{"id":398,"date":"2021-03-12T00:51:02","date_gmt":"2021-03-12T00:51:02","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=398"},"modified":"2021-05-09T12:36:01","modified_gmt":"2021-05-09T12:36:01","slug":"psychische-gesundheit-unterm-regenbogen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=398","title":{"rendered":"Psychische Gesundheit unterm Regenbogen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dar\u00fcber reden wir<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Genau 50 Jahre ist es her, dass gleichgeschlechtliche Liebe in \u00d6sterreich legalisiert wurde. Und eine ganze Menge hat sich seit 1971 ver\u00e4ndert. Heute haben wir die Ehe f\u00fcr homosexuelle Paare, Antidiskriminierungsgesetze zumindest in der Arbeitswelt und trotz aller bestehenden Probleme das grunds\u00e4tzliche Recht auf einen dritten Geschlechtseintrag. Doch in einer wichtigen Frage ist leider noch bei weitem nicht so viel weitergegangen in den letzten 50 Jahren: Bei der psychischen Gesundheit der LGBTIQ*-Community.<\/p>\n\n\n\n<p>Als schwuler Mann erlebe ich selber Tag f\u00fcr Tag, was f\u00fcr ein immenses Stigma es auch heute noch gibt, wenn es darum geht, in unserer Community \u00fcber psychische Gesundheit zu reden. Und obwohl es dazu bei weitem nicht genug Studien gibt, wissen wir, dass psychische Erkrankungen gerade f\u00fcr Schwule, Lesben, Bisexuelle und ganz besonders transidente und intergeschlechtliche Menschen noch immer ein riesiges Thema sind. Die Auswirkungen davon erleben wir in unserem Freundeskreis, bei unseren Bekannten und manchmal sogar in der eigenen Beziehung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Corona-Krise und damit die Lockdowns, das Fehlen von Safe Spaces und das Wegfallen von sozialen Kontakten \u2026 all das hat die Situation in den letzten Monaten noch akuter gemacht. Mehr denn je geht es f\u00fcr alle von uns nicht nur darum, auf unsere eigene psychische Gesundheit zu achten, sondern auch andere in unserer Community zu unterst\u00fctzen. Der beste und einfachste Weg dazu: Das offene, tabulose Gespr\u00e4ch starten und gemeinsam das Stigma rund um psychische Erkrankungen \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Warum ist psychische Gesundheit so ein wichtiges Thema?<\/h3>\n\n\n\n<p>Angst, Stress und Ausgrenzung. All das erlebt unsere Community auch im Jahr 2021 und auch in einer Stadt wie Wien immer noch. Trotz aller Fortschritte, die wir gemacht haben, leben wir in einer Welt, die sich in weiten Teilen an heteronormativen Idealen orientiert. Auch wenn viele von uns inzwischen das Gl\u00fcck haben, in Familien aufzuwachsen, die ihre sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentit\u00e4t akzeptieren und ein sicheres Umfeld bieten, erleben wir im Alltag noch immer Ausgrenzung oder Diskriminierung. Und allein die Angst davor \u2013 die Unsicherheit, wenn man die Hand des*der Freund*in in der \u00d6ffentlichkeit h\u00e4lt \u2013 f\u00fchrt zu immensem psychischen Druck. Andere erleben leider auch in ihrem engsten Umfeld auf schmerzhafte Weise, was es bedeutet, nicht als die Person akzeptiert zu werden, die man ist. <\/p>\n\n\n\n<p>All das f\u00fchrt dazu, dass Menschen in der LGBTIQ*-Community mit besonderen Belastungen konfrontiert sind, wenn es um ihre psychische Gesundheit geht. Der Begriff \u201eMinderheitenstress\u201c beschreibt dieses Ph\u00e4nomen. Kurz gesagt geht es dabei um den allt\u00e4glichen Stress, den Gruppen wie unsere Community, die noch immer von Marginalisierung betroffen sind, erleben \u2013 bewusst oder unbewusst. Dazu geh\u00f6ren sowohl wirklich erlebte Diskriminierungen im pers\u00f6nlichen Leben als auch die Angst vor Ablehnung, bl\u00f6den Kommentaren oder sogar Gewalterfahrungen. Das konstante \u201eim Hinterkopf behalten\u201c der M\u00f6glichkeit, dass etwas aufgrund unserer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentit\u00e4t passieren k\u00f6nnte, f\u00fchrt in vielen F\u00e4llen schlicht und einfach zu chronischen Stresserfahrungen, die unseren Alltag einschr\u00e4nken. Dazu kommen auch Ph\u00e4nomene innerhalb der eigenen Community, die Druck auf uns machen \u2013 von unrealistischen K\u00f6rperidealen bis hin zu Rassismus, Sexismus und Transphobie auch in unseren eigenen Reihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klar ist nat\u00fcrlich, dass jede*r von uns solche Erfahrungen ganz pers\u00f6nlich erlebt. F\u00fcr viele ist das vor allem in einer weltoffenen Stadt wie Wien vielleicht kein gro\u00dfes Problem und sie denken gar nicht viel dar\u00fcber nach, ob ihnen Ausgrenzungen widerfahren k\u00f6nnten. Und das ist eine gute Entwicklung. Nichtsdestotrotz sollten wir alle, egal wie sicher und \u201eangekommen\u201c wir uns f\u00fchlen, von Zeit zu Zeit innehalten und dar\u00fcber nachdenken, wie es uns geht. Denn das vorhandene Datenmaterial zeigt immer noch, dass unsere Community von psychischen und psychosozialen Problemen deutlich \u00f6fter betroffen ist, als die Gesamtbev\u00f6lkerung.<\/p>\n\n\n\n<p>In zahlreichen F\u00e4llen wirkt sich dieser Stress auf eine erh\u00f6hte Zahl von Depressivit\u00e4t oder Angstst\u00f6rungen, in besonders intensiven F\u00e4llen durch vermehrten Drogenkonsum oder Suizidalit\u00e4t. Eine US-Studie hat in diesem Zusammenhang  die Frage von Resilienz untersucht, also unsere F\u00e4higkeit, mit all den beschriebenen Stressfaktoren umzugehen.1 Die Forscher*innen haben gezeigt, dass gerade f\u00fcr junge Menschen in der LGBTIQ*-Community der Stress durch Outing und die Beurteilung durch ihr Umfeld besonders h\u00e4ufig zu Depressionen und Angsterfahrungen f\u00fchren kann. Klar geworden ist auch, dass Unterst\u00fctzung aus der Community, Safe Spaces und sensibilisierte Personen im Bildungs- und Gesundheitswesen gerade f\u00fcr diese Gruppe einen enormen Unterschied machen\u2013 sowohl in Hinblick auf ihre psychische Gesundheit als auch auf ihren Alltag. Resilienz kann aufgebaut und gest\u00e4rkt werden, Herausforderungen k\u00f6nnen zur Chance werden und damit eine M\u00f6glichkeit bieten, die eigene psychische Gesundheit auch als Erwachsene in den Fokus zu r\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Pandemie ist eine Herausforderung f\u00fcr alle von uns<\/h3>\n\n\n\n<p>Vor dem Hintergrund der allt\u00e4glichen Erfahrungen, die unsere Community seit Jahrzehnten begleiten, stellt die Corona-Pandemie seit fast einem Jahr nat\u00fcrlich eine ganz besondere Herausforderung dar. Lockdown und geschlossene Schulen, der Wegfall von Community-Treffpunkten, von Vereinszentren und Szene-Lokalen haben das Leben von vielen ordentlich eingeschr\u00e4nkt. Weltweit und auch in \u00d6sterreich mussten vor allem junge, queere Menschen oft verst\u00e4rkt Zeit in famili\u00e4ren Umfeldern verbringen, die nicht von Akzeptanz gepr\u00e4gt waren. Supportsysteme wie Jugendgruppen und Vereinsabende fielen weg oder verlagerten sich in den digitalen Raum. Unterstrichen wurde dieser besorgniserregende Befund schon im April 2020 von der Menschenrechtskommissarin der UNO, Michelle Bachelet, die vor den besonderen Auswirkungen der Corona-Krise auf die weltweite LGBTIQ*-Community warnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Forscher*innen aus London sprechen in einer Befragung daher von einer \u201eKrise der psychischen Gesundheit\u201c innerhalb unserer Community durch die Pandemie.2 Allein das Verstecken der eigenen Geschlechtsidentit\u00e4t oder sexuellen Orientierung im Familienumfeld f\u00fchre in vielen F\u00e4llen zu besonderem Stress. In der \u201eQueerant\u00e4ne-Studie\u201c berichten die Befragten von erlebter Homo- und Transphobie, depressiven Episoden und erh\u00f6htem Gebrauch von Suchtmitteln. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese und andere Studien zeigen, dass unsere Community verst\u00e4rkt unter einem Trend leidet, der die ganze Bev\u00f6lkerung trifft \u2013 die besondere psychosoziale Belastung durch Pandemie und Lockdowns. In Wien haben wir mit einer Vorreiter-Studie schon im Fr\u00fchjahr 2020 erhoben, dass ein Viertel der Wiener*innen durch die Pandemie eine sp\u00fcrbare Verschlechterung der eigenen psychischen Gesundheit erlebt hat. 40 Prozent der Befragten erlebten \u00c4ngstlichkeit und Lustlosigkeit, rund ein Drittel berichtete von Hoffnungslosigkeit und mehr als jede*r Zehnte musste schwere Konflikte im Familienumfeld mitmachen. Besonders betroffen von all dem sind Gruppen, die auch unter wirtschaftlicher Ungleichheit, Jobverlust und Druck am Arbeitsmarkt leiden. All diese Ph\u00e4nomene, das zeigen uns internationale Studien, treffen unsere Community in der Pandemie besonders stark.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"596\" height=\"598\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/darueberredenwir.jpg\" alt=\"#dar\u00fcberredenwir\" class=\"wp-image-402\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/darueberredenwir.jpg 596w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/darueberredenwir-300x300.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/darueberredenwir-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 596px) 100vw, 596px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Dar\u00fcber reden hilft<\/h3>\n\n\n\n<p>Unter dem Motto \u201eDar\u00fcber reden wir\u201c haben die Psychosozialen Dienste in Wien vor eineinhalb Jahren eine Kampagne gegen das Stigma rund um psychische Erkrankungen gestartet. Der Titel klingt simpel \u2013 gerade in der aktuellen Krise ist er aber die wichtigste Perspektive, wenn es um die psychische Gesundheit unter dem Regenbogen geht!<\/p>\n\n\n\n<p>Der beste Start, um Stress und psychische Belastungen anzupacken, ist durch das offene, tabulose Gespr\u00e4ch \u2013 sowohl f\u00fcr uns selbst als auch f\u00fcr unsere Freund*innen. Nur indem wir in unserem Umfeld dar\u00fcber sprechen, wie es uns geht, k\u00f6nnen wir verhindern, dass Probleme zu ausgewachsenen Krisen werden. Das bedeutet aber auch, um Hilfe zu fragen, wenn wir sie brauchen und Menschen in unserem Umfeld dabei zu unterst\u00fctzen, wenn n\u00f6tig Hilfsangebote anzunehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Psychische Erkrankungen sind Krankheiten. Wenn wir sie ignorieren, k\u00f6nnen sie schlimmer oder sogar chronisch werden \u2026 so wie alle anderen Krankheiten auch. Wenn wir aber unser eigenes psychisches Wohlbefinden ernst nehmen, offen dar\u00fcber reden und Unterst\u00fctzung suchen, wenn wir sie brauchen, dann kann das unseren Alltag und unsere Leben zum Besseren ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(1) Studie \u201eThe association of resilience, perceived stress and predictors of depressive symptoms in sexual and gender minority youths and adults\u201d; University of Missouri-Columbia (2015); McElroy, Jane A. et al.; https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/19419899.2015.1076504<br>(2) Queerantine Studie; University of London; Kneale, Dylan; https:\/\/queerantinestudy.wixsite.com\/mysite<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"border-style:dotted;padding: 1em 1em 1em 1em;\"><strong>Mehr Infos findet ihr unter: <\/strong><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.darueberredenwir.at\" target=\"_blank\">www.darueberredenwir.at<\/a> <br><br>\u2029Tipps, Perspektiven und Anleitungen bietet die Kampagne \u201eDar\u00fcber reden wir\u201c auch auf Instagram und Facebook: @darueberredenwir\u2029<br>Schnelle, unkomplizierte Hilfe bietet die Corona-Sorgenhotline Wien unter 01 4000 53000 (Mo-So von 8 bis 20 Uhr)\u2029<br>Weitere Hotlines f\u00fcr akute Krisen und Notf\u00e4lle sind auf <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.psd-wien.at\/corona-sorgenhotline-wien.html\" target=\"_blank\">https:\/\/www.psd-wien.at\/corona-sorgenhotline-wien.html<\/a> gesammelt.<br><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dar\u00fcber reden wir Genau 50 Jahre ist es her, dass gleichgeschlechtliche Liebe in \u00d6sterreich legalisiert wurde. 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