{"id":2508,"date":"2023-09-01T00:16:00","date_gmt":"2023-08-31T22:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2508"},"modified":"2023-09-01T00:18:53","modified_gmt":"2023-08-31T22:18:53","slug":"transpersonen-und-hiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2508","title":{"rendered":"Trans*Personen und HIV"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tats\u00e4chlich ein h\u00f6heres Risiko?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Laut Statistik von UNAIDS, dem gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen gegen HIV\/Aids, leben derzeit ca. 39 Millionen Menschen weltweit mit HIV. Das entspricht knapp 0,5\u202f% der Weltbev\u00f6lkerung. Hier sieht man allerdings enorme regionale Unterschiede: In manchen L\u00e4ndern ist die HIV-Pr\u00e4valenz um ein Vielfaches h\u00f6her, in \u00d6sterreich und Deutschland mit ca. 0,1\u202f% deutlich niedriger.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch nicht nur geografisch, auch in Bezug auf unterschiedliche Bev\u00f6lkerungsgruppen gibt es gro\u00dfe Unterschiede; so wird z.\u202fB. f\u00fcr die Gruppe der M\u00e4nner, die Sex mit M\u00e4nnern haben, eine globale Pr\u00e4valenz von 7,7\u202f% angegeben. Und f\u00fcr trans*idente Menschen wurde die HIV-Pr\u00e4valenz weltweit gesehen mit 10,3\u202f% noch h\u00f6her eingesch\u00e4tzt. Wie kann man sich das erkl\u00e4ren und stimmt das auch f\u00fcr \u00d6sterreich?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dr. Florian Breitenecker ist HIV-Experte in Wien und betreut in seiner allgemeinmedizinischen Teampraxis auch viele trans*idente Patient*innen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>BL<\/strong>: Laut UNAIDS-Zahlen lebt statistisch gesehen jede zehnte trans*idente Person mit HIV. Siehst du das bei dir in der Ordination auch? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>FB<\/strong>: Hier muss man erst mal grunds\u00e4tzlich festhalten, dass diese Zahlen schwierig zu sch\u00e4tzen sind. Und da es sich um globale Daten handelt, gibt es regional wirklich massive Unterschiede. Man kann also solche Zahlen sicherlich nicht auf \u00d6sterreich umlegen. In einer gro\u00dfen Umfrage in Deutschland z.\u202fB. gaben \u00fcber 2.300 trans*idente Menschen ihren HIV-Status an und es ergab sich eine HIV-Pr\u00e4valenz von 0,7\u202f%. Das ist also wesentlich weniger, als in der UNAIDS-Statistik berechnet wurde. Aber trotzdem im Vergleich zur Gesamtbev\u00f6lkerung durchaus erh\u00f6ht. Ich denke, damit k\u00f6nnte die Situation in \u00d6sterreich ganz gut vergleichbar sein. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>BL<\/strong>: Wie erkl\u00e4rst du die h\u00f6heren HIV-Zahlen in der Trans*Community? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>FB<\/strong>: Menschen der Trans*Community sind vulnerabler gegen\u00fcber sexuell \u00fcbertragbaren Infektionen (STIs) und damit auch HIV. Diese Vulnerabilit\u00e4t h\u00e4ngt mit sehr vielen Aspekten zusammen, die teils ineinandergreifen, z.\u202fB. mit Minorit\u00e4ten-Stress, mit Ausgrenzung und Diskriminierung. Oder z.\u202fB. mit k\u00f6rperlicher und\/oder sexueller Gewalt. Oder z.\u202fB., dass es vergleichsweise schwieriger sein kann, gew\u00fcnschtes sexuelles Verhalten und auch Safer Sex mit Sexualpartner*innen zu verhandeln. Genauso spielt es eine Rolle, wie gut Angebote im Gesundheitsbereich in Anspruch genommen werden k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6rt Beratung ebenso wie Testung und Therapie von STIs. Tats\u00e4chlich meiden nonbin\u00e4re Menschen oft den Gesundheitsbereich, weil sie bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben, oder von solchen Erfahrungen ausgehen. Das ist leider auch bei uns in \u00d6sterreich der Fall. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>BL<\/strong>: Das sind einige Beispiele f\u00fcr psychosoziale und gesellschaftliche Faktoren. Gibt es auch biologische Hintergr\u00fcnde?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>FB<\/strong>: Die gibt es zwar auch, allerdings nicht mit Daten belegbar. Und im Vergleich spielen sie sicher eine untergeordnete Rolle. Es ist z.\u202fB. zu vermuten, dass eine Neovagina (Vagina einer trans Frau, durch geschlechtsangleichende Operation, Anm. d. Red.) leichter verletzlich ist, da sie nicht die gleiche Feuchtigkeit hat wie die Schleimhaut einer Cisvagina (Vagina einer nicht-trans Frau, Anm. d. Red.). Das kann auch bei Trans*M\u00e4nnern mit Vagina eine Rolle spielen, da Testosteron zum Austrocknen der Schleimhaut f\u00fchren kann. Beides erh\u00f6ht in Folge das HIV-Risiko. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>BL<\/strong>: Gibt es Unterschiede in Diagnostik oder Therapie einer STI? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>FB<\/strong>: Nein. F\u00fcr ein komplettes STI-Screening wird bei allen Patient*innen eine Blutprobe zum Test auf HIV, Hepatitis und Syphilis genommen. F\u00fcr die Chlamydien- und Tripper-Diagnostik wird bei allen ein Rachen- und ein Analabstrich gemacht. Und zus\u00e4tzlich kommt hier bei Menschen mit Vagina ein Vaginalabstrich und bei Menschen mit Penis noch eine Harnprobe dazu, da spielt trans oder cis gar keine Rolle. Und f\u00fcr eine potenzielle Therapie bei positivem Befund auch nicht. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>BL<\/strong>: Das nonbin\u00e4re Spektrum ist bekanntlich wunderbar divers. Wenn wir mal nur Trans*Frauen und Trans*M\u00e4nner betrachten, siehst du einen Unterschied in Bezug auf HIV? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>FB<\/strong>: Ja, den gibt es, und man sieht auch in Studien, dass Trans*Frauen einem h\u00f6heren HIV-Risiko ausgesetzt sind bzw. die Pr\u00e4valenz in dieser Gruppe h\u00f6her ist. Das liegt z.\u202fB. daran, dass sie (statistisch gesehen, das muss nicht auf individuelle Lebenssituationen zutreffen) im Vergleich zu Trans*M\u00e4nnern h\u00e4ufiger psychischer, physischer und sexueller Gewalt ausgesetzt sind, h\u00e4ufiger in der Sexarbeit t\u00e4tig sind oder z.\u202fB. Analverkehr eine gr\u00f6\u00dfere Rolle in der Sexualit\u00e4t spielt. Und Analverkehr birgt halt in Bezug auf HIV das h\u00f6chste Risiko. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>BL<\/strong>: Wie sieht es denn hier mit Schutz vor HIV durch PrEP aus? Ist PrEP auch f\u00fcr Trans*Personen geeignet? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>FB<\/strong>: Auf jeden Fall! F\u00fcr alle Menschen kann die richtig angewendete PrEP mit dementsprechender medizinischer Begleitung eine ausgezeichnete Schutzoption sein, ganz unabh\u00e4ngig von der geschlechtlichen Identit\u00e4t oder z.\u202fB. einer Transition oder Hormontherapie. Wenn, je nach individuellem Risiko, eine PrEP sinnvoll erscheint, ist hier eigentlich nur die Art der PrEP-Einnahme zu besprechen. Personen, die ausschlie\u00dflich Analverkehr praktizieren, k\u00f6nnen auch eine anlassbezogene PrEP einsetzen, da sich die PrEP-Medikamente in der Analschleimhaut schneller anreichern. F\u00fcr alle anderen gilt: Die durchgehende PrEP erm\u00f6glicht hocheffektiven Schutz vor HIV. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>BL<\/strong>: Was w\u00fcrdest du dir f\u00fcr die Trans*Community hier in \u00d6sterreich w\u00fcnschen? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>FB<\/strong>: Ich w\u00fcrde mir tats\u00e4chlich oft w\u00fcnschen, dass wesentlich mehr Respekt und Akzeptanz und Toleranz in den Gesundheitsbereichen gelebt w\u00fcrden bzw. selbstverst\u00e4ndlich w\u00e4ren. Immer wieder berichten mir Patient*innen von Situationen, in denen sie respektlos behandelt werden, etwa wenn die Bitte um eine ad\u00e4quate Anrede schlichtweg missachtet wird. Selbst die Ablehnung von medizinischen Behandlungen ist Realit\u00e4t. Und hier schlie\u00dft sich der Kreis zu deiner Frage anfangs: kein Wunder also, wenn mit solchen Erfahrungen die Menschen Kontakt zum Gesundheitsbereich meiden, wie z.\u202fB. f\u00fcr STI-Screenings. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>BL<\/strong>: Wie k\u00f6nnte man mehr Angebote mit einem respektvollen Umgang erreichen? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>FB<\/strong>: Es ist durchaus mit dem HIV-Bereich vergleichbar. Vieles h\u00e4ngt mit Unwissenheit zusammen. Das gesamte Fachgebiet der Trans*Medizin m\u00fcsste mehr Aufmerksamkeit bekommen, es br\u00e4uchte f\u00fcr alle Bereiche im Gesundheitssystem mehr Information und Fortbildungen und Interesse. Dann w\u00e4re es auch viel einfacher, f\u00fcr Menschen aus der Trans*Community mehr Angebote aufzubauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tats\u00e4chlich ein h\u00f6heres Risiko? 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