{"id":4284,"date":"2023-12-01T00:20:00","date_gmt":"2023-11-30T23:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4284"},"modified":"2023-11-30T18:48:10","modified_gmt":"2023-11-30T17:48:10","slug":"buntes-montenegro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4284","title":{"rendered":"Buntes Montenegro"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\"><strong>In der vorletzten Oktoberwoche verwandelte sich Podgorica, die Hauptstadt des kleinen s\u00fcdeurop\u00e4ischen K\u00fcstenstaates Montenegro, in eine bunte Stadt. Gleichzeitig fand nicht nur die Regenbogenparade, sondern auch die internationale IGLYO Konferenz statt. IGLYO steht f\u00fcr \u201eInternational Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer &amp; Intersex Youth and Student Organisation\u201c und besch\u00e4ftigt sich mit dem Empowerment und Schutz junger queerer Personen. Dar\u00fcber hinaus macht IGLYO u.a. auch politische Arbeit, wie z.B. das Erheben von wichtigen Studien zur Lebenssituation queerer Sch\u00fcler*innen. Die j\u00e4hrlich stattfindende IGLYO-Konferenz stellt die weltweit gr\u00f6\u00dfte Vernetzungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr queere Jugendarbeit dar. \u00dcber 70 queere Aktivistinnen aus verschiedenen (haupts\u00e4chlich europ\u00e4ischen) L\u00e4ndern konnten sich heuer in Montenegro vernetzen. Ich hatte die Ehre, die HOSI Wien bei der Konferenz vertreten zu d\u00fcrfen und viele internationale Aktivist*innen kennenzulernen. Am Samstag, dem 21.10., gingen wir \u2013 die Konferenz-Teilnehmenden \u2013 dann gemeinsam zur Montenegro Pride<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ablauf der Montenegro Pride <\/h3>\n\n\n\n<p>Es war ein nahezu durchwegs verregneter Tag, allerdings machte der Regen genau w\u00e4hrend der Pride eine Pause und zwischendurch k\u00e4mpfte sich sogar ein bisschen Sonne durch. Es fehlte wenig f\u00fcr einen echten Regenbogen. Immerhin konnten die Montenegriner*innen dennoch viele Regenbogen auf den Transparenten sowie auf den Gesichtern der Menschen sehen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Die Teilnehmenden versammelten sich auf einem gro\u00dfen Platz in der Innenstadt. Aktivist*innen von Queer Montenegro (Pride-Veranstalterin) sowie Asocijacija Spektra (die einzige Organisation f\u00fcr die Rechte von Trans* und Inter* Personen in Montenegro) haben mehrere Reden gehalten. Danach marschierten etwa 1000 Teilnehmer*innen, begleitet von Musik und guter Laune, in und durch die Stra\u00dfen von Podgorica.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Paradenzug verlief erstaunlich friedlich und ohne Gegendemo. Die Gesichtsausdr\u00fccke fremder Menschen waren gemischt: Teilweise irritiert, aber auch solidarisch l\u00e4chelnd. Nach einer knappen Stunde endete die Pride wieder am Ausgangsplatz. Dort wurde noch kurz getanzt, ehe sich die Menschenmenge wieder recht schnell aufl\u00f6ste.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">10 Jahre Pride: Neue Errungenschaften und Herausforderungen <\/h3>\n\n\n\n<p>Heuer feierte die Montenegro Pride ihr 10-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um. Die allererste Pride mit etwa 120 Teilnehmenden fand 2013 in der K\u00fcstenstadt Budva statt. 400 Polizist*innen mussten damals die wenigen Teilnehmenden vor vielen Hooligans sch\u00fctzen. Im selben Jahr fand auch die erste Pride in der Hauptstadt Podgorica statt: Mit 150 Teilnehmenden, zehnmal so vielen Gegendemonstrierenden und 60 Verletzten. Heute trauen sich wesentlich mehr Menschen zur Montenegro Pride. Die gesellschaftliche Toleranz d\u00fcrfte sich seither verbessert haben. Es gibt heute keine gro\u00dfen Gegendemos mehr und in der Nacht des Pride-Tages wurde sogar eine gro\u00dfe Autobr\u00fccke \u00fcber den Fluss Mora\u010da in Regenbogenfarben beleuchtet. Auch die rechtliche Situation hat sich stark verbessert: Vor zwei Jahren wurde im Parlament ein Gesetz zugunsten gleichgeschlechtlicher Partnerschaften beschlossen und die Hauptstadt hat mit Marica Vlahovi\u0107 sogar so etwas wie eine LGBTIQ* Stadtr\u00e4tin.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mit solchen starken Zeichen positioniert sich das kleine Montenegro definitiv als eines der queer-freundlichsten L\u00e4nder im konservativen S\u00fcdosteuropa. Das liegt aber an keinem Wunder, sondern ist haupts\u00e4chlich ein Verdienst der beeindruckend engagierten montenegrinischen Aktivist*innen, denn die allermeisten Errungenschaften sind erst auf deren Druck passiert. Nichtsdestotrotz w\u00e4re es illusorisch zu behaupten, dass die Situation in Montenegro rosig ist. Laut Umfragen findet schlie\u00dflich jede*r zweite Bewohner*in, dass Homosexualit\u00e4t eine Gefahr f\u00fcr die Gesellschaft darstellt und der Staat Homosexuelle unterdr\u00fccken sollte. Obwohl die Legislatur in Montenegro erstaunlich progressiv ist, darf nicht au\u00dfer Acht gelassen werden, dass die montenegrinische Gesellschaft noch immer sehr von konservativen, queer-feindlichen Meinungen gepr\u00e4gt ist. Viele queere Personen trauen sich daher nicht, zur Pride oder anderen LGBTIQ*-Angeboten zu kommen. Und viele, die den Mut dazu finden, versuchen dann eher \u201eunsichtbar\u201c zu sein. So ist es fr\u00fcher auch dem Aktivisten Aleksa Radonji\u0107 gegangen, der seit mehreren Jahren an der Organisation der Pride mitbeteiligt ist. Bei seiner ersten Pride war er noch bem\u00fcht, m\u00f6glichst nicht aufzufallen. Heuer aber hielt er furchtlos und souver\u00e4n eine Rede am Podium.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"414\" height=\"526\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Aleksas-Rede-waehrend-der-Montenegro-Pride-2023.jpg\" alt=\"Aleksas Rede w\u00e4hrend der Montenegro Pride 2023\" class=\"wp-image-4286\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Aleksas-Rede-waehrend-der-Montenegro-Pride-2023.jpg 414w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Aleksas-Rede-waehrend-der-Montenegro-Pride-2023-236x300.jpg 236w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Aleksas-Rede-waehrend-der-Montenegro-Pride-2023-118x150.jpg 118w\" sizes=\"auto, (max-width: 414px) 100vw, 414px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Aleksas Rede w\u00e4hrend der Montenegro Pride 2023<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Interview mit dem Aktivisten Aleksa von der Asosacija Spektra<\/h3>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00a0\u201cI think working for Spektra and activism, is something that came with my identity. We have to work for our rights because no one else will.\u201d<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><em>MS: Kannst du mir etwas \u00fcber deine Geschichte als queerer Aktivist erz\u00e4hlen?  <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>AR<\/em>: Als ich 17 war, schloss ich mich der queeren Community in Montenegro an. Ich suchte nach Menschen, die sich so f\u00fchlten wie ich. Zu derselben Zeit wurde die Asosacija Spektra ins Leben gerufen \u2013 dort wurden Selbsthilfegruppen f\u00fcr intersex, trans* und genderdiverse Personen angeboten. So habe ich auch zum ersten Mal trans* Personen und meine jetzigen Kolleg*innen kennengelernt. Schnell wurde ich zu einem Aktivisten und begann Workshops zu organisieren sowie mich an der Organisation der Montenegro Pride zu beteiligen. Seit 2018 bin ich im Organisationsvorstand unserer Pride. Aktuell lebe ich in Ljubljana, da ich in Slowenien studiere, aber ich k\u00e4mpfe nach wie vor f\u00fcr Menschenrechte in Montenegro.<\/p>\n\n\n\n<p><em>MS: Wie w\u00fcrdest du die diesj\u00e4hrige Pride mit deiner ersten Pride 2018 vergleichen? <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>AR<\/em>: Damals versuchte ich noch unsichtbar zu sein. Dieses Jahr war ich hingegen sehr sichtbar, als ich am Podium sprach. Die Pride war dieses Jahr \u00e4hnlich gut besucht wie damals. Und es sind viele Menschen da, wenn wir die Gr\u00f6\u00dfe von Montenegro bedenken. Ich sehe auch viele \u201estraight allies\u201c und nicht-queere Organisationen, die bei der Pride mitmarschieren. Die Menschen beginnen zu verstehen, dass die Pride wirklich f\u00fcr alle da ist.  <\/p>\n\n\n\n<p><em>MS: Was sind die zentralen Forderungen der montenegrinischen Aktivist*innen von der Regierung? <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>AR<\/em>: Erstens soll das Gesetz f\u00fcr gleichgeschlechtliche Partnerschaften umgesetzt werden. Das Gesetz wurde zwar schon beschlossen, in der Praxis jedoch nicht ausreichend umgesetzt. Zweitens sollen marginalisierte queere Personen vor Hass und Gewalt besser gesch\u00fctzt werden. Hasskriminalit\u00e4t wird hierzulande nicht ausreichend strafrechtlich verfolgt. Und drittens fordern wir ein Selbstbestimmungsrecht f\u00fcr trans* Personen.  <\/p>\n\n\n\n<p><em>MS: Wie lange dauert es, bis beschlossene Gesetze tats\u00e4chlich umgesetzt werden?  <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>AR<\/em>: Montenegro hat zwar im Vergleich progressive Gesetze, aber sie werden oft nicht implementiert. Also m\u00fcssen wir daf\u00fcr k\u00e4mpfen. Es f\u00fchlt sich f\u00fcr mich wie ein niemals-endender Kampf an, denn unsere Regierung ist sehr passiv. Wir machen schlie\u00dflich alles f\u00fcr sie\u2026 Wir formulieren sogar die konkreten Gesetzesbeschl\u00fcsse und sie m\u00fcssten eigentlich nur unterschreiben. Wir stellen also nicht nur Forderungen, sondern versuchen, den Parlamentarier*innen die besten Vorschl\u00e4ge und L\u00f6sungen zu pr\u00e4sentieren.   <\/p>\n\n\n\n<p><em>MS: Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der vorletzten Oktoberwoche verwandelte sich Podgorica, die Hauptstadt des kleinen s\u00fcdeurop\u00e4ischen K\u00fcstenstaates Montenegro, in eine bunte Stadt. Gleichzeitig fand nicht nur die Regenbogenparade, sondern auch die internationale IGLYO Konferenz statt. 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