{"id":2387,"date":"2023-06-02T02:16:00","date_gmt":"2023-06-02T00:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2387"},"modified":"2023-06-06T18:35:51","modified_gmt":"2023-06-06T16:35:51","slug":"eine-lesbische-kz-ueberlebende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2387","title":{"rendered":"Eine lesbische KZ-\u00dcberlebende"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das wundersame Leben der Margot Heumann<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Margots Geschichte ist das erste Zeugnis einer queeren Frau, die als J\u00fcdin den Holocaust \u00fcberlebte. Die lesbische Geschichte ist schwierig zu erforschen \u2013 unsichtbar und zugleich als unwichtig angesehen. In den Konzentrationslagern begegnete den lesbischen Frauen die Homophobie der anderen H\u00e4ftlinge. Deren Vorurteile bestanden in der Nachkriegsgesellschaft fort, sodass die wenigen queeren Holocaust\u00fcberlebenden ihre Geschichten kaum jemals festhielten. Die wenigen Ausnahmen sind bisher allesamt M\u00e4nner. Margots Stimme ist einzigartig, f\u00fcr die Holocaustforschung, f\u00fcr Frauengeschichte und f\u00fcr queere Studien zugleich. <\/p>\n\n\n\n<p>Margot wurde 1928 geboren, Tochter von Karl und Johanna Heumann in Hellenthal an der belgischen Grenze. 1937 zogen die Heumanns nach Bielefeld, wo der Vater f\u00fcr den Hilfsverein der deutschen Juden arbeitete. Als Margot in der Schule als J\u00fcdin ausgegrenzt wurde, schickten ihre Eltern sie auf eine j\u00fcdische Schule.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fch entdeckte Margot, dass sie sich zu M\u00e4dchen hingezogen f\u00fchlte. Schmunzelnd erz\u00e4hlt sie von ihrer besten Freundin: Als diese in die Pubert\u00e4t kam und einen engen Pullover mit einer Einstecktasche in Busenh\u00f6he trug, steckte Margot gerne ihre Hand in die Tasche und erkl\u00e4rte, wie sehr ihr gerade diese Tasche gefalle. \u201eSie war nicht lesbisch. Sie hat geheiratet und soweit ich wei\u00df, hatte sie keine weiteren Beziehungen mit Frauen.\u201c Geredet haben die beiden dar\u00fcber nie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab September 1941 mussten Margot und ihre Familie den gelben Stern tragen, kurz darauf begannen die Deportationen. Die Heumanns wurden im Juni 1943 ins Ghetto Theresienstadt gebracht. Dort wurden Kinder in Jugendheimen untergebracht, mit gehaltvollerem Essen und einer minder \u00fcberf\u00fcllten Unterkunft. Da die Kinder nach Geschlecht, Alter und Sprache getrennt untergebracht wurden, kamen Margot und ihre Schwester in zwei unterschiedliche Heime.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Tags\u00fcber \u201ebeste Freundinnen\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>In ihrem Heim lernte Margot Dita Neumann kennen, ein h\u00fcbsches Wiener M\u00e4dchen. Die beiden wurden unzertrennlich. Nachts legten sie sich ins Bett und tauschten Z\u00e4rtlichkeiten aus. \u201eWir hatten nicht eigentlichen Sex. Sehr nah daran, aber keinen Sex.\u201c Tags\u00fcber galten Margot und Dita einfach als beste Freundinnen, und Dita hatte auch einen Freund. \u201eIch war eifers\u00fcchtig\u201c, erz\u00e4hlt Margot, \u201eaber es gab nichts, was ich daran h\u00e4tte \u00e4ndern k\u00f6nnen, und ich tat es auch nicht. Damals war ich schon klug genug, keinen Aufruhr zu machen.\u201c Bereits mit 15 Jahren wusste Margot, dass ihre Liebe keinen Platz in der \u00d6ffentlichkeit hat. Dabei teilten auch andere M\u00e4dchen nachts das Bett, erz\u00e4hlt Margot. Einige von ihnen \u00fcberlebten und berichteten in ihren Memoiren von ihren \u201ebesten Freundinnen\u201c, unterschlugen jedoch Liebe und Intimit\u00e4t. Margots Einblick erinnert uns, dass wir den queeren Blick auf Teenagerfreundschaften im Holocaust nicht au\u00dfer Acht lassen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals lernte Margot auch ihre andere gro\u00dfe Leidenschaft kennen, die Oper. Das Kulturleben in Theresienstadt war eine wichtige seelische St\u00fctze f\u00fcr die H\u00e4ftlinge und ist zu Recht heute bekannt. Margots erste Auff\u00fchrung war die Theresienst\u00e4dter La Boh\u00e8me. Margot leuchtet auf, wenn sie erz\u00e4hlt, wie sie damals die Arie \u201eWie eiskalt ist dies H\u00e4ndchen\/La\u00dft, ich mache es Euch warm\u201c zum ersten Mal h\u00f6rte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mai 1944 wurden die Heumanns nach Auschwitz deportiert, in das sogenannte Theresienst\u00e4dter Familienlager. Den ganzen Weg nach Auschwitz weinte Margot \u2013 weil sie von Dita getrennt war. Einige Tage sp\u00e4ter trafen auch Dita und ihre Tante ein. Margot war gl\u00fccklich \u2013 in Auschwitz. Anfang Juli wurde das Familienlager aufgel\u00f6st. Die meisten Menschen dort wussten mittlerweile um die Gaskammern und damit auch um die Bedeutung der anstehenden Selektion, in der die als arbeitsf\u00e4hig erachteten Menschen zur Zwangsarbeit ausgew\u00e4hlt wurden. Dita und ihre Tante \u201ebestanden\u201c die Selektion. Margots Eltern versuchten es gar nicht erst, da sie Margots dreizehnj\u00e4hriger Schwester keine Chance gaben. Margot beschloss, Dita zu folgen. Ihre Mutter war sehr aufgebracht: Sie meinte, die Familie solle zusammenbleiben. Als Margot von ihrem Vater Abschied nahm, segnete er sie. Sie sah ihn das erste Mal weinen. Damals waren all ihre Gedanken bei Dita. Heute weint Margot, wenn sie davon erz\u00e4hlt. Im Frauenlager in Birkenau wurden Margot und Dita f\u00fcr einen Transport nach Hamburg eingeteilt, in die Au\u00dfenlager des KZ Neuengamme.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ausgehungert und geschw\u00e4cht<\/h3>\n\n\n\n<p>Die j\u00fcdischen Frauen aus Auschwitz waren dort die ersten weiblichen H\u00e4ftlinge. Sie waren ausgehungert und geschw\u00e4cht, mussten Tr\u00fcmmer beseitigen und Notunterk\u00fcnfte f\u00fcr ausgebombte Zivilisten bauen, fast immer drau\u00dfen im Freien und mit langen Arbeitstagen. Margots Gruppe durchlief drei Lager: Dessauer Ufer im sogenannten Freihafen, Neugraben im S\u00fcden und Tiefstack im Osten Hamburgs.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier zeigte sich, wie das Alter die Lagererfahrung pr\u00e4gte. W\u00e4hrend die \u00e4lteren Frauen ebenso unter dem rohen Lagerumgang wie unter Hunger und K\u00e4lte litten, erlebten die 16-j\u00e4hrigen M\u00e4dchen das Lager auch als Abenteuer: Sie sammelten Pilze im nahen Wald und rollten sich durch frischgefallenen Schnee einen H\u00fcgel hinab. Sie hatten zwar Hunger, fanden aber immer Wege, etwas Essbares zu ergattern, das sie miteinander teilten. Dita war Margots Ein und Alles. Die beiden sicherten sich ein Bett am Ende der Baracke, wo sie nachts zusammen sein konnten. Aber die queere Beziehung st\u00f6rte, \u201eDas ist nicht normal.\u201c Ditas Tante verteidigte sie: die beiden seien noch Kinder.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Margot wog nur noch 35 Kilo<\/h3>\n\n\n\n<p>Anfang April 1945 l\u00f6ste die SS die Au\u00dfenlager auf und schickte die j\u00fcdischen Frauen nach Bergen-Belsen. \u201eDie Toten waren an beiden Seiten der Stra\u00dfe baumhoch aufgestapelt. Es war einfach unglaublich.\u201c Als die britische Armee am 15. April das Lager befreite, war Margot an Typhus erkrankt und wog nur noch 35kg. Sie lag zwei Monate im Krankenhaus und wurde im Juli nach Schweden gebracht, um sich zu erholen. Dita blieb zur\u00fcck und ging sp\u00e4ter nach England.<\/p>\n\n\n\n<p>Margot verbrachte zwei Jahre in Schweden. Sie erholte sich, lernte Schwedisch und konnte das erste Mal so etwas wie ein \u201enormales\u201c Teenagerleben f\u00fchren. Sie ging zur Schule \u2013 und hatte auch zum ersten Mal Sex mit einer sch\u00f6nen blonden gro\u00df gewachsenen Schwedin. 1947 zog sie in die USA zu ihren Verwandten. Eigentlich wollte sie nur ein Jahr bleiben, aber das lesbische Leben in New York zog sie in ihren Bann. Margot begann, bei einer Werbeagentur zu arbeiten. Und sie lernte Lu Burke kennen, eine Intellektuelle und legend\u00e4re Lektorin f\u00fcr den \u201eNew Yorker\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach drei Jahren beschloss Margot, dass sie Kinder haben wollte. Den einzigen Weg dorthin sah sie in einer Ehe mit einem Mann. Sie trennte sich im Guten von Burke und heiratete 1953 einen Kollegen aus einer anderen Agentur. Die n\u00e4chsten zwanzig Jahre in Margots Leben m\u00f6gen oberfl\u00e4chlich wie der All American Dream erscheinen. Sie bekam zwei Kinder, lebte in einem Haus in Brooklyn und konnte dank einer Schwarzen Haush\u00e4lterin ihre Karriere weiterverfolgen. Parallel hatte Margot eine Aff\u00e4re mit einer Nachbarin; die Ehem\u00e4nner hielten die Frauen f\u00fcr beste Freundinnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mit 88 Jahren outet sie sich<\/h3>\n\n\n\n<p>Auf die Frage, ob ihr Mann etwas merkte, betont Margot: \u201eIch bin eine sehr gute Schauspielerin.\u201c Erst als ihr Mann sie in den 1970ern zu misshandeln begann, verlie\u00df Margot ihn. Einen bewussten Neuanfang wagte sie erst mit 88 Jahren: Sie outete sich gegen\u00fcber ihrer Familie. Niemand war \u00fcberrascht: Alle hatten es schon immer gewusst.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum h\u00f6ren wir diese erste lesbische Stimme einer Holocaust\u00fcberlebenden erst 2020? Margot wurde mehrfach f\u00fcr Holocaustarchive interviewt. Die Geschichte, die sie mir erz\u00e4hlt hat, war in all ihren Zeugnissen in den bekannten Holocaustarchiven enthalten \u2013 aber versteckt. Dita erschien als die \u201ebeste Freundin\u201c. Niemand hinterfragte, warum sie f\u00fcr Margot so wichtig war. Es ist tragisch, dass homophobe Vorurteile etliche Zeugnisse queerer j\u00fcdischer Frauen verhindert haben. Auch deswegen sollten wir Margots Geschichte aufmerksam zuh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>2022 verstarb Margot 94-j\u00e4hrig.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Anna H\u00e1jkov\u00e1<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Autorin ist Associate Professor of Modern Continental European History an der University of Warwick (Gro\u00dfbritannien). Dieser Artikel beruht auf einer fr\u00fcheren Fassung, die 2021 im Tagesspiegel ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><em>Booktalk im Gugg<\/em><\/h4>\n\n\n\n<p><em>Am Mittwoch den 28. Juni 19:40 Uhr veranstaltet die HOSI Wien im Gugg einen Booktalk mit Anna Hajkova \u00fcber ihr Buch \u201eMenschen ohne Geschichte sind Staub\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Einleitende Worte von Dr Andreas Kranebitter, Leiter des D\u00d6W. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Veranstaltung ist offen f\u00fcr alle Interessierte.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das wundersame Leben der Margot Heumann Margots Geschichte ist das erste Zeugnis einer queeren Frau, die als J\u00fcdin den Holocaust \u00fcberlebte. Die lesbische Geschichte ist schwierig zu erforschen \u2013 unsichtbar und zugleich als unwichtig angesehen. In den Konzentrationslagern begegnete den lesbischen Frauen die Homophobie der anderen H\u00e4ftlinge. 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