{"id":4226,"date":"2023-12-01T00:06:00","date_gmt":"2023-11-30T23:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4226"},"modified":"2023-11-30T18:50:27","modified_gmt":"2023-11-30T17:50:27","slug":"viennale-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=4226","title":{"rendered":"Viennale 2023"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">So nah und doch so fern<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Im Zentrum der diesj\u00e4hrigen VIENNALE stehen f\u00fcr mich die Dokumentarbeitr\u00e4ge \u00fcber James Baldwin (1924-1987), \u201eVision\u00e4r\u201c und \u201eReformer\u201c, wie ihn der renommierte Literaturkritiker Sterling Brown in \u201eI heard it through the grapevine\u201c (USA 1982) von Dick Fontaine betitelt. Als schwarzer Schriftsteller, der sich vor allem in seinen Romanen \u2013 zum Beispiel \u201eGiovanni\u2019s Room\u201c, 1956 und \u201eAnother Country\u201c, 1962 \u2013 auch mit dem Thema Homosexualit\u00e4t auseinandersetzte, hatte Baldwin es schwer, als K\u00fcnstler in seinem Heimatland USA anerkannt zu werden. Aber auch als Mensch musste er immer wieder um Anerkennung ringen, fand sich mit den diversen Ma\u00dfnahmen der \u201eRassentrennung\u201c \u2013 ob nun verordnet oder kultiviert \u2013 \u202fund Vorf\u00e4llen allt\u00e4glicher Diskriminierung nicht ab, sondern beklagte sich bei Landsleuten, Verantwortlichen und Regierenden \u00fcber die menschenfeindliche Behandlung, die ihm, seinen Kolleg*innen und Freund*innen widerfuhr. Verbl\u00fcffend \u2013 weil in seiner fr\u00fchen Jugend nicht so wahrgenommen \u2013 rassistisch fand er Zeit seines intellektuellen Erwachsenenlebens auch die Seifenopern Hollywoods, die mit ihren romantischen Verkl\u00e4rungen und Klischeebildern zur Aufrechterhaltung wei\u00dfer Vorherrschaft beitr\u00fcgen; siehe dazu zum Beispiel sein Essay von 1976, \u201eThe devil finds work\u201c: \u201eSince the camera sees what you point it at: the camera sees what you want it to see. The language of the camera is the language of our dreams.\u201c Aber nat\u00fcrlich m\u00fcsse das nicht so sein, ist Baldwin \u00fcberzeugt, es sei nur so, dass die, die Interesse an einem ehrlichen und ernsthaften Blick auf die tats\u00e4chliche Lage der Nation(en), Kulturen und Menschen h\u00e4tten, nur selten zu Wort und Bild k\u00e4men. Regisseuren, denen Baldwin trotz aller Kontroversen mehr oder weniger vertraute, so dass er sich von ihnen filmen lie\u00df, sind \u2013 neben dem oben bereits erw\u00e4hnten Dick Fontaine \u2013 Sedat Pakay mit \u201eJames Baldwin: From another place\u201c (T\u00fcrkei 1973), Terence Dixon mit \u201eMeeting the man: James Baldwin in Paris\u201c (Frankreich\/UK 1970) und Horace Ov\u00e9 mit \u201eBaldwin\u2019s N*****\u201c (UK 1968). In den jeweiligen Dokumentaraufnahmen wird Baldwin auf Reisen gezeigt, wie er versucht, \u201eauf Distanz zu den USA\u201c zu gehen \u2013 seiner Auffassung nach \u201edas zentrale Unrechtssystem seiner Epoche\u201c (aus dem VIENNALE V\u201923-Katalog). In Istanbul, Paris und London ist die Kamera dabei, als der Autor und Aktivist B\u00fccherflohm\u00e4rkte erkundet, sich in Hotelzimmern einrichtet und als Vortragsredner geladen ist. Baldwin spricht bei diesen Gelegenheiten \u00fcber die USA als Herkunfts- und Heimatland, Liebe und Sexualit\u00e4t, Kreativit\u00e4t und Schreiben, Freiheit und politischen Aktivismus. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie Reisen die Sichtweise auf die Welt und damit das Leben ver\u00e4ndern kann, darum geht es auch im zweiten Beitrag der VIENNALE-Sparte \u201eHistoriografie\u201c mit zwei Filmen von David Schickele (1937-1999). Zwar eigentlich Musiker, wurde Schickele Anfang der 1960er vom US-amerikanischen Peace Corps als Englischlehrer nach Nigeria geschickt. Seine Erlebnisse dort verarbeitete er sp\u00e4ter in dem Dokumentarfilm \u201eGive me a riddle\u201c (USA\/Nigeria 1966). Er bezeichnete seine Erfahrungen in dem westafrikanischen Land als \u201elebensver\u00e4ndernd\u201c: \u201ephysically, emotionally, and intellectually, Nigeria was one of the great adventures of my life\u201c. Ein enger Freund in Nigeria war von Anfang an Paul Okpokam, der sowohl in dem ersten Film, als auch in dem zweiten eine Rolle spielt. \u201eBushman\u201c (USA 1971) ist zwar ein Spielfilm, mit Paul Okpokam als Gabriel, der 1968 nach San Francisco kommt, um \u201eder amerikanischen Demokratie eine Chance\u201c zu geben, verarbeitet jedoch auch die Erfahrungen von Okpokam selbst, der in den sp\u00e4ten 1960ern in die USA immigriert und Schickele \u00fcberhaupt dazu inspiriert, diesen Film \u00fcber einen Afrikaner in Amerika zu drehen, nachdem Schickeles erster Film von einem Amerikaner in Afrika handelte. W\u00e4hrend \u201eGive me a riddle\u201c von der Entkolonialisierungseuphorie der Jahre direkt nach der Unabh\u00e4ngigkeit ab 1960 berichtet, aber auch von westlichen Vorurteilen gegen\u00fcber afrikanischer Emanzipation und Kultur erz\u00e4hlt, geht der Spielfilm \u201eBushman\u201c die Themen Rassismus, Unterdr\u00fcckung und Diskriminierung kritischer an. Gabriel kommt in den sp\u00e4ten 1960ern in den USA an, als das Land von politischen Morden, rassistischen Gewalttaten und b\u00fcrgerrechtlichen Aufst\u00e4nden bestimmt ist. Zudem herrscht in seinem Herkunftsland Nigeria \u2013 nach Reform- und Aufbruchsstimmung der unmittelbaren postkolonialen \u00c4ra \u2013 seit 1967 B\u00fcrgerkrieg, und die b\u00fcrokratischen USA-Einwanderungsh\u00fcrden drohen sich umso mehr zu einer Katastrophe f\u00fcr Gabriel auszuweiten. Entsprechend geht der Film weit \u00fcber die urspr\u00fcnglich geplante Thematik von kulturellen Missverst\u00e4ndnissen und Gegens\u00e4tzen hinaus und bringt scheinbare Gewissheiten \u00fcber Kulturen, Staaten und Menschlichkeit politischer Machthaber ins Wanken. <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich werdet ihr nun fragen, wo bleiben die queeren Filme. Meine Antwort: Man kann Baldwin mit seinen explizit homosexuellen Romansujets getrost als queer bezeichnen. Er hat sich selbst als Verb\u00fcndeter geoutet: \u201eEverybody\u2019s journey is individual. If you fall in love with a boy, you fall in love with a boy. The fact that many Americans consider it a disease says more about them than it does about homosexuality.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Und auch Schickele ist der queeren Thematik nicht fern mit seinem Einsatz f\u00fcr sozial und kulturell Benachteiligte und dem Bestreben, \u201ezu einer Verbesserung der Welt beitragen\u201c zu wollen. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Mademoiselle-Kenopsia-1024x576.jpg\" alt=\"Mademoiselle Kenopsia\" class=\"wp-image-4228\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Mademoiselle-Kenopsia-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Mademoiselle-Kenopsia-300x169.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Mademoiselle-Kenopsia-150x84.jpg 150w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Mademoiselle-Kenopsia-768x432.jpg 768w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Mademoiselle-Kenopsia-1200x675.jpg 1200w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Mademoiselle-Kenopsia.jpg 1344w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Mademoiselle Kenopsia<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Und da sind andere, die der diesj\u00e4hrigen VIENNALE ebenfalls ihren individuell eigensinnigen Stempel aufgedr\u00fcckt haben. Da w\u00e4re zum Beispiel Denis C\u00f4t\u00e9 aus Kanada, der 2013 auf der Berlinale den Alfred-Bauer-Preis f\u00fcr die lesbische Liebeshassbeziehung von \u201eVic and Flo saw a bear\u201c erhielt. Bei der diesj\u00e4hrigen VIENNALE war er mit \u201eMademoiselle Kenopsia\u201c dabei. Der Beitrag erinnerte viele Kritiker*innen an Isolations- und Einsamkeitsszenarien der Corona-Pandemie. Tats\u00e4chlich spielt das Ganze in einem riesigen leerstehenden Geb\u00e4ude, mit einer Frau, die nach eigener Aussage Ruhe, Stille und viel Platz sucht, dann aber doch von der Eint\u00f6nigkeit der Situation \u00fcberfordert ist. Meistens sieht man nur sie und abbl\u00e4tternde Wand- und Deckenbeschichtungen, sich aufrollende Fu\u00dfbodenverkleidungen, verhaltenen Lichtschein durch die Gardinen, als wenn sich die blasse Person vor Sonnenlicht sch\u00fctzen m\u00fcsse. Scheinbar ist sie nicht in der Lage, das Geb\u00e4ude zu verlassen, obwohl sie stets gut gekleidet auf unerwarteten Besuch vorbereitet scheint, der aber nur dreimal kommt. Einmal ist es eine Frau, die Schutz und Best\u00e4tigung sucht, die Gestik der Bewohnerin bewundert und nachahmt, weil sie ihrer eigenen nicht traut, ein andermal ein Handwerker, der eine Kamera anbringt und dem die Bewohnerin so lange auf die Pelle r\u00fcckt, bis er das Weite sucht. Die dritte Person ist die Vermieterin, der es in dem Geb\u00e4ude fr\u00f6stelt, die aber immerhin Kuchen mitgebracht hat. Im \u00dcbrigen scheint die Bewohnerin zur Schlaflosigkeit verdammt, man sieht sie nur schauen, umherwandern, h\u00f6chstens Mal auf den Schreibtisch gelehnt wegnicken, aber in keinem Bett schlafend, nicht essend, es werden auch keine Eink\u00e4ufe gebracht. Au\u00dfer der Torte, die die Vermieterin mitbringt, ist wohl nichts gewesen. Wirklich langweilig ist der Film nicht, aber auch nicht spannend. Ich fragte mich, warum man so etwas \u00fcberhaupt schaut und gab mir die Antwort, dass ich es nicht wei\u00df. Und dann wieder finde ich die blasse Frau in wei\u00dfer Bluse und schwarzer Hose, die mit ihren nass zur\u00fcckgek\u00e4mmten Haaren jederzeit so aussieht, als k\u00e4me sie gerade aus der Dusche, faszinierend und be(un)ruhigend zugleich. Denn man sieht sie \u2013 au\u00dfer, wenn sie telefoniert, merkw\u00fcrdige Pr\u00e4senzkonversationen f\u00fchrt und durch die R\u00e4ume schreitet \u2013 ansonsten nichts tun. Sie existiert einfach nur, als w\u00e4re sie eine Figur aus den Tageb\u00fcchern einer mehr oder weniger bekannten Online-Therapeutin aus Deutschland, die genau dazu r\u00e4t, n\u00e4mlich einfach zu existieren und sich selbst genug zu sein, ohne nach Ablenkung zu suchen. So gesehen ein Film mit vollkommener Handlung. <\/p>\n\n\n\n<p>Und hat man nach all der filmischen Melancholie immer noch nicht genug von der VIENNALE, bleibt nur, anderweitig Verpasstes nachzuholen, zum Beispiel die Ausstellung \u201eOstreport\u201c von Karol Radziszewski in der Galerie EXILE, Elisabethstr. 24, 1010 Wien, gleich ums Eck vom Museumsquartier, die w\u00e4hrend der VIENNALE er\u00f6ffnet wurde und noch bis zum 9. Dezember l\u00e4uft. Radziszewski ist K\u00fcnstler und stellt seine neuesten Werke aus sowie historisches Material zum Thema Ost-West-Verbindungen innerhalb der LGBTIQ*-Community. Im Ausstellungsbegleittext werden \u00fcbrigens die HOSI Wien und die von ihr in den 1980ern betreute Initiative EEIP Eastern European Information Pool sowie die Gr\u00fcndung der \u00d6sterreichischen AIDS-Hilfe im Jahr 1985 herausgehoben. In dem Zusammenhang erw\u00e4hnt wird auch Kurt Krickler als AIDS-Aktivist der ersten Stunde, der in den 1980ern per Motorrad Blutproben von Budapest nach Wien schmuggelte, um Mitgliedern der schwulen Community in Ungarn anonyme HIV-Tests zu erm\u00f6glichen. Als Radziszewski von den Zusammenh\u00e4ngen erfuhr, malte er extra f\u00fcr die Ausstellung ein gro\u00dfformatiges Bild mit dem Titel \u201eBlood transport\u201c, das Krickler auf seinem Motorrad zeigt. Radziszewski will damit nicht nur Kricklers Engagement w\u00fcrdigen, sondern auch die historisch gewachsenen Verbindungen von LGBTIQ*-Initiativen in Ost und West verdeutlichen: \u201e\u2026honoring not only the protagonist\u2019s remarkable engagement but also referencing the broad network and intense exchange between gay activists in Vienna and neighboring countries in the East.\u201c <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So nah und doch so fern Im Zentrum der diesj\u00e4hrigen VIENNALE stehen f\u00fcr mich die Dokumentarbeitr\u00e4ge \u00fcber James Baldwin (1924-1987), \u201eVision\u00e4r\u201c und \u201eReformer\u201c, wie ihn der renommierte Literaturkritiker Sterling Brown in \u201eI heard it through the grapevine\u201c (USA 1982) von Dick Fontaine betitelt. 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