{"id":370,"date":"2021-03-12T00:56:06","date_gmt":"2021-03-12T00:56:06","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.lambdanachrichten.at\/?p=370"},"modified":"2021-05-09T12:34:29","modified_gmt":"2021-05-09T12:34:29","slug":"einmischen-ja-bitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=370","title":{"rendered":"Einmischen? Ja bitte!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Mensch muss die Herren Autokraten und Diktatoren immer wieder daran erinnern, dass die Au\u00dfenpolitik-Zeiten, in denen die Herrschenden mit ihren Untertanen tun und lassen konnten, was sie wollten, der Vergangenheit angeh\u00f6ren. Und keiner sollte sich mehr \u2013 wie es j\u00fcngst der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdogan tat \u2013 darauf berufen, dass \u201eniemand das Recht habe, sich in interne Angelegenheiten einzumischen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Proteste rund um die, ohne die bislang \u00fcbliche Wahl, erfolgte Rektoren-Ernennung der renommierten Istanbuler Bogazi\u00e7i- (oder Bosporus\u2011)Universit\u00e4t begannen Anfang J\u00e4nner. Studierende und Professor*innen hielten \u2013 und halten \u2013 diesen neuen Rektor \u2013 einen treuen AKP-Parteifreund Erdogans \u2013 f\u00fcr nicht legitimiert und au\u00dferdem fachlich ungeeignet. Mit kreativen Aktionen wollten sie die Entscheidung r\u00fcckg\u00e4ngig machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn der Proteste versuchte Erdogan, \u201eTerroristen\u201c f\u00fcr diese Demonstrationen verantwortlich zu machen \u2013 um damit die Bev\u00f6lkerung gegen die Protestierenden aufzubringen. Ende J\u00e4nner kam dem Regime dann ein Bild in einer Ausstellung am Campus der Universit\u00e4t gerade recht, um die Kritik gegen die LGBTIQ*-Community zu richten. Das Bild zeigte die Gro\u00dfe Moschee von Mekka, anstelle der Kaaba war in der Mitte Shahmaran zu sehen, ein mystisches Wesen aus Frau und Schlange, und die vier Ecken des Bildes schm\u00fcckten die Fahnen der LGBTIQ*-Bewegung. Das gen\u00fcgte, um den Islam-Studien-Club der Bogazi\u00e7i-Universit\u00e4t (BISAK) zu folgender Aussage zu verleiten: \u201eWir werden niemals erlauben, dass islamische Werte innerhalb unserer Universit\u00e4t l\u00e4cherlich gemacht werden. Wir akzeptieren nicht, dass diese Unmoral in k\u00fcnstlerischer Verkleidung legitimiert werden soll.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Chef der t\u00fcrkischen Religionsbeh\u00f6rde, Ali Erba\u015f, nahm den Ball auf und verurteilte die \u201eAttacke\u201c auf die Kaaba und auf \u201eunsere islamischen Werte\u201c, diese \u201eRespektlosigkeit\u201c w\u00fcrde verfolgt werden. Er hatte schon im vergangenen Jahr mit homophoben Attacken auf sich aufmerksam gemacht, indem er z. B. meinte, Homosexualit\u00e4t verursache Krankheiten und zersetze Familien\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Der Chef der Istanbuler Staatsanwaltschaft stimmte in den Chor der selbsternannten Moral- und Werte-Verteidiger ein und k\u00fcndigte wegen der \u201eBeleidigung religi\u00f6ser Werte, an die ein Teil der Gesellschaft glaubt\u201c eine Untersuchung gegen den Vorfall an. Kurz danach wurden vier Student$innen verhaftet. Am Morgen des 30. J\u00e4nner twitterte dann Innenminister S\u00fcleyman Soylu: \u201eVier LGBT Perverse wurden wegen Respektlosigkeit gegen\u00fcber der Kaaba \u2026 verhaftet.\u201c Der Innenminister machte \u00fcbrigens auch mit der Aussage Schlagzeilen, \u201eUniversit\u00e4ten sollten nicht demokratisch sein\u201c, um damit die \u2013 gegen alle Usancen \u2013 stattgefundene Ernennung des neuen Rektors der Bogazi\u00e7i-Universit\u00e4t zu legitimieren\u2026 Ein wahrer Demokrat, dieser Herr Innenminister!<\/p>\n\n\n\n<p>Am 1. Februar reihte sich Pr\u00e4sident Erdogan selbst in die Reihe der LGBTIQ*-feindlichen Twitter-User seiner AKP-Getreuen ein, und lobte die Jungen in seiner AK-Partei, dass sie \u201ekeine LGBT-Jugend\u201c seien. Die Proteste wurden gr\u00f6\u00dfer, die Polizei-Gewalt eskalierte: 159 Protestierende wurden festgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter legte Erdogan noch nach: In der T\u00fcrkei sei \u201ekein Platz f\u00fcr LGBT\u201c, denn die T\u00fcrkei sei \u201enationalistisch und moralisch\u201c, nur \u201emit diesen Werten\u201c marschiere man in die Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00fcndenbock-Politik ist also angesagt, gespickt mit \u201etraditionellen Werten\u201c und dem \u201eKampf gegen Unmoral\u201c. Das soll wohl gegen die miserablen Umfragewerte der AKP helfen, und gegen die Unzufriedenheit in der Bev\u00f6lkerung mit der \u2013 auch aufgrund der Pandemie \u2013 schlechten sozialen und wirtschaftlichen Lage.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Methode hat ja weltweit Anh\u00e4nger$innen: Von Duterte auf den Philippinen \u00fcber Bolsonaro in Brasilien und den mittlerweile zum Gl\u00fcck abgew\u00e4hlten Trump in den USA bis hin zu Orb\u00e1n in unserem Nachbarland Ungarn (wo die Regierung gegen eine tempor\u00e4r aufgestellte regenbogenfarbene Freiheitsstatue als einem der Symbole der Black-Lives-Matter-Bewegung wetterte) oder dem auch nicht weit entfernten Polen mit seiner Recht- und Gerechtigkeitspartei PiS: Homophobie und Sexismus gehen Hand in Hand mit patriarchal-toxischer M\u00e4nnlichkeit, wenn es darum geht, traditionelle Werte herbeizuzitieren, um sich damit Mehrheiten bei Wahlen zu beschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Einzige was dagegen hilft, ist demokratisches Aufbegehren, ist Widerstand und Einfordern von Gerechtig\u00adkeit, gleichen Rechten sowie demo\u00adkratischem Vorgehen. Und Sich-Einmischen: daheim und anderswo. Im Kleinen wie im Gro\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeiten der Nicht-Einmischung bei Menschenrechtsverletzungen sind auch in der internationalen Politik l\u00e4ngst vorbei. Die EU sollte auch hier mehr Flagge zeigen: Die Pressemeldung der EU-Botschaft in Ankara vom 2. Februar 2021 enth\u00e4lt zwar all die richtigen Aussagen, sie kritisiert neben den Verhaftungen und dem Versammlungsverbot in den Bezirken rund um die Universit\u00e4t auch den \u201eHate speech\u201c hochrangiger Beamter und Politiker gegen LGBTIQ*-Studierende und fand das Schlie\u00dfen einer LGBTIQ*-Organisation \u201einak-zeptabel\u201c. Vom f\u00fcr die T\u00fcrkei zust\u00e4ndigen Kommissionsmitglied, dem Erweiterungskommissar Oliver V\u00e1rhelyi, konnte ich jedoch rund um sein Treffen mit dem t\u00fcrkischen Au\u00dfenminister Mevlut Cavusoglu am 21. J\u00e4nner oder jetzt nach der Eskalation kein Statement mit Kritik an den Menschenrechtsverletzungen und den immer wiederkehrenden Hassreden gegen die LGBTIQ*-Community finden. Hier sind klarere Worte angesagt \u2013 denn wie gesagt: Einmischung ist in diesem 21. Jahrhundert, in dem wir oftmals bef\u00fcrchten, die Uhren der Zeit w\u00fcrden zur\u00fcckgedreht, Gebot der Stunde. Auch wenn die Herren Autokraten und Diktatoren uns anderes glauben machen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Quellen:<br>DuvaR.english vom 31.1.2021<br>FAZ vom 2.2.2021<br>NZZ vom 2.2.2021<br>\u00d61 Mittagsjournal, 5.2.2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mensch muss die Herren Autokraten und Diktatoren immer wieder daran erinnern, dass die Au\u00dfenpolitik-Zeiten, in denen die Herrschenden mit ihren Untertanen tun und lassen konnten, was sie wollten, der Vergangenheit angeh\u00f6ren. 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