{"id":4516,"date":"2024-05-31T00:16:00","date_gmt":"2024-05-30T22:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4516"},"modified":"2024-05-31T13:29:58","modified_gmt":"2024-05-31T11:29:58","slug":"schroedingers-queer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4516","title":{"rendered":"Schr\u00f6dingers Queer"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Ungef\u00e4hr Mai 2013, sp\u00e4ter Nachmittag, irgendwo in Wien. Das Wort Asexualit\u00e4t poppt am Handybildschirm auf. Die Suchfunktion einer Blogging-Plattform spuckt neben reichlich Wortwitzen auch l\u00e4ngere Infotexte aus. Ein Daumen scrollt interessiert durch die Beitr\u00e4ge, stoppt hier und da um genauer zu lesen. Ein Gef\u00fchl der Erleuchtung steigt langsam auf. Als h\u00e4tte sich eine langersehnte Oase mitten in der W\u00fcste aufgetan, die den Durst nach Gleichgesinnten und Akzeptanz stillt. Danach: Unbehagen. Asexualit\u00e4t, das Fehlen nach einem Bed\u00fcrfnis. Ist die Absenz wirklich eine eigene Orientierung? <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Asexualit\u00e4t? Das mit den Pflanzen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Laut Definition ist Asexualit\u00e4t die Abwesenheit sexueller Anziehung und\/oder Verlangen nach sexueller Interaktion. Erste Erw\u00e4hnungen einer Abwesenheit des sexuellen Verlangens finden sich in medizinischen Niederschriften aus dem 19. Jahrhundert. In den 1950er Jahren entstand die \u201aKinsey Scale\u2018, eine Bewertungsskala zwischen Hetero-, Homo-, Bi- und Asexualit\u00e4t. Ende 2000 wurde die Yahoo-Gruppe \u2018Haven for the Human Amoeba\u2019 (HHA), eine der ersten asexuellen Online-Communities, gegr\u00fcndet, ein Jahr sp\u00e4ter das Asexual Visibility and Education Network (AVEN). Die Orientierung \u201aAsexualit\u00e4t\u2018 ist also keinesfalls etwas Neuartiges oder Unbedeutendes. Trotzdem ist Asexualit\u00e4t eine der Randgruppen-Orientierungen und der weniger bekannten, wenn nicht sogar unsichtbaren, Sexualit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die LGBT-Community ist in der Gesellschaft eine marginalisierte Gruppe. Asexuelle Menschen sind eine Minderheit innerhalb dieser marginalisierten Gruppe bzw. manchmal sogar andersherum. Das bedeutet, dass teilweise sogar queere Menschen diese Orientierung nicht anerkennen oder exkludieren (wie auch zum Beispiel bei Transexklusion). Die Unsicherheit, ob man nun Teil der LGBT-Community oder doch nicht ist, macht es nicht unbedingt einfach, sich in dieser Identit\u00e4t bzw. diesem Label wiederzufinden, bzw. zu sich selbst und dieser Identit\u00e4t zu stehen. Wie soll ich meinem sozialen Umfeld von meiner Identit\u00e4t erz\u00e4hlen, wenn ich mir nicht einmal sicher bin, in meiner eigenen Community akzeptiert zu werden? <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Asexualit\u00e4t \u2013 das mit den Menschen!<\/h3>\n\n\n\n<p>Asexualit\u00e4t ist ein \u00dcberbegriff (ein sogenannter \u201aUmbrella-Term\u2018), hinter dem viele verschiedene Labels liegen, wie zum Beispiel Demisexualit\u00e4t (Gef\u00fchl der k\u00f6rperlichen Anziehung erst bei einer langfristigen emotionalen Bindung). F\u00fcr viele queere Menschen ist es einfacher, einen \u00dcberbegriff zu verwenden, da sie sich nicht mit spezifischen Labels identifizieren k\u00f6nnen, oder sich nicht nur in einem bestimmten repr\u00e4sentiert f\u00fchlen. Andererseits gibt es auch einige queere Menschen, denen sehr spezifische Labels wichtig sind, wenn sie etwa endlich nach langer Suche ein Wort f\u00fcr die Identit\u00e4t gefunden haben, oder um sich von anderen Identit\u00e4ten besser abgrenzen zu k\u00f6nnen. Ein Label gibt Empfindungen einen Namen, verfestigt die eigenen Gef\u00fchle in ein Schlagwort.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Finden der eigenen Labels hat aber nicht nur f\u00fcr die Identit\u00e4tsfindung Vorteile, sondern kann auch das eigene Coming-out erleichtern. Zumindest theoretisch. Die Voraussetzung ist nat\u00fcrlich, dass die Personen, denen das Label kommuniziert wird, dieses auch kennen. Asexualit\u00e4t ist innerhalb der queeren Szene noch eher bekannt, aber bei spezifischeren Labels versiegt das Wissen. Au\u00dferhalb der queeren Szene sind die drei \u201agr\u00f6\u00dften\u2018 Labels (Schwul, Lesbisch, Bi) den meisten bekannt, alles andere hat schon Erkl\u00e4rungsbedarf. Ein Coming-out bringt daher f\u00fcr asexuelle Menschen (aber auch Menschen mit einem anderen wenig bekannten Label) noch eine besondere Herausforderung mit sich, in dem die eigene Orientierung zus\u00e4tzlich erkl\u00e4rt werden muss. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist deswegen das Label \u201aqueer\u2018 ein ganz wichtiges. Kritische Stimmen m\u00f6chten das Wort aufgrund des negativen Hintergrundes nicht in den allt\u00e4glichen Wortschatz integrieren, aber meiner Meinung nach ist \u201aqueer\u2018 ein unheimlich wichtiger und passender \u201aUmbrella-Term\u2018, um mich von der cis-hetero Gesellschaft abzugrenzen. Im Endeffekt habe ich einzig und allein zu wissen und zu entscheiden, welche Labels ich verwende und bei einem Coming-out kommuniziere, ob das nun asexuell, queer oder etwas anderes sein mag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ungef\u00e4hr Mai 2013, sp\u00e4ter Nachmittag, irgendwo in Wien. 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