{"id":4400,"date":"2024-03-08T00:15:00","date_gmt":"2024-03-07T23:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4400"},"modified":"2024-05-23T22:43:48","modified_gmt":"2024-05-23T20:43:48","slug":"besondere-beduerfnisse-der-queeren-community-in-der-gesundheitlichen-altersversorgung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4400","title":{"rendered":"Besondere Bed\u00fcrfnisse der queeren Community in der gesundheitlichen Altersversorgung"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Queer und (un)gesund<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Diskriminierung ist schlecht f\u00fcr die Gesundheit. Als \u201aMinderheitenstress\u2018 beschreibt Ilan Meyer den spezifischen Stress durch Diskriminierungen und Vorurteile, welcher sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirkt. Erst 1990 wurde Homosexualit\u00e4t und erst 2019 (!) Transgender von der Liste psychischer Krankheiten der Welt-Gesundheits-Organisation gestrichen. Alleine aufgrund dieser heteronormativen Ausrichtung der Gesellschaft haben queere Menschen in der Gesundheitsversorgung spezielle Bed\u00fcrfnisse. Gibt es au\u00dferdem einen Unterschied der Bed\u00fcrfnisse zwischen den Altersgruppen? Wenn ja \u2013 wie sieht dieser aus?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Queere Gesundheit und Wissenschaft<\/h3>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich gibt es zur gesundheitlichen Versorgung von LGBTIQ+ Personen in \u00d6sterreich bislang noch kaum wissenschaftliche Daten und Informationen. Die internationale Literatur zeigt allerdings, dass Diskriminierung zu Ungleichheiten bei Zugang, Qualit\u00e4t und Verf\u00fcgbarkeit von Gesundheitsleistungen f\u00fchrt. <\/p>\n\n\n\n<p>2022 wurde in \u00d6sterreich erstmals ein Gesundheitsbericht \u00fcber LGBTQ+ Personen ver\u00f6ffentlicht. In diesem Rahmen wurde eine Umfrage durchgef\u00fchrt, bei der Teilnehmer*innen eine subjektive Gesundheitseinsch\u00e4tzung abgegeben haben. Hauptaussagen der Studie waren beispielsweise, dass vor allem das psychische Wohlbefinden von LGBTIQ+ Personen beeintr\u00e4chtigt ist, was sich in gesundheitssch\u00e4digendem Verhalten wie etwa vermehrtem Substanzkonsum als Ausgleichsmechanismus \u00e4u\u00dfern kann. Au\u00dferdem besteht Bedarf an sensibilisiertem und geschultem Gesundheitspersonal sowie Gesundheitsf\u00f6rderungsprogrammen f\u00fcr Coming-out- und Transitionsprozesse. Ein spezieller Fokus auf Unterschiede zwischen den Altersgruppen wurde in der Studie nicht gelegt, es sind aber kleine altersspezifische Differenzen in den Angaben herauszulesen. Der allgemeine Gesundheitszustand wurde interessanterweise umso positiver bewertet, je \u00e4lter die Teilnehmer*innen waren. Ein m\u00f6glicher Grund daf\u00fcr k\u00f6nnte sein, dass vor allem junge Menschen die letzten Jahre mit der Pandemie als Krisensituation sehr (psychisch) belastend empfunden haben. Au\u00dferdem wurde vor allem von jungen queeren Personen zwischen 15 und 29 angegeben, selbstverletzendes Verhalten und suizidale Gedanken zu haben. Speziell in der Selbstfindungszeit junger queerer Menschen kommt es oft zu psychischen Belastungen oder Erkrankungen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer weiteren Studie aus Deutschland wurden die aktuelle Situation und Erfahrungen von trans* Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern abgefragt. Folgende Unterschiede wurden zwischen den Altersgruppen erfasst: in der Bewertung der psychotherapeutischen Gespr\u00e4che waren minderj\u00e4hrige trans* Personen eher zufrieden und die Therapeut*innen wurden als einf\u00fchlsamer und vor allem fachkundiger empfunden als von Erwachsenen. Sowohl die psychotherapeutischen als auch die medizinischen Gespr\u00e4che mit \u00c4rzt*innen wurden von erwachsenen trans* Personen eher bzw. etwas mehr pathologisierend (also als krankhaft bewertend) empfunden als von minderj\u00e4hrigen trans* Personen. Interessant auch der Unterschied, an welchen Stellen sich die Personen mehr Unterst\u00fctzung gew\u00fcnscht h\u00e4tten: Kinder und Jugendliche vor allem in Bildungseinrichtungen und bei \u00c4rzt*innen, Erwachsene vor allem bei der Krankenversicherung (z. B. Kostenerstattung).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Queer und Ageism<\/h3>\n\n\n\n<p>In der Gesellschaft wird oft der Eindruck vermittelt, dass nur junge Menschen queer sind, und dass, weil sich in den letzten Jahren immer h\u00e4ufiger Menschen outen, Queer-Sein ein Ph\u00e4nomen der j\u00fcngeren Generationen sei. \u00c4ltere LGBTQ+ Personen, die jahrzehntelang mit Ablehnung und Diskriminierung zu k\u00e4mpfen hatten, werden somit (un)bewusst unsichtbar gemacht. Einerseits durch Diskriminierung der Sexualit\u00e4t bzw. des Geschlechts, andererseits durch Diskriminierung des Alters (Ageism). Ageism bedeutet ins Deutsche \u00fcbersetzt Altersdiskriminierung und findet statt, wenn Menschen in gewissen Situationen aufgrund des (meist h\u00f6heren) Alters benachteiligt werden. In der Gesundheitsversorgung kann sich Ageism zum Beispiele darin \u00e4u\u00dfern, dass Symptome nicht oder nicht ernst genug genommen werden und durch das fortgeschrittene Alter erkl\u00e4rt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch in der queeren Community sind \u00e4ltere Personen oft unsichtbar oder werden in den Hintergrund gedr\u00e4ngt. Wo Image und das k\u00f6rperliche Erscheinungsbild im Vordergrund stehen, werden Menschen mit Alterserscheinungen ausgeschlossen. Community-Aktivit\u00e4ten sind oft auf die Interessen der j\u00fcngeren Generationen ausgelegt und auf Inklusion \u00e4lterer queerer Menschen wird tendenziell vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4ltere queere Menschen sind somit einer doppelten Diskriminierung ausgesetzt, und wenn beispielsweise eine ethnische Minderheit oder eine chronische Krankheit dazukommt, umso mehr. Dieser Druck erschwert es \u00e4lteren queeren Personen noch zus\u00e4tzlich, ihre Identit\u00e4t zu kommunizieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Queere Identit\u00e4ten und Pflege<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Unsichtbar-halten oder -halten-m\u00fcssen der eigenen Lebensrealit\u00e4t kann schwere negative psychosoziale Folgen haben, vor allem in einem so vulnerablen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis wie der Pflege. Pflegeeinrichtungen haben oft Leits\u00e4tze wie \u201aWir pflegen alle gleich\u2018 \u2013 \u201agleich\u2018 bedeutet jedoch in unserer hetero- bzw. cisnormativen Gesellschaft nicht f\u00fcr jede*n dasselbe. <\/p>\n\n\n\n<p>Studien zeigen, dass \u00e4ltere queere Menschen ein Umfeld, welches sexuelle und geschlechtsspezifische Minderheiten einschlie\u00dft und ihnen gegen\u00fcber auch freundlich ist, einer LGBTIQ+ exklusiven Einrichtung bevorzugen. Qualit\u00e4ten wie Kompetenz, F\u00fcrsorge und Akzeptanz werden vorausgesetzt. Wenn LGBTIQ+ spezifische Wohnm\u00f6glichkeiten pr\u00e4feriert wurden, erhofften sich diese Personen, aufgrund Vulnerabilit\u00e4t eine \u201anormale\u2018 Pflegeeinrichtung meiden zu k\u00f6nnen bzw. in einem separaten Stockwerk f\u00fcr LGBTIQ+ Bewohnerinnen und Bewohner gemeinsam leben zu k\u00f6nnen, da sie sich dort sicherer f\u00fchlen w\u00fcrden. Andere Studienteilnehmer*innen bevorzugen die Hauskrankenpflege aus Angst, die Sexualit\u00e4t nicht ausleben zu k\u00f6nnen und dass Partner*innen nicht anerkannt werden w\u00fcrden. Speziell trans* Menschen zeigen Bedenken und Angst, sich nicht ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen und bef\u00fcrchteten mangelhafte Beratungen, schlechtere medizinische Versorgung oder fehlende Informationen bez\u00fcglich Transgenderfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich somit sagen, dass sich queere Menschen in Gesundheitseinrichtungen und mit \u00e4rztlichem und Pflegepersonal dann wohl f\u00fchlen, wenn ein Fokus auf Sensibilisierung bez\u00fcglich LGBTIQ+ Themen gesetzt wird. Dies kann zum Beispiel durch den Gebrauch gendersensibler Sprache des Personals umgesetzt werden. Au\u00dferdem leisten Fortbildungen, in denen auf die Bed\u00fcrfnisse von Inter- und Transpersonen sowie auf die besondere Vulnerabilit\u00e4t von HIV-positiven Menschen eingegangen wird, einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung f\u00fcr gesundheitsspezifische Anliegen von (\u00e4lteren) queeren Personen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><em>Text von Carina Kapeller<\/em><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Queer und (un)gesund Diskriminierung ist schlecht f\u00fcr die Gesundheit. Als \u201aMinderheitenstress\u2018 beschreibt Ilan Meyer den spezifischen Stress durch Diskriminierungen und Vorurteile, welcher sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirkt. Erst 1990 wurde Homosexualit\u00e4t und erst 2019 (!) Transgender von der Liste psychischer Krankheiten der Welt-Gesundheits-Organisation gestrichen. 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