{"id":4482,"date":"2024-05-31T00:09:00","date_gmt":"2024-05-30T22:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4482"},"modified":"2024-05-31T13:30:32","modified_gmt":"2024-05-31T11:30:32","slug":"theres-a-new-me-coming-out","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4482","title":{"rendered":"There\u2019s a new me coming out"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Au\u00dfenwahrnehmung und st\u00e4ndige Outings<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Ich war in lesbisch-, hetero- und schwul-gelesenen Beziehungen, bin einmal que(e)r \u00fcber das Genderspektrum gewandert und habe mich schon mit f\u00fcnf der sechs Buchstaben im Akronym \u201eLGBTIQ+\u201c identifiziert. In jeder meiner Beziehungen und an verschiedenen Punkten meiner Transition wurde ich anders wahrgenommen und Menschen sind mir dementsprechend auch anders begegnet. Das brachte sowohl kleine, unwesentliche als auch gro\u00dfe, materielle Unterschiede, sowie mehr oder weniger physische Sicherheit mit sich. \u00dcber all diese Ver\u00e4nderungen hinweg gab es aber immer eine Konstante: das st\u00e4ndige Outing.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit 17 outete ich mich zum ersten Mal. Zuerst als pansexuell, was zu der Zeit niemand in meinem Umfeld verstand und wor\u00fcber sich deshalb auch manche meiner Mitsch\u00fcler*innen lustig machten, und dann als bisexuell \u2013 teilweise der Einfachheit halber, um mich nicht jedes Mal erneut erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, und teilweise, weil ich pers\u00f6nlich nicht so viel Wert auf die genauen Unterschiede legte. Kurz darauf kam ich mit meiner ersten Freundin zusammen und hatte meine erste lesbische Beziehung. Wir hielten oft in der \u00d6ffentlichkeit H\u00e4ndchen und k\u00fcssten uns zur Begr\u00fc\u00dfung, auch wenn uns deshalb schiefe Blicke zugeworfen und unpassende Kommentare nachgerufen wurden. R\u00fcckblickend denke ich, dass wir uns damals der potenziellen Gefahren noch nicht so bewusst waren, oder dass wir \u2013 traurigerweise \u2013 trotz unseres jungen Alters schon sehr abgeh\u00e4rtet waren. Die Bel\u00e4stigungen, die wir als Paar erfuhren, waren n\u00e4mlich denen, die wir alleine als weiblich-gelesene Personen erfuhren, sehr \u00e4hnlich: sexualisierende Kommentare, Catcalling, nachts von M\u00e4nnern verfolgt werden, \u2026 ganz nach dem Motto: \u201eAuch schon egal, ob zur Sexualisierung noch zus\u00e4tzlich Fetischisierung dazukommt, weil wir lesbisch sind\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe der Beziehung fing ich an, mich immer \u00f6fter auch nicht als lesbisch, sondern als gay zu bezeichnen. Vier Jahre sp\u00e4ter verstand ich auch warum: das Label lesbisch war f\u00fcr mich zu dem Zeitpunkt intrinsisch ans Frau-Sein gebunden, womit ich mich nie wirklich identifizieren konnte. Also gestand ich mir ein, dass ich eigentlich keine Frau bin und outete mich ein zweites Mal: diesmal als trans*. Im Unterschied zu meinem ersten Coming-out, bei dem meine Beziehung mehr oder weniger auf meine Sexualit\u00e4t schlie\u00dfen lie\u00df, war das Outing als trans* um einiges mehr Arbeit. Vor meiner medizinischen Transition und auch noch einige Monate nach deren Beginn wurde ich von der Au\u00dfenwelt \u2013 verst\u00e4ndlicherweise \u2013 noch immer als weiblich gelesen. Dabei stellte ich mir oft die Frage: Ist es mir gerade den Aufwand eines Outings wert? Besonders mit dem Wissen, dass ich als transmaskuline Person, die eine Hormontherapie macht, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit das Gl\u00fcck haben werde, in naher Zukunft kommentarlos richtig gegendert zu werden. Und so sollte es auch kommen: Mittlerweile ist mein Outing als trans* f\u00fcr Menschen, die ich neu kennenlerne, verwirrender, als wenn ich nichts sage, weil ich so gut \u201epasse\u201c, dass sie annehmen, ich w\u00fcrde eine Transition in die andere Richtung machen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit jedem Tag, den ich \u00f6fter richtig gegendert wurde, sp\u00fcrten meine zweite Freundin, mit der ich um die Zeit meiner Transition zusammenkam, und ich vermehrt die Privilegien, die mit einer (vermeintlichen) hetero Beziehung einhergehen: keine unerw\u00fcnschten Flirtversuche, niemand fragte uns nach einem Dreier, folgte uns nachts nach Hause oder spuckte uns an, weil wir uns in der \u00d6ffentlichkeit k\u00fcssten. Auch au\u00dferhalb der Beziehung merkte ich schnell, wie viel einfacher es ist, durch die Welt zu gehen, wenn man als Mann wahrgenommen wird. Pl\u00f6tzlich wurde ich in Gespr\u00e4chen seltener unterbrochen, in Gruppendiskussionen wurde mehr Wert auf meine Meinung gelegt, ich bekam weniger Kritik und mehr Lob f\u00fcr Dinge, die eigentlich selbstverst\u00e4ndlich sein sollten  \u2013 die Liste meiner neuen Privilegien ist lang! <\/p>\n\n\n\n<p>Je l\u00e4nger und konsequenter ich richtig gegendert wurde, umso wohler f\u00fchlte ich mich auch mit dem Gedanken, meine \u201efeminineren\u201c Seiten mehr auszuleben \u2013 etwas, das ich fr\u00fcher nur als einschr\u00e4nkend empfunden hatte \u2013 und umso wohler f\u00fchlte ich mich auch mit dem Label \u201elesbisch\u201c. Ich hatte mich immer schon sehr in romantisierten Darstellungen von lesbischer Liebe wiedergefunden und der Gedanke, pl\u00f6tzlich ein \u201elangweiliger hetero Mann\u201c zu sein, war eine meiner gr\u00f6\u00dften Sorgen in Bezug auf meine Transition. Zum Gl\u00fcck war diese Sorge v\u00f6llig unbegr\u00fcndet, da ich mich weder langweilig noch hetero (noch teilweise v\u00f6llig wie ein Mann) f\u00fchlte. Meine Beziehung sah zwar nach au\u00dfen hin hetero aus, war aber in sich doch sehr sapphisch queer und so konnte ich das Label \u201elesbisch\u201c besser von Gender-Erwartungen trennen und f\u00fcr mich reclaimen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch kaum wurde meine Kleidung etwas k\u00f6rperbetonter und bunter, fingen auch schon die homofeindlichen Kommentare an. Zeitgleich verliebte ich mich auch neu \u2013 diesmal in eine m\u00e4nnlich gelesene Person \u2013 und musste wieder umlernen, wie ich mich im \u00f6ffentlichen Raum meinem Partner gegen\u00fcber verhalte. Im Gegensatz zu meiner lesbischen Beziehung war meine Homosexualit\u00e4t nun n\u00e4mlich nicht mehr etwas, das cis hetero M\u00e4nner begehrten und fetischisierten, sondern etwas, das sie offensichtlich absto\u00dfend und vielleicht sogar bedrohlich fanden und gegen das sie sich \u2013 zumindest mit verbalen Angriffen \u2013 wehrten. Kommentare, Blicke und Sexualisierungen war ich wie gesagt schon seit meiner Jugend gewohnt, aber die akute Angst vor physischer Gewalt war gr\u00f6\u00dftenteils neu f\u00fcr mich. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn unserer Beziehung passierte mir auch oft, dass ich verga\u00df, wie wir als Paar von anderen Menschen wahrgenommen werden. Ich griff, ohne gro\u00df dar\u00fcber nachzudenken, nach der Hand meines Partners und kaum sahen wir in der Ferne jemanden auf uns zukommen, lie\u00dfen wir sofort wieder los. Manchmal musste mir mein Partner auch dezidiert sagen: \u201eHier nicht, ich m\u00f6chte nicht verpr\u00fcgelt werden\u201c. Solche Situationen unterstreichen, dass sich meine Erfahrung von \u201egrowing up gay\u201c deutlich von der queerer AMAB (Assigned Male At Birth)-Personen unterscheidet. Ich denke an meine Schulzeit zur\u00fcck, spezifisch an zwei Jungs aus meiner Parallelklasse, die jahrelang von Mitsch\u00fclern gemobbt, \u201eSchw*chtel\u201c genannt und in Mistk\u00fcbel gesteckt wurden, w\u00e4hrend in meinem Fall nur spekuliert wurde, ob ich mit meiner besten Freundin zusammen bin, und getuschelt, was wir nicht f\u00fcr ein s\u00fc\u00dfes Paar abgeben w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn alle drei Beziehungen \u2013 egal ob lesbisch-, hetero- oder schwul-gelesen \u2013 sehr unterschiedlich waren und sind, war mein Grundgef\u00fchl immer gleich: ich bin verliebt, will Zeit mit dieser Person verbringen, ihr zur Begr\u00fc\u00dfung einen Kuss geben und vielleicht ab und zu Hand in Hand durch die Stadt spazieren. Sowohl mein Geschlecht als auch das meiner Partner*innen war f\u00fcr mich dabei immer nebens\u00e4chlich. Wieso ist es das also nicht auch f\u00fcr andere Menschen? So sehr ich die Privilegien einer (vermeintlichen) hetero Beziehung genossen habe, so sehr liebe ich es auch, queere Beziehungen zu f\u00fchren und so sehr st\u00f6rt es mich, wie sehr diese Privilegien von der Wahrnehmung anderer Menschen abh\u00e4ngen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHetero\u201c hei\u00dft \u201eungleich\u201c bzw. \u201everschieden\u201c: Ich bin ein trans* Mann, mein Partner ist nicht-bin\u00e4r \u2013 wir haben nicht das gleiche Geschlecht \u2013 theoretisch (oder zumindest semantisch) sind wir also hetero, praktisch aber schwul. Das ist kein Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, uns jetzt gegen jede Intuition \u201estraight\u201c zu nennen (ich glaube das f\u00e4nden weder mein Partner noch ich gut) aber die Diskrepanz in der Wahrnehmung unserer Beziehung begleitet mich t\u00e4glich und beeinflusst mein Leben mehr, als mir lieb ist. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Au\u00dfenwahrnehmung und st\u00e4ndige Outings Ich war in lesbisch-, hetero- und schwul-gelesenen Beziehungen, bin einmal que(e)r \u00fcber das Genderspektrum gewandert und habe mich schon mit f\u00fcnf der sechs Buchstaben im Akronym \u201eLGBTIQ+\u201c identifiziert. In jeder meiner Beziehungen und an verschiedenen Punkten meiner Transition wurde ich anders wahrgenommen und Menschen sind mir dementsprechend auch anders begegnet. 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