{"id":2470,"date":"2023-09-01T00:07:00","date_gmt":"2023-08-31T22:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2470"},"modified":"2023-09-01T00:17:43","modified_gmt":"2023-08-31T22:17:43","slug":"gewalt-gegen-trans-personen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2470","title":{"rendered":"Gewalt gegen Trans Personen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Zurzeit verbreiten sich nicht nur im Inland, sondern auch europaweit zunehmend transfeindliche politische Stimmungen. Beispielsweise forderte letzten Fr\u00fchling die FP\u00d6 ein Verbot von off-label Pubert\u00e4tsblocker f\u00fcr transident empfindende Jugendliche und in unserem Nachbarland Slowakei wird m\u00f6glicherweise bald ein Gesetz erlassen, welches die rechtliche Transition de facto verunm\u00f6glichen w\u00fcrde. Es ist zu bef\u00fcrchten, dass durch die Politik gef\u00f6rderte transnegative Stimmungen auch zu einem Anstieg von Gewalttaten gegen\u00fcber trans* Personen f\u00fchren k\u00f6nnten. Allerdings ist Gewalt gegen trans* Personen kein neues Thema, wie das vorliegende Interview von Michael Stromenger mit Mag. Johannes Wahala, dem Leiter der COURAGE Beratungsstellen, veranschaulicht. Michael Stromenger hat sich mit dem Gr\u00fcnder der ersten professionellen LGBTIQ* Beratungsstelle in \u00d6sterreich getroffen, um ihn zu seinen subjektiven Eindr\u00fccken aus seiner T\u00e4tigkeit als langj\u00e4hriger COURAGE Leiter, Psychotherapeut und Berater von queeren Klient*innen, zu befragen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>MS<\/strong>: Kommt es h\u00e4ufig vor, dass trans*ident empfindende Klient*innen, die in die Beratungsstelle kommen, k\u00f6rperliche, sexuelle und\/oder psychische Gewalterfahrungen erlebt haben? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>JW<\/strong>: Ja, allerdings haben alle unsere Berater*innen die Erfahrung, dass trans* Frauen im Vergleich zu trans* M\u00e4nnern in einem wesentlich h\u00f6heren Ausma\u00df von physischer, sexualisierter und psychischer Gewalt betroffen sind. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>MS<\/strong>: Warum ist das so? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>JW<\/strong>: Offenbar akzeptiert unsere von hegemonialer M\u00e4nnlichkeit gepr\u00e4gte Gesellschaft mehr, dass \u201efrau zum Mann wird, als dass man zur Frau wird\u201c. Die T\u00e4ter sind in der Regel cis M\u00e4nner, die nicht verstehen k\u00f6nnen, wie ein Mann zur Frau werden kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Bereits vor 25 Jahren, als wir mit unserer Beratungst\u00e4tigkeit begonnen haben, hatten wir fast nur erwachsene trans* Frauen als Klient*innen, die noch keine Transition machen konnten und sehr darunter litten. Du musst dir vorstellen, das waren damals noch die 90er Jahre, wo das Thema noch sehr tabuisiert wurde. Eine unserer ersten Klient*innen war eine 50-j\u00e4hrige Taxifahrerin, im Erscheinungsbild ein \u201etypischer glatzk\u00f6pfiger Wiener\u201c, der* zum Weinen begonnen hat, als er* gesagt hat: \u201eIch wei\u00df seit \u00fcber 40 Jahren, dass ich eine Frau bin\u201c. Heute haben wir das Gl\u00fcck, dass wir schon in einem sehr fr\u00fchen Alter mit Pubert\u00e4tsblocker anfangen k\u00f6nnen. Denn das Schlimmste f\u00fcr trans* Frauen sind irreversible Ver\u00e4nderungen wie der Stimmbruch, durch Testosteron ausgepr\u00e4gte Gesichtsz\u00fcge und die Bartbehaarung. Trans* Frauen, die eine sp\u00e4te Transition hatten, werden auch h\u00e4ufiger Opfer von Gewalt und sie m\u00fcssen sich sehr permanent f\u00fcr ihre trans* Identit\u00e4t rechtfertigen. Frauen, die jung genug ihre Transition haben, entwickeln sich k\u00f6rperlich femininer und sind dann nicht mehr so sehr von Ausgrenzungen betroffen. Auch deswegen ist es mir ein Anliegen, dass die Transition m\u00f6glichst fr\u00fch in die Wege geleitet werden kann. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>MS<\/strong>: Welche Unterschiede nimmst du bei Gewalterfahrungen zwischen trans* Frauen und trans* M\u00e4nnern wahr? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>JW<\/strong>: Trans* Frauen erleben viel mehr Gewalt und Diskriminierung. Sie sind z. B. st\u00e4rker von Arbeitslosigkeit und Wohnungslosigkeit betroffen. Ich kenne kaum einen trans* Mann, der obdachlos ist, aber viele sp\u00e4t transitionierte trans* Frauen, die infolge h\u00e4uslicher Gewalt wohnungslos geworden sind. Sie sind auch von famili\u00e4rer Gewalt st\u00e4rker betroffen. Sie bekommen etwa ihre Mutterrolle abgesprochen, da ihnen vorgeworfen wird, die Kinder zu irritieren. Auch sexualisierte Gewalt ist ein Thema, vor allem in der Sexarbeit. Meine Erfahrung ist: Wenn trans* M\u00e4nner in die Sexarbeit gehen, machen sie das meistens bewusst und selbstbestimmt. Im Gegensatz zu trans* Frauen werden sie weniger oft dazu getrieben und erleben seltener sexualisierte Gewalt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>MS<\/strong>: Wie geht ihr damit um, wenn im Rahmen der Beratung Gewalterfahrungen geschildert werden? Welche Unterst\u00fctzung bekommen eure Klient*innen? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>JW<\/strong>: Sie bekommen professionelle Beratung und, wenn n\u00f6tig, auch psychotherapeutische Begleitung. Auch die sozialarbeiterische Beratung spielt eine wichtige Rolle, wenn Personen ihre Arbeit oder Wohnung verloren haben und soziale Isolation erfahren. Diese Menschen brauchen einen Safe Space und Begegnungsr\u00e4ume, die wir ihnen geben k\u00f6nnen. Es gibt bei uns etwa eine begleitete Selbsthilfegruppe, die haupts\u00e4chlich von trans* Frauen in Anspruch genommen wird. Bei akuten Krisen bieten wir auch Kriseninterventionen an. Wir haben auch das Angebot der kostenlosen Rechtsberatung, etwa wenn es um Gewalterfahrungen oder Kinderbesuchsrecht geht. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>MS<\/strong>: Bei dem Stichwort \u201eRechtsberatung\u201c f\u00e4llt mir ein: Ist auch die Prozessbegleitung bei einer Anzeige gegen gewaltt\u00e4tige Straft\u00e4ter*innen Teil der Arbeit der Berater*innen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>JW<\/strong>: Im Rahmen der juristischen Rechtsberatung von Dr. Helmut Graupner ist das m\u00f6glich. Wir sind au\u00dferdem auch gerade dabei, einen Vertrag mit dem Justiz- und Innenministerium in die Wege zu leiten, damit auch unsere anderen Berater*innen, also die Psychotherapeut*innen und Sozialarbeiter*innen, eine Prozessbegleitung machen d\u00fcrfen. Abgesehen von trans* Frauen haben wir ja n\u00e4mlich auch viele homosexuelle M\u00e4nner, die wiederum mehr von Gewalt betroffen sind als homosexuelle Frauen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>MS<\/strong>: Ich glaube, dass das sozialpsychologisch gesehen nicht verwunderlich ist. Die Verst\u00f6\u00dfe gegen die m\u00e4nnliche Rolle werden von der Gesellschaft intensiver und negativer wahrgenommen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>JW<\/strong>: Nat\u00fcrlich. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>MS<\/strong>: Kennst du Erfahrungsberichte, wie es Gewaltopfern mit der Anzeige bei der Polizei ergangen ist? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>JW<\/strong>: Unsere Klient*innen schildern u. a., dass sie von Beamten nicht ernst genommen wurden oder diskriminierende Erfahrungen wie abwertende \u00c4u\u00dferungen erfahren haben. Deswegen ist uns eine gute Zusammenarbeit mit der WASt (Wiener Antidiskriminierungsstelle) und LGBTIQ*-Kontaktpersonen bei der Polizei sehr wichtig. Nichtsdestotrotz haben viele trans* Personen gro\u00dfe Angst vor der Exekutive, nachdem sie physische oder sexuelle Gewalt erlebt haben. Wir versuchen sie dennoch dabei zu unterst\u00fctzen, eine Anzeige zu machen, haben aber gleichzeitig auch gro\u00dfen Respekt vor ihrer Angst. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>MS<\/strong>: Hast du den Eindruck, dass die Gewalt gegen\u00fcber trans* Personen in den letzten Jahren gestiegen ist? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>JW<\/strong>: Das ist keine einfache Frage &#8230; Ich glaube, dass die Anfeindungen, die w\u00e4hrend der Trump \u00c4ra entstanden sind, zunehmend auch zu uns \u00fcber den Atlantik kommen. Ich habe den Eindruck, dass wir zunehmend in einer \u201eRetraditionalisierungsphase\u201c ankommen, die mitbestimmt ist durch Rechtskonservative, Rechtsradikale sowie christlich-fundamentalistische Kreise, die zunehmend an Macht gewinnen. Diese Retraditionalisierung spiegelt sich auch in der Politik wider. Das merkst du schon, wenn du die Zeitung liest und Aussagen siehst, wie \u201eman m\u00fcsse sich wieder den normal Denkenden zuwenden, der normal denkenden Mehrheit\u201c. Auch die COURAGE wird im Parlament permanent angegriffen, von einer Gemeinder\u00e4tin wurde ich etwa schon als Mr. Genderwahn tituliert. Und es wird auch zunehmend gegen Transgeschlechtlichkeit politisch gehetzt \u2013 das macht mir schon gro\u00dfe Angst. Und was mir besonders im Herzen weh tut, ist, dass auch zum Teil Feminist*innen, die sogenannten Terfs (trans-exclusionary radical feminism, Trans-ausschlie\u00dfender Radikalfeminismus, Anm. d. Red.), Gewalt gegen\u00fcber trans* Personen anrichten. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>MS<\/strong>: Es wird leider zunehmend zum Trend, gegen trans* Personen zu hetzen. Zum Schluss m\u00f6chte ich daher noch fragen, welche Angebote es seitens der COURAGE gibt, um Gewaltpr\u00e4vention zu f\u00f6rdern bzw. um \u00fcber das Thema \u201eTrans\u201c aufzukl\u00e4ren? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>JW<\/strong>: Wir machen sehr intensive Aufkl\u00e4rungs- und Bildungsarbeit. In Zusammenarbeit mit der Stadt Wien haben wir auch die Queer Sex Ed-Workshops ins Leben gerufen. Unsere Berater*innen gehen in Schulen, um Workshops zu halten oder die Schulklassen kommen zu uns ins Queere Kompetenzzentrum, welches wir vor kurzem er\u00f6ffnet haben. Dar\u00fcber hinaus haben wir auch Gruppenangebote. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>MS<\/strong>: Alles klar, danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zurzeit verbreiten sich nicht nur im Inland, sondern auch europaweit zunehmend transfeindliche politische Stimmungen. Beispielsweise forderte letzten Fr\u00fchling die FP\u00d6 ein Verbot von off-label Pubert\u00e4tsblocker f\u00fcr transident empfindende Jugendliche und in unserem Nachbarland Slowakei wird m\u00f6glicherweise bald ein Gesetz erlassen, welches die rechtliche Transition de facto verunm\u00f6glichen w\u00fcrde. 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