{"id":4435,"date":"2024-03-08T00:25:00","date_gmt":"2024-03-07T23:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4435"},"modified":"2024-03-03T21:31:20","modified_gmt":"2024-03-03T20:31:20","slug":"liebe-junge-liebe-alte-liebe-menschen-mittleren-alters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4435","title":{"rendered":"Liebe Junge, liebe Alte, liebe Menschen mittleren Alters!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Es ist ein Thema, dem viele in unserer Community gekonnt ausweichen. Eine Art blinder Fleck, mit dem sich scheinbar alle mehr oder weniger alleine auseinandersetzen m\u00fcssen: Wie sieht mein Leben als LGBTIQ-Person aus, wenn ich einmal in ein Alter komme, in dem ich f\u00fcr die meisten nicht mehr als jung gelte? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun ist die Einteilung in jung, mittleren Alters und alt eine recht individuelle. Wie jung f\u00fchle ich mich, wie jung oder alt m\u00f6chte ich wahrgenommen werden? Die allgemeine gesellschaftliche Angst vor dem Altern macht auch vor uns nicht halt. Dennoch scheint es f\u00fcr viele j\u00fcngere Queers keine oder kaum \u00e4ltere Vorbilder zu geben. Viele schwule M\u00e4nner hat ihrerzeit die Aids-Pandemie dahingerafft, viele lesbische Frauen und trans Personen haben sich mit den Jahren aus der gemeinschaftlichen Community zur\u00fcckgezogen, bisexuelle, intergeschlechtliche und weitere queere Menschen waren bereits in ihrer Jugend unsichtbar gemacht worden, was sich dann nur noch verschlechterte. Aber ist es \u00fcberhaupt etwas Schlechtes \u201eunsichtbar\u201c zu sein? F\u00fcr einige von Diskriminierung gebeutelte \u00c4ltere wohl nicht. Wie in jeder benachteiligten Minderheit, gibt es oft den Wunsch, einfach nur in der Masse unterzugehen. Nicht jede LGBTIQ-Person m\u00f6chte sich aktivistisch bet\u00e4tigen, Aufkl\u00e4rung betreiben, ein tolles Vorbild f\u00fcr jemanden sein. Das ganze Leben \u00fcber wurde man vielleicht bereits zwangsweise dazu gemacht. In der Schulzeit, dem Arbeitsleben, im Privaten, die einzige offen lebende LGBTIQ-Person zu sein, kommt mit einer scheinbaren Verantwortung. Deshalb gibt es gen\u00fcgend, die sich weder in ihrer Jugend noch im sp\u00e4teren Leben ihrem Umfeld anvertraut haben. Da das Private wie bekannt politisch ist, h\u00f6ren die Coming-outs nie so wirklich auf. Wem erz\u00e4hle ich von meiner gleichgeschlechtlichen Beziehung, wem von meiner Transidentit\u00e4t? Bei der Arbeit, wenn ich jemanden nach langer Zeit im Supermarkt treffe? Wie gehe ich damit um, wenn ich mal auf die Hilfe anderer angewiesen bin und nicht riskieren kann, von meiner Pflegekraft, vor der ich m\u00f6glicherweise nicht fl\u00fcchten kann, diskriminiert zu werden? Diese Fragen sind f\u00fcr Menschen, die momentan mindestens im Pensionsalter sind, nicht so einfach zu beantworten. Einerseits, weil das ohnehin individuelle und situationsbedingte Entscheidungen sind, andererseits aber auch, weil sie noch weniger Schablonen haben, die sie mit ihrem Leben nachzeichnen k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich ist es theoretisch m\u00f6glich, sich jede lebensver\u00e4ndernde Entscheidung mit ihren potentiellen Auswirkungen von hinten nach vorne und von oben nach unten durchzudenken, es erfordert jedoch signifikant mehr Ressourcen sich dabei nicht an den Erfolgen und Fehlern \u00e4lterer oder gleichaltriger mit \u00e4hnlichen Erfahrungen orientieren zu k\u00f6nnen. Denn es darf durchaus als Luxus angesehen werden, die eigenen Meinungen und Wertvorstellungen mindestens einmal im Leben komplett umzuwerfen und von Grund auf neu zu erdenken. Nicht alle haben die Zeit, den Willen oder sogar die mentale Stabilit\u00e4t, um eine solche Umwerfung ihrer inneren Gebilde, bzw. den anstrengenden Neuaufbau, zu durchlaufen. Als LGBTIQ-Person werde ich aber in den meisten F\u00e4llen von au\u00dfen dazu gezwungen. Weil ich wom\u00f6glich nicht dem Idealbild von Vater, Mutter und leiblichen Kindern entsprechen kann. Nicht selten f\u00fchrt diese Erkenntnis zu einem starken Gef\u00fchl von Orientierungslosigkeit, Minderwertigkeit oder Angst vor Ablehnung. Das mag einer der Gr\u00fcnde sein, warum die Suizidrate in der LGBTIQ-Community im Vergleich zur Allgemeinbev\u00f6lkerung besonders hoch ist. Auch deshalb verlieren wir m\u00f6gliche Vorbilder und somit Beispiele f\u00fcr unterschiedliche Lebensentw\u00fcrfe, bevor diese ihre Lebenswege \u00fcberhaupt bestreiten k\u00f6nnen. Man muss kein*e Wander*in sein, um zu wissen, dass die schwersten Wege immer solche sind, die nicht schon vorher von vielen Menschen plattgetreten wurden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun soll den \u00e4lteren Menschen, die sich nicht dazu berufen f\u00fchlen, ein Vorbild f\u00fcr andere zu sein, sicher keine schwere Aufgabe umgeh\u00e4ngt werden, trotzdem ist uns manchmal wohl gar nicht so recht bewusst, wie wenig wir eigentlich daf\u00fcr tun m\u00fcssen, um als Vorbild f\u00fcr andere zu gelten. Im Normalfall reicht es n\u00e4mlich, einfach nur sichtbar zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einfach nur sichtbar zu sein, ist daf\u00fcr nicht so leicht, wie es scheint. Denn wo treffen wir denn Mitglieder der LGBTIQ-Community, die sich auch als solche zu erkennen geben, weil sie sich wohl genug f\u00fchlen, offen \u00fcber ihre Identit\u00e4t zu sprechen? Bei der Arbeit oder in der Familie mal zuf\u00e4llig jemanden zu haben, den*die man fragen kann, wie sie ihr Leben als queere Person gestalten, ist im besten Fall Gl\u00fcckssache. In Community-Lokalen finden sich jedoch nat\u00fcrlich andere Menschen aus derselben Community. Wenn unsere Begegnungsr\u00e4ume, so wie es momentan in \u00d6sterreich ist, haupts\u00e4chlich Nachtclubs und Bars sind, ist es nur logisch, dass wir den Gro\u00dfteil der weniger feierw\u00fctigen LGBTIQ-Personen in die Unsichtbarkeit der privaten R\u00e4ume verdr\u00e4ngen. Mal abgesehen von eingeschr\u00e4nkter Mobilit\u00e4t, unter der einige Menschen im Alter zunehmend leiden, steht es einfach nicht ganz oben auf der Priorit\u00e4tenliste vieler, sich in einer lauten Umgebung zu blinkenden Lichtern salopp gesagt die Kante zu geben. Ein Raum wie das Gugg hingegen bietet gl\u00fccklicherweise ja ebenso die M\u00f6glichkeit f\u00fcr Diskussionsrunden, Spieleabende, gemeinsames Filmschauen, kulturelles Angebot im Allgemeinen. Wir sollten uns langsam fragen, ob es uns nicht weniger Angst machen w\u00fcrde zu altern, wenn wir sehen, wie gl\u00fccklich und sozial eingebunden man im Alter als queere Person sein kann. Doch daf\u00fcr sind wir alle mitverantwortlich. Wer macht sich wirklich die M\u00fche, Kommunikationskan\u00e4le an die Bed\u00fcrfnisse unterschiedlicher Generationen anzupassen? Doch nochmal eine Telefonnummer herauszufinden, um sich pers\u00f6nlich bei einem Menschen, der schon lange nicht mehr bei uns war, zu melden. Respekt ist keine Einbahnstra\u00dfe. Genauso wie ich mir w\u00fcnschen kann, dass eine Person im Pensionsalter sich mit der zehnten Variante eines sozialen Netzwerks auseinandersetzt, kann ich als j\u00fcngere \u00fcber meinen generationsbedingten Telefonierangst-Schatten springen, und einem Menschen pers\u00f6nlich zu sagen wie sehr ich mich freuen w\u00fcrde wenn er*sie zu einer bestimmten Veranstaltung kommt. Man glaubt es kaum, aber sogar Freund*innenschaften sollen schon durch Einander-kennenlernen und Zeit-verbringen entstanden sein. LGBTIQ-\u00fcbergreifend, generations\u00fcbergreifend, sogar politisch gesehen lager\u00fcbergreifend. Ich muss nicht religi\u00f6s sein oder die Verbundenheit zu einer Glaubensgemeinschaft verstehen, um eine gl\u00e4ubige Person gern zu haben. Genauso wenig muss ich verstehen, was es hei\u00dft, ein langes Leben gelebt zu haben, um einen Menschen wertsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, wenn wir dahingehend eher unterschiedlich sind. Es hilft trotzdem ungemein, einfach mal nachfragen zu k\u00f6nnen \u201eAus welchen Gr\u00fcnden hast du diese Ansicht, die ich nicht teile?\u201d, oder \u201eWie bist du mit dieser Herausforderung als LGBTIQ-Person umgegangen, als du in meiner Situation warst?\u201d. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir k\u00f6nnen weder die jetzige Jugend dazu zwingen sich mit Menschen aus anderen Generationen anzufreunden, noch Leute in einem gewissen Alter sich mit den Generationen die nach ihnen gekommen sind auseinanderzusetzen, aber es darf als gegeben angesehen werden, dass Kontakt zu einer homogen erscheinenden Gruppe wie \u201ejung\u201c oder \u201ealt\u201c eigentlich immer zu einem Aufbrechen von Vorurteilen f\u00fchrt. Es ist eine wichtige Erfahrung zu sehen, welche Gemeinsamkeiten sich finden lassen. Ein Fundament zu entdecken, welches man nicht erst selbst mit Schwei\u00df und Tr\u00e4nen erbauen muss, kann viel Halt geben und f\u00fchrt aus der unfreiwilligen Orientierungslosigkeit heraus. Denn die Schablonen f\u00fcr LGBTIQ-Leben gibt es bereits, man muss sie nur wiederentdecken und dann frei entscheiden, ob man sie f\u00fcr sich nutzen will, oder dem Luxus nachgeht, doch alles erst frei mit der Hand (und dem Geist) zurecht zu schneiden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein Thema, dem viele in unserer Community gekonnt ausweichen. Eine Art blinder Fleck, mit dem sich scheinbar alle mehr oder weniger alleine auseinandersetzen m\u00fcssen: Wie sieht mein Leben als LGBTIQ-Person aus, wenn ich einmal in ein Alter komme, in dem ich f\u00fcr die meisten nicht mehr als jung gelte? 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