{"id":4255,"date":"2023-12-01T00:11:00","date_gmt":"2023-11-30T23:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4255"},"modified":"2023-12-01T08:13:29","modified_gmt":"2023-12-01T07:13:29","slug":"wir-sind-viel-mehr-als-unsere-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4255","title":{"rendered":"Wir sind viel mehr als unsere Arbeit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, uns \u00fcber unseren Job zu definieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir neue Personen kennenlernen, wird oft schnell die Frage gestellt: &#8222;Und was machst Du so?&#8220; Von der Antwort h\u00e4ngt es ab, wie sich das weitere Gespr\u00e4ch entwickeln wird. Hat eine Person einen Job und verdient viel Geld, erh\u00e4lt sie meistens viel Aufmerksamkeit und Anerkennung. Menschen, die sich mit Gelegenheitsjobs herumschlagen oder arbeitslos sind, haben es dagegen schwerer. Doch warum ist das so? Warum legen wir so viel Wert auf die Arbeit? Schlie\u00dflich sollte die Identit\u00e4t eines Menschen nicht an seinem Beruf festgemacht werden. Ich halte es f\u00fcr schlimm, wenn Menschen aufgrund ihrer beruflichen T\u00e4tigkeit in bestimmte Schubladen gesteckt werden. Egal, ob wir Verk\u00e4ufer*innen, Reinigungskr\u00e4fte oder \u00c4rzt*innen sind \u2013 hier geht es um T\u00e4tigkeiten, mit denen wir Geld verdienen, aber nicht um Charakterz\u00fcge. Auch sagt der Beruf nichts \u00fcber unsere Werthaltungen, W\u00fcnsche, Tr\u00e4ume und \u00dcberzeugungen aus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Arbeitslosigkeit darf kein Stigma sein&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>In unserer Arbeits- und Leistungsgesellschaft gibt es zahlreiche Ausgrenzungsmechanismen. Wenn Personen nicht oder wenig arbeiten, werden sie schnell abgestempelt. Doch Arbeitslosigkeit darf kein Stigma sein. Arbeitslose Menschen d\u00fcrfen auf keinen Fall das Gef\u00fchl bekommen, dass sie faul oder wertlos sind. Arbeitslose Menschen sollen sich auch nicht rechtfertigen m\u00fcssen. Sie sind nicht schuld an ihrem Schicksal. Schlie\u00dflich kann Arbeitslosigkeit alle treffen. Es ist auch in Ordnung, wenn Personen ein Studium, eine Lehre oder die Schule abbrechen. Manchmal brauchen Menschen im Zuge einer Neuorientierung mehr Zeit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht erz\u00e4hlen wir beim n\u00e4chsten Mal auf die Frage &#8222;Was machst du so?&#8220; nicht von der Arbeit, sondern mehr \u00fcber uns wie beispielsweise: &#8222;ich mache Yoga&#8220; \u2013 &#8222;ich engagiere mich ehrenamtlich&#8220; \u2013 &#8222;ich bin politisch aktiv&#8220; \u2013 &#8222;ich lese Krimis&#8220; \u2013 &#8222;ich mag Musik&#8220; \u2013 &#8222;ich koche gerne&#8220; \u2013 &#8222;ich reise&#8220;.\u202f Doch wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft, in der f\u00fcr viele Menschen die Arbeit neben der Liebe und Beziehungen oft der wichtigste Lebensinhalt ist. Nicht wenige Menschen m\u00f6chten sich im Job verwirklichen und beruflich ihre Erf\u00fcllung finden. Aussagen wie &#8222;ich bin Lehrer*in&#8220; unterstreichen die Identifikation mit dem Beruf. Im Gegensatz dazu zeigen S\u00e4tze wie &#8222;ich arbeite als Lehrer*in&#8220;, dass der Job nicht gleich identit\u00e4tsstiftend sein muss. Nat\u00fcrlich ist es nicht schlecht, wenn Personen einer erf\u00fcllenden T\u00e4tigkeit nachgehen. Problematisch wird es jedoch, wenn ein Gro\u00dfteil der Lebensenergie in die Arbeit flie\u00dft. Das kann zu einem Burn-out f\u00fchren. Setzen Menschen alles auf die Arbeit und die Karriere, verlieren sie im Falle einer K\u00fcndigung schnell das Selbstwertgef\u00fchl und fallen in ein schwarzes Loch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Konkurrenzdruck und Erfolgsdruck&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>Unsere Leistungsgesellschaft hat viele Schattenseiten, wie etwa Stress, Konkurrenzdenken, Erfolgsdruck und die Angst vor dem Scheitern. Gleichzeitig wird in unserer neoliberalen Gesellschaft suggeriert, dass alle Menschen den sozialen Aufstieg schaffen, wenn sie sich nur gen\u00fcgend anstrengen. Doch die Realit\u00e4t sieht anders aus. Au\u00dferdem haben nicht alle Personen die M\u00f6glichkeit, einen erf\u00fcllenden Job zu haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade f\u00fcr uns queere Personen kann eine intersektionale Sichtweise hilfreich sein, denn wir k\u00f6nnen von mehreren Diskriminierungsformen betroffen sein. Eine gro\u00dfe Ungerechtigkeit ist die unbezahlte Care-Arbeit, die fast ausschlie\u00dflich von Frauen geleistet wird. Auch sind Frauen und trans Personen oft in Niedriglohnbranchen besch\u00e4ftigt. Mehr Solidarit\u00e4t ist auch im Umgang mit gefl\u00fcchteten Menschen notwendig. In politischen Debatten wird zwischen guten und schlechten Asylwerber*innen unterschieden \u2013 zu den Guten geh\u00f6ren jene, die sich schnell integriert haben, womit in erster Linie die Arbeit gemeint ist. Nicht wenige bleiben aber in schlecht bezahlten Jobs h\u00e4ngen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Arbeit als Bet\u00e4ubungsmittel&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte in diesem Artikel zum Thema Arbeit noch einen anderen Aspekt einbringen, der mir wichtig erscheint. Ich unterst\u00fctze und begleite als Psychotherapeut Frauen, M\u00e4nner, trans*, inter* und nicht-bin\u00e4ren Personen. Beim Thema Arbeit f\u00e4llt mir auf, dass insbesondere viele cis-M\u00e4nner die Arbeit als Bet\u00e4ubungsmittel verwenden. Bei Frauen, trans, inter* und nicht-bin\u00e4ren Personen kommt das selten vor. Dies h\u00e4ngt damit zusammen, dass wir leider immer noch in stark patriarchalen und bin\u00e4ren Geschlechterstrukturen leben, wo sich cis-M\u00e4nner viel \u00fcber die Erwerbsarbeit definieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht wenige cis-M\u00e4nner verwenden die Arbeit als Bet\u00e4ubungsmittel, um nicht ins F\u00fchlen zu kommen. Die bekannte Feministin bell hooks schreibt \u00fcber das Thema Arbeit im Buch &#8222;M\u00e4nner, M\u00e4nnlichkeit und Liebe&#8220;: &#8222;Viele M\u00e4nner nutzen die Arbeit als einen Ort, an dem sie vor sich selbst, vor dem emotionalen Bewusstsein fliehen k\u00f6nnen, an dem sie sich selbst verlieren und aus einem Raum der emotionalen Taubheit heraus agieren k\u00f6nnen.&#8220; Arbeitslosigkeit f\u00fchle sich f\u00fcr M\u00e4nner emotional so bedrohlich an, &#8222;weil sie bedeutet, dass es Zeit zu f\u00fcllen g\u00e4be, und die meisten M\u00e4nner in der patriarchalen Kultur wollen keine Zeit f\u00fcr sich haben&#8220;. Die Feministin bell hooks zitiert in ihrem Buch den US-Autor Victor Seidler, der schreibt: &#8222;Es gibt immer Dinge, die ich tun soll. Allein der Gedanke, mehr Zeit mit mir selbst zu verbringen, l\u00f6st ein Gef\u00fchl der Panik und Angst aus.&#8220; An einer anderen Stelle schreibt Seidler \u00fcber M\u00e4nner: &#8222;Wir geben uns nie wirklich die Chance, uns selbst besser kennenzulernen oder mehr Kontakt zu uns selbst zu entwickeln.&#8220;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sich emotional \u00f6ffnen&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>Schon alleine das Sprechen \u00fcber Gef\u00fchle f\u00e4llt manchen M\u00e4nnern schwer. Ihnen wurde oft im Kindheitsalter beigebracht, dass &#8222;richtige&#8220; M\u00e4nner nicht weinen d\u00fcrfen, was\u202fmit der bin\u00e4ren und patriarchalen Geschlechterordnung zusammenh\u00e4ngt. Dazu passt die Redewendung &#8222;ein Mann kennt keinen Schmerz&#8220;. Auch im Jugendalter werden M\u00e4nner als &#8222;Weicheier&#8220; oder als schwach abgestempelt, wenn sie sich verletzlich zeigen. Daher unterdr\u00fccken viele M\u00e4nner ihre Gef\u00fchle. Sie versuchen, alles mit dem Verstand unter Kontrolle zu halten. Daher ist es notwendig, dass auch M\u00e4nner schon im Kindheits- und Jugendalter lernen, sich emotional zu \u00f6ffnen und nicht der bin\u00e4ren und patriarchalen Geschlechterordnung zu folgen. Neben der Arbeit gibt es noch vielf\u00e4ltige Bet\u00e4ubungsmittel, um nicht f\u00fchlen zu m\u00fcssen. In \u00d6sterreich haben beispielsweise M\u00e4nner nahezu doppelt so h\u00e4ufig einen problematischen Alkoholkonsum wie Frauen. Auch greifen M\u00e4nner h\u00e4ufiger zu Drogen als Frauen. Dabei w\u00e4re die Besch\u00e4ftigung mit den eigenen Gef\u00fchlen so wichtig, weil sie Hinweise auf die Bed\u00fcrfnisse, N\u00f6te, W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume geben. Wer keinen Kontakt zu den eigenen Gef\u00fchlen hat, ist wiederum anf\u00e4llig f\u00fcr Manipulationsversuche von au\u00dfen: Vor allem die Werbung und soziale Medien gaukeln uns vor, was wir angeblich brauchen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der psychotherapeutischen Arbeit geht es genau darum:\u202fZug\u00e4nge zu sich selbst und zu den eigenen Gef\u00fchlen zu bekommen. Doch das f\u00e4llt eben cis-M\u00e4nnern, die in der patriarchalen und bin\u00e4ren Geschlechterordnung verankert sind, deutlich schwerer als Frauen. Von M\u00e4nnern h\u00f6re ich immer wieder, dass sie nicht die Kontrolle abgeben m\u00f6chten. Doch es ist nicht das Ziel, nur noch auf die Gef\u00fchle zu h\u00f6ren und den Verstand komplett auszuschalten, sondern es geht darum, die Gef\u00fchle und den Verstand in Einklang zu bringen. Wer beispielsweise Angst hat, braucht auch den Verstand, um eine potenzielle Gefahr m\u00f6glichst richtig einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen. Oft schalten Menschen ihre Gef\u00fchle ab, wenn sie in der Vergangenheit ein Trauma erlebt haben. Doch letztendlich kostet es zu viel Kraft, st\u00e4ndig die eigenen Gef\u00fchle zu unterdr\u00fccken. Es ist befreiend, sich mit den eigenen Gef\u00fchlen zu besch\u00e4ftigen. Ich w\u00fcnsche mir eine Welt, in der die bin\u00e4re und patriarchale Geschlechterordnung abgeschafft ist. Daf\u00fcr ist es notwendig, dass vor allem cis-M\u00e4nner neue Zug\u00e4nge zum Job und zur Karriere finden und sich au\u00dferdem mehr mit sich selbst und den eigenen Gef\u00fchlen auseinandersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, uns \u00fcber unseren Job zu definieren.&nbsp; Wenn wir neue Personen kennenlernen, wird oft schnell die Frage gestellt: &#8222;Und was machst Du so?&#8220; Von der Antwort h\u00e4ngt es ab, wie sich das weitere Gespr\u00e4ch entwickeln wird. 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