{"id":2519,"date":"2023-09-01T00:19:00","date_gmt":"2023-08-31T22:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2519"},"modified":"2023-09-01T00:18:38","modified_gmt":"2023-08-31T22:18:38","slug":"als-lesbe-sichtbar-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2519","title":{"rendered":"Als Lesbe sichtbar sein"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Evelyn Torton Beck wurde 1933 in Wien geboren und musste als Sechsj\u00e4hrige mit ihren Eltern und ihrem Bruder vor dem NS-Regime fliehen. Die Gro\u00dfmutter blieb in Wien zur\u00fcck und wurde von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet. Sie studierte sp\u00e4ter vergleichende Literaturwissenschaften und promovierte 1969 an der University of Wisconsin-Madison. 1982 wurde sie ebendort Professorin f\u00fcr Vergleichende Literaturwissenschaft, German and Women&#8217;s Studies. 1984 folgte sie einem Ruf an die University of Maryland in Washington D.C., wo sie das Women&#8217;s Studies Program etablierte. Nach ihrer Emeritierung 2002 promovierte sie 2004 in Klinischer Psychologie an der Fielding Graduate University, wo sie bis heute als Alum Fellow am Creative Longevity and Wisdom Project t\u00e4tig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNice Jewish Girls. A Lesbian Anthology\u201c ist eine ihrer erfolgreichsten Publikationen. Barbara Fr\u00f6hlich und Petra M. Springer sprachen mit Evelyn Torton Beck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>BF|PS<\/strong>: Wir haben anl\u00e4sslich 40 Jahre HOSI-Wien-Lesben*gruppe ein Buch gemacht, mit dem Titel: SICHTBAR. Wie wichtig ist lesbische Sichtbarkeit f\u00fcr dich?\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ETB<\/strong>: Sie ist f\u00fcr mich sehr wichtig. Gegenw\u00e4rtig ist es ganz anders als fr\u00fcher. In den 1970er und 1980er Jahren wollten wir alle sichtbar sein und haben vieles gemacht, um sichtbar zu bleiben. Es ist noch immer wichtig, aber die Gesellschaft hat sich ver\u00e4ndert. Damals sollten wir \u00fcberhaupt nicht da sein. Daher mussten alle Homosexuellen, aber besonders Frauen und Lesben, sichtbar gemacht werden. Ich war z. B.\u202fsehr aktiv in Frauenstudien. Frauen und auch Lesben sind weniger sichtbar. Das finde ich problematisch. Ich denke mir, wie kann ich als Lesbe sichtbar sein, wenn es kein Thema ist. In den fr\u00fchen Jahren, wo immer ich war,\u202fwollte ich, dass sie wissen, wer ich bin: Lesbe und J\u00fcdin. Aber jetzt ist es gef\u00e4hrlicher, aktivistisch zu sein. Das ist furchtbar und macht mich sehr traurig. Wir sind weit gekommen und gleichzeitig gibt es R\u00fcckschritte. Antisemitismus, Homophobie und Sexismus steigen. Wir hatten damals Aufkleber, die wir auf sexistische Werbung geklebt haben. Darauf stand: Das schadet Frauen. Heute w\u00fcrde man daf\u00fcr eingesperrt werden, heute ist alles komplizierter, finde ich.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>BF|PS<\/strong>: Du hattest Anfang der 1970er Jahre dein Coming-out, inwieweit war Sichtbarkeit aufgrund von der Stonewall pr\u00e4gend?\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ETB<\/strong>: Die waren furchtbar wichtig. F\u00fcr mich waren das sehr wichtige Sachen, die uns alle geholfen haben, aber ich wohnte tausend Meilen weg von New York und konnte nicht dabei sein. Es war der Anfang, als Lesben und Schwule sichtbar wurden, obwohl wir schon immer da waren.\u202f\u202f\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe geheiratet, habe zwei Kinder mit einem Mann, aber ich f\u00fchlte mich schon als junge Frau lesbisch. Ich wusste, dass ich mit Frauen zusammen sein wollte, aber wo ich aufgewachsen bin, man musste wahnsinnig sein. Ich habe in B\u00fcchern gelesen, dass es eine Krankheit ist, dass man eingesperrt wird. Da habe ich gesagt, das bin ich nicht. Sp\u00e4ter, als ich schon geoutet war,\u202fhabe ich wirklich verstanden, dass diese Zeit damals sehr schlimm war f\u00fcr Lesben. Ich glaube die M\u00f6glichkeit des Lesbischseins steckt in jeder Frau, wie\u202fAlix Dobkin sagt: \u201eEvery woman can be a lesbian\u201c. Mir hat der Feminismus geholfen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe eine Tochter, die Lesbe ist und die vor mir ihr Coming-out hatte. Sie war mein Vorbild. Es war schwierig f\u00fcr mich. Ich war sehr f\u00fcr die Freiheit f\u00fcr alle, f\u00fcr meine kleine Tochter, die 14 Jahre alt war, aber das konnte ich nicht ganz klar sehen damals. Als ich dann endlich herauskam, war ich schon Professorin und jeder hat geklatscht. Sie hat sich ge\u00e4rgert, f\u00fcr mich war es so leicht, aber f\u00fcr sie habe ich es so schwer gemacht. Das war nicht sch\u00f6n, aber &#8230; Mit meiner Tochter bin ich heute sehr gut befreundet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>BF|PS<\/strong>: \u201eNice Jewish Girls. A Lesbian Anthology\u201c (1982, 1989) \u2013 erste lesbische j\u00fcdische Anthologie, wie wurde diese aufgenommen von J\u00fcdinnen und Juden?\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ETB<\/strong>: Ja, es gab nur einzelne Texte in feministischen Zeitschriften. Dieses Buch war so ein Zusammenkommen. Es gab nach der Anthologie nicht viele B\u00fccher zum Thema, nicht viele j\u00fcdisch-lesbische Anthologien.\u202f\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch entstand, weil es so viel Homophobie in der j\u00fcdischen Gemeinde gab, sowie Antisemitismus bei den Lesben. Die Presse hat das Buch ziemlich gut aufgenommen. Nur eine ganz kleine Gruppe von M\u00e4nnern hat gesagt: \u201eIhr seid \u00fcberhaupt nicht j\u00fcdisch, raus aus der j\u00fcdischen Gemeinde.\u201c Aber das waren Ausnahmen. Ich habe noch alle Rezensionen, etwa 50, das waren damals sehr viel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>BF|PS<\/strong>: Du warst Mitbegr\u00fcnderin der j\u00fcdischen feministischen lesbischen Gruppe Di Vilde Chayes?\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ETB<\/strong>: Ja, das ist jiddisch. Ich war eine der Gr\u00fcnderinnen. Die meisten, die dabei waren, haben f\u00fcr dieses Buch \u201eNice Jewish Girls\u201c geschrieben, wie Adrienne Rich. Wir haben uns ein paar Mal im Jahr getroffen. Da haben wir besprochen, was hei\u00dft es, j\u00fcdisch zu sein, es ist eine Religion, aber es ist auch noch viel mehr. Gibt es eine Geschichte von j\u00fcdischen Lesben? Zum Beispiel Gertrude Stein, die j\u00fcdisch war, lesbisch lebte, aber niemand hat dar\u00fcber gesprochen. Wir hatten nicht die Absicht, uns in die israelische Politik einzumischen. Das war nicht unser Ziel, aber manche Frauen haben geschrieben, es sollte kein j\u00fcdischer Staat sein und haben viel gegen den Staat geschrieben. Damals wurden wir irgendwie hineingezogen. Das war etwas, das wir dann ge\u00e4ndert haben. Wir mussten etwas dar\u00fcber sagen. Israel ist sehr kompliziert.\u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Wir konnten nicht so lange zusammenbleiben, weil Adrienne Rich, die k\u00f6rperlich behindert war, musste nach California ziehen, ich war in Wisconsin, das war dann zu schwierig zusammenzuarbeiten. In einem Ordner habe ich Sachen, die wir schrieben, aber nie gedruckt wurden. Es gab ein kleines Heft, einen Newsletter, der war auch f\u00fcr j\u00fcdische Lesben. Und auch noch eine kleinere Gruppe j\u00fcdischer Lesben, T\u00f6chter von Holocaust\u00fcberlebenden, da war ich dabei, die sich auseinandersetzten was es bedeutet lesbische T\u00f6chter von Holocaust\u00fcberlebenden zu sein. Manche waren selbst Holocaust\u00fcberlebende. Ich bin eine der \u00c4ltesten, es gibt nicht viele, die so alt wie ich sind. Ich war schon \u201eerwachsen\u201c, als ich Feministin wurde und ich bin lesbische Feministin. Wir haben hier eine j\u00fcdische, lesbische Gruppe, die zwei, drei Mal pro Jahr zusammenkommt, Chanukka feiert oder sich zu Pessach trifft. Pessach ist sehr wichtig f\u00fcr uns, weil es ein Fest der Freiheit ist.\u202f&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>BF|PS<\/strong>: Wir haben gelesen, du malst und schreibst Gedichte.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ETB<\/strong>: Ich male mehr, als ich Gedichte schreibe. Ich habe ein Gedicht \u00fcber meine Mutter geschrieben. Ich benutze die Kunst. Ich finde, dass die Kunst sehr die Seele sch\u00fctzt. Meistens male ich Landschaften, expressionistische Bilder, die mehr abstrakt sind. Ich habe auch ein Bild meiner Gro\u00dfmutter, die in Auschwitz umgekommen ist, mit Bleistift gezeichnet.\u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>BF|PS<\/strong>: Wie wurde in deiner Familie der Holocaust verarbeitet?\u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>ETB<\/strong>: Man durfte nicht viel dar\u00fcber sprechen. Meine Mutter war sehr ersch\u00fcttert nach dem Krieg, als sie herausgefunden hatte, dass ihre Mutter in Auschwitz ermordet wurde. Sie hat manchmal von ihrer Mutter gesprochen. Mein Vater war ein ganzes Jahr im KZ Buchenwald und Dachau, er hat wenig dar\u00fcber gesprochen. Ich glaube, er wollte das nicht mit uns besprechen, das war zu schwierig. Mein Bruder und ich haben kein Deutsch mehr gesprochen, als wir hierher kamen habe ich nur Italienisch gesprochen, wir waren drei Jahre in Italien. Mit meiner Mutter und meinem Vater habe ich Deutsch gesprochen, aber dann aufgeh\u00f6rt Deutsch zu sprechen. In der h\u00f6heren Schule, als 15,16-j\u00e4hrige, las ich Thomas Mann. Tonio Kr\u00f6ger war meine Lieblingsgeschichte, \u00fcber diesen Maler, der nicht in die deutsche Gesellschaft passt. Deshalb habe ich angefangen, Deutsch zu studieren und die Sprache wieder erlernt. In den letzten Jahren war ich nach Deutschland eingeladen, auch mehrmals nach Wien. Ich habe auch eine Therapie gemacht, nicht nur als Therapeutin, sondern auch als Patientin. Die Sprache ist irgendwie viel flie\u00dfender zur\u00fcckgekommen. Ich f\u00fchle mich ganz anders jetzt in der Sprache, sie ist sehr wichtig f\u00fcr mich. Wien hat mich immer angezogen, meine Mutter ist dort geboren, sie ist mit Antisemitismus aufgewachsen. Obwohl sie j\u00fcdisch war, die Familie war nicht religi\u00f6s. Ich glaube, sie f\u00fchlte sich als Wienerin, und hat mich unterst\u00fctzt. Mein Vater war h\u00f6chst patriarchal.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>BF|PS<\/strong>: Danke f\u00fcr das interessante Gespr\u00e4ch.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Evelyn Torton Beck wurde 1933 in Wien geboren und musste als Sechsj\u00e4hrige mit ihren Eltern und ihrem Bruder vor dem NS-Regime fliehen. Die Gro\u00dfmutter blieb in Wien zur\u00fcck und wurde von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet. 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