{"id":2396,"date":"2023-06-02T02:19:00","date_gmt":"2023-06-02T00:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2396"},"modified":"2023-06-02T08:19:56","modified_gmt":"2023-06-02T06:19:56","slug":"gedenken-erinnern-und-kein-vergessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2396","title":{"rendered":"Gedenken, Erinnern und kein Vergessen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Am 8.November ist der Intersex Day of Remembrance, auch bekannt als Intersex Solidarity Day. Dieser Tag wurde 2005, angesto\u00dfen durch Jo\u00eblle-Circ\u00e9 Laram\u00e9e von OII (Organisation Intersex International), von Organisationen, Gruppen, Aktivist*innen und Individuen zum Anlass genommen, um auf das Leben von Herculine Ad\u00e9la\u00efde Barbin (einer intergeschlechtlichen Person in Frankreich, November 8, 1838 \u2013 Februar 1868), sp\u00e4ter bekannt unter dem Namen&nbsp;Abel Barbin,&nbsp;und auf die noch immer praktizierten Menschenrechtsverletzungen an intergeschlechtlichen Menschen aufmerksam zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Tag erinnern wir uns der Geschichte und machen auf die heutigen Missst\u00e4nde aufmerksam. Wenn wir in der Geschichtsschreibung von dieser Zeit ein wenig nach vorne schauen, wird das Gedenken schon etwas schwieriger. Wo sind all die Inter* aus der NS-Zeit hin? Wo sind die Menschen, aber auch die Dokumente, Zahlen und Fakten hin? Wo sind die historischen Aufzeichnungen? <\/p>\n\n\n\n<p>Die Soziologin Dr. Ulrike Kl\u00f6ppel beantwortet diese Fragen in \u201e Intersex im Nationalsozialismus\u201c so: \u201eEin grunds\u00e4tzliches Problem der bisherigen Forschung ist, dass sie auf Analysen der medizinischen Literatur beschra\u0308nkt ist. Medizinischen Publikationen allgemein muss hinsichtlich ihres Aussagewerts fu\u0308r die konkrete Praxis mit Skepsis begegnet werden, da mit Auslassungen, Verschweigen und Bescho\u0308nigungen zu rechnen ist. Auf dieser Grundlage kann die Frage, ob Praktiken wie unfreiwillige (oder auf extremen a\u0308u\u00dferen Druck formal freiwillige) kosmetische Genitaloperationen, Zwangssterilisierungen, Eheverbote oder missbra\u0308uchliche Medizinversuche systematisch durchgefu\u0308hrt wurden, nicht beantwortet werden. Ein wichtiger Beitrag zur Kla\u0308rung wa\u0308re eine Untersuchung der Karteien von Gesundheitsa\u0308mtern, um herauszufinden, in welchem Ausma\u00df intergeschlechtliche Neugeborene oder Erwachsene durch Hebammen und A\u0308rzte wegen des Verdachts auf schwere Erbkrankheit angezeigt wurden, zumal 1939 die Meldepflicht auf schwere Missbildungen ohne Vorliegen einer Erbkrankheit ausgeweitet wurde. Die Meldungen waren die Grundlage fu\u0308r die sogenannte Kindereuthanasie, der mehr als 5000 Kinder zum Opfer fielen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Erinnern wir uns daran, dass es immer schon Menschen mit Variationen der Geschlechtsmerkmale gegeben hat. Erinnern wir uns daran, dass an der bin\u00e4ren Klassifikation in \u201eweiblich\u201c und \u201em\u00e4nnlich\u201c die moderne Medizin wesentlich beteiligt war\/ist, k\u00f6rperliche Mehrdeutigkeit als Abweichung stigmatisiert und \u201egesunde\u201c K\u00f6rper zu \u201ekranken\u201c K\u00f6rpern macht. Intergeschlechtliche Menschen sind per se nicht krank. Sie werden durch nicht-konsensuelle, medizinisch nicht notwendige Eingriffe oft daran gehindert, ein selbstbestimmtes, medizin-unabh\u00e4ngiges Leben zu f\u00fchren. Inter* ist ein Oberbegriff f\u00fcr alle Menschen mit Variationen der Geschlechtsmerkmale. Viele Menschen wissen unter anderem auf Grund der Vielzahl von Einzeldiagnosen nicht, dass sie Inter* sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein kurzer Blick auf die Homepage von Var.Ges (www.varges.at) lohnt sich!<\/p>\n\n\n\n<p>Erinnern wir uns an die unerm\u00fcdliche Arbeit von intergeschlechtlichen Aktivist*innen, auf die Missst\u00e4nde hinzuweisen, aufzukl\u00e4ren und Sichtbarkeit zu schaffen. In der j\u00fcngsten Geschichte wurden viele Artikel geschrieben, Interviews gegeben, Tagungen abgehalten, Workshops gegeben, Filme gedreht, und vor allem wurde die Politik mehrfach darauf aufmerksam gemacht, endlich die Menschenrechtsverletzungen an intergeschlechtlichen Menschen mit einem Gesetz zu unterbinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben auch nicht das Jahr 2021 vergessen. In diesem Jahr hatte eine breite Mehrheit der Parlamentsparteien einen Entschlie\u00dfungsantrag zum Schutz intergeschlechtlicher Kinder beschlossen. Bis heute warten wir auf ein entsprechendes Gesetz. Wann wird der Schutz der k\u00f6rperlichen Integrit\u00e4t und Selbstbestimmung von intergeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen bestm\u00f6glich gew\u00e4hrleistet? <\/p>\n\n\n\n<p>Wann, wenn nicht jetzt?<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn der Rechtsruck und der faschistische Populismus in diesem Land bei den n\u00e4chsten Wahlen wieder Einzug h\u00e4lt? Was dann?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Magdalena Klein ist Vize-Obmensch von VIM\u00d6, Peer-Berater*in und Bildungsreferent*inbei Var.Ges, Schauspieler*in und freie Theaterschaffende.<br><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.vimoe.at\" data-type=\"URL\" data-id=\"www.vimoe.at\" target=\"_blank\">www.vimoe.at <\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8.November ist der Intersex Day of Remembrance, auch bekannt als Intersex Solidarity Day. 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