{"id":4511,"date":"2024-05-31T00:15:00","date_gmt":"2024-05-30T22:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4511"},"modified":"2024-05-31T13:30:04","modified_gmt":"2024-05-31T11:30:04","slug":"wenn-schwarz-weiss-gefleckte-kuehe-mit-glitzer-in-beruehrung-kommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4511","title":{"rendered":"Wenn Schwarz-Weiss gefleckte K\u00fche mit Glitzer in Ber\u00fchrung kommen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mein Zwangsouting in einer l\u00e4ndlichen Schule<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Mein Zwangsouting mitten in einem Kuhdorf deckt die unhinterfragte Heteronormativit\u00e4t und die stummen queeren Realit\u00e4ten in Schulen auf. Es ist Zeit f\u00fcr das laute Streuen von Glitzer und Regenbogen, um die ungleiche Behandlung und Diskriminierung von queeren Menschen in Schulen anzuprangern und f\u00fcr eine inklusive Lernumgebung zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine atemberaubende Landschaft zieht an mir vorbei \u2013 der Zug, in dem ich sitze, spaltet den tiefblauen See in zwei. Wie mit Puderzucker best\u00e4ubte Bergspitzen ragen daneben in die H\u00f6he. Ruckartig schiebt sich eine weisse Wand zwischen mich und das prachtvolle Panorama. Das erste Einfamilienhaus. Mein Magen krampft sich unweigerlich zusammen. Da ist es also, das Dorf, in dem ich die Stellvertretung als Lehrperson angenommen habe. Toll. Eigentlich h\u00e4tte ich sp\u00e4testens in diesem Moment realisieren sollen, dass ich mit meiner regenbogenfarbenen Aura nicht in das Dorf passe, in dem wohl mehr K\u00fche als Einwohnende leben. Aber ich wollte mich ohne Vorurteile der Herausforderung mitten in der Zentralschweiz stellen. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schwarz-Weiss gefleckt <\/h3>\n\n\n\n<p>So startete ich also mit den ersten Lektionen in F\u00e4chern, die ich nicht studiert hatte und mich noch weniger interessierten. F\u00fcnf Lektionen, f\u00fcnf Klassen. Es f\u00fchlte sich an, als w\u00e4re ich Teil einer effizienzorientierten Fabrikproduktion, in der 90 Lernende wie Flie\u00dfbandware an mir vorbeizogen. Alles, worin ich als Klassenlehrperson so richtig gut war \u2013 die nahe Beziehungsarbeit und das Eingehen auf individuelle Bed\u00fcrfnisse \u2013 waren in einem solchen Setting Wunschdenken. Zusammen mit der Fachferne und dem nichtexistierenden Austausch mit anderen Lehrpersonen war ich also maximal unsicher. Doch meine Unsicherheit wurde vor allem durch die Lernatmosph\u00e4re im Unterricht verst\u00e4rkt. Die f\u00fcnf Klassen waren unterschiedlich, gepr\u00e4gt von einer hohen Diversit\u00e4t mit verschiedene Erstsprachen, St\u00e4rken, Niveaus und Hautfarben. Was sich jedoch durch alle f\u00fcnf Klassen und sp\u00e4ter auch durch das ganze Schulhaus inklusive Schulleitung und Kollegium zog, war das krampfhafte Festhalten an der Heteronormativit\u00e4t. Es schien, als h\u00e4tte sich das Muster der schwarz-weissen K\u00fche auf die Denkweise der Dorfbewohner*innen \u00fcbertragen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wir existieren <\/h3>\n\n\n\n<p>Es gibt auch andere queere Menschen in einem Kuhdorf wie diesem. Sie sind nur meist unsichtbar \u2013 oder zu sichtbar, weil alle \u00fcber die eine lesbische Jugendliche sprechen. Auch ich hielt meine Queerness in diesem Dorf verborgen, kleidete mich bewusst langweilig (heteronormativ halt) und erw\u00e4hnte meine Frau mit keinem Wort (das w\u00fcrden Heteros nie machen). Zahlen zeigen, dass etwa 13 Prozent der Jugendlichen queer sind (ich bin \u00fcberzeugt, dass es deutlich mehr sind!). Ja, auch auf dem Land. Statistisch gesehen befinden sich ein bis zwei queere Sch\u00fcler*innen in einer Schulklasse. Obwohl ich kein Fan von statistischen Darstellungen bin, weil sie Menschen auf Zahlen reduzieren, belegen sie die Existenz queerer Jugendlicher. W\u00e4ren alle Lehrpersonen diesbez\u00fcglich so anerkennend wie die trockenen Tabellen, k\u00f6nnte ich diesen Text mit einem anderen Inhalt f\u00fcllen. Im Gegensatz zur distanzierten Objektivit\u00e4t der Statistiken positionierten sich die Lernenden (vor allem die richtigen Macho-Sch\u00fcler) in den f\u00fcnf Klassen (ab)wertend. Schonungslos nahm ich wahr, wie \u201egay\u201c lauthals als Schimpfwort verwendet, abwertende Blicke als Reaktion auf queere Darstellungen ausgetauscht und Witze auf Kosten von Schwulen und trans Personen gemacht wurden (bei meiner kritischen Reaktion meinten sie, dies sei keine Homophobie, weil es ja lustig gemeint ist. What?). Wenn es tats\u00e4chlich m\u00f6glich w\u00e4re, dass Jugendliche allein durch die Behandlung von Queerness im Unterricht schwul oder lesbisch w\u00fcrden, w\u00e4ren meine Schulklassen schon l\u00e4ngst Teil der Community. Die Realit\u00e4t sieht anders aus: Wir queere Menschen inhalieren heterokonforme Atmosph\u00e4ren, in denen das negativ konnotierte \u201egay\u201c normalisiert ist, so sehr, dass wir diejenigen sind, die beinahe straight werden. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mein Hilferuf <\/h3>\n\n\n\n<p>In dieser Atmosph\u00e4re kam es in der einen Klasse zu einem Vorfall. Aufgrund von subtil anhaltenden Provokationen (wieder von den Machos) f\u00fchlte ich mich in meiner Rolle als Lehrperson unwohl. Die Art und Weise, wie mich die Jugendlichen herausforderten, deutete darauf hin, dass sie \u00fcber meine Queerness Bescheid wussten (#Insta?). Nach diesem Vorfall war ich am Ende, Tr\u00e4nen str\u00f6mten \u00fcber meine Wangen. Ich entschloss, bei der Schulleitung um Hilfe zu bitten. Intuitiv verfasste ich eine Mail, um mit ihr einen Gespr\u00e4chstermin auszumachen. Ich erw\u00e4hnte, dass ich ihr den Vorfall nicht per Mail schildern wollte, dr\u00fcckte jedoch aus, dass ich den Eindruck hatte, die Provokationen h\u00e4tten mit meiner Queerness zu tun. Einige lange Tage passierte nichts. Schlussendlich erhielt ich am Abend vor der n\u00e4chsten Stellvertretung endlich eine Antwort der Schulleitung \u2013 der Klassenlehrer der betreffenden Klasse habe mit den Lernenden gesprochen, sie h\u00e4tten weder etwas von den Schikanierungen noch von meiner Situation gewusst. Wow. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Freeze <\/h3>\n\n\n\n<p>Erst war ich sprachlos. Gel\u00e4hmt. Schlussendlich wurde meine Vorahnung mit einer weiteren knappen Mail best\u00e4tigt \u2013 der Klassenlehrer hat der Klasse mitgeteilt, dass ich queer bin. Einfach so. Meine H\u00e4nde waren von einem Moment auf den anderen eiskalt und schwei\u00dfnass zugleich. Warum ich die Stellvertretung sp\u00e4testens dann nicht an den Nagel geh\u00e4ngt hatte, ist mir bis heute ein R\u00e4tsel. Mit leerem Magen und bebender Stimme kreuzte ich also am darauffolgenden Tag in der Schule auf und all meine schlaflosen Albtr\u00e4ume wurden real: Wie ein Lauffeuer hat sich die aufregende Neuigkeit durch die gesamte Schule verbreitet. Alle starrten mich an \u2013 nicht nur im Unterricht, auch auf dem Korridor und auf dem Pausenplatz. Nur der Klassenlehrer und die Schulleitung wagten es nicht, zu starren, im Gegenteil. Sie vermieden den Kontakt zu mir, in Realit\u00e4t und per Mail (wie professionell und empathisch). Dazu kamen abwertende Spr\u00fcche und grenz\u00fcberschreitende Fragen, die mich zus\u00e4tzlich exponierten. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Stille Schallwellen <\/h3>\n\n\n\n<p>Mit der Zeit wurde mein Freeze-Zustand von Wut abgel\u00f6st. Gut so. Noch heute bin ich w\u00fctend dar\u00fcber, wie unsensibel und \u00fcbergriffig die Schulleitung und der Klassenlehrer reagiert haben. Anstelle mit mir das Gespr\u00e4ch zu suchen, obwohl ich explizit darum gebeten hatte, wurde mein Hilferuf durch \u201egutgemeintes\u201c Handeln (ja, so haben sie es gerechtfertigt) in eine traumatisierende Erfahrung umgew\u00e4lzt. Noch heute bin ich w\u00fctend dar\u00fcber, dass heterosexuelle Lehrpersonen sich mit Queerness auseinandersetzen k\u00f6nnen, wenn sie m\u00f6chten und nicht, weil sie es strukturell im Rahmen von Weiterbildungen m\u00fcssen. In meinem Fall blieb es von Seiten der involvierten Personen bei einer feigen Gleichg\u00fcltigkeit, denn die Reaktion auf meine Nachricht, in der ich die herausfordernden diskriminierenden Konsequenzen ihres Zwangsoutings schilderte, blieb auch aus. Schweigen. Furchtbar lautes Schweigen (schon zum zweiten Mal).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">F\u00fcr geh\u00f6rte Sichtbarkeit <\/h3>\n\n\n\n<p>Als stellvertretende Lehrperson konnte ich die Schule verlassen. Doch was ist mit all den queeren Jugendlichen, die in den stummen statistischen Tabellen existieren? Sollte sich eine Schulleitung nicht f\u00fcr die Lernatmosph\u00e4re ihrer Schule interessieren und sich f\u00fcr jene einsetzen, die keine Stimme haben? Noch heute frage ich mich, ob ich mich von Anfang an h\u00e4tte outen sollen \u2013 w\u00e4re die Erfahrung weniger ausgeartet, h\u00e4tte ich von der ersten Lektion an aktiv den regenbogenfarbenen Glitzer verteilt? Ich weiss es nicht. Schlussendlich bin ich jedoch der Meinung, dass auch ein Nicht-Outen in Ordnung ist. Es ist meine Entscheidung, wem und wann ich von meiner Queerness erz\u00e4hle, und diese Entscheidung sollte keiner Person abgenommen werden. Doch solange schwarz-weiss gefleckte Denkmuster als die Wahrheit betrachtet werden, besteht das Machtgef\u00e4lle zwischen der Norm und den Anderen. Solange Schulleitungen und andere Fachpersonen nicht auf Queerness und Diversit\u00e4t geschult werden, wird die strukturelle Diskriminierung aufrechterhalten. Solange Schulen nicht Zeit und Energie in eine empathische und diversit\u00e4tssensible Lernumgebung investieren, kommt es zu psychischen Belastungen und Erkrankungen. Ja, das bedeutet f\u00fcr Schulen einen ressourcenreichen Aufwand \u2013 Zeit, Geduld, R\u00fcckschl\u00e4ge, hitzige Auseinandersetzungen und finanzielle Kosten \u2013 alles, womit queere Menschen k\u00e4mpfen m\u00fcssen (im Alltag, in der Schule, in der Arbeit). Wann, frage ich mich, l\u00f6st sich dieses Ungleichgewicht endlich auf? <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Zwangsouting in einer l\u00e4ndlichen Schule Mein Zwangsouting mitten in einem Kuhdorf deckt die unhinterfragte Heteronormativit\u00e4t und die stummen queeren Realit\u00e4ten in Schulen auf. Es ist Zeit f\u00fcr das laute Streuen von Glitzer und Regenbogen, um die ungleiche Behandlung und Diskriminierung von queeren Menschen in Schulen anzuprangern und f\u00fcr eine inklusive Lernumgebung zu k\u00e4mpfen. 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