Tendenz mehrheitsf\u00e4hige Antworten zu geben, schl\u00e4gt hier vermutlich zu.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Nutznie\u00dfer*innen<\/h3>\n\n\n\n<p>Wer profitiert nun von diesen Entwicklungen? Wer hat ein Interesse daran, dass queere gegen migrantische Identit\u00e4ten ausgespielt werden? Der Gegner sitzt wie immer rechts. Dass es Rechtspopulist*innen schaffen, Angst vor scheinbar homophoben Migrant*innen zu sch\u00fcren und auszunutzen, kann mit glaubhaften und erschreckenden Zahlen belegt werden: Bei einer nicht repr\u00e4sentativen Umfrage des Berliner \u201eM\u00e4nner\u201d-Magazins gaben rund 17 % an, bei der AfD ihr Kreuzchen gemacht zu haben. Bei einer \u00e4hnlichen Umfrage auf \u00f6sterreichischen Plattformen kam die FP\u00d6 unter schwulen M\u00e4nnern auf 21%. Die Universit\u00e4t Sciences Po hat errechnet, dass die rechtsextreme Front National bei den franz\u00f6sischen Regionalwahlen 2015 von 32 % der homosexuellen Paare gew\u00e4hlt wurde und sich ihr W\u00e4hleranteil unter lesbischen Frauen verdreifacht hatte. Auch die deutsche AfD wirbt auf Pride-Veranstaltungen mit Plakaten, die das Feindbild des homophoben, gewaltbereiten Migranten zeichnen. Beide Parteien werben verst\u00e4rkt um Stimmen aus der Community \u2013 und leider fallen viele von uns auf diese Strategie rein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"478\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Infografik-1024x478.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-473\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Infografik-1024x478.jpg 1024w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Infografik-300x140.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Infografik-150x70.jpg 150w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Infografik-768x358.jpg 768w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Infografik-1536x716.jpg 1536w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Infografik-1200x560.jpg 1200w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Infografik.jpg 1550w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nein, du bist hier nicht das Opfer<\/h3>\n\n\n\n<p>Es ist schnell ersichtlich, dass Queers, wenn es um Rassismus geht, oftmals T\u00e4ter*innen sind: Von 850 Schwulen, die von \u201eGay Men\u2019s Sexual Health Charity\u201d befragt wurden, gaben jeweils rund 80 % der M\u00e4nner mit Vorfahren aus Afrika, Lateinamerika und S\u00fcdostasien an, Erfahrungen mit Rassismus innerhalb der Schwulenszene gemacht zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass in Zeiten des vermehrten Online-Kontakts viele nicht-wei\u00dfe Schwule beim Durchwischen durch Dating-Apps so etwas wie \u201eKeine Asiaten\u201d lesen m\u00fcssen, macht dieses Problem nochmals deutlicher. So etwas ist per se zwar nur Ausdruck von Vorlieben und muss nicht zwangsl\u00e4ufig hei\u00dfen, dass der Profilinhaber Asiat*innen nicht als gleichwertige Menschen sieht. Vorlieben darf jeder haben, aber es muss ein Bewusstsein daf\u00fcr geschaffen werden, dass unsere Vorlieben in einer rassistischen Gesellschaft gepr\u00e4gt werden und somit rassistisch sein k\u00f6nnen. Asiatische Nutzer*innen von einschl\u00e4gigen Plattformen f\u00fchlen sich bei oben genannten Formulierungen verst\u00e4ndlicherweise verletzt und der*die Profilinhaber*in nimmt billigend in Kauf, als Rassist*in zu gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dasselbe Prinzip gilt f\u00fcr den umgekehrten Fall: Der Fetischisierung von nicht-wei\u00dfen Migrant*innen. Wenn Mensch zum Beispiel schreibt, dass er*sie auf Asiaten*innen steht (um beim Beispiel zu bleiben), besteht die Chance, dass auch dies einen rassistischen Hintergrund hat. Die Zusammenh\u00e4nge von Rassismus, kolonialem Erbe und Sexualit\u00e4t w\u00fcrden diesen Text sprengen. Wichtig ist aber, dass in dem Moment in dem Menschen nicht mehr als Individuen, sonders aufgrund von ethnischen Merkmalen als Fetischobjekt wahrgenommen werden, stecken wir schon ziemlich tief im Rassismus.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Ausweg<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Erkenntnis dieses Artikels soll nicht sein, dass Rassismus und Xenophobie ein spezielles Problem der LGBTIQ*-Community sind. Vielmehr ist die Community in diesem Punkt einfach nicht besser als die Gesamtgesellschaft. Und das ist ziemlich schade. Denn eines muss uns allen bewusst sein, etwa die H\u00e4lfte aller Wiener*innen haben einen Migrationshintergrund, also auch etwa die H\u00e4lfte unserer Community. Wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass die Gegner*innen einer freien Gesellschaft einen Keil durch die Mitte unserer Gemeinschaft treiben. Wenn alle Feindbilder der Rechten zusammenhalten \u2013 LGBTIQ*s, emanzipierte Frauen, Migrant*innen, J\u00fcd*innen und Juden*, Umweltsch\u00fctzer*innen, Gewerkschafter*innen und viele mehr, dann sind wir eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist immer leicht Verantwortung abzugeben. Alle, die ein k\u00fcnstliches \u201eWir\u201c (die Community) gegen ein \u201eDie\u201c (die Migrant*innen) konstruieren wollen und dann von \u201edenen\u201c den ersten Schritt fordern, haben zwei Dinge nicht verstanden. Erstens es gibt nur ein \u201eWir\u201c und wenn \u201eWir\u201c nicht miteinander auskommen, m\u00fcssen \u201eWir\u201c daran arbeiten, gemeinsam. Zweitens gibt es alle diese Schritte schon: Es gibt queere Migrant*innen Organisationen, die seit Jahren wertvolle Arbeit leisten. Wir tragen alle die Verantwortung queere R\u00e4ume, in denen migrantische Perspektiven nicht auffallen oder nicht vorhanden sind, inklusiver zu machen. Nur dann k\u00f6nnen \u201eWir\u201c (alle die an einem modernen, freien \u00d6sterreich arbeiten) gegen \u201edie\u201c (alle die das nicht wollen) bestehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der kurze Weg vom Opfer zum*zur T\u00e4ter*in Nun k\u00f6nnen wir zwar nicht leugnen, dass viele Migrant*innen in unserer Stadt aus patriarchal und konservativ gepr\u00e4gten Kulturr\u00e4umen stammen. Das gilt f\u00fcr Tiroler*innen und Sizilianer*innen ebenso wie f\u00fcr Gefl\u00fcchtete aus Afghanistan oder Migrant*innen aus Polen. 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