{"id":2390,"date":"2023-06-02T02:17:00","date_gmt":"2023-06-02T00:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2390"},"modified":"2023-06-02T08:20:04","modified_gmt":"2023-06-02T06:20:04","slug":"die-tage-sind-heller-wenn-man-liebt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2390","title":{"rendered":"\u201eDie Tage sind heller, wenn man liebt\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">schrieb Ruth Maier am 9. J\u00e4nner 1941 in ihr Tagebuch. Sie wurde am 10. November 1920 als Tochter von Irma und Ludwig Maier in Wien geboren. Ihr Vater, urspr\u00fcnglich aus Br\u00fcnn, war Jurist und Generalsekret\u00e4r des Internationalen Dachverbands der Post-, Telephon- und Telegraphenbediensteten. Die assimilierte Familie lebte zuerst in Wien-W\u00e4hring, 1931 \u00fcbersiedelten sie in den gerade fertiggestellten Gemeindebau Gersthofer Stra\u00dfe 75-77. Der Vater starb bereits 1933 an Wundrose. <\/p>\n\n\n\n<p>Als 18-j\u00e4hrige erlebte Ruth Maier in Wien die Novemberpogrome. Sie, die zuvor keinerlei Beziehung zum Judentum hatte, begann in ihrem Tagebuch eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer j\u00fcdischen Identit\u00e4t. Maier durfte als J\u00fcdin 1938 die Schule nicht mehr besuchen. Die Stadt Wien k\u00fcndigte die Wohnung \u2013 Irma Maier versuchte vergeblich, gegen die K\u00fcndigung vorzugehen. Sie wohnten daraufhin in der Wohnung eines Bekannten des Vaters, Hugo Singer, zur Untermiete. Ruths zwei Jahre j\u00fcngere Schwester Judith schaffte im Dezember 1938 die Flucht mit dem Kindertransport nach England. Auf Initiative der Mutter konnte auch Ruth im J\u00e4nner 1939 in Lillestr\u00f8m bei der Familie des norwegischen Postbediensteten Arne Str\u00f8m unterkommen, um ihre Matura zu machen. Im April 1939 schaffte es auch Irma Maier mit ihrer Mutter nach England zu fliehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Freiwillige Meldungen zum Arbeitsdienst sicherten Ruth Maier in Norwegen ihren Lebensunterhalt. Dort lernte sie die um ein Jahr j\u00fcngere Gunvor Hofmo kennen, mit der sie eine Liebesbeziehung einging. \u201eEin M\u00e4del liebe ich sehr\u201c, schrieb sie an ihre Familie und in ihrem Tagebuch vermerkte sie: \u201eIch liebe sehr ihre tiefen Augen. Ich liebe ihre Art, verhalten \u00fcber Dinge zu sprechen.\u201c Ruth wollte Malerin werden, zeichnete und schuf Aquarelle, und schrieb auch Gedichte. Nach der Besetzung Norwegens durch NS-Truppen und der Etablierung der Kollaborationsregierung wurden alle in Norwegen lebenden J\u00fcd:innen erfasst. Im Herbst 1942 zog Ruth Maier von Lillestr\u00f8m nach Oslo in ein Wohnheim. Im Oktober 1942 begann die Deportation der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung des Landes. Ruth Maier wurde am 26. November durch norwegische Polizisten und Gestapo-M\u00e4nner verhaftet, nach Auschwitz deportiert und am 1. Dezember 1942 in der Gaskammer des NS-Vernichtungslagers ermordet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00dcberlieferte Tageb\u00fccher und Briefe<\/h3>\n\n\n\n<p>Bekannt wurde Ruth Maier posthum mit ihren Tageb\u00fcchern, die sie von 1933 bis 1942 f\u00fchrte, und die einen authentischen Augenzeugenbericht aus dem Blickwinkel einer jungen J\u00fcdin darstellen. Ihre Freundin und sp\u00e4tere Schriftstellerin Gunvor Hofmo verwahrte Maiers Tageb\u00fccher. Nach Hofmos Tod 1995 entdeckte der norwegische Schriftsteller Jan Erik Vold in deren Nachlass die Tageb\u00fccher, die er 2007 ver\u00f6ffentlichte. Inzwischen wurden die Tageb\u00fccher in zw\u00f6lf Sprachen \u00fcbersetzt und sind seit 2014 Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes. Im Mandelbaum Verlag erschien 2020 das Buch \u201eEs wartet doch so viel auf mich&#8230;\u201c. Tageb\u00fccher und Briefe. Wien 1933-Oslo 1942. Auf ihren Schriften basierend entstanden in den letzten Jahren ein Theaterst\u00fcck, ein Musical und eine Oper. Sehr eindrucksvoll hat Robert Gokl in seiner Menschen &amp; M\u00e4chte-Doku Ruth Maier \u2013 die Anne Frank von \u00d6sterreich ihr Leben verfilmt, in der Schauspielerin Martina Ebm aus den Tageb\u00fcchern liest und Stationen ihres Lebens aufsucht. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">W\u00fcrdigung der HOSI Wien<\/h3>\n\n\n\n<p>Die HOSI Wien plant Ende Oktober die Bibliothek in den Vereinsr\u00e4umen nach Ruth Maier zu benennen. Dazu soll bis Ende November eine Ausstellung mit biografischem Material \u00fcber das Leben von Ruth Maier gezeigt werden. Infos \u00fcber eine Ausstellung des Dokumentationsarchivs des \u00d6sterreichischen Widerstandes und des Zentrums f\u00fcr Holocaust- und Minderheitenstudien in Oslo befinden sich auf der Homepage des D\u00d6W: Das kurze Leben der Ruth Maier. Wien &#8211; Oslo \u2013 Auschwitz (<a href=\"https:\/\/www.doew.at\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.doew.at<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Weiters sollen K\u00fcnstlerinnen eingeladen werden, sich fotografisch, malerisch oder in einem Text mit dem Leben Ruth Maiers auseinanderzusetzen. Geplant sind auch ein Filmscreening und eine Lesung aus den Tageb\u00fcchern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>schrieb Ruth Maier am 9. J\u00e4nner 1941 in ihr Tagebuch. Sie wurde am 10. November 1920 als Tochter von Irma und Ludwig Maier in Wien geboren. Ihr Vater, urspr\u00fcnglich aus Br\u00fcnn, war Jurist und Generalsekret\u00e4r des Internationalen Dachverbands der Post-, Telephon- und Telegraphenbediensteten. 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