{"id":4490,"date":"2024-05-31T00:11:00","date_gmt":"2024-05-30T22:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4490"},"modified":"2024-05-31T13:30:25","modified_gmt":"2024-05-31T11:30:25","slug":"inviting-in","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4490","title":{"rendered":"Inviting-in"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Als queerer Psychotherapeut arbeite ich auch mit gefl\u00fcchteten LGBTIQ*-Menschen. F\u00fcr manche von ihnen ist ein Coming-out nicht vorstellbar. Einige von ihnen haben Angst, von der eigenen Herkunftsfamilie versto\u00dfen zu werden. Daher stellt sich die Frage, ob es neben dem Coming-out-Modell noch andere Varianten des Sich-Zeigens gibt. In Begegnungen mit BPoC (Black and People of Color) habe ich das Modell Inviting-in kennengelernt. Es wurde von Darnell L. Moore und Sekneh Hammoud-Beckett entwickelt. Moore ist ein queerer US-Schriftsteller und Aktivist, der sich viel mit Antirassismus, Feminismus und Queer of Color besch\u00e4ftigt hat. Hammoud-Beckett ist Psychologin und Therapeutin. Sie wurde in Australien geboren und hat libanesische und muslimische Vorfahren. Der Ansatz ist kontrovers, es gibt auch viele queere Menschen, die Inviting-in ablehnen und darin einen R\u00fcckschritt sehen. Ich m\u00f6chte in diesem Artikel Inviting-in vorstellen, wie es von Moore und Hammoud-Beckett beschrieben wurde, ohne es als besser oder schlechter zu bewerten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kein Zwang und kein Druck<\/h3>\n\n\n\n<p>Inviting-in versteht sich als Gegenmodell zum Coming-out. Beim Inviting-in entscheiden queere Menschen, ob und mit welchen Personen sie \u00fcber ihre Sexualit\u00e4t und ihre geschlechtliche Identit\u00e4t sprechen wollen. Der wesentliche Unterschied zum Coming-out besteht in der Grundeinstellung und in der Beziehungsebene. Beim Inviting-in besteht kein Zwang und kein Druck, sich vor anderen zu outen. Sondern hier sprechen queere Menschen eine bewusste und selektive Einladung an bestimmte Personen aus und erz\u00e4hlen \u00fcber ihr Queer-Sein. Anders als beim Coming-out kommt es hier zu einer Verschiebung der Machtverh\u00e4ltnisse. Beim Coming-out stellen sich queere Menschen dem Urteil anderer. Die anderen Personen k\u00f6nnen positiv, neutral, mit Schweigen oder mit Hass auf ein Outing reagieren. Beim Inviting-in behalten queere Menschen ihre Macht. Sie haben die Wahl und Entscheidungsfreiheit. Sie kl\u00e4ren f\u00fcr sich vorher ab, ob und mit wem sie ihre Geschlechtsidentit\u00e4t oder ihr sexuelles Begehren teilen m\u00f6chten. Sie m\u00fcssen sich nicht verteidigen, warum sie sich gegen\u00fcber diesen, aber nicht vor anderen Menschen geoutet haben. Inviting-in kann auch bedeuten, auszuw\u00e4hlen, in welcher Stadt eine Person an einer Pride Parade teilnehmen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Keine mitleidigen Blicke<\/h3>\n\n\n\n<p>Dieses Modell steht teilweise im Kontrast zu Coming-out-Empfehlungen in vielen westlichen Ratgebern f\u00fcr Queers und von westlichen Psycholog*innen. In Ratgebern wird oft zwischen dem inneren und \u00e4u\u00dferen Coming-out unterschieden. Ein inneres Coming-out ist, wenn Queers die eigene sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentit\u00e4t annehmen. Anschlie\u00dfend erfolgt das \u00e4u\u00dfere Coming-out. Hier wird empfohlen, sich schrittweise m\u00f6glichst allen Menschen (beginnend mit dem nahen Umfeld wie etwa den Eltern, Lehrpersonen oder Freund*innen) zu outen. Im Internet und in Ratgebern sind zum Coming-out alle m\u00f6glichen Ratschl\u00e4ge zu lesen. Queere Menschen sollen sich auf keinen Fall verstecken. Ein m\u00f6glichst umfassendes Coming-out gilt als Befreiungsschlag. Es wird als mutig und unbedingt notwendig angesehen. Je emanzipierter und geouteter queere Menschen sind, desto besser ist es, hei\u00dft es. Haben sich etwa Queers of Color nicht vollst\u00e4ndig geoutet, ernten sie oft mitleidige Blicke von anderen Queers nach dem Motto \u201each du Arme(r)\u201c- \u201edu scheinst dich noch nicht ganz von den kulturellen oder religi\u00f6sen Zw\u00e4ngen deiner Herkunftsfamilie gel\u00f6st zu haben\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unterschiedliche Zug\u00e4nge<\/h3>\n\n\n\n<p>Queers mit Migrationshintergrund sagen, dass Alternativen zum Coming-out-Konzept hilfreich sind, damit nicht immer nur eine dominante wei\u00dfe Perspektive gesehen wird. Denn manche wei\u00dfe queere Personen sprechen aus einer privilegierten Position: Sie haben einen guten Job, sind finanziell abgesichert, sprechen hervorragend Deutsch, haben liberale Eltern. Sie leben in einer sch\u00f6nen Wohnung in einer guten Gegend. In einer solchen privilegierten Position f\u00e4llt ein Coming-out leichter. So gibt es beispielsweise queere Menschen, die nach \u00d6sterreich geflohen sind und sich hier geoutet haben. Ihren Eltern oder Geschwistern, die im Herkunftsland geblieben sind, erz\u00e4hlen sie aber eine andere Geschichte. Wenn sie ihre Eltern besuchen, l\u00f6schen sie auf ihrem Handy bestimmte Fotos und Dating-Apps, weil in ihren Herkunftsl\u00e4ndern Homosexualit\u00e4t strafrechtlich verfolgt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzept Inviting-in kann nach Ansicht der Bef\u00fcrworter*innen auch in anderen Bereichen angewendet werden und passt zum Thema Intersektionalit\u00e4t. Dabei geht es um verschiedene Formen von Diskriminierung, denen Personen gleichzeitig ausgesetzt sind \u2013 wie Queerfeindlichkeit, Transfeindlichkeit, Rassismus, Sexismus, Behindertenfeindlichkeit\/Ableismus, Altersdiskriminierung, Klassismus, Diskriminierung von Menschen mit Krankheiten etc. So gibt es beispielsweise Personen mit psychischen Erkrankungen, die sich entschieden haben, ihre Erkrankung gegen\u00fcber Arbeitskolleg*innen zu verschweigen, weil sie wissen, dass sie es dann noch schwerer haben. Auch Arbeitslosigkeit und Armut wird aus Scham und aus Angst vor Diskriminierung nicht selten verschwiegen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kritiker*innen sehen einen R\u00fcckschritt<\/h3>\n\n\n\n<p>Kritiker*innen von Inviting-in sagen, dass dieses Modell ein R\u00fcckschritt ist. Ihrer Ansicht nach ist es wichtig, dass viele queere Menschen in der \u00d6ffentlichkeit sichtbar sind. Denn je sichtbarer queere Menschen sind, umso mehr werden sie auch von der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert. Inviting-in entspricht nach Ansicht von Kritiker*innen nicht dem \u201ePride\u201c-Modell, wonach sich outen stolz mache. Inviting-in k\u00f6nne zu komplizierten Situationen und im schlimmsten Fall zu gespaltenen Pers\u00f6nlichkeiten f\u00fchren. Bei Inviting-in bestehe die Gefahr, zu geschickten L\u00fcgner*innen zu werden. Denn Inviting-in bedeute, dass queere Menschen ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentit\u00e4t selektiv geheim halten und sich nur manchmal ein wenig \u00f6ffnen. Inviting-in kann nach Ansicht von Kritiker*innen nur eine positive Option sein, wenn sie als stufenweises Coming-out angesehen wird. Wenn Jugendliche beispielsweise von ihren Eltern oder Bezugspersonen gefragt werden, ob sie queer seien, ist es nach Ansicht von Coming-out-Bef\u00fcrworter*innen sinnvoll, ehrlich zu sein. Denn Unehrlichkeit kann zu immer gr\u00f6\u00dferen Problemen f\u00fchren, weil damit falsche Erwartungshaltungen gesch\u00fcrt werden. Andererseits ist Inviting-in eine Einladung f\u00fcr die LGBTIQ*-Community f\u00fcr Toleranz gegen\u00fcber Personen, die sich noch nicht ganz geoutet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn sich das Konzept Inviting-in als Gegenmodell zum Coming-out versteht, schlage ich vor, dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen, sondern dass wir aufeinander zugehen und Empathie f\u00fcr unterschiedliche Wege und Zug\u00e4nge entwickeln. F\u00fcr manche Menschen passt ein Coming-out, andere bevorzugen ein Inviting-in. Beides kann in Ordnung sein. Schlie\u00dflich zeichnet sich die queere Community dadurch aus, dass wir die Unterschiede zwischen Menschen wertsch\u00e4tzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als queerer Psychotherapeut arbeite ich auch mit gefl\u00fcchteten LGBTIQ*-Menschen. 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