{"id":423,"date":"2021-03-12T00:50:42","date_gmt":"2021-03-12T00:50:42","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=423"},"modified":"2021-05-09T12:36:12","modified_gmt":"2021-05-09T12:36:12","slug":"body-shaming","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=423","title":{"rendered":"Body-Shaming"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zu feminin, zu dick, zu alt, zu wenig Muskeln<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wer keinen \u201eperfekten\u201c K\u00f6rper hat, wird auf schwulen Dating-Plattformen oft schnell aussortiert<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">\u201eMit Schwuchtel meine ich ja nicht dich.\u201c &#8211; \u201eWer von beiden ist die Frau?\u201c Diese und andere homofeindlichen Bemerkungen hat der junge schwule Mann Julius Thesing oft geh\u00f6rt. Er hat daher mit \u201eYou don\u2019t look gay\u201c ein sehr pers\u00f6nliches Buch \u00fcber queerfeindliche Diskriminierung im Alltagsleben geschrieben. \u201eIch will kein Mitleid haben, ich will beschreiben, sensibel machen\u201c, so Thesing. Als er sich einmal in einen Zug setzte, dauerte es nur 23 Sekunden bis er den ersten Schwulenwitz h\u00f6rte. Wobei Homofeindlichkeit nicht nur von heterosexuellen Menschen ausge\u00fcbt wird. Thesing beschreibt in dem Buch auch, wie manche Schwule andere Schwule ausgrenzen. Dies passiert unter anderem auf Online-Plattformen wie PlanetRomeo oder Grindr. \u201eDas Internet ist f\u00fcr viele ein Raum, in dem man endlich mal sagen kann, was man sonst nicht sagen w\u00fcrde\u201c, schreibt Thesing. Auf schwulen Dating-Apps z\u00e4hlt in erster Linie das Aussehen, wobei ein bestimmter M\u00e4nnertyp (jung, sportlich, durchtrainiert, mit Six-Pack) besonders hoch im Kurs steht. Nat\u00fcrlich soll sich jede Person seine Sexpartner*innen aussuchen k\u00f6nnen. Entscheidend dabei ist jedoch, wie wir miteinander umgehen. Auf Dating-Apps gehen einige schwule M\u00e4nner \u201emit dem verbalen Holzhammer\u201c vor, schreibt Tesing. \u201eAnstand, Moral und Menschenrechte z\u00e4hlen da nur in gewissem Ma\u00dfe\u201c. In einem Internet-Profil hei\u00dft es beispielsweise: \u201eKeine Tucken. Keine Fetten. Keine Asiaten. Sorry, nicht b\u00f6se gemeint, aber ist nicht mein Typ\u201c. Ein anderer Mann will \u201ekeine Femininen und keine Schwarzen\u201c. Thesing stellt sich die Frage, wie dies bei den Betroffenen ankommt: \u201eWie muss sich das f\u00fcr die Menschen anf\u00fchlen, die schon von der heteronormativen Gesellschaft nicht akzeptiert werden, wenn sie innerhalb der eigenen Community ausgegrenzt und diskriminiert werden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Warum d\u00fcrfen M\u00e4nner nicht feminin sein?<\/h3>\n\n\n\n<p>Von schwulen M\u00e4nnern hat Thesing oft den Satz geh\u00f6rt: \u201eDu siehst gar nicht schwul aus.\u201c Gleich danach folgte die Erkl\u00e4rung, das sei ja durchaus positiv gemeint. Denn er wirke ja nicht feminin oder tuntig. Doch warum d\u00fcrfen M\u00e4nner nicht feminin sein? Thesing ist \u00fcber diese Diskriminierung ver\u00e4rgert: \u201eKlar, Arschl\u00f6cher gibt es \u00fcberall und toxische M\u00e4nnlichkeit macht auch vor Homosexuellen nicht automatisch Halt.\u201c Traurig sei es dennoch, \u201edass diese Arschl\u00f6cher die Orte infiltrieren, die als Safe Space herhalten k\u00f6nnten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in meiner psychotherapeutischen Praxis beobachte ich, dass psychische Beschwerden aufgrund von Bodyshaming zunehmen. Unter Bodyshaming verstehen wir die Diskriminierung, Dem\u00fctigung und Beleidigung von Menschen aufgrund des \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbildes. Meiner Ansicht nach sind in diesem Zusammenhang verschiedene Aspekte zu beachten:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Rassismus unter Schwulen <\/h3>\n\n\n\n<p>Bodyshaming hat nicht selten mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu tun: Wenn jemand in einem Internet-Profil \u201ekeine Asiaten, keine Schwarzen oder keine Araber\u201c schreibt, ist das Rassismus. Viele schwule Dating-Apps hatten lange Zeit sogar Ethnien-Filter, mit denen bestimmte Menschengruppen aussortiert werden konnten. Einige Anbieter haben diese mit der \u201eBlack Lives Matter\u201c-Bewegung zum Gl\u00fcck abgeschafft. Bei der im deutschsprachigen Raum beliebten Plattform PlanetRomeo existieren solche Filter leider noch immer. In der schwulen Community sind es meistens wei\u00dfe Cis-M\u00e4nner, die andere M\u00e4nner ausschlie\u00dfen. Dabei handelt es sich um kein Randph\u00e4nomen. In Gro\u00dfbritannien hat das \u201eGay Men\u2019s Sexual Health Charity\u201c dazu 850 schwule M\u00e4nner befragt. Demnach machten 81 Prozent der M\u00e4nner aus S\u00fcdostasien und 75 Prozent der schwarzen M\u00e4nner in der schwulen Szene Erfahrungen mit Rassismus. Immer wieder ist von wei\u00dfen Cis-M\u00e4nnern die Rechtfertigung zu h\u00f6ren, dass sie nicht rassistisch seien, sondern nur auf einen bestimmten \u201eTyp\u201c stehen. Doch solche Menschen sollten sich klar machen, dass sie nicht einen bestimmten \u201eTyp\u201c, sondern Vorurteile haben. Wobei Rassismus kein schwulenspezifisches Ph\u00e4nomen ist. So kam der Bericht \u00fcber \u201eRace and Attraction\u201c der heterosexuellen Plattform OKcupid zum Ergebnis, dass asiatische M\u00e4nner und schwarze Frauen die wenigsten Anfragen bekommen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Selbstoptimierung und Perfektion<\/h3>\n\n\n\n<p>Ein idealisiertes K\u00f6rperbild: Ein gro\u00dfes Problem sind idealisierte K\u00f6rpervorstellungen. In meine psychotherapeutische Praxis kommen Menschen, die depressiv und mit ihrem Aussehen unzufrieden sind. Sie versuchen alles, um einen bestimmten Traumk\u00f6rper zu erreichen. Dies passt zur neoliberalen Effizienz- und Leistungsgesellschaft, in der ein Drang zur Selbstoptimierung und zur Perfektion bestimmt. Das Motto lautet: Arbeite an dir, verbessere dein Aussehen, erst dann bist du erfolgreich, erst dann hast du es verdient, begehrt und geliebt zu werden. Ein \u00fcbertriebener K\u00f6rperkult kann jedoch zu psychischen Beschwerden wie Depressionen, Essst\u00f6rungen und Angstsymptomen f\u00fchren. Weil es dazu im deutschsprachigen Raum wenig Untersuchungen gibt, muss auf englischsprachiges Material verwiesen werden. In einer Umfrage des schwulen britischen Magazins Attitude kam heraus, dass 84 Prozent der queeren M\u00e4nner sich unter Druck gesetzt f\u00fchlen, einen \u201esch\u00f6nen\u201c K\u00f6rper zu haben. Eine von Psycholog*innen in den USA durchgef\u00fchrte Studie ergab, dass ein Drittel der 215 befragten schwulen M\u00e4nner wegen ihres Gewichts diskriminiert worden sind. Einem Marktforschungsinstitut in den USA zufolge sind schwule M\u00e4nner jene Bev\u00f6lkerungsgruppe, die am meisten Geld f\u00fcr Fitness ausgibt. Im \u201eInternational Journal of Eating Disorders\u201c wurde eine Studie ver\u00f6ffentlicht, wonach zwei Drittel der untersuchten M\u00e4nner, die an einer Essst\u00f6rung litten, schwul waren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Streben nach dem vermeintlichen Traumk\u00f6rper<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Streben nach dem vermeintlichen \u201eTraumk\u00f6rper\u201c verwundert nicht. Denn schwule Bars, Lokale, Clubbings, Internet-Plattformen werben im Regelfall mit durchtrainierten M\u00e4nnern. Doch die Fixierung auf ein solches M\u00e4nnerbild ist nicht nur patriarchal gepr\u00e4gt, sondern auch toxisch. Warum ist der Optimierungsdruck bei homosexuellen M\u00e4nnern tendenziell st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt als bei heterosexuellen M\u00e4nnern? Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung liefert der US-Psychologe Alan Downs in seinem Buch \u201eThe Velvet Rage\u201c. Seinen Worten zufolge gibt es bei schwulen M\u00e4nnern so etwas wie eine \u201eunerreichbare Perfektion\u201c. Downs vermutet, dass sie damit fr\u00fchere Erfahrungen der Ablehnung ausgleichen m\u00f6chten. Mit dem Wunsch, besser und sch\u00f6ner zu werden, wollen sie sich im Nachhinein Liebe und Anerkennung verdienen. Besonders absurd ist es, wenn in schwulen Dating-Plattformen oft zu lesen ist: \u201eHeterolike only\u201c oder \u201eStraight Acting\u201c. Hier werden M\u00e4nner als (Sex-)Partner gesucht, die von ihrem Aussehen, Auftreten und Benehmen wie Heteros (m\u00f6glichst m\u00e4nnlich, aber wenig feminin oder tuntig) sein sollen. Ernsthaft? Da setzen wir uns jedes Jahr in einer bunten Regenbogenparade f\u00fcr die sexuelle Vielfalt und die Gleichberechtigung von LGBTIQ*-Menschen ein, w\u00e4hrend gleichzeitig manche Schwule lieber einem heteronormativem Ideal nachstreben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Vielfalt leben <\/h3>\n\n\n\n<p>Wie kann hier ein Umdenken gelingen? Indem wir offener, bunter und toleranter in unserem Handeln, Auftreten und Einstellungen werden. Daher sollten wir uns fragen: Wie k\u00f6nnen wir in der LGBTIQ*-Community noch vielf\u00e4ltiger werden? Wie k\u00f6nnen wir gemeinsam gegen Rassismus auftreten? Welche Angebote haben wir beispielsweise f\u00fcr queere Menschen mit einer Behinderung? Wie k\u00f6nnen wir das Leben von alternden queeren Menschen f\u00f6rdern?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu feminin, zu dick, zu alt, zu wenig Muskeln Wer keinen \u201eperfekten\u201c K\u00f6rper hat, wird auf schwulen Dating-Plattformen oft schnell aussortiert \u201eMit Schwuchtel meine ich ja nicht dich.\u201c &#8211; \u201eWer von beiden ist die Frau?\u201c Diese und andere homofeindlichen Bemerkungen hat der junge schwule Mann Julius Thesing oft geh\u00f6rt. 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