{"id":4502,"date":"2024-05-31T00:13:00","date_gmt":"2024-05-30T22:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4502"},"modified":"2024-05-31T13:30:14","modified_gmt":"2024-05-31T11:30:14","slug":"vom-queeren-aufwachsen-am-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4502","title":{"rendered":"Vom queeren Aufwachsen am Land"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Ich bin in einem kleinen Dorf in Nieder\u00f6sterreich aufgewachsen. Heute bin ich 26 Jahre alt und identifiziere mich als bisexuelle Frau. Als Kind kannte ich keine einzige queere Person. So etwas gab es damals einfach nicht, schon gar nicht offen gelebt. Trotzdem haben mich queere Charaktere schon immer fasziniert. Ich erinnere mich noch genau, als ich mit zehn Jahren eine Folge Reality-TV geschaut habe, wo es um eine Jugendliche ging, die sich in ihre beste Freundin verliebt hat. Ich konnte damals nicht benennen warum, aber diese Folge hat mich so fasziniert, dass ich sie eine Woche lang t\u00e4glich im Internet nachgeschaut habe. Ich wei\u00df bis heute genau, wie die Charaktere aussahen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war bei weitem nicht der einzige Hinweis f\u00fcr meine Queerness. Queere Charaktere waren in Filmen, Serien oder B\u00fccher automatisch meine Lieblingscharaktere. Das Wort \u201eschwul\u201c als Schimpfwort empfand ich als pers\u00f6nliche Beleidigung. Als das Lied \u201eI kissed a Girl\u201c von Katy Perry ver\u00f6ffentlicht wurde, konnte ich es nicht h\u00f6ren, ohne rot zu werden. Und trotzdem w\u00e4re ich nie auf die Idee gekommen, dass ich eventuell nicht heterosexuell sein k\u00f6nnte. Denn queere Personen im echten Leben gab es ja gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich 13 Jahre alt war, wurde im Aufkl\u00e4rungsunterricht mit der Biologie-Lehrerin unter anderem Homosexualit\u00e4t besprochen. Dies geschah gro\u00dfteils auf eine im Nachhinein betrachtet sehr progressive Art und Weise. Ein Satz ist bei mir jedoch h\u00e4ngen geblieben: \u201eHomosexualit\u00e4t ist ganz nat\u00fcrlich, aber Bisexualit\u00e4t &#8230; das ist ein Bl\u00f6dsinn, das ist eine Phase.\u201c Kaum ein Jahr sp\u00e4ter verliebte ich mich das erste Mal in ein M\u00e4dchen. Neben der anf\u00e4nglichen Verwirrung hatte ich vor allem den Satz meiner Biologie-Lehrerin im Kopf &#8230; Wenn Bisexualit\u00e4t nicht existiert, konnte ich also nur lesbisch sein, war damals meine logische Schlussfolgerung. Sp\u00e4testens als ich mich aber einige Zeit sp\u00e4ter in einen Jungen verliebte, wurde aber klar, dass auch das Label lesbisch nicht zu mir passte. Aber Bisexualit\u00e4t existierte doch nicht! So wechselte ich jahrelang je nach Schw\u00e4rmerei zwischen den Labels hetero und lesbisch hin und her, und doch f\u00fchlte sich nichts davon richtig an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber diese verwirrenden Gef\u00fchle zu sprechen, gestaltete sich als schwierig, da mein gesamter Freundeskreis in meiner Klasse war und diesen Aufkl\u00e4rungsunterricht ebenso miterlebt hatte. Als ich einmal vorsichtig versuchte, mit meiner besten Freundin \u00fcber das Thema zu sprechen, sagte sie mir klipp und klar, dass das nicht sein k\u00f6nne, denn Bisexualit\u00e4t existiert doch nicht. Auch kannte ich damals keine Menschen, denen es \u00e4hnlich ging wie mir, die ebenso mit ihrer Sexualit\u00e4t k\u00e4mpften. Ich habe es schlussendlich doch geschafft, mich zu outen und meine Freundinnen davon zu \u00fcberzeugen, dass sich die Biologie-Lehrerin geirrt hatte. Aber dieser wahrscheinlich recht un\u00fcberlegte Satz meiner Lehrerin hat mich jahrelang m\u00fchsame Neubewertung gekostet.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Outing als bisexuell hatte ich also in meinem Heimatdorf, als queer sehe ich mich allerdings erst seit meinem Umzug nach Wien. Denn am Land habe ich mich zwar in Personen unterschiedlichen Geschlechts verliebt, jedoch lange im Geheimen und dies war auch mit einem Gef\u00fchl der Scham besetzt. Erst in Wien habe ich eine Community und somit auch Rollenvorbilder gefunden, durch die ich langsam lernte, stolz auf meine Sexualit\u00e4t zu sein und diese als sch\u00f6nen Teil meiner Pers\u00f6nlichkeit vollst\u00e4ndig zu akzeptieren. In Wien durfte ich ganz viele andere bisexuelle Menschen treffen, die teils \u00e4hnliche Erfahrungen wie ich machen mussten und mit denen ich mich austauschen konnte. In Wien verstand ich erstmals die politische Komponente meiner Queerness und informierte mich \u00fcber queere Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diesen Prozess am Land nicht bzw. nicht so schnell geschafft h\u00e4tte. Am Land ist es ohne queere Zentren kaum m\u00f6glich, andere queere Leute zu treffen, sich auszutauschen und ein Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zu erleben. Auch Online-Dating ist aufgrund der sehr geringen Anzahl an queeren Frauen in den verschiedenen Apps schwierig, da ist der Stash sehr schnell leer geswipt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ohne M\u00f6glichkeit, andere queere Menschen kennenzulernen, habe ich mich am Land sehr alleine gef\u00fchlt. Dabei war ich das \u00fcberhaupt nicht. Ich finde nach und nach heraus, dass es auch damals sehr wohl queere Menschen am Land gab. Diese waren nur genauso wie ich ungeoutet. Da war das M\u00e4dchen in der Klasse \u00fcber mir, ich sehe sie heute manchmal bei queeren Veranstaltungen. Da war der Junge in meiner Parallelklasse, der sich nach seiner Schulzeit als schwul outete. Da war ein M\u00e4dchen eine Klasse unter mir, das sich heute stolz als bisexuell identifiziert. Sogar eine enge Freundin aus der Schulzeit outete sich vor einiger Zeit als bisexuell. Leider hat sich niemand von uns getraut, sich bereits in der Schulzeit zu outen. Ich habe mit niemandem \u00fcber deren Gr\u00fcnde daf\u00fcr gesprochen, aber ich vermute, dass die Angst vor Ausgrenzung und das Gef\u00fchl, alleine zu sein, auch bei ihnen mitgespielt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei w\u00e4ren diese Gef\u00fchle im Nachhinein betrachtet unn\u00f6tig gewesen. Wir waren nie allein und wir w\u00e4ren wahrscheinlich auch nicht ausgegrenzt worden. H\u00e4tte sich nur eine*r von uns getraut, sich schon w\u00e4hrend der Schulzeit zu outen, h\u00e4tten auch wir anderen vielleicht den Mut gefunden, fr\u00fcher zu uns zu stehen. Eine einzige geoutete Person h\u00e4tte eventuell f\u00fcr alle anderen queeren Personen als Rollenvorbild dienen k\u00f6nnen und h\u00e4tte den Unterschied zwischen Scham und Akzeptanz gemacht. Aber es braucht nat\u00fcrlich eine gro\u00dfe Portion Mut, diese erste Person zu sein, die man im Teenager-Alter vielleicht noch nicht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es braucht am Land nach wie vor dringend positive M\u00f6glichkeiten, andere queere Menschen kennenzulernen und sich auszutauschen. Wahrscheinlich ist die Situation in den letzten 15 Jahren etwas entspannter geworden, aber ich habe f\u00fcr diesen Artikel im Internet recherchiert und es gibt nach wie vor keine queeren Zentren in der N\u00e4he meines Heimatdorfes. Die n\u00e4chste M\u00f6glichkeit, eine queere Veranstaltung zu besuchen, ist von meinem Heimatdorf eine Autostunde entfernt. So wird es queeren Menschen am Land auch heutzutage noch schwer gemacht, einander kennenzulernen. Dabei braucht es gerade diese Vernetzung so dringend, um ein Gemeinschaftsgef\u00fchl und in weiterer Folge Akzeptanz f\u00fcr die eigene Sexualit\u00e4t entwickeln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin in einem kleinen Dorf in Nieder\u00f6sterreich aufgewachsen. Heute bin ich 26 Jahre alt und identifiziere mich als bisexuelle Frau. Als Kind kannte ich keine einzige queere Person. So etwas gab es damals einfach nicht, schon gar nicht offen gelebt. Trotzdem haben mich queere Charaktere schon immer fasziniert. Ich erinnere mich noch genau, als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":27,"featured_media":4503,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[108,107],"class_list":["post-4502","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-schwerpunkt","tag-coming-out","tag-lambda-195"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4502","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/27"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4502"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4502\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4504,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4502\/revisions\/4504"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4503"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}