{"id":4478,"date":"2024-05-31T00:08:00","date_gmt":"2024-05-30T22:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4478"},"modified":"2024-05-31T13:30:37","modified_gmt":"2024-05-31T11:30:37","slug":"queerfeindlichkeit-in-der-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4478","title":{"rendered":"Queerfeindlichkeit in der Familie"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">M\u00fcssen wir uns vor konservativen Verwandten outen?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Auch viele Jahre nach meinem Coming-out und meiner Entwicklung hin zu einem queeren Aktivisten f\u00e4llt es mir immer noch schwer, mich vor homophoben Familienmitgliedern zu outen. Anhand eigener Erfahrungen sowie Fallbeispielen von anderen Personen m\u00f6chte ich in diesem Artikel verdeutlichen, dass es kein allgemeing\u00fcltiges Richtig oder Falsch gibt, wenn es um das Thema Coming-out in konservativen Familien geht. Letztlich liegt es an der betroffenen Person, ihr Wohlbefinden und ihre Bed\u00fcrfnisse vorrangig zu behandeln.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Mut und Zur\u00fcckhaltung: Ein Einblick in meine Biografie<\/h3>\n\n\n\n<p>Vor vielen Verwandten habe ich mich noch nicht geoutet. Am meisten belastet mich jedoch, dass ich mich gegen\u00fcber meiner slowakischen Gro\u00dfmutter nicht \u00f6ffnen kann, obwohl wir regelm\u00e4\u00dfig Kontakt haben. Als ich dies einem Freund erz\u00e4hlte, meinte er: \u201eDu nimmst aber deiner Oma auch die Chance, sich selbst weiterzuentwickeln.\u201c Doch dann stellte ich mir die Frage: Sollte ich mich wirklich diesem emotionalen Stress aussetzen? Bin ich tats\u00e4chlich dazu berufen, an der pers\u00f6nlichen Entwicklung homophober Menschen mitzuwirken? <\/p>\n\n\n\n<p>Meine Oma wuchs in einem kleinen Dorf auf und daher verstehe ich durchaus, warum sie so \u201etraditionsbewusst\u201c denkt. Doch trotz dieses Verst\u00e4ndnisses f\u00e4llt es mir schwer, ihre konservativen Einstellungen zu akzeptieren. Besonders betroffen f\u00fchle ich mich dann, wenn wir uns \u00fcber Politik unterhalten und meine Gro\u00dfmutter die Meinung von gewissen queerphoben Politiker*innen teilt. Diese Politiker*innen treten offen gegen Menschen wie mich auf und diffamieren LGBTIQ*-Personen als moralisch verwerflich und Propagandisten. In solchen Gespr\u00e4chen fange ich aufgrund eigener Betroffenheit nicht selten einen Streit an, aber ich oute mich dabei nicht als betroffener schwuler Mann. Wie f\u00fchle ich mich dabei? Am besten l\u00e4sst es sich wohl als Gefangensein zwischen Feigheit und Mut beschreiben. Denn es widerspricht v\u00f6llig meinen Prinzipien, meine wahre Identit\u00e4t verbergen zu m\u00fcssen, und es belastet mich, wenn ich nicht zu mir selbst stehen kann. Es ist zudem f\u00fcr mich von gro\u00dfer Bedeutung, politisch aktiv zu sein und meine queere Identit\u00e4t offen leben zu k\u00f6nnen. Selbst in konservativen Gegenden wie den abgelegenen Regionen der Slowakei m\u00f6chte ich offen \u00fcber queere Themen sprechen k\u00f6nnen, ohne mich verstecken zu m\u00fcssen. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist das sogar ein Akt eines allt\u00e4glichen queeren Aktivismus. Doch leider gelingt es mir nicht, diese Einstellung bei meinen eigenen Verwandten umzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz stehe ich auch unter Abw\u00e4gung der genannten Gr\u00fcnde dazu, mich vor meiner Oma nicht outen zu wollen. Es w\u00e4re zwar ein mutiger Schritt, und m\u00f6glicherweise w\u00fcrde meine Gro\u00dfmutter \u00fcber ihre eigene Queerphobie nachdenken, jedoch \u00fcberwiegt meine Angst vor ihren Reaktionen. Deshalb habe ich beschlossen, mein eigenes Wohlbefinden zu priorisieren und stehe daher bewusst zu meiner Entscheidung, mich nicht zu outen. Das ist jedoch nur mein pers\u00f6nlicher Zugang zu diesem Thema.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weitere Fallbeispiele zu dem Umgang mit konservativen Familienmitgliedern<\/h3>\n\n\n\n<p>Coming-outs sind schlie\u00dflich sehr pers\u00f6nliche und individuelle Entscheidungen. Es gibt keine einheitliche Herangehensweise, die f\u00fcr alle passt. Da ich ein Interesse daran hatte, verschiedene Erfahrungen von queeren Menschen zu erkunden und nicht nur meine eigenen Ansichten als Ma\u00dfstab zu nehmen, habe ich \u00fcber einen Social Media-Aufruf meine Bekannten gebeten, ihre Coming-out-Erfahrungen mit mir f\u00fcr diesen Artikel zu teilen. Vier Berichte werden nun unter Verwendung fiktiver Namen pr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Florian<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe mich bewusst nicht geoutet, weil ich wei\u00df, dass das Verst\u00e4ndnis nicht vorhanden ist und ich keine Diskussion deswegen anfangen m\u00f6chte.\u201c \u2013 Florian \u00fcber sein Non-Coming-out<\/p>\n\n\n\n<p>Florian teilt meine Einstellung auf das vorliegende Thema. Er geht zwar im Leben sowie auf Social Media offen und selbstbewusst mit seiner sexuellen Orientierung um, aber gleichzeitig will er sich vor konservativ denkenden Verwandten nicht outen, da er wei\u00df, dass dies nicht zielf\u00fchrend w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Jan<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fcr mich war es befreiend, mich vor meinem homophoben Vater zu outen.\u201c \u2013 Jan \u00fcber sein Outing<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu mir und Florian entschied sich Jan zu einem bewussten Coming-out vor seinem Vater sowie weiteren Verwandten. Dieser Schritt sei ihm nicht leicht gefallen, doch es war f\u00fcr ihn erleichternd, sich nicht mehr verstecken zu m\u00fcssen. F\u00fcr ihn war das Coming-out, auch vor konservativen Verwandten, die richtige Entscheidung. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Paul<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eIf you want me in your life you have to want me for who I am\u201c \u2013 Paul \u00fcber seine Einstellung zu konservativen Verwandten<\/p>\n\n\n\n<p>Paul wurde die Entscheidung, sich zu outen, schon von anderen Familienmitgliedern weggenommen. Er wurden n\u00e4mlich von seiner Tante bei seinem Opa fremdgeoutet. Paul hatte vor dessen Reaktion Angst, doch \u00fcberraschenderweise zeigte sich sein Opa ihm gegen\u00fcber recht offen und tolerant. Pauls Geschichte veranschaulicht, dass selbst konservativ denkende Menschen auch andere Seiten zeigen k\u00f6nnten. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Laura<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eIch f\u00fchle mich so freier und verstecke mich sicher nicht mehr, auch wenn\u2019s manchmal weh tut.\u201c \u2013 Laura \u00fcber das Coming-out vor ihren Eltern<\/p>\n\n\n\n<p>Laura stammt aus einer traditionell gepr\u00e4gten Bergregion \u00d6sterreichs. Sie ist daher nicht vor allen Verwandten geoutet und ihre Tanten und Onkeln ignorieren bewusst die Tatsache, dass sie eine Partnerin hat. Selbst ihre Eltern w\u00fcrden zu ihrer Hochzeit nicht kommen. Vor ihnen hat sie sich zwar schon l\u00e4ngst geoutet, jedoch h\u00e4tte sie sich im Nachhinein vor dem Outing noch ein unterst\u00fctzendes Umfeld aufgebaut und einen besseren Zeitpunkt abgewartet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Outen oder nicht outen: Was nun?<\/h3>\n\n\n\n<p>Mit meinem Text will ich weder ein Coming-out vor konservativen Verwandten empfehlen noch davor ausdr\u00fccklich abraten. Obwohl mein Vergleich von mehreren Fallgeschichten meilenweit entfernt von einer quantitativ abgesicherten Aussage ist, glaube ich, dass die Botschaft klar ist: Es gibt kein klares Ja oder Nein auf die Frage, ob man sich vor konservativen Familienmitgliedern outen sollte. Dennoch m\u00f6chte ich allen Menschen ans Herz legen, einen Weg zu finden, der es der betroffenen Person erm\u00f6glicht, sich am sichersten und wohlsten zu f\u00fchlen. Wie die dargestellten Fallgeschichten illustrieren, gibt es hierf\u00fcr mehrere Varianten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch keinen festgelegten \u201erichtigen Zeitpunkt\u201c f\u00fcr ein Coming-out. Jeder Mensch hat ein eigenes Tempo, und es ist wichtig, sich selbst genug Zeit zu geben, um sich wohlzuf\u00fchlen und die Entscheidung zu treffen, die am besten zu einem passt. Jede Person sollte selbst entscheiden, ob, wann und wie sie sich outen m\u00f6chte, und dabei ihre eigene Sicherheit, ihr Wohlbefinden sowie ihre Bed\u00fcrfnisse im Auge behalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00fcssen wir uns vor konservativen Verwandten outen? Auch viele Jahre nach meinem Coming-out und meiner Entwicklung hin zu einem queeren Aktivisten f\u00e4llt es mir immer noch schwer, mich vor homophoben Familienmitgliedern zu outen. 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