{"id":2505,"date":"2023-09-01T00:15:00","date_gmt":"2023-08-31T22:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2505"},"modified":"2023-09-01T00:18:57","modified_gmt":"2023-08-31T22:18:57","slug":"das-biologische-geschlecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2505","title":{"rendered":"Das biologische Geschlecht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">In den Debatten \u00fcber Transidentit\u00e4t wird leider oft mit einer zu stark vereinfachten Biologie des Geschlechts (fehl)argumentiert. Deswegen m\u00f6chte ich hier einen etwas ausf\u00fchrlicheren Abriss \u00fcber das biologische Geschlecht geben, um zu zeigen, dass es wirklich mehr als zwei biologische Geschlechter gibt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fortpflanzung ist (a)sexuell <\/h3>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Gruppe an Lebewesen ist nahezu geschlechtlos: Einzeller und Bakterien teilen sich einfach \u2013 aus einem Bakterium werden zwei. Aber Bakterien k\u00f6nnen unabh\u00e4ngig Erbinformation (DNA) aufnehmen und weitergeben: manche Bakterien tragen eine besondere DNA (das F-Plasmid), die es ihnen erm\u00f6glicht, DNA auf andere Bakterien (ohne F-Plasmid) zu \u00fcbertragen. Dadurch werden die Empf\u00e4nger-Bakterien auch Tr\u00e4ger des F-Plasmids. Eine Geschlechtsumwandlung? <\/p>\n\n\n\n<p>Vermehrung ohne Vermischung von DNA \u2013 das ist die asexuelle Fortpflanzung, die zum Beispiel auch bei Pflanzen vorkommt (durch Ausl\u00e4ufer, oder wenn wir Stecklinge ziehen). Sehr viele Spezies k\u00f6nnen sich nur \u00fcber Vermischung der DNA, der sexuellen Fortpflanzung, vermehren (wie zum Beispiel Menschen). Und viele k\u00f6nnen beides (wieder zum Beispiel Pflanzen). <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was ist \u201ebiologisches\u201c Geschlecht? <\/h3>\n\n\n\n<p>Vereinfacht gesagt gibt es bei der sexuellen Vermehrung einen \u201egebenden\u201c und einen \u201eempfangenden\u201c Aspekt. Die DNA kommt vom einem zum anderen Aspekt, wo sich die DNA beider Aspekte vermengen und den Ursprung f\u00fcr ein neues, unabh\u00e4ngiges Individuum bilden. <\/p>\n\n\n\n<p>Warum schreibe ich nicht einfach \u201eMann\u201c und \u201eFrau\u201c? Weil es viele Spezies gibt, wo ein einzelnes Individuum beide Aspekte durchf\u00fchren kann: Beispiele daf\u00fcr sind verschiedene Baumarten, Regenw\u00fcrmer, Schnecken. Bei manchen passiert das alles sogar buchst\u00e4blich beim selben Individuum als Selbstbefruchtung, zum Beispiel bei der Marille. Sie sind Zwitter, Hermaphroditen &#8211; ist das ein drittes Geschlecht? <\/p>\n\n\n\n<p>Bei anderen Spezies k\u00f6nnen die Aspekte nacheinander auftreten. Es gibt viele Fischarten, bei denen sich weibliche Tiere in m\u00e4nnliche Tiere umwandeln, mit steigendem Alter oder bei ver\u00e4nderter Wassertemperatur. Also eine nat\u00fcrliche Geschlechtsumwandlung. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Frauen und M\u00e4nner? <\/h3>\n\n\n\n<p>Viele Spezies haben eine Aufteilung in \u201egebende\u201c und \u201eempfangende\u201c Individuen entwickelt, was mal mehr und mal weniger stark im \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild bemerkt werden kann (k\u00f6nnen Sie eine weibliche Pappel von einer m\u00e4nnlichen unterscheiden?). Bei einigen Spezies hat sich diese Unterscheidung auch in der Organisation der DNA niedergeschlagen. Beim Menschen ist die DNA in 23 genau definierte Teilst\u00fccke aufgeteilt, die Chromosomen. Jede Zelle im K\u00f6rper hat diese Chromosomen doppelt: je eines dieser Chromosomen von der Mutter und eines vom Vater \u2013 so vermischt sich beim Menschen die Erbinformation in 23 Chromosomenpaare = 46 Chromosomen. <\/p>\n\n\n\n<p>Chromosomenpaare #1-22 sind die sogenannte Autosomen, sie wirken sich wenig auf das biologische Geschlecht aus. Das Chromosomenpaar #23 umfasst die Geschlechtschromosomen X und Y. Die meisten Menschen haben als Chromosomenpaar XX (biologisch weiblich) oder XY (biologisch m\u00e4nnlich). Aber es gibt Menschen mit nur einem X Chromosom, aber kein Y Chromosom \u2013 man schreibt das X0 (Turner-Syndrom). Es gibt auch XXX, XXY (Klinefelter-Syndrom) oder auch XYY. Sind sie nun \u201eFrauen\u201c oder \u201eM\u00e4nner\u201c? Sind sie ein drittes Geschlecht? Oder ein Zwischengeschlecht? <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Von den Chromosomen zum K\u00f6rper <\/h3>\n\n\n\n<p>Die DNA ist die Blaupause, das Rezept, nach dem der K\u00f6rper ausgehend von einer einzelnen befruchteten Eizelle aufgebaut wird. Das ist ein interaktiver Prozess mit starker gegenseitiger Beeinflussung aller Komponenten. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Prinzip haben alle Menschen die gleichen Organe mit den gleichen Funktionen \u2013 Lunge, Herz, Leber und so weiter. Auch die Geschlechtsorgane haben im Prinzip die gleiche Funktion \u2013 Bereitstellen der Keimzellen (Eizelle und Samenzelle) f\u00fcr die Vermischung der DNA bei der Fortpflanzung. Aber beim Menschen hat sich zus\u00e4tzlich noch eine ausgepr\u00e4gte Unterst\u00fctzungsfunktion f\u00fcr die Nachkommen entwickelt \u2013 das Austragen und S\u00e4ugen. Deswegen gibt es unterschiedliche geschlechtsbezogene Organe: Vulva, Ovarien, Vagina, Uterus, milcherzeugendes Brustgewebe, Penis, Hoden, Prostata und viele weitere. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber am Anfang, im Embryo, finden sich die gleichen Gewebsans\u00e4tze. Erst durch die Aktivit\u00e4t der Geschlechtschromosomen und der freigesetzten Geschlechtshormone (\u00d6strogen, Testosteron) entwickeln sich diese gleichen Ans\u00e4tze in unterschiedliche Richtungen. Dieser komplexe Prozess f\u00fchrt zu den \u00fcblichen biologischen Variationen \u2013 unterschiedliche Gr\u00f6\u00dfe und Formen bei den \u00e4u\u00dferen Geschlechtsorganen sind offen sichtbar. Dar\u00fcber hinaus gibt es Personen, bei denen sich die Geschlechtsorgane mehr oder weniger stark als Zwischenformen oder Doppelformen entwickeln, was unter dem Begriff \u201eIntergeschlechtlichkeit\u201c zusammengefasst wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Ist nun also Intergeschlechtlichkeit das \u201edritte biologische Geschlecht\u201c? <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">K\u00f6rper und Geist <\/h3>\n\n\n\n<p>Es wird viel von den prim\u00e4ren und sekund\u00e4ren Geschlechtsorganen gesprochen, wenn es um das biologische Geschlecht geht. Aber ein Organ kommt dazu: das Gehirn. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Gehirn ist der biologische Grund f\u00fcr unseren Geist, unser Bewusstsein, unser \u201eIch\u201c. Bei Geschlecht und Vermehrung muss das Gehirn mehrere Aufgaben \u00fcbernehmen: unter anderem das Erkennen des eigenen Geschlechts, das Erkennen des Geschlechts anderer Personen, und das Verlangen nach anderen Personen (oft limitiert auf ein bestimmtes Geschlecht). Wie diese Festlegungen passieren, ist noch nicht gekl\u00e4rt. Es ist wahrscheinlich eine Mischung aus Erbinformation, Botenstoffen im K\u00f6rper, Einfl\u00fcsse aus der Umwelt und der Kultur, und schlichtem Zufall. Dabei findet die Ausformulierung des Verst\u00e4ndnisses zum eigenen Geschlecht deutlich vor der Pubert\u00e4t statt, wohl schon deutlich vor der Ausformulierung der eigenen sexuellen Orientierung. <\/p>\n\n\n\n<p>Und nun die Krux: auch diese biologische Funktion des Gehirns ist variabel und nicht bei allen Menschen gleich. Das f\u00fchrt dazu, dass manche Personen sich als \u201eweiblich\u201c, \u201em\u00e4nnlich\u201c, \u201ebeides\u201c, \u201ekeines von beidem\u201c erleben, auch wenn ihre anderen Geschlechtsmerkmale, Chromosomen und\/oder die ausgebildeten Geschlechtsorgane, auf ein anderes Geschlecht hinweisen. Das ist die Basis von trans und nicht-bin\u00e4rer Geschlechtsidentit\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Gehirn ist Teil des K\u00f6rpers und Teil der Biologie des Menschen. Damit ist auch das Bewusstsein ein Teil des biologischen Geschlechts. Man kann Gehirn und Bewusstsein nicht willk\u00fcrlich vom Rest des K\u00f6rpers abtrennen. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine veraltete Argumentation <\/h3>\n\n\n\n<p>Man sieht, eine bin\u00e4re Kategorisierung in \u201em\u00e4nnlich\u201c und \u201eweiblich\u201c, oder sogar \u201eMann\u201c und \u201eFrau\u201c, ist bei all den real existierenden biologischen Variationen nicht m\u00f6glich. <\/p>\n\n\n\n<p>Intergeschlechtlichkeit wurde lange Zeit von Medizin und Gesellschaft als \u201einkorrekt\u201c oder \u201ekrank\u201c behandelt. Vereine wie die \u201ePlattform Intersex \u00d6sterreich\u201c und der \u201eVerein Intergeschlechtlicher Menschen \u00d6sterreich (VIM\u00d6)\u201c kl\u00e4ren seit Jahren unerm\u00fcdlich dazu auf, dass neben den zwei erlaubten Kategorien \u201eMann\u201c und \u201eFrau\u201c ein weites Spektrum an Geschlechtsmerkmalen ohne Kategorien existiert. Bei trans Personen kommt nun wieder das fehlerhafte Argument von nur zwei m\u00f6glichen Kategorien: \u201ebiologischer Mann erlebt sich als Mann\u201c und \u201ebiologische Frau erlebt sich als Frau\u201c. Erneut zeigt sich, dass biologisch hier gar keine Kategorien m\u00f6glich sind, sondern ein weites Spektrum an Geschlechtsidentifikation durch das Bewusstsein auftritt. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der sexuellen Orientierung wurde all das bereits durchgek\u00e4mpft: aus dem Verbrechen wider die Natur wurde die nat\u00fcrliche Variation des menschlichen Verlangens au\u00dferhalb jeder Kategorie, die es biologisch immer schon war. <\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich sind die heterosexuellen cis Personen mit \u201e\u00fcblichen\u201c Geschlechtsmerkmalen die gr\u00f6\u00dfte Personengruppe unter den Menschen. Aber das bedeutet nicht, dass die Existenz anderer Lebensrealit\u00e4ten verleugnet werden kann. Denn sie beruhen auf objektiven wissenschaftlichen Fakten, Teil der biologischen Wahrheit, dass es mehr gibt als nur zwei biologische Geschlechter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Debatten \u00fcber Transidentit\u00e4t wird leider oft mit einer zu stark vereinfachten Biologie des Geschlechts (fehl)argumentiert. Deswegen m\u00f6chte ich hier einen etwas ausf\u00fchrlicheren Abriss \u00fcber das biologische Geschlecht geben, um zu zeigen, dass es wirklich mehr als zwei biologische Geschlechter gibt. 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