{"id":2473,"date":"2023-09-01T00:08:00","date_gmt":"2023-08-31T22:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2473"},"modified":"2023-09-01T00:19:34","modified_gmt":"2023-08-31T22:19:34","slug":"nicht-sonderlich-besonders","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2473","title":{"rendered":"\u201eNicht sonderlich besonders\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Egal ob innerhalb oder au\u00dferhalb der LGBTIQ*-Community, immer wieder interessieren sich Menschen f\u00fcr meine nicht-bin\u00e4re Geschlechtsidentit\u00e4t. Viele wollen wissen, wie es sich anf\u00fchlt, weder Mann noch Frau zu sein, scheitern jedoch an ihrer Vorstellungskraft. Aber auch ich scheitere oft daran, es ihnen verst\u00e4ndlich zu erkl\u00e4ren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich einmal beim Arzt f\u00fcr eine Untersuchung war, kam die Assistentin im Smalltalk auf mein f\u00fcr M\u00e4nner untypisches Erscheinungsbild zu sprechen. Da ich mich in der Situation sicher f\u00fchlte, erz\u00e4hlte ich ihr von meiner nicht-bin\u00e4ren Geschlechtsidentit\u00e4t. Die Assistentin fragte mich, wie sich das anf\u00fchle, nicht-bin\u00e4r zu sein. Damit war ich in dem Moment selbst \u00fcberfragt und in meiner ersten Reaktion meinte ich nur: \u201eNicht sonderlich besonders.\u201c Tats\u00e4chlich f\u00fchlt sich nicht-bin\u00e4r zu sein f\u00fcr mich einfach ganz normal an; so normal, dass es das Gef\u00fchl nicht wert ist, dar\u00fcber zu sprechen. Doch in diesem Moment wurde mir bewusst, wie schwer es ist, diese von mir gef\u00fchlte Normalit\u00e4t in Worte zu fassen und anderen verst\u00e4ndlich zu machen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist beruhigend, dass es bin\u00e4ren Personen nicht per se leichter f\u00e4llt, ihre Geschlechtsidentit\u00e4t akkurat zu beschreiben. Als ich mit einem Freund neulich in der Innenstadt Abendessen war, fragte ich ihn, einen cis Mann, was es f\u00fcr ihn bedeute, ein Mann zu sein. Seine ersten Assoziationen, bezogen auf k\u00f6rperliche Merkmale, verwirrten mich etwas. Sollten ihm aufgrund eines medizinischen Notfalls die Hoden entnommen werden, w\u00e4re er ja deshalb nicht weniger ein Mann. Das ist eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, an die er im ersten Moment nicht gedacht hatte. Also versuchte er es mit gesellschaftlichen Rollenbildern und klischeehaftem Verhalten. Doch noch bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte, ruderte er wieder zur\u00fcck. Ich versuchte es dann auf anderem Wege und fragte ihn, ob er jemals daran gezweifelt habe, ein Mann zu sein. Seine Antwort kam prompt und bestimmt: \u201eNein.\u201c Er hatte immer die Sicherheit gef\u00fchlt, dem m\u00e4nnlichen Geschlecht anzugeh\u00f6ren. Woher diese Sicherheit kam, konnte er mir allerdings auch nicht verraten. Das Gef\u00fchl sei einfach da.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je mehr ich \u00fcber meine eigene Geschlechtsidentit\u00e4t reflektiere, desto weiter gehe ich in meinen Erinnerungen in die Vergangenheit. Eine zentrale Erinnerung f\u00fchrt mich an den Beginn meiner Pubert\u00e4t. Geschlechterunterschiede wurden immer deutlicher und von vielen meiner Schulkolleg*innen gerne hervorgehoben. Es entstand ein Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zu oder eine Abgrenzung von anderen Personen nur aufgrund des Geschlechts. Das Geschlecht entwickelte sich von einer kaum beachteten biologischen Tatsache zu einem zentralen Punkt ihrer Identit\u00e4t. Es bildeten sich zwei stereotype Gruppen mit \u201eden Buben\u201c und \u201eden M\u00e4dchen\u201c. Ihre jeweiligen Mitglieder waren stolz darauf, Teil dieser Gruppe zu sein. Nur ich geh\u00f6rte keiner dieser Gruppen an. Mir fehlte daf\u00fcr ein zentraler Aspekt: Ich sp\u00fcrte diese Verbundenheit, diese Zugeh\u00f6rigkeit rein aufgrund des Geschlechts nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie das Beispiel mit meinem Freund zeigt, ist es bereits f\u00fcr bin\u00e4re Personen schwer, das eigene Geschlecht zu beschreiben. Es ist davon auszugehen, dass deshalb das geschlechtliche Selbstverst\u00e4ndnis jeder Person ein anderes ist. Folglich kann auch ich auf die Frage, wie sich Nicht-Binarit\u00e4t anf\u00fchlt, keine allgemein g\u00fcltige Antwort geben. Im Gegenteil: dass ich mit meinem m\u00e4nnlichen Vornamen zufrieden bin, ist nur ein Beweis daf\u00fcr, dass mein Konzept dieses Geschlechts von anderen nicht-bin\u00e4ren Personen in meinem Umfeld abweicht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Laut meiner Definition bedeutet nicht-bin\u00e4r zu sein ein fehlendes Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zu einem der bin\u00e4ren Geschlechter, das scheinbar so viele andere Personen haben. Ich kann mich anderen Menschen durchaus verbunden f\u00fchlen, jedoch braucht es daf\u00fcr mehr als nur ein bestimmtes Geschlecht. Doch auch unter nicht-bin\u00e4ren Menschen gibt es keine einheitliche Definition. Jede Person empfindet das eigene Geschlecht anders als andere Menschen, sowohl in der nicht-bin\u00e4ren Community als auch bei bin\u00e4ren Personen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht-bin\u00e4r zu sein bedeutet, Geschlecht zu hinterfragen. Es gibt kulturelle Praktiken, die als m\u00e4nnlich oder weiblich angesehen werden. Auch bin\u00e4re Personen k\u00f6nnen aus diesem Rollenbild ausbrechen, ohne als nicht-bin\u00e4r zu gelten. Nicht-Binarit\u00e4t ist ein Gef\u00fchl bezogen auf die Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit. F\u00fcr mich ist mein Erscheinungsbild Teil meiner Transition. Meine langen Haare, mein Kleidungsstil und mein Make-Up habe ich, um mich von meinem biologischen Geschlecht abzugrenzen. Doch das alleine macht mich nicht nicht-bin\u00e4r. Meine Nicht-Binarit\u00e4t ist ein Gef\u00fchl, mein Auftreten ist nur ein Ausdruck dessen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie f\u00fchlt sich meine Nicht-Binarit\u00e4t nun also an? Ich w\u00fcrde sagen, so wie sich eine Frau selbstverst\u00e4ndlich als Frau und ein Mann, ohne es begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen, als Mann f\u00fchlt, so f\u00fchle ich mich nicht-bin\u00e4r. Wenn ich behaupte, ich bin nicht-bin\u00e4r, dann habe ich nicht das Gef\u00fchl, gelogen zu haben. F\u00fcr mich f\u00fchlt es sich so richtig an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Matthias Aufschnaiter\u00a0<br>Mitglied Transgenderreferat<br>HOSI Wien \u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Egal ob innerhalb oder au\u00dferhalb der LGBTIQ*-Community, immer wieder interessieren sich Menschen f\u00fcr meine nicht-bin\u00e4re Geschlechtsidentit\u00e4t. Viele wollen wissen, wie es sich anf\u00fchlt, weder Mann noch Frau zu sein, scheitern jedoch an ihrer Vorstellungskraft. 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