{"id":2393,"date":"2023-06-02T02:18:00","date_gmt":"2023-06-02T00:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2393"},"modified":"2023-06-02T08:20:00","modified_gmt":"2023-06-02T06:20:00","slug":"vergessene-erinnerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2393","title":{"rendered":"Vergessene Erinnerung"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Lesbische Geschichte w\u00e4hrend des Nazi-Terrors<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Geschichten des Widerstands, \u00dcberlebens und der Liebe. Geschichten, die der Geschichtsschreibung zum Opfer gefallen sind. Die folgenden Worte sollen jenen gewidmet sein, die der Nazityrannei ausgeliefert waren. All jenen, deren Existenz in Geschichtsb\u00fcchern nicht auftauchen, doch ihre Taten und Worte diese dokumentieren. Leider nicht zur G\u00e4nze, denn blinde Flecken gibt es vor allem bei lesbischen Personen. Genau deshalb sollen sie jetzt vor den Vorhang geholt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie mussten mitansehen wie Freund*innen, Familienangeh\u00f6rige und Nachbar*innen schikaniert, deportiert und ermordet wurden. Sie mussten um ihr eigenes Leben bangen, ihre Liebe und sich selbst verstecken. Die Trauer, Wut und Angst trugen sie alle in ihren Herzen und gebaren daraus die Courage und den unerm\u00fcdlichen Willen zu \u00fcberleben. Woraus Hoffnung in dieser unmenschlichen Zeit gesch\u00f6pft wurde, mag f\u00fcr viele ein R\u00e4tsel sein. Doch die Hoffnung war da und mit ihr die erhobene Faust, die sich dem ausgestreckten Arm entgegenstellte, die erhobene Stimme, die f\u00fcr diese Unmenschlichkeit noch Worte fand und gesammelte Erlebnisse, die sich entschieden dagegen wehrten, vergessen zu werden. <\/p>\n\n\n\n<p>All ihre Namen sollen die Jahrhunderte \u00fcberdauernd laut h\u00f6rbar bleiben. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend fast allen die Namen Sophie Scholl oder Anne Frank etwas sagen, gibt es einige, die in Vergessenheit geraten sind. Einer dieser Namen geh\u00f6rt Ruth Maier, deren Geschichte im Text von Petra M. Springer in dieser Ausgabe erz\u00e4hlt wird. Sie wurde 1942 von den Nazis ermordet. Im Jahr 2007 wurden ihre Tageb\u00fccher ver\u00f6ffentlich, die uns durch die Brille einer klugen jungen j\u00fcdischen lesbischen Frau in den 1930er und 40er Jahren blicken lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Erinnerungen an lesbische Geschichte w\u00e4hrend der NS-Zeit findet sich bei dem genderqueeren j\u00fcdischen lesbischen K\u00fcnstler*innen-Paar Claude Cahun und Marcel Moore. Beides sind selbst gew\u00e4hlte Namen, mit denen sie die Komplexit\u00e4t von Identit\u00e4t und Geschlechtszuschreibung thematisieren wollten. In Cahuns Autobiografie steht dazu: \u201eM\u00e4nnlich? Weiblich? Das h\u00e4ngt von der Situation ab. Das einzige Geschlecht, das immer zu mir passt, ist neutral.\u201c Deren Arbeiten \u00fcber Nicht-Bin\u00e4rit\u00e4t und das Aufbrechen von Geschlechterrollen durch surrealistische Kunst, war ihrer Zeit voraus. Als in den 1930er Jahren Nazideutschland mit ihren Truppen Frankreich \u00fcberfiel, mussten sie ihre Heimat Paris verlassen. Sie wanderten auf die Insel Jersey, die zwischen England und Frankreich liegt. Aber auch die neue Heimat bat keine Sicherheit, denn 1940 marschierten auch dort die Nazis ein und besetzten die Insel. Diesmal blieb das Paar aber und leistete aktiven Widerstand gegen die brutale Tyrannei.<\/p>\n\n\n\n<p>In deren \u00dcberzeugung als Kommunist*innen verwendeten sie Plakate, Fotomontagen und unz\u00e4hlige Flugbl\u00e4tter als Waffen, um gegen die brutale Unterdr\u00fcckung anzuk\u00e4mpfen. Die Nazi-Besatzer gerieten unter Druck, als vermeintliche Desertationsaufrufe, unterzeichnet von \u201eSoldaten ohne Namen\u201c, von Kirchen, Autos und Polizeiw\u00e4gen prangten. Dieser Widerstand sollte nicht unentdeckt bleiben, denn die beiden wurden 1944 von Unbekannten verraten und daraufhin von den Faschisten inhaftiert und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde folgenderma\u00dfen begr\u00fcndet: \u201eAuch wenn sie geistige Waffen verwendet haben anstatt Feuerwaffen, handelt es sich um ein sogar schwereres Verbrechen. Bei Feuerwaffen wei\u00df man sofort, welcher Schaden begangen worden ist, aber bei geistiger Brandstiftung wei\u00df man nicht, wie weit sie reicht.\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Zehn Monate verbrachten Claude und Marcel in Haft und unternahmen in dieser Zeit mehrere Suizidversuche, die aber nicht gelingen wollten. Diese Zeit verlangte ihren Tribut und f\u00fcgte ihnen enormen gesundheitlichen Schaden zu \u2013 vor allem war es Claudes K\u00f6rper, der die Strapazen nicht wegstecken konnte. Als die Alliierten \u00fcber Nazideutschland siegten, wurden die beiden aus der Haft entlassen und von ihrem Todesurteil begnadigt. Doch das dort erfahrene Leid sollte ihr restliches Leben \u00fcberschatten. W\u00e4hrend der Zeit der Inhaftierung wurde deren Kunst zerst\u00f6rt und die gesamte Wohnung auseinandergenommen. Auch der gesundheitliche Zustand Cahuns verbesserte sich nie und wurde blo\u00df immer schlimmer. So erlag sie 1954 den Nachwirkungen der Nazi-Gewalt w\u00e4hrend der Zeit in Haft. Ein Schicksal, das Marcel niemals wirklich verkraften konnte und schlie\u00dflich 1972 Suizid begann. Beide wurden nebeneinander begraben. Queere Menschen wie sie sollten nicht blo\u00df als Opfer des Nazi-Regimes gesehen werden. Sie wehrten sich und nahmen die Unmenschlichkeit dieser Zeit nicht einfach nur hin. Sie waren Widerstandsk\u00e4mpfer*innen und als solche sollten sie auch in die Geschichte eingehen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr einen der gr\u00f6\u00dften und wichtigsten Angriffe gegen die deutsche Besatzung war die niederl\u00e4ndische und lesbische Cellistin Frieda Belinfante mit der Widerstandsgruppe CKC verantwortlich. Der Anschlag gegen das Amsterdamer Einwohner*innen-Meldeamt zerst\u00f6rte 800.000 Identit\u00e4tskarten von Juden und J\u00fcdinnen, ebenso wie das jener von nicht j\u00fcdischen Personen. Zuvor organisierte sie ein Netzwerk aus Kunstschaffenden, das Menschen mit gef\u00e4lschten Ausweisen versorgte, um sie von der Verfolgung der Gestapo zu sch\u00fctzen. Mitglieder der CKC wurden kurz nach dem Anschlag festgenommen und hingerichtet. Belinfante, verkleidet als Mann, tauchte f\u00fcr drei Monate unter und floh schlie\u00dflich zu Fu\u00df \u00fcber die Alpen in die Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem der Nazi-Tyrannei ein Ende gesetzt wurde, kam sie zur\u00fcck in die Niederlande. Ein Ort, den sie mit Mut und Widerstand gef\u00fcllt hatte. Denn auch schon vor dem Anschlag widersetzte sie sich den Nationalsozialist*innen und organisierte 1942 ein letztes \u00f6ffentliches Konzert vor j\u00fcdischem Publikum. Das war verboten und h\u00e4tte ihr ihr Leben kosten k\u00f6nnen. Denn seit der Besetzung gab die niederl\u00e4ndische Kulturkammer vor, dass alle Kunstschaffenden eine \u201eArier-Erkl\u00e4rung\u201c vorlegen m\u00fcssten. Als Tochter eines j\u00fcdischen Vaters und einer nicht-j\u00fcdischen Mutter h\u00e4tte sie eine Ausnahmegenehmigung beantragen k\u00f6nnen. Aber diesen Vorteil, den viele nicht hatten, wollte sie bewusst nicht nutzen. Sie leistete damit nicht nur einen Akt der Solidarit\u00e4t, sondern setzte auch ein Zeichen eines unbeugsamen humanistischen Willens. Nicht nur ihr Widerstand sollte in die Geschichtsb\u00fcchern eingehen, sondern auch ihr musikalisches Schaffen. Mit gerade einmal 17 Jahren leitete sie mehrere Ensembles. Sie war auch die erste Dirigentin Europas, die ihr eigenes Orchester gr\u00fcndete. Gemeinsam mit anderen Frauen gr\u00fcndete sie die K\u00fcnstlervereinigung \u201eKunst voor Allen\u201c (Kunst f\u00fcr alle). W\u00e4hrend ihrer Zeit in der Schweiz nahm sie an einem Dirigierwettbewerb teil und gewann diesen auch als einzige Frau. <\/p>\n\n\n\n<p>Als sie dann 1947 in die USA emigrierte, setzte sie in Kalifornien ihr musikalisches Schaffen fort. Sie gr\u00fcndete und dirigierte die Orange County Philharmonic Society, die gro\u00dfe Anerkennung erhielt. Aber die Ger\u00fcchte um ihre Homosexualit\u00e4t f\u00fchrten zu ihrer Entlassung im Jahr 1962. Erst 15 Jahre sp\u00e4ter erhielt sie Anerkennung f\u00fcr ihr musikalisches Schaffen und es wurde der \u201eFrieda Belinfante Day\u201c zu ihren Ehren ausgerufen. 1994, ein Jahr vor ihrem Tod, wurde sie f\u00fcr das United States Holocaust Memorial Museum interviewt. Ihr Leben wurde 1999 unter dem Titel \u201eBut I was a girl: The story of Frieda Belinfante\u201d ver\u00f6ffentlicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Leben derer, von denen hier die Rede ist, zeigen uns einmal mehr, wie wichtig eine vollst\u00e4ndige Erz\u00e4hlung ist, die die Stimme aller beinhaltet. Lesbische Erfahrungen und Beziehungen waren ein bedeutsamer Teil des Widerstands. Das vollst\u00e4ndige Bild, das wir uns zu machen verm\u00f6gen, setzt die Existenz vollst\u00e4ndiger Erz\u00e4hlungen voraus. Diese wiederum helfen uns dabei, das Unverst\u00e4ndliche zu verstehen und ein tiefes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das f\u00fcr das Schicksal dieser Menschen zu erlangen. Es muss uns aber auch klar sein, dass noch viele Geschichten darauf warten, erz\u00e4hlt zu werden. Viele Opfer sind nach wie vor unsichtbar und sie warten darauf von uns entdeckt zu werden. Sie warten darauf, dass man sich an sie erinnert. <\/p>\n\n\n\n<p>Durch unseren Einsatz f\u00fcr eine vollst\u00e4ndige Erz\u00e4hlung der Geschichte lesbischer Frauen in der NS-Zeit, wollen wir nicht nur das unglaubliche Leid und die unvorstellbaren K\u00e4mpfe der Vergangenheit sichtbar machen und ins Ged\u00e4chtnis rufen. Wir leiten daraus einen gesellschaftlichen Auftrag lesbische Lebensrealit\u00e4ten umfassend und inklusiv festzuhalten und wiederzugeben. Denn die Vergangenheit hinterl\u00e4sst unsichtbare Spuren, die bis in die Gegenwart sp\u00fcrbar sind. Nur durch Erz\u00e4hlungen lesbischer Existenz in all ihren Facetten, schafft man Sichtbarkeit und sorgt daf\u00fcr, dass niemand mehr im Schatten vergessen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gazal f\u00fcr den Lesben*Rat<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesbische Geschichte w\u00e4hrend des Nazi-Terrors Geschichten des Widerstands, \u00dcberlebens und der Liebe. 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