{"id":2522,"date":"2023-09-01T00:20:00","date_gmt":"2023-08-31T22:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2522"},"modified":"2023-09-01T00:18:34","modified_gmt":"2023-08-31T22:18:34","slug":"von-wohlwollender-ignoranz-zu-aktiver-interessenvertretung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2522","title":{"rendered":"Von wohlwollender Ignoranz zu aktiver Interessenvertretung"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber die Entwicklung der HOSI Wien in trans Themen\u00a0\u00a0<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Einen Artikel f\u00fcr eine Lambda-Ausgabe mit einem transgender Schwerpunkt zu schreiben ist nicht ganz einfach. Denn die Lambda ist nicht nur eine von mehreren LGBTIQ-Zeitschriften (\u00fcbrigens die \u00e4lteste erscheinende im deutschsprachigen Raum), sondern vor allem die Zeitschrift der HOSI Wien. Damit steht dieser Text nicht im luftleeren Raum, ganz im Gegenteil: Er steht im Kontext der Vereinsgeschichte und muss sich dieser stellen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Denn die HOSI Wien setzte sich lange Zeit nicht in relevantem Ausma\u00df f\u00fcr transgender Menschen ein und hatte infolgedessen noch lange danach keinen besonders guten Ruf in diesem Teil der Community. Das war teilweise begr\u00fcndet, teilweise vielleicht auch etwas voreilig, doch wie das nun einmal so ist, wenn sich etwas einmal verbreitet hat, wird das ein-, zweimal Geh\u00f6rte schnell zum vielfach Weitererz\u00e4hlten. Aber wie war es wirklich?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, wie so oft ist es etwas komplexer, als dass es sich auf eine einfache Formel bringen lie\u00dfe. Zun\u00e4chst ist da die historische Tatsache, dass die HOSI Wien 1979 von schwulen cisgender M\u00e4nnern gegr\u00fcndet wurde, Lesben kamen erst zwei Jahre sp\u00e4ter dazu. In den 1980ern war der Kampf um Akzeptanz und Gleichberechtigung noch schwerer als heute, und er begann mit dem Ringen um Selbst-Akzeptanz. Der HOSI Wien war vor allem letztere immer ein zentrales Anliegen (deswegen sind bei uns auch die Community-Arbeit und die Arbeit als Interessenvertretung nicht getrennt, wie das etwa in LGBTIQ-Organisationen in anderen L\u00e4ndern der Fall ist). Sie nannte sich selbstbewusst \u201cHomosexuelle Initiative (HOSI) Wien \u2013 1. Lesben- und Schwulenverband \u00d6sterreichs\u201c, bis heute ist das der vollst\u00e4ndige Vereinsname. Zugegeben, man k\u00f6nnte trotz seiner Geschichtstr\u00e4chtigkeit \u00fcber ein Update nachdenken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Lesbengruppe \u00f6ffnete sich bereits 1984 f\u00fcr trans Frauen.&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>O. k., die HOSI war also ein Zwei-Geschlechter-Verein, der sich einfach nicht besonders f\u00fcr andere Teile der Community interessierte? Ein Eindruck, den man leicht bekommen k\u00f6nnte. Weniger bekannt ist, dass die Lesbengruppe der HOSI Wien bereits 1984 als erste Lesbengruppe in Europa beschlossen hat, sich f\u00fcr trans Frauen zu \u00f6ffnen. Auch gab es immer wieder Zusammenarbeit mit der trans Community, die sich in den folgenden Jahren selbst zu organisieren begann.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war \u00fcbrigens auf den ausdr\u00fccklichen Wunsch der Selbstvertretungsorganisationen von trans Personen, dass die HOSI Wien sich zu deren Themen lange Zeit zur\u00fcckhielt: Erstens leisteten sie bereits die konkrete Arbeit, zweitens hatten sie die Kompetenz und wir nicht, und drittens konnte so \u00fcber lange Jahre hinweg verhindert werden, dass die Anliegen von transgender Menschen gegen jene von Lesben, Schwulen oder Bisexuellen ausgespielt werden w\u00fcrden (da man dann als Interessenvertretung schlicht nicht zust\u00e4ndig war und nicht in die Zwickm\u00fchle eines Abtausches gebracht werden konnte).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So gab es \u00fcber viele Jahre hinweg \u00fcbersichtlich getrennte Bereiche in der Community. Wo man nicht zust\u00e4ndig ist, baut man keine Kompetenz auf, und wo keine Kompetenz ist, ist man nicht zust\u00e4ndig. Au\u00dferdem gingen ohnehin trans Menschen zu trans Organisationen und Lesben, Schwule und Bisexuelle zu den ihren. Man sah sich bei Demos wie der Regenbogenparade oder Veranstaltungen wie dem Regenbogenball, aber sonst war eine gewisse wohlwollende Ignoranz verbreitet. Bis die Welt begann, etwas komplizierter zu werden. Intergeschlechtlichkeit wurde zunehmend thematisiert und mit VIM\u00d6 eine eigene Interessenvertretung gegr\u00fcndet. Mit neuen \u00dcberlegungen in der Genderforschung und der Queer Theory wurden allzu simple Vorstellungen von ausschlie\u00dflich zwei Geschlechtern hinterfragt. Das verlief nicht ganz konfliktfrei, auch nicht in der HOSI Wien, wie Lambda-Leser:innen der mittleren 2010er-Jahre wissen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trans und intergeschlechtliche Menschen wurden Teil der HOSI und ver\u00e4nderten sie.&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig passierte etwas, das man als die \u201cnormative Macht des Faktischen\u201c bezeichnen k\u00f6nnte: Es kamen einfach immer mehr transgender, vereinzelt auch intergeschlechtliche Jugendliche in die Jugendgruppe der HOSI Wien. Denn auch diese war, obwohl sie lange nur wenig fachliche Unterst\u00fctzung beim Thema bieten konnte, immer offen f\u00fcr alle, die sich der LGBTIQ-Community zugeh\u00f6rig f\u00fchlen. Sie bot und bietet einen offenen Rahmen, in dem man ohne gro\u00dfe Hemmschwelle andere kennenlernen kann, meist ohne Programm und einfach in freundschaftlicher Atmosph\u00e4re. So wurden aus jungen trans und intergeschlechtlichen Menschen im Lauf der Jahre auch trans und intergeschlechtliche Aktivist:innen und Mitglieder der HOSI Wien.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese forderten irgendwann, in ihrem Verein aktiv f\u00fcr trans und intergeschlechtliche Anliegen arbeiten zu k\u00f6nnen. Dem wurde nicht immer von allen mit Wohlwollen begegnet, Ver\u00e4nderungen gingen nur z\u00e4h voran. Der Wunsch danach blieb jedoch, und so kam es schlie\u00dflich bei der Generalversammlung 2018 dazu, dass die Mitglieder diese Frage entschieden \u2013 und zwar eindeutig, n\u00e4mlich mit rund 80 Prozent f\u00fcr eine Reform der HOSI Wien. Sie best\u00e4tigten diesen Kurs dann 2019 mit einer umfassenden Statutenreform, die die vollst\u00e4ndige \u00d6ffnung f\u00fcr transgender und intergeschlechtliche Anliegen und die Wahrnehmung der Verantwortung als Interessenvertretung brachte. Bei letzterem stimmen wir uns bis heute m\u00f6glichst eng mit den Selbstvertretungsorganisationen in der trans und intergeschlechtlichen Community ab.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind diesen Weg konsequent weitergegangen und heute ist v\u00f6llig unzweifelhaft, dass trans und intergeschlechtliche Menschen zur HOSI Wien geh\u00f6ren und diese an ihrer Seite steht. Als etwa im Juni von der \u00d6VP ein Verbot von Konversionstherapien ventiliert wurde, das nur f\u00fcr die \u201cHeilung\u201c der sexuellen Orientierung, nicht aber der Geschlechtsidentit\u00e4t gelten sollte, haben wir noch am selben Tag dagegen Stellung bezogen. Unsere Obfrau Ann-Sophie Otte sagte zu den Medien: \u201cDass ausgerechnet trans und intergeschlechtliche Menschen nicht vor Quacksalbern und Pseudotherapien gesch\u00fctzt werden sollen, ist v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich. Was will die \u00d6VP denn damit sagen? Dass es nicht so schlimm ist, wenn trans und intergeschlechtliche Menschen in Depression und schlimmstenfalls Suizid getrieben werden, aber bei anderen schon? Das wollen wir doch nicht hoffen.\u201c Das ist es, was gelebte Solidarit\u00e4t innerhalb der gesamten LGBTIQ-Community bedeutet: Sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Nicht f\u00fcr den eigenen Vorteil andere vor den Bus werfen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gesellschaftlicher Fortschritt ist kein Kuchen, bei dem man um das gr\u00f6\u00dfte St\u00fcck rauft.&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>Denn eines muss uns klar sein: Wenn Rechte oder religi\u00f6se Fundis heute behaupten, das mit den Schwulen und Lesben k\u00f6nne man ja noch tolerieren, aber diese trans Sache ginge zu weit, dann ist das meist keine redlich gezogene Grenze ihres ethischen Empfindens, sondern ein blo\u00dfes Zugest\u00e4ndnis an den Zeitgeist. Sie wissen, dass sie heute mit Homo-Hass nicht mehr mehrheitsf\u00e4hig sind. Das ist aber keine echte Akzeptanz von Menschen, die anders sind. Man sieht es am Hass, den die religi\u00f6se Rechte in den USA gegen Drag Queens sch\u00fcrt und diese in immer mehr Bundesstaaten zu verbieten versucht. Im April haben Rechtsextreme versucht, den Hass nach \u00d6sterreich zu importieren, als es in der Villa eine Kinderbuchlesung gab, gegen die sie demonstrierten. (Womit sie \u00fcbrigens erb\u00e4rmlich gescheitert sind, die Gegenkundgebung der Community war um ein Vielfaches gr\u00f6\u00dfer und \u00fcbert\u00f6nte ihren Hass.) Letztlich meinen sie immer dasselbe: Alles, was nicht ihrem Modell von Vater-Mutter-Kind entspricht, wollen sie nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Bewegung hatte noch nie Erfolg, wenn wir uns angepasst haben. Wie schon Johanna Dohnal so richtig gesagt hat: \u201cAus taktischen Gr\u00fcnden leisezutreten, hat sich noch immer als Fehler erwiesen.\u201c Egal, ob wir selbst im Fummel rumlaufen oder nicht, ob wir cis- oder transgender sind, ob wir in b\u00fcrgerlichen Berufen arbeiten oder in der Kunstszene: Respekt f\u00fcr Andere und Menschenrechte sind unteilbar. Gesellschaftlicher Fortschritt ist kein Kuchen, bei dem man um das gr\u00f6\u00dfte St\u00fcck rauft, sondern eine empfindliche Pflanze, die aktive Pflege braucht. Sie w\u00e4chst in alle Richtungen, von den Wurzeln bis zu den Bl\u00fcten, oder sie geht ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Entwicklung der HOSI Wien in trans Themen\u00a0\u00a0 Einen Artikel f\u00fcr eine Lambda-Ausgabe mit einem transgender Schwerpunkt zu schreiben ist nicht ganz einfach. 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