{"id":4271,"date":"2023-12-01T00:16:00","date_gmt":"2023-11-30T23:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4271"},"modified":"2023-12-01T08:12:59","modified_gmt":"2023-12-01T07:12:59","slug":"schutz-vor-hiv-im-medizinischen-und-pflegerischen-setting","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4271","title":{"rendered":"Schutz vor HIV im medizinischen und pflegerischen Setting\u00a0"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">I<strong>mmer wieder kommt es laut Erz\u00e4hlungen zu unkorrektem Verhalten gegen\u00fcber Menschen mit HIV im Gesundheitssystem. Oft auf Grund vermeintlicher Hygienema\u00dfnahmen. Welchen Schutz vor HIV braucht es denn tats\u00e4chlich im medizinischen und pflegerischen Setting? Ein paar Inputs und Formulierungen m\u00f6chten eine Zuordnung bieten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Berichte und Meldungen verdeutlichen leider viel zu oft, dass Menschen mit HIV in unterschiedlichsten Lebenssituationen diskriminierend behandelt werden. Ein Bereich, der hier fast immer zuerst erw\u00e4hnt wird, sind die medizinischen und pflegerischen Berufsfelder des Gesundheitswesens. Unbedingt ist festzuhalten, dass die gro\u00dfe Mehrheit der Mitarbeiter*innen in diesen Arbeitsbereichen vollkommen ad\u00e4quat mit dem Thema HIV umgeht und man keinesfalls alle Kolleg*innen in eine Schublade stecken darf. Aber klar ist auch: \u00dcberall wo es zu Ungleichbehandlungen kommt, ist Aktivit\u00e4t gefragt. Und es geht nicht nur z.B. um das Schaffen von Aufmerksamkeit, sondern genauso um das Hinterfragen der Ursachen einer Ungleichbehandlung, um im besten Fall L\u00f6sungen anbieten zu k\u00f6nnen. Denn h\u00e4ufig entsteht Ausgrenzung und Ablehnung vor allem aus Sorge vor einem eigenen potenziellen Infektionsrisiko. Das gilt selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr Mitarbeiter*innen im Gesundheitssystem. Der gro\u00dfe Vorteil von HIV:&nbsp;Man kann hier mit ein paar biomedizinischen Informationen ziemlich gut \u00c4ngste und Sorgen nehmen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Basishygiene im Arbeitsalltag&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Basis aller medizinischen und pflegerischen T\u00e4tigkeiten ist die Anwendung der standardisierten Hygienema\u00dfnahmen zur Infektionsvermeidung. Dazu geh\u00f6rt z.B. die Handhygiene, das Tragen von Handschuhen oder Mund-Nasen-Schutz oder das Desinfizieren von Oberfl\u00e4chen, um nur einige zu nennen. Diese Ma\u00dfnahmen sind ausgezeichnet als Schutz vor Infektionen geeignet, auch vor HIV.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessant ist sich zu vergegenw\u00e4rtigen, dass manche Hygienema\u00dfnahmen f\u00fcr HIV gar nicht notwendig w\u00e4ren. Denn HIV ist keine Schmierinfektion und wird nicht \u00fcber Oberfl\u00e4chen \u00fcbertragen. Z.B. das Desinfizieren von R\u00e4umlichkeiten und Mobiliar ist f\u00fcr eine HIV-\u00dcbertragung irrelevant. HIV ist auch keine Tr\u00f6pfcheninfektion und wird nicht \u00fcber die Luft \u00fcbertragen. Ein Mund-Nasenschutz z.B. ergibt daher in Hinblick auf HIV keinen Sinn. Oder noch ein Beispiel: HIV kann nicht \u00fcber H\u00e4ndesch\u00fctteln \u00fcbertragen werden, Handhygiene macht darum gar keinen Unterschied. Umgekehrt muss man sich aber auch vergegenw\u00e4rtigen, dass diese Ma\u00dfnahmen vor vielen anderen Infektionserkrankungen sch\u00fctzen, z.B. wenn man in der Winterzeit an Grippe oder Corona denkt. Und hier sind eben genau diese Ma\u00dfnahmen essenziell.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz gesagt: Die standardisierten Hygienema\u00dfnahmen sind Voraussetzung f\u00fcr professionelle Arbeit in medizinischen und pflegerischen Bereichen, da sie Mitarbeiter*innen und selbstverst\u00e4ndlich umgekehrt auch Patient*innen ausgezeichnet vor vielen Infektionen sch\u00fctzen. Und man kann in der Formulierung sogar ein St\u00fcck weiter gehen: In Bezug auf HIV sind diese durchschnittlichen Schutzma\u00dfnahmen im Arbeitsalltag eigentlich zum Teil \u00fcbertrieben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">PEP im Arbeitsalltag&nbsp;&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">PEP steht f\u00fcr Postexpositionsprophylaxe und ist die Einnahme von HIV-Medikamenten direkt nach einem m\u00f6glichen Viruskontakt. Die Art des Risikokontaktes ist dabei grunds\u00e4tzlich unerheblich, daher kann die PEP sowohl im Privatleben, als auch im Arbeitsleben Schutz bieten. Tats\u00e4chlich ist die PEP in der Lage eine HIV-Infektion im Nachhinein sehr effektiv zu verhindern, sofern sie fr\u00fch genug eingesetzt wird. Das Wissen um diese zus\u00e4tzliche Schutzm\u00f6glichkeit kann (z.B. nach einer versehentlichen Schnittverletzung mit Blutkontakt) also das Arbeitsleben emotional deutlich entspannen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch hier ist wieder wichtig, sich genauer anzuschauen, wann eine PEP \u00fcberhaupt eingesetzt wird. Bei Blutkontakt mit intakter Haut etwa ist eine PEP nicht indiziert: Es handelt sich um kein HIV-Infektionsrisiko. In so einer Situation sind Ma\u00dfnahmen in Hinblick auf den HIV-Statuts der jeweiligen Patient*innen als Kontaktperson schlichtweg nicht notwendig.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wirklich interessant wird daher, wann man denn tats\u00e4chlich Unterschiede zwischen den Kontaktpersonen in Bezug auf HIV macht und somit unterschiedliche Ma\u00dfnahmen sinnvoll sein k\u00f6nnen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit vielen Jahren ist bekannt, dass die HIV-\u00dcbertragungswahrscheinlichkeit von der Menge der Viren abh\u00e4ngt. Als Milchm\u00e4dchenrechnung ausgedr\u00fcckt: wo wenig bis kein Virus ist, kommt es auch zu wenig bis keinen Infektionen. Dieser Effekt hat auch Einfluss darauf, bei welchem Kontakt im Arbeitsalltag eine PEP hilfreich ist. So ist z.B. bei einer perkutanen Stichverletzung mit einer Injektionsnadel oder einer Schnittverletzung mit einem kontaminiertem Skalpell die PEP empfohlen. Allerdings nur, wenn die Person, mit deren Blut es Kontakt gab, eine HI-Viruslast oberhalb der Nachweisgrenze hat oder der Infektionsstatus unbekannt ist. Wei\u00df man hingegen, dass die Person mit HIV lebt und dank effektiver Therapie eine Viruslast unter der Nachweisgrenze hat, dann wird das Risiko deutlich geringer eingesch\u00e4tzt, oder konkret: PEP kann angeboten werden. Das Differenzierung zwischen \u201eempfehlen\u201c und \u201eanbieten\u201c zeigt den klaren Unterschied im Risiko auf. Selbst bei einer Stichverletzung mit Blutkontakt wird genauso unterschieden. Bei einer oberfl\u00e4chlichen Verletzung ohne Blutfluss (z.B. ein Kratzer mit chirurgischer Nadel) bietet man bei unbekannter oder untherapierter HIV-Infektion der Kontaktperson eine PEP an. Ist die Kontaktperson mit der Viruslast unter der Nachweisgrenze, ist eine PEP nicht indiziert, da kein Risiko besteht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Mitarbeiter*innen der medizinischen und pflegerischen Berufe bedeutet das konkret: wenn Patient*innen in der Anamnese eine HIV-Infektion angeben, dann braucht man sich bei einem Arbeitsunfall sozusagen weniger Sorgen machen, als bei Menschen, die ihren Status nicht kennen. Denn auch in \u00d6sterreich sind fast alle Menschen mit HIV, die medizinisch betreut werden, dank effektiver Therapie mit der Viruslast unter der Nachweisgrenze. Erneut kann man daher in der Formulierung weiter gehen: Zus\u00e4tzliche oder andere Schutz- und Hygienema\u00dfnahmen sind insbesondere bei Patient*innen mit bekannter HIV-Infektion aus biomedizinsicher Sicht unlogisch.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">U = U als Hintergrundinformation&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der oben beschriebene Effekt, dass das Infektionsrisiko mit der Menge an HI-Viren im K\u00f6rper und daher auch mit dem Therapiestatus zusammenh\u00e4ngt, hat nicht nur Auswirkungen auf die PEP. Im sexuellen Setting spielt er nochmals eine ganz andere und besondere Rolle. Denn gro\u00dfe Studien und Beobachtungen haben gezeigt, dass HIV bei einer Viruslast unter der Nachweisgrenze sexuell nicht \u00fcbertragen werden kann \u2013 kurz mit dem Slogan \u201eU=U\u201c f\u00fcr \u201eundetectable equals untransmittable\u201c zusammengefasst. Nachdem es hier um den sexuellen Kontext geht, hat U=U grunds\u00e4tzlich mit dem medizinischen und pflegerischen Arbeitsalltag keinen Zusammenhang. Es sei denn, es entsteht am Arbeitsplatz eine Beziehung (auch wenn dies rechtlich problematisch sein kann). Dann ist U=U als Hintergrundinformation ein wunderbarer Aspekt f\u00fcr das Sexualleben.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ablehnung oder gesonderten Behandlung von Menschen mit HIV aus Gr\u00fcnden des Infektionsschutzes ergeben im Arbeitsalltag der Gesundheitsberufe keinerlei Sinn. Denn mit den \u00fcblichen Hygienema\u00dfnahmen braucht man sowieso keine Angst vor einer HIV-Infektion haben. Und wenn Patient*innen in der Anamnese eine effektiv therapierte HIV-Infektion angeben, wird auch bei einem Arbeitsunfall das Risiko deutlich geringer eingesch\u00e4tzt. Oder wieder anders formuliert: Gerade im Umgang mit den Menschen, die ihren HIV- Status in der Anamnese angeben, ist tats\u00e4chlich weniger Sorge vor einem HIV-Infektionsrisiko angebracht, als bei anderen Patient*innen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder kommt es laut Erz\u00e4hlungen zu unkorrektem Verhalten gegen\u00fcber Menschen mit HIV im Gesundheitssystem. Oft auf Grund vermeintlicher Hygienema\u00dfnahmen. Welchen Schutz vor HIV braucht es denn tats\u00e4chlich im medizinischen und pflegerischen Setting? Ein paar Inputs und Formulierungen m\u00f6chten eine Zuordnung bieten. Berichte und Meldungen verdeutlichen leider viel zu oft, dass Menschen mit HIV in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":4272,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,20],"tags":[104,105],"class_list":["post-4271","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheit","category-schwerpunkt","tag-lambda-193","tag-queere-arbeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4271","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4271"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4271\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4273,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4271\/revisions\/4273"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4272"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4271"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4271"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4271"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}