{"id":2502,"date":"2023-09-01T00:14:00","date_gmt":"2023-08-31T22:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2502"},"modified":"2023-09-01T00:19:02","modified_gmt":"2023-08-31T22:19:02","slug":"was-ich-von-transpersonen-gelernt-habe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2502","title":{"rendered":"Was ich von Transpersonen gelernt habe"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Dies ist ein Text \u00fcber eine Befreiung. Ich habe mich von den gesellschaftlichen und patriarchalen Zuschreibungen \u00fcber das Geschlecht gel\u00f6st. Leider habe ich viel zu lange daran festgehalten, obwohl ich schon als junger Mensch unter den vorgegebenen Geschlechterrollen gelitten habe. Zu verdanken habe ich die Befreiung in erster Linie Personen, die trans*, inter* und nicht-bin\u00e4r sind. Von ihnen habe ich viel gelernt. Das Loslassen f\u00fchlt sich gut an. Es ist eine gro\u00dfe Erleichterung, nicht mehr gesellschaftlichen und traditionellen Vorgaben zu folgen, wie ich aufgrund meiner biologischen Geschlechtsmerkmale sein soll. Aufgewachsen bin ich in einem patriarchalen und konservativen Dorf in der \u00f6sterreichischen Provinz. \u00dcber Generationen hinweg wurden auch in meiner Familie und in meiner Umgebung bei M\u00e4nnern patriarchale Rollenbilder und Kompetenzen wie St\u00e4rke, H\u00e4rte und Durchsetzungskraft gef\u00f6rdert. Von Frauen hingegen wurde Empathie, Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und soziale F\u00fcrsorge erwartet. Solche bin\u00e4ren Konstruktionen \u00fcber Geschlechter sind einfach nur dumm, r\u00fcckst\u00e4ndig und falsch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leider wachsen wir noch immer in einer Gesellschaft auf, die davon ausgeht, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Hinzu kommt, dass Weiblichkeit und M\u00e4nnlichkeit\u202foft wie zwei gegens\u00e4tzliche Pole gesehen werden. Doch eine solche Binarit\u00e4t ist nicht haltbar. Es gibt mehr als zwei Geschlechter. Wenn wir immer nur von Frauen und M\u00e4nnern sprechen, halten wir das bin\u00e4re System aufrecht. Wir k\u00f6nnen auch nicht vom Aussehen eines Menschen auf dessen Geschlecht schlie\u00dfen. Die Geschlechterforschung zeigt, wie unser Bild \u00fcber Geschlechter im Laufe der Jahrtausende sozial konstruiert und kulturell gepr\u00e4gt wurde. Ich bin mit biologischen Geschlechtsmerkmalen, die als m\u00e4nnlich gelesen werden, geboren. Nur aufgrund dieser biologischen Merkmale wurde ich in ein bestimmtes Schema gepresst. Niemand hat mich gefragt, ob ich mich wohlf\u00fchle. Ich bekam als Kind zu Weihnachten eine kleine Eisenbahn und Spielautos. Meine Schwester hingegen sollte sich \u00fcber Puppen und eine Puppenk\u00fcche freuen. Mein Vater ging arbeiten. Er verdiente das Geld und hatte in der Familie das Sagen. Meine Mutter k\u00fcmmerte sich um den Haushalt. Ich bekam schon fr\u00fch mit, dass Mann-Sein mit Privilegien verbunden ist. Wei\u00dfe cis M\u00e4nner geben in der Gesellschaft den Ton an, sie haben die Macht und den Zugang zum Geld.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Als Schwuchtel verspottet&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings werden cis M\u00e4nner nur akzeptiert, wenn sie traditionelle Geschlechtervorgaben erf\u00fcllen. Es gibt dazu eine Begebenheit, die sich tief in mein Ged\u00e4chtnis eingebrannt hat. Als ich zw\u00f6lf oder dreizehn Jahre alt war, machten eine Frau und ein Mann in meinem Heimatdorf Urlaub. Ich wei\u00df nicht, ob es sich um ein Ehepaar handelte. Der Mann hatte ein feminines Verhalten. Das f\u00fchrte dazu, dass er von vielen Leuten im Dorf als \u201eWarmer\u201c und \u201eSchwuchtel\u201c verspottet wurde. Ob er tats\u00e4chlich schwul war, wusste niemand. Trotzdem ahmten nicht wenige junge M\u00e4nner seine Stimme, seinen Gang und sein Verhalten nach. Sie machten es nicht \u00f6ffentlich, sondern hinter vorgehaltener Hand, weil das Dorf die Einnahmen aus dem Tourismus brauchte. Auch als der Mann abgereist war, ging der Spott weiter. Auf Festen wurden immer wieder Geh\u00e4ssigkeiten \u00fcber \u201eWarme\u201c erz\u00e4hlt. Dann gab es ein anderes Schimpfwort, n\u00e4mlich \u201eMannsweiber\u201c. So wurden im Dorf Frauen, die besonders stark und selbstsicher auftraten, von wei\u00dfen cis M\u00e4nnern attackiert. Damit machten die M\u00e4nner den Frauen unmissverst\u00e4ndlich klar, dass sie untert\u00e4nig bleiben sollen und die traditionelle Geschlechterhierarchie nicht in Frage stellen durften. Frauen, die sich wie M\u00e4nner benahmen, h\u00f6rten schnell: \u201eBeruhige dich wieder!\u201c \u201e\u00dcbertreib blo\u00df nicht!\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Toxische M\u00e4nnlichkeit&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als mir als Jugendlicher bewusst wurde, wie gleichgeschlechtlich liebende Menschen in meiner Gegend verachtet wurden, hat f\u00fcr mich ein einsamer Kampf begonnen. Ich f\u00fchlte mich zu M\u00e4nnern hingezogen, wof\u00fcr ich mich sch\u00e4mte. Ich w\u00e4re am liebsten unsichtbar geworden. Ich habe mich zur\u00fcckgezogen und mich in die Welt der B\u00fccher gefl\u00fcchtet. Ich war v\u00f6llig im Patriarchat gefangen. Zuhause, im Kindergarten, in der Schule und in der \u00d6ffentlichkeit \u00fcberall wurden traditionelle Geschlechterrollen vermittelt. Ich hatte st\u00e4ndig Angst, als unm\u00e4nnlich zu gelten und damit als schwul enttarnt zu werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die M\u00e4nnlichkeit, die von mir erwartet wurde, blieb nicht nur auf das Aussehen beschr\u00e4nkt. Mir wurde beigebracht, dass M\u00e4nner keine Gef\u00fchle zeigen sollen. Schon alleine das Sprechen \u00fcber Gef\u00fchle wie \u201eich habe Angst\u201c oder \u201eich bin traurig\u201c wurde als Schw\u00e4che ausgelegt. Weinen durfte ich nicht, auch wenn ich vom Vater als Kind noch so hart verpr\u00fcgelt wurde. Falls M\u00e4nner doch Gef\u00fchle hatten, sollten sie diese hinunterschlucken. Eine andere Vorgabe war es, Gef\u00fchle zu vergessen oder zu hoffen, dass sie mit der Zeit verschwinden. Ein solches Verhalten ist jedoch ungesund und kann zu psychischen Problemen f\u00fchren. Das einzige Gef\u00fchl, das M\u00e4nnern damals auf dem Land zugestanden wurde, war Wut. M\u00e4nner sind oft w\u00fctend, um den dahinter liegenden emotionalen Schmerz oder eine tiefsitzende Angst zu verbergen. Wobei das Zeigen der Wut auch Grenzen hat. So wird M\u00e4nnern vermittelt, dass sich die Wut nur in einem angemessenen Ausma\u00df entladen darf.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ausgrenzungsmechanismen in der schwulen Welt&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich zum Studium nach Wien gezogen bin und meine ersten Erfahrungen in der schwulen Szene gemacht habe, war ich von der H\u00e4rte und den Ausgrenzungsmechanismen in Teilen der schwulen Community entsetzt. Damals wie heute z\u00e4hlt vorwiegend das Aussehen, wobei ein bestimmter M\u00e4nnertyp pr\u00e4feriert wird (sportlich, jung, durchtrainiert). Waren es fr\u00fcher Bars und Lokale, so sind heute Dating-Apps popul\u00e4r. Dort sind auf Profilen von schwulen oder bisexuellen M\u00e4nnern immer wieder S\u00e4tze zu lesen wie \u201eTunten &#8211; keine Chance\u201c, \u201eBitte keine Femininen\u201c. Gesucht werden \u201erichtige Kerle\u201c oder \u201emaskuline Typen\u201c. Dies zeigt, dass einige schwule M\u00e4nner in ihrem Denken \u00fcber M\u00e4nnlichkeit und Sexualit\u00e4t genauso in der patriarchalen Welt gefangen sind wie so manche heterosexuelle M\u00e4nner. Solche M\u00e4nner brauchen Sex oft, um eine Best\u00e4tigung zu bekommen \u2013 um sich begehrenswert, attraktiv und potent zu f\u00fchlen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unsere Vielfalt feiern&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem ich mich schon im Dorf ausgesto\u00dfen f\u00fchlte, wollte ich zumindest in der schwulen Welt dazu geh\u00f6ren. Ich ging ins Fitness-Center und versuchte, sportlich und m\u00e4nnlich auszusehen, um begehrt zu werden. Doch irgendwann bin ich an einem Punkt angelangt, wo ich gesagt habe: Es ist genug. Ich akzeptiere mich so wie ich bin und renne nicht mehr irgendwelchen Geschlechtervorstellungen nach. Zu dieser Einsicht bin ich durch Begegnungen mit Personen, die trans*, inter* und nicht-bin\u00e4r sind, gelangt. Sie haben mir gezeigt, wie befreiend es ist, von traditionellen Geschlechterbildern loszulassen. Ich will mich nicht mehr anpassen. Ich kann schwach sein, wie ich will. Ich kann anziehen, was ich will. Ich darf Gef\u00fchle zeigen und weinen. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnen wir die von der Gesellschaft aufgezwungenen Geschlechterrollen auch wieder ablegen. Dies ist eine Form von (Selbst-) Empowerment. Statt bin\u00e4ren Geschlechtervorgaben zu folgen, ist es sinnvoller, unsere Vielfalt zu leben und zu feiern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist ein Text \u00fcber eine Befreiung. 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