{"id":4281,"date":"2023-12-01T00:19:15","date_gmt":"2023-11-30T23:19:15","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4281"},"modified":"2023-11-30T18:48:15","modified_gmt":"2023-11-30T17:48:15","slug":"gaense-fuer-martini","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4281","title":{"rendered":"G\u00e4nse f\u00fcr Martini"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Wenn man auf einer Demo eine Fahne sieht, die eine Mischung aus der pal\u00e4stinensischen und der Regenbogenfahne ist, k\u00f6nnte einen das im ersten Moment freuen: Gibt es da eine wachsende LGBTIQ-Emanzipationsbewegung unter den Pal\u00e4stinenser:innen? Doch fand diese Demo nicht etwa in Ramallah statt, der Hauptstadt der Pal\u00e4stinensergebiete, sondern in New York. Und es ging bei der Demo nicht um die Rechte pal\u00e4stinensischer LGBTIQ-Menschen, sondern um die aktuelle Eskalation in Israel und dem Gaza-Streifen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eQueers for Palestine\u201c ist das Motto, unter dem sich derzeit von New York \u00fcber Berlin bis ins australische Melbourne Aktivist:innen pro-pal\u00e4stinensischen Demonstrationen anschlie\u00dfen. Nat\u00fcrlich ist das nichts Neues, schon in der Vergangenheit wurde auf verschiedensten LGBTIQ-Demonstrationen auch f\u00fcr Pal\u00e4stina demonstriert, z. B. beim Internationalist Queer Pride Berlin. Diese Solidarit\u00e4t ist bei weitem nicht nur auf LGBTIQ-Kontexte beschr\u00e4nkt: Als etwa der indigene amerikanische K\u00fcnstler Nicholas Galanin den Instagram-Account des gro\u00dfen New Yorker \u201ePublic Art Fund\u201c am 9. Oktober \u00fcbernehmen durfte, empfahl er, \u201eDekolonisiert diesen Ort\u201c. Dazu schrieb er: \u201eUnsere Aufst\u00e4nde sind queer, trans, schwarz, braun, indigen, migrantisch, pal\u00e4stinensisch und global.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber selbst bei uns im gem\u00fctlichen Wien ist die Weltpolitik nicht zu \u00fcbersehen. So wurde etwa Mitte Oktober aus einem Fenster der T\u00fcrkis Rosa Lila Villa eine pal\u00e4stinensische Fahne geh\u00e4ngt, allerdings offenbar nicht offiziell von der Villa selbst angebracht, sondern von einem:einer der Bewohner:innen des Wohnvereins darin (als HOSI Wien wurden wir auf Social Media so oft danach gefragt, dass wir klarstellen mussten, dass wir nicht die Villa sind).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">LGBTIQ-Menschen in Pal\u00e4stina werden ermordet, in Israel gehen sie zur Tel Aviv Pride.<\/h3>\n\n\n\n<p>Man reibt sich die Augen. Wissen all diese Leute wirklich nicht, an wessen Seite sie da stehen? Wissen sie nicht, dass die \u201egem\u00e4\u00dfigte\u201c Pal\u00e4stinensische Autonomiebeh\u00f6rde, die das Westjordanland regiert, eine:n f\u00fcr gleichgeschlechtliche Liebe bis zu zehn Jahre ins Gef\u00e4ngnis wirft? Dass im Gaza-Streifen die Todesstrafe auf Homosexualit\u00e4t steht? Dass die Hamas, die den Gaza-Streifen seit 2007 kontrolliert, allerdings diese kaum je selbst anwenden muss, da es in Pal\u00e4stina oft reicht, eine LGBTIQ-Person zu outen, damit sie ermordet wird?<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht, dass sie z\u00f6gern w\u00fcrde, Gewalt gegen LGBTIQ-Menschen anzuwenden. Ein schwuler pal\u00e4stinensischer Fl\u00fcchtling, der heute in der T\u00fcrkei lebt, erz\u00e4hlte letztes Jahr Journalist:innen anonym, dass er mit 17 von der Hamas eingesperrt und gefoltert wurde: Sie lie\u00dfen ihn tagelang weder schlafen noch essen, daf\u00fcr pr\u00fcgelten sie ihn. Dann lie\u00dfen sie ihn frei, nur um ihn im Lauf der n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre noch mehrfach einzusperren und zu foltern. Und selbst hochrangige Offiziere der Hamas sind nicht sicher: Mahmoud Ishtawi wurde 2016 zum Tode verurteilt und erschossen, nachdem man ihn des homosexuellen Geschlechtsverkehrs beschuldigt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber selbst wenn LGBTIQ-Pal\u00e4stinenser:innen es nach Israel schaffen, in dem alleine letztes Jahr deswegen 90 von ihnen als Asylwerber:innen lebten, k\u00f6nnen sie sich nicht v\u00f6llig sicher f\u00fchlen. Der 25-j\u00e4hrige Ahmad Abu Marhia wurde 2022 entf\u00fchrt, ins Westjordanland verschleppt und dort in der N\u00e4he der Stadt Hebron mit abgeschnittenem Kopf gefunden. Wohlgemerkt jenes Westjordanland, in dem nicht die Hamas herrscht, sondern \u201ePal\u00e4stinenserpr\u00e4sident\u201c Mahmoud Abbas und seine Fatah. Wie sehr dieser es mit Menschenrechten und Demokratie f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser:innen h\u00e4lt, kann man daran erkennen, dass er das letzte Mal 2005 gew\u00e4hlt wurde und politische Gegner eingesperrt und gefoltert werden oder verschwinden. Wieso gibt es eigentlich keine weltweiten Demos f\u00fcr die Freiheit der Pal\u00e4stinenser:innen von solchen Herrschern?<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrenddessen hat Israel umfassende Antidiskriminierungsrechte, erkennt gleichgeschlechtliche Ehen an (wenn auch nur im Ausland geschlossene, weil man in Israel keine Zivilehe schlie\u00dfen kann, sondern nur eine bei den Religionsgemeinschaften), und hat mit der Tel Aviv Pride die gr\u00f6\u00dfte Pride Asiens. Und dann schwenken linke LGBTIQ-Aktivist:innen pal\u00e4stinensische Fahnen? \u201eQueers for Palestine\u201c, ernsthaft? Was kommt als n\u00e4chstes, G\u00e4nse f\u00fcr Martini?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Analytische Flachheit in wesentlichen Teilen der Linken<\/h3>\n\n\n\n<p>Man muss einerseits von Uninformiertheit (oder pr\u00e4ziser: \u00e4u\u00dferst selektiver Informiertheit) ausgehen. Andererseits handelt es sich dabei um analytische Flachheit. Es ist die Folge eines inner-linken Diskurses, der zunehmend in Schwarz-Wei\u00df-Schemata denkt: Wer schw\u00e4cher ist, muss das Opfer sein und Opfern muss man glauben, also haben diese automatisch Recht, und wer st\u00e4rker ist, muss also T\u00e4ter:in sein. So versickert neben dem v\u00f6llig berechtigten Anliegen, dass die Pal\u00e4stinenser:innen einen eigenen Staat haben sollten, dann auch die Frage, woran das denn bisher gescheitert ist \u2013 und mit ihr die \u00dcberlegung, dass das in einem \u00fcber 100 Jahre alten Konflikt etwas komplizierter und vielschichtiger sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kommt in den USA, dass dort oft der inner-amerikanische Rassismus-Diskurs eins zu eins \u00fcbertragen wird. So werden dann Israelis zu Wei\u00dfen (wobei mehr Israelis aus dem Mittleren Osten stammen als aus Europa) und Pal\u00e4stinenser:innen zu people of color. Aber w\u00e4hrend so eine unzul\u00e4ssige Vereinfachung bei einem ganzen Ozean an Distanz vielleicht noch verzeihlich ist, ist es schon ein Zeichen bemerkenswerter intellektueller \u00dcberforderung, wenn europ\u00e4ische Linke das so \u00fcbernehmen und sich Seite an Seite mit den M\u00f6rdern von LGBTIQ-Menschen gegen die einzige rechtsstaatliche (wenngleich sicher nicht fehlerfreie) Demokratie in der gesamten Region stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>All das sind bei weitem nicht nur politische Obskuranten. Vom Ex-Chef der britischen Labour Party Jeremy Corbyn \u00fcber den franz\u00f6sischen linken Pr\u00e4sidentschaftskandidaten Jean-Luc M\u00e9lenchon bis hin zum ehemaligen griechischen Finanzminister Yannis Varoufakis, die alle verweigert haben, den Terror der Hamas zu verurteilen: Sie stehen f\u00fcr signifikante Teile einer politischen Str\u00f6mung, die von sich gleichzeitig behauptet, an der Seite von LGBTIQ-Menschen zu stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht: Eine derart grotesk falsche Analyse f\u00fchrt zu absurden Ergebnissen. Das besch\u00e4digt letztlich die politische Handlungsf\u00e4higkeit der LGBTIQ-Community. Es bringt uns dazu, das Krokodil zu f\u00fcttern, das, gleich nach J\u00fcdinnen:Juden, uns selbst die Kehle durchbei\u00dfen will. Und das ist keine \u00dcbertreibung \u2013 wer Schwierigkeiten mit der Beschreibung von Gewalt hat, sollte den n\u00e4chsten Absatz \u00fcberspringen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eNiemals wieder\u201c ist heute.<\/h3>\n\n\n\n<p>Denn was die Hamas am 7. Oktober verbrochen hat, war nicht einfach \u201enur\u201c die Ermordung von \u00fcber 1.200 Menschen und Entf\u00fchrung von \u00fcber 240 weiteren, von j\u00fcdischen Israelis ebenso wie arabischen, vom Baby bis zur Holocaust-\u00dcberlebenden, von Zivilist:innen und Tourist:innen. Es war nicht einmal nur das zahlenm\u00e4\u00dfig schlimmste Pogrom seit dem Holocaust. Es war auch von einer Bestialit\u00e4t, die man das letzte Mal vom Islamischen Staat mitbekommen hat. Kinder wurden vor ihren Eltern zu Tode gefoltert, Babys verbrannt, Frauen gruppenweise vergewaltigt, Schwangeren der Bauch aufgeschnitten und die Besucher:innen eines Musik-Festivals gejagt wie Tiere (Quellen: Associated Press, Reuters, CNN, Washington Post, US-Au\u00dfenminister Antony Blinken). Alles stolz gefilmt von den Body-Cams der Hamas, deren Aufnahmen u. a. Diplomat:innen und unabh\u00e4ngigen Journalist:innen zug\u00e4nglich gemacht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer all das \u201ekontextualisieren\u201c wollte, noch bevor die Leichen kalt waren, steht letztlich auf der Seite des modernen Klerikalfaschismus\u2018. Ob aus geistiger oder ethischer \u00dcberforderung oder aus schlecht getarntem Antisemitismus ist f\u00fcr das Ergebnis egal. Hier ist eine unverhandelbare rote Linie erreicht und ich rei\u00dfe gerne jede einzelne Br\u00fccke ein, die jemals dar\u00fcber gef\u00fchrt haben mag. Da h\u00f6rt sich jeder gemeinsame Aktivismus, jede politische Zusammenarbeit auf. Die Hamas hat gezeigt, dass sie zum Schlimmsten geh\u00f6rt, das die menschliche Spezies zu ihrer Schande je hervorgebracht hat. Es sind lupenreine Klerikalfaschisten. Und seit dem Zweiten Weltkrieg wei\u00df man, dass man mit Faschisten nicht verhandeln kann. Man kann sie nur besiegen, so entsetzlich der Preis daf\u00fcr auch sein mag. Alle jene, denen LGBTIQ-Rechte, Antifaschismus oder nur allerbanalste Menschlichkeit tats\u00e4chlich etwas bedeuten, m\u00fcssen hier zusammenstehen. \u201eNiemals wieder\u201c ist heute.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man auf einer Demo eine Fahne sieht, die eine Mischung aus der pal\u00e4stinensischen und der Regenbogenfahne ist, k\u00f6nnte einen das im ersten Moment freuen: Gibt es da eine wachsende LGBTIQ-Emanzipationsbewegung unter den Pal\u00e4stinenser:innen? Doch fand diese Demo nicht etwa in Ramallah statt, der Hauptstadt der Pal\u00e4stinensergebiete, sondern in New York. 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