{"id":4252,"date":"2023-12-01T00:11:00","date_gmt":"2023-11-30T23:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4252"},"modified":"2023-12-01T08:14:15","modified_gmt":"2023-12-01T07:14:15","slug":"wenn-das-begehrenpfuscht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4252","title":{"rendered":"Wenn das Begehren pfuscht"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>F\u00fcrchte den Anderen wie dich selbst. (Ringel 1991)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Es sind diese Gespr\u00e4che, die frau nur zu gerne vermeiden w\u00fcrde. Da steht dann der Elefant im Raum (Nora Eckert 2023) \u201eIhr habt da doch eine*n trans Kolleg*in bei Euch in der Abteilung, \u2026\u201c Und pl\u00f6tzlich sind endo-cis Heteros in der Verlegenheit, weil sie oft nichts \u00fcber LGBTIN wissen und damit sonst auch nichts zu tun haben wollen, Stellung zu beziehen, sich zu \u201eouten\u201c. Verdammt peinlich das Ganze. Am besten mit der Antwort: \u201eNa und, ob die Kolleg*in jetzt so oder so ist, hat ja an der Arbeit nichts ge\u00e4ndert\u201c parieren und vom Tisch wischen. Besonders beliebt ist der Satz bei F\u00fchrungskr\u00e4ften. Dem Ganzen m\u00f6glichst wenig Raum bieten und Nachfragen am besten gleich unterbinden. \u201ePuh, vorerst mal save.\u201c Denn dass das eigene pers\u00f6nliche Vorurteil ein klarer Fall von Diskriminierung ist, hat sich bereits bis ins endo-cis Putzkammerl rumgesprochen. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch n\u00e4heren Umgang mit Transmenschen m\u00f6chte frau nicht haben. Er f\u00fchrt immer zu so unangenehmen Fragen wie der, was es eigentlich ausmacht, ein Mann oder eine Frau (oder etwas anders) zu sein. Das macht es f\u00fcr Trans nicht leichter, denn wir sind alle auf Anerkennung, Wertsch\u00e4tzung und Respekt angewiesen. Arbeit scheint nur auf den ersten Blick ein soziales Umfeld wie jedes andere zu sein. Doch w\u00e4hrend frau sich im \u201eprivaten\u201c ihre Beziehungen weitgehend aussuchen kann, ist dies im Arbeitsumfeld auf Grund der Abh\u00e4ngigkeiten nicht so einfach. S\u00e4tze, wie \u201eNa, da h\u00e4tten sie ja k\u00fcndigen und sich was Anderes suchen k\u00f6nnen.\u201c sind zuweilen sogar von Richter*innen der Arbeits- und Sozialgerichte zu h\u00f6ren, als g\u00e4be es die F\u00fcrsorgepflichten gar nicht, oder gar Gleichbehandlungsgrunds\u00e4tze. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein kurzer Blick hinter die Kulissen. <\/h3>\n\n\n\n<p>Laut AK haben 67% der Unternehmen keine Verfahren f\u00fcr Umgang mit Mobbing oder Bel\u00e4stigung. Das mag auch dem hohen Anteil an kleinen und mittleren Unternehmen geschuldet sein. Sich der Illusion hinzugeben, es w\u00e4re bei gr\u00f6\u00dferen Unternehmen oder Gebietsk\u00f6rperschaften anders, ist jedoch ein Trugschluss. Besonders, wenn es um Geschlechtsidentit\u00e4ten geht. Die EU-Gleichstellungsrichtlinie wurde zwar, zumindest was Trans betrifft, 2006 nachgebessert, was jedoch mitnichten bedeutet, dass dies in der nationalen Umsetzung angekommen ist und schon gar nicht, dass diese andere als die patriarchal gepr\u00e4gten bipolaren Geschlechter Frau\/Mann umfasst. F\u00fcr Geschlechtsidentit\u00e4ten l\u00e4sst sich rechtlich daraus also kein Auftrag an Gleichbehandlungsstellen ableiten, was neben der geschichtlichen Einschr\u00e4nkung auf die Diskriminierung von, in diesem Fall, endo-cis Frauen durch endo-cis M\u00e4nner dazu f\u00fchrt, dass diese meist nicht in der Lage sind Diskriminierungen anderer Geschlechtsidentit\u00e4ten zu erfassen. Das \u00f6sterreichische Gleichbehandlungsgesetzt behandelt bis heute explizit nur Frauen und M\u00e4nner. Das geht auch anders: Das deutsche AGG enth\u00e4lt gleich in der Zielsetzung in \u00a71 Geschlecht und sexuelle Identit\u00e4t, wobei letzteres auch die Geschlechtsidentit\u00e4t umfasst. (Scholz (Hg.) 2022) <\/p>\n\n\n\n<p>Daher bleibt die Forderung nach expliziter Nennung der Geschlechtsidentit\u00e4ten in allen rund 30 \u00f6sterreichischen Gleichbehandlungsgesetzten sehr dringlich, wie sie auch in der Petition #SchutzF\u00fcrAlle enthalten ist. Auf eine \u201efortschrittliche\u201c oder freundliche Rechtsauslegung zu hoffen kann keine Grundlage f\u00fcr Gleichbehandlung sein! <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vorsicht ist angebracht <\/h3>\n\n\n\n<p>Gerade im Zuge eines Outings im Job kann es zu Verletzungen kommen, weil sich die Person in dieser Zeit \u00f6ffnet, sich erstmals bei sich selbst angekommen f\u00fchlt. Das kann aber auf Grund der einseitigen Kommunikation zu einer Machtasymmetrie f\u00fchren. Vieles ist neu und es kann durchaus passieren, dass frau dann Kolleg*innen etwas durchgehen l\u00e4sst, was sich im Nachhinein als Fehler herausstellt. (Du bringst Dich selbst zum Schweigen). Seit 2019 gibt es ein wirklich sehr gutes Buch zum Thema Bel\u00e4stigung von Period Brussels (Sara Hassan und Juliette Sanchez-Lambert). Damit kann sich jede ihr Red-Flag System anhand von Beispielen zusammenstellen oder \u201eerarbeiten\u201c. Das Buch, \u201eGrauzonen gibt es nicht\u201c kann als pdf unter periodbrussels.eu heruntergeladen werden. Auch wenn es f\u00fcr cis-Frauen geschrieben ist, es passt auch f\u00fcr andere Geschlechtsidentit\u00e4ten. <\/p>\n\n\n\n<p>Vermeiden und eine gewisse Achtsamkeit sind sicher die besten Optionen, was aber nicht bedeutet, sich dabei nicht ausleben zu k\u00f6nnen. Wenn dann doch etwas passiert, gibt es ein paar Stellen, an die frau sich wenden kann. Dabei kann frau sich einfach in einem Gespr\u00e4ch Unterst\u00fctzung holen, mit einer anderen Sicht abkl\u00e4ren was denn da vor sich gegangen ist und dann entscheiden, ob sie weitere Schritte setzten will. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wen gibt es da drau\u00dfen? <\/h3>\n\n\n\n<p>Immer mehr Gleichbehandlungsstellen \u00f6ffnen sich f\u00fcr das Thema Geschlechtsidentit\u00e4ten. Zuweilen werden sogar einzelne Trans, Inter oder Nichtbin\u00e4re in deren Teams integriert. Das Spektrum weitet sich dort zunehmend, wie zuletzt sogar zu den Themen Elternschaft und V\u00e4terkarenz oder Bisexualit\u00e4t, weil auch immer mehr Menschen dazu bei den Gleichbehandlungsstellen anklopfen. Geschlechtsidentit\u00e4ten sind da keine Ausnahme. Zurzeit stehen besonders Nichtbin\u00e4re im Focus. <\/p>\n\n\n\n<p>Oft werden die Gleichbehandlungsstellen jedoch erst nachdem etwas Gr\u00f6beres vorgefallen ist in Anspruch genommen. Um dem entgegenzuwirken, wurde unter anderem ein Formular zur Meldung von Diskriminierungen direkt auf der Startseite gleichbehandlungsanwaltschaft.gv.at eingerichtet. Hier k\u00f6nnen Anfragen, aber auch anonyme Meldungen abgesetzt werden. Darum wird \u00fcbrigens dringend ersucht, damit der Unterst\u00fctzungsbedarf abgesch\u00e4tzt und Ressourcen daf\u00fcr eingefordert werden k\u00f6nnen. Wichtig ist diese Kontaktnahme, weil auf Grund der uneinheitlichen rechtlichen Situation (eben ~30 Gesetze) zun\u00e4chst auch die Zust\u00e4ndigkeit und Fristen gekl\u00e4rt werden sollten. Es kann vorkommen, dass die meist dreij\u00e4hrige Frist abgelaufen ist, denn je nach \u201eSchwere\u201c des Vorfalls kann es f\u00fcr Betroffene \u00fcberfordernd sein, die Thematik mit anderen anzusprechen und nochmal zu durchleben. Auch aus diesem Grund wurde das niederschwellige Meldeformular eingerichtet. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Keine Zahlen <\/h3>\n\n\n\n<p>Elisabeth Duval warnt in \u201eNach Trans\u201c (2023) zu Recht vor voreiligen Schl\u00fcssen zu Besch\u00e4ftigungszahlen von Trans, besonders vor der Annahme einer h\u00f6heren Arbeitslosigkeit. Trotz deutlicher Hinweise aus verschiedenen Studien, gibt es keine belastbaren (absoluten) Zahlen zu Besch\u00e4ftigung oder K\u00fcndigungen und Arbeitslosigkeit nach oder auf Grund eines Outings von Trans. Es gibt noch nicht einmal belastbare Zahlen zur Gesamtzahl von LGBTIN in der Bev\u00f6lkerung. <\/p>\n\n\n\n<p>Zahlen zu Trans waren auch unter Trans immer umstritten und bleiben immer wieder Thema mit neuerlicher Aktualit\u00e4t, doch dazu sp\u00e4ter. Zun\u00e4chst ein unvollst\u00e4ndiger Abriss: <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die dgti (Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Transsexualit\u00e4t und Intersexualit\u00e4t) hatte sehr fr\u00fch unter dem Titel \u201eZahlenspiele\u201c eine eigene Seite, wobei die Bedeutung der Zahlen auch auf Grund ihrer Nichtverf\u00fcgbarkeit und fragw\u00fcrdigen Qualit\u00e4t heruntergespielt wurde. Immerhin wurden schon lange die aktuellen amtlichen Zahlen zu den Personenstands\u00e4nderungen in Deutschland angef\u00fchrt. Inzwischen ist diese Seite (Stand 2023) deutlich gewachsen und zeigt nicht nur die steigende Verf\u00fcgbarkeit, sondern auch die zunehmende Bedeutung dieser Zahlen. <\/li>\n\n\n\n<li>2015 gab es das Sonderheft \u201eMaking Transgender Count\u201c von Transgender Studies Quarterly (Currah, Stryker) , in dem nicht nur die Notwendigkeit der Erhebung von Zahlen zu Trans herausgestrichen wurde, sondern auch viele Probleme bei deren Erhebung thematisiert wurden. <\/li>\n\n\n\n<li>2015 und 2018 haben Karin Sch\u00f6npflug und ihre Mitforscherinnen (vor dem Hintergrund der zunehmenden Evidenz aus Studien, dass sexuelle Identit\u00e4t und Orientierung massive Einfl\u00fcsse auf den sozial\u00f6konomischen Status, der Integration auf dem Arbeitsmarkt und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt von LGBTIN haben) versucht, aus den ver\u00f6ffentlichten europ\u00e4ischen Statistiken Zahlen zu LGBTIN zu finden. Nur in der UK Haushaltsbefragung 2011 wurde nach der Geschlechtsidentit\u00e4t gefragt. <\/li>\n\n\n\n<li>Bren Miaira Kutch stellte 2023 ein inzwischen ver\u00f6ffentlichtes Kapitel aus internationaler Perspektive zur Diskussion. Daran waren Forscher*innen aus den USA, Indien, S\u00fcdafrika und Australien beteiligt, welche auch vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeitsziele der UNO (SDG\u00b4s) der Frage nachgehen, wie Daten zur sexuellen Identit\u00e4t und Orientierung unter Wahrung der Menschenrechte (OHCHR) in verschiedenen L\u00e4ndern erhoben werden (k\u00f6nnten). Im s\u00fcdafrikanischen Modell spielt Community eine wichtige Rolle. <\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Und wichtig sind sie doch <\/h3>\n\n\n\n<p>Manche Vereine und Institutionen aus der Community verweigern das Sammeln von Daten mit dem Argument, sie wollten sich nicht zu Handlangern der Verfolgung durch potentielle k\u00fcnftige illiberale Regierungen machen. Sie machen sich damit jedoch zu Kompliz*innen der aktuellen Machtverh\u00e4ltnisse, welche sich durch Diskriminierung und mangelnder gesundheitlicher Versorgung von Trans auszeichnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht nicht allein um die Anerkennung eines, meist des eigenen, Seins. Es macht einen Unterschied, ob wir weniger oder mehr sind. Alexander Regh von der dgti hat es 2008 so auf den Punkt gebracht: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201e7000 von 83 Millionen, das ist auszuhalten. 480.000 oder mehr von 83 Millionen, das bringt es zu nahe an einen selber heran.\u201c <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Aktualit\u00e4t bringt zum einen die erfolgte Umsetzung der Abfrage nach Geschlechtsidentit\u00e4t und sexueller Orientierung in Registerdaten. 2021 wurden in England und Wales die Kriterien Geschlechtsidentit\u00e4t und sexuelle Orientierung in die Daten der Volksz\u00e4hlung integriert. Die gro\u00dfe Aufregung blieb aus, aber die Ergebnisse sind gelinde gesagt schwer interpretierbar. Eine Nachuntersuchung der gro\u00dfen Restkategorie \u201ekeine Antwort\u201c von 6% (London 7,8%) zur Frage nach der \u00dcbereinstimmung mit dem Geburtsgeschlecht gibt es wohl bislang nicht. Aber ein Anfang ist gemacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Aktualit\u00e4t bringen zum anderen auch die Fragen der Geschlechtergerechtigkeit. Denn es stellt sich zunehmend heraus, dass die Kategorisierung allein nach den patriarchal bipolaren Geschlechtern Frau\/Mann f\u00fcr viele Fragestellungen zu unscharf ist und auch heteronormative Konzepte versagen. Carlien Scheele Direktorin des European Institute for Gender Equality (EIGE) setzt sich daher daf\u00fcr ein, die Kriterien Geschlechtsidentit\u00e4t und sexuelle Orientierung in die Registerdaten (Volksz\u00e4hlungen) europaweit zu \u00fcbernehmen. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zur\u00fcck zur Arbeit <\/h3>\n\n\n\n<p>Im Job geht doch um die Person und deren fachliche und soziale Kompetenzen und nicht um deren Geschlecht, oder? Doch gerade im Sozialen gibt es da ein Problem, wenn die Geschlechtsidentit\u00e4t des Gegen\u00fcbers auf Grund der eigenen Unsicherheit \u00fcber die eigene Geschlechtsidentit\u00e4t angezweifelt wird. Und nat\u00fcrlich geht es allen Anderen so wie eine*r selbst. Und um diese soziale Unruhe, die vor allem F\u00fchrungskr\u00e4fte im Umgang mit Mitarbeiter*innen, Kund*innen und anderen f\u00fcrchten, werden vermeintliche Gesellschaftsnormen aufgerufen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Best\u00e4tigung der eigenen Geschlechtsidentit\u00e4t durch andere ist ja auch f\u00fcr endo-cis alles andere als selbstverst\u00e4ndlich und bedarf der st\u00e4ndigen Aktualisierung. Das betrifft Trans so nicht mehr, da sie aus eigener Erfahrung das wissen, was Milton Diamond in einem Interview mit Hertha Richter-Appelt 2015 so formuliert hat: \u201cDas wichtigste Sexualorgan sitzt zwischen den Ohren\u201c. Damit funktioniert das von Lacan postulierte und f\u00fcr viele selbstverst\u00e4ndliche Primat des Geschlechtsteils im Begehren aber nicht mehr. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Ganze f\u00fchrt leider dazu, dass vor dem Hintergrund der ewigen Frage, was Frau\/Mann ausmacht, die Lebensumst\u00e4nde von Trans ausgeblendet werden, wie auch Steffi Stankovi\u0107 anl\u00e4sslich 25 Jahre AGPRO beklagte. Lebensumst\u00e4nde von Trans interessieren nicht. Im Gegenteil: Es wird Trans im Zuge der Diskussion um die Selbstbestimmung vorgeworfen, Trans Sein h\u00e4tte ihnen ja niemand angeschafft. Dabei ist Trans keine Wahl, sondern ergibt sich unfreiwillig. (Duval 2023)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcrchte den Anderen wie dich selbst. (Ringel 1991) Es sind diese Gespr\u00e4che, die frau nur zu gerne vermeiden w\u00fcrde. 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