{"id":4522,"date":"2024-05-31T00:18:00","date_gmt":"2024-05-30T22:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4522"},"modified":"2024-05-31T13:29:50","modified_gmt":"2024-05-31T11:29:50","slug":"leben-mit-hiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4522","title":{"rendered":"Leben mit HIV"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dr\u00fcber reden ist doch heute<br>kein Problem mehr, oder?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Vieles hat sich seit Bekanntwerden von HIV\/AIDS Anfang der 80er Jahre ver\u00e4ndert. Und man darf zum Gl\u00fcck sagen: sehr zum Vorteil ver\u00e4ndert. Allerdings gilt dies nicht f\u00fcr alle Aspekte rund um das Leben mit HIV. Das Thema der Offenlegung der HIV-Infektion anderen Menschen gegen\u00fcber ist ein besonders anschauliches Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den gro\u00dfartigen biomedizinischen Erfolgen, dank derer man heute von keiner t\u00f6dlichen Erkrankung, sondern von einer chronischen Infektion reden darf, scheint sich der Umgang mit HIV zu normalisieren. Leider tr\u00fcgt dieser Anschein immer wieder. Denn auf gesellschaftlicher und psychosozialer Ebene sieht es oft anders aus. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die M\u00f6glichkeit, offen \u00fcber die eigene Infektion reden zu k\u00f6nnen. Wieviel Druck, Stress und\/oder Angst HIV im Umgang mit anderen Menschen erzeugen kann, l\u00e4sst sich sehr anschaulich mit der Frage verdeutlichen, wem gegen\u00fcber der HIV-Status offengelegt wird, bzw. \u00fcberhaupt werden kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn dabei ist unbedingt zu bedenken \u2013 es geht nicht nur darum, den Status \u201eeinfach nicht anzusprechen\u201c. Im Regelfall bedeutet es f\u00fcr die Menschen, aktiv Ressourcen zu investieren, um den Status auch nachhaltig geheim zu halten. Was zun\u00e4chst nach einer situativen Kleinigkeit klingen mag, kann Lebensqualit\u00e4t und Beziehungsdynamiken \u00fcber viele Jahre hinweg massiv beeinflussen. Anhand von zwei Studien soll hier aufgezeigt werden, dass es sich dabei nicht um eine theoretische \u00dcberlegung, sondern um die Erfahrungen vieler Menschen handelt. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Studiendaten geben klares Bild<\/h3>\n\n\n\n<p>Eine 2011 ver\u00f6ffentlichte Studie hatte in mehreren HIV-Schwerpunktpraxen sowie HIV-Ambulanzen in Wien und Graz Fragen zu diversen Aspekten der Lebensqualit\u00e4t im Leben mit HIV gestellt. Teilgenommen hatten 472 Menschen mit HIV, davon 16,1% Frauen und 83,9% M\u00e4nner. Zwei Drittel der Befragten waren zwischen 31 und 50 Jahren alt. Das Ergebnis ergab ein klares Bild, wie schwierig es f\u00fcr viele Menschen ist, ihre Infektion anderen Personen gegen\u00fcber offen zu legen. Da leichte Unterschiede bei Frauen und M\u00e4nnern zu erkennen sind, wurde die Auswertung getrennt vorgenommen. So wussten bei den Frauen 64,3% der M\u00fctter, 54,3% der V\u00e4ter, 60,4% der Geschwister und 36,1% der eigenen Kinder \u00fcber die Infektion Bescheid. Am h\u00e4ufigsten waren die Partner*innen mit 93,0% und am seltensten Arbeitskollege*innen mit 17,5% informiert. Bei den M\u00e4nnern war der HIV-Status gegen\u00fcber 47,5% der M\u00fctter, 38,6% der V\u00e4ter, 53,7% der Geschwister und 30,4% der Kinder offengelegt. Unter den Partner*innen wussten 94,6% und unter den Arbeitskollege*innen 22,9% \u00fcber die Infektion Bescheid.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer anderen Studie, die 2021 publiziert wurde, nahmen 935 Menschen mit HIV aus Deutschland an einer Online-Befragung teil, davon 86% M\u00e4nner, 13% Frauen und 1% trans* Personen. Das Durchschnittsalter lag bei 46 Jahren. Auch hier sprechen die Daten f\u00fcr sich: 87% der Teilnehmer*innen gaben an, sehr genau aufzupassen, wem sie von ihrem Leben mit HIV erz\u00e4hlen. 79% stimmten der Aussage zu, dass es riskant sei den Status offenzulegen. Und 13% sagten, sie w\u00fcrden \u00fcberhaupt nie offen \u00fcber ihre Infektion reden. Der Umgang mit der HIV-Infektion ver\u00e4nderte sich dabei \u00fcber die Dauer des Lebens mit HIV. So konnten Menschen, die seit mehr als 20 Jahren mit HIV leben, signifikant offener dar\u00fcber sprechen, als Menschen, bei denen die Erstdiagnose noch nicht so lange her war. So sprach z.B. bei den Personen, die im Laufe der vergangenen 2 Jahre ihre Diagnose erhalten hatten, fast jede 3. Person selten bis nie mit andere Menschen \u00fcber HIV.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Entscheidende Jahre zwischen den Studien <\/h3>\n\n\n\n<p>Zwischen diesen beiden Studien liegen also genau 10 Jahre. Und durchaus entscheidende Jahre, denn in vielen HIV-Bereichen konnten genau in diesem Zeitraum enorme Erfolge erreicht werden, wie folgende drei Aspekte verdeutlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde das Pr\u00e4ventionsportfolio um die HIV-PrEP als medikament\u00f6se hocheffektive Schutzmethode erweitert. PrEP wurde erstmals 2012 in den USA zugelassen, Europa folgte 2016 und seit ein paar Jahren wird PrEP auch von der Weltgesundheitsbeh\u00f6rde klar empfohlen. Die HIV-PrEP hat sich somit als unverzichtbarer Bestandteil sowohl in den individuellen Optionen als auch in den globalen Bem\u00fchungen gegen die Epidemie etabliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den HIV-Medikamenten wurden sogenannte Integraseinhibitoren der 2. Generation zugelassen. Sie haben mit ihrer Effektivit\u00e4t und Vertr\u00e4glichkeit die M\u00f6glichkeiten der Therapie ver\u00e4ndert. So wurde mit diesen hochwirksamen Substanzen erstmals eine HIV-Therapie aus zwei, statt drei Wirkstoffen m\u00f6glich. Gleichzeitig haben sich die STRs (single-tablet-regimen) von einer Option eindeutig zur Therapieform der Wahl gewandelt. Solche Ver\u00e4nderungen in der HIV-Therapie (z.B. besser vertr\u00e4glich, leichter in den Alltag integrierbar, oder auch weniger Wechselwirkungen) f\u00fchrten \u00fcber die Jahre zu einem konstanten Anstieg der Menschen, die eine HIV-Therapie einnehmen. Sch\u00f6n sieht man dies in der Statistik der gro\u00dfen HIV-Schwerpunktambulanzen \u00d6sterreichs: 2011 nahmen hier 86% der betreuten 3163 Patient*innen eine Therapie ein \u2013 im Jahr 2021 traf dies unter den 4486 Patient*innen auf 99.3% zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Entwicklung geht Hand in Hand mit einem weiteren Erfolg. 2016 revolutionierte der Slogan U=U (undetectable equals untransmittable) die HIV-Welt. Der Slogan fasst zusammen, was im Grundkonzept schon lange bekannt war und dann mittels riesiger Datenmengen auch belegt werden konnte: Unter effektiver HIV-Therapie und einer Viruslast unter der Nachweisgrenze, sind sexuelle \u00dcbertragungen ausgeschlossen. Die Auswirkungen sind enorm. Die HIV-Therapie hat damit nicht nur positiven Effekt auf Gesundheit und Lebenserwartung. Sie erm\u00f6glicht Menschen mit HIV und ihren Sexualpartner*innen eine neue Sexualit\u00e4t ohne st\u00e4ndige Sorge einer Infektion. Au\u00dferdem hat dieser Effekt nat\u00fcrlich direkte Auswirkungen auf die Epidemiologie und ist zu Recht ein Kernpunkt im weltweiten Kampf gegen HIV. Und noch ein Aspekt ist keinesfalls zu untersch\u00e4tzen: Der Slogan U=U kann auch unabh\u00e4ngig des sexuellen Lebens Sorgen nehmen, frei nach dem Motto \u201eWenn ich mit einer Person mit HIV sogar ohne Risiko Sex haben kann, na dann brauche ich ja im Alltag erst recht keine Angst haben.\u201c Die Studiendaten und der daraus entstandene Slogan U=U haben somit eindeutig Antidiskriminierungscharakter.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ver\u00e4nderungen zeigen zu wenig Wirkung<\/h3>\n\n\n\n<p>Trotz dieser gro\u00dfartigen Ver\u00e4nderungen zeigen die beiden Studien in ihren Ergebnissen weniger Unterschiede, als man w\u00fcnschen w\u00fcrde. Offen \u00fcber den HIV-Status zu reden ist auch heute ein gro\u00dfes Thema und belastet das Alltagsleben vieler Menschen mit HIV. So passen z.B. die oben erw\u00e4hnten Erfolge und das Umfrageergebnis, dass etwa 30% der Menschen mit erst aktuell diagnostizierter Infektion nicht offen dar\u00fcber reden k\u00f6nnen, gef\u00fchlt nicht zusammen. Denn man k\u00f6nnte ja meinen, dass sich der Umgang mit HIV inzwischen ge\u00e4ndert h\u00e4tte. Auch 10 Jahre nach der ersten Studie profitieren viele Menschen auf emotionaler Ebene nicht oder viel zu wenig von den erreichten Erfolgen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der dadurch entstehende Auftrag d\u00fcrfte klar sein: Es gilt, die Erfolge und deren Auswirkungen (z.B. gute Gesundheitsprognose, hohe Lebenserwartung, U=U!) von der Theorie in die Lebensrealit\u00e4t zu bringen. Damit Menschen mit HIV zuk\u00fcnftig auch wirklich selbst entscheiden k\u00f6nnen, mit wem sie offen \u00fcber dieses Thema reden \u2013 und nicht durch Diskriminierung, bzw. nachvollziehbarer Angst davor, in ein aktives Verheimlichen und potenzielles Doppelleben gedr\u00e4ngt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr\u00fcber reden ist doch heutekein Problem mehr, oder? Vieles hat sich seit Bekanntwerden von HIV\/AIDS Anfang der 80er Jahre ver\u00e4ndert. Und man darf zum Gl\u00fcck sagen: sehr zum Vorteil ver\u00e4ndert. Allerdings gilt dies nicht f\u00fcr alle Aspekte rund um das Leben mit HIV. 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