{"id":2370,"date":"2023-06-02T02:14:00","date_gmt":"2023-06-02T00:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2370"},"modified":"2023-06-02T08:20:17","modified_gmt":"2023-06-02T06:20:17","slug":"gedenkstaetten-queerer-opfer-des-nationalsozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2370","title":{"rendered":"Gedenkst\u00e4tten queerer Opfer des Nationalsozialismus"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Vor 78 Jahren endete die nationalsozialistische Schreckensherrschaft in Europa. Der Holocaust forderte das Leben von Millionen von Menschen j\u00fcdischen Glaubens. Viele weitere Minderheiten wurden vom NS-Regime verfolgt, verhaftet und ermordet. Dies waren Roma und Sinti, Menschen mit Behinderungen, politisch andersdenkende, sogenannte \u201easoziale\u201c und auch queere Menschen. <\/p>\n\n\n\n<p>1936 wurde die \u201eReichszentrale zur Bek\u00e4mpfung von Homosexualit\u00e4t und Abtreibung\u201c gegr\u00fcndet und die gezielte Verfolgung von queeren Menschen intensivierte sich. Mehr als 100.000 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet, homosexuelle M\u00e4nner wurden zu tausenden in Konzentrationslagern inhaftiert und mussten den ber\u00fcchtigten \u201eRosa Winkel\u201c tragen. Lesbische Frauen und andere queere KZ-H\u00e4ftlinge mussten den schwarzen Winkel f\u00fcr \u201eAsoziale\u201c tragen. Projekte wie jenes zur \u201enamentlichen Erfassung der homosexuellen und transgender Opfer des Nationalsozialismus in Wien\u201c, das 2013 durchgef\u00fchrt wurde, sollen dabei helfen, die Identit\u00e4ten und die genaue Zahl der queeren Opfer des Nationalsozialismus zu erfassen. Seri\u00f6se Sch\u00e4tzungen gehen davon aus, dass an die 10.000 queere Menschen in Konzentrationslagern, in Kerkerhaft oder durch die Vollstreckung von Todesurteilen wegen Unzucht ihr Leben verloren haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Gedenk- und Erinnerungskultur ist ma\u00dfgeblich daf\u00fcr, dass derartige Verbrechen gegen die Menschlichkeit niemals vergessen werden und nie wieder geschehen. Gerade in \u00d6sterreich, wo erst Anfang der 1990er Jahre ein offizielles Bekenntnis zur Mitverantwortung an den Verbrechen des Nationalsozialismus abgegeben wurde, ist sichtbare Gedenkkultur besonders wichtig. Queere Opfer des Nationalsozialismus fanden in \u00d6sterreich erst 1995 durch das Nationalfondsgesetz offizielle Anerkennung.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits 1984 wurde auf Initiative der Homosexuellen Initiativen in \u00d6sterreich (darunter die HOSI Wien) im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen die weltweit erste Gedenktafel angebracht, welche an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus erinnert. <\/p>\n\n\n\n<p>Im darauffolgenden Jahr wurden noch zwei weitere Gedenktafeln in den ehemaligen Konzentrationslagern Neuengamme (Hamburg) und Dachau (Bayern) enth\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Mahnmal f\u00fcr queere Opfer des NS-Regimes, welches au\u00dferhalb eines ehemaligen Konzentrationslagers errichtet wurde, steht am Westermarkt in der niederl\u00e4ndischen Hauptstadt Amsterdam. Das \u201eHomomonument\u201c der K\u00fcnstlerin Karin Daan zeigt drei Winkel aus Granit, die zu einem gemeinsamen Winkel arrangiert sind.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"625\" height=\"852\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Von-Manfred-Brueckels-Eigenes-Werk-CC-BY-SA-3.0.jpg\" alt=\"Gedenktafel am Berliner Nollendorfplatz\n(Foto: Manfred Brueckels, \nunter CC BY-SA 3.0)\" class=\"wp-image-2373\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Von-Manfred-Brueckels-Eigenes-Werk-CC-BY-SA-3.0.jpg 625w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Von-Manfred-Brueckels-Eigenes-Werk-CC-BY-SA-3.0-220x300.jpg 220w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Von-Manfred-Brueckels-Eigenes-Werk-CC-BY-SA-3.0-110x150.jpg 110w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gedenktafel am Berliner Nollendorfplatz\n(Foto: Manfred Brueckels, \nunter CC BY-SA 3.0)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>1989 wurde am Berliner Nollendorfplatz die erste Gedenktafel angebracht, die sich im deutschsprachigen Raum au\u00dferhalb eines ehemaligen Konzentrationslagers und in einer Stadt befindet. Die Gedenktafel in Berlin hat die Form eines Winkels und genau wie jene Gedenktafel der HOSI in Mauthausen tr\u00e4gt sie die Inschrift: \u201eTotgeschlagen Totgeschwiegen \u2013 Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In den 90er Jahren folgten weitere Gedenktafeln und Skulpturen in europ\u00e4ischen St\u00e4dten, welche an die queeren NS-Opfer erinnern: 1990 wurde im italienischen Bologna zum 45. Jahrestag der Befreiung ein Gedenkstein eingeweiht, 1993 folgte das niederl\u00e4ndische Den Haag mit einer imposanten Metallskulptur von Theo ten Have und schlie\u00dflich wurde 1994 in Frankfurt am Main mit dem \u201eFrankfurter Engel\u201c das erste derartige Denkmal in einer deutschsprachigen Stadt er\u00f6ffnet. <\/p>\n\n\n\n<p>Anfang des neuen Jahrtausends wurden schlie\u00dflich auch in \u00dcbersee erste Mahnmale errichtet, 2001 weihten Sydney und San Francisco ergreifende Skulpturen ein, 2005 folgte Montevideo, die Hauptstadt von Uruguay, mit dem Monolith \u201eRosa Winkel\u201c. In weiterer Folge bekamen die meisten ehemaligen Konzentrationslager eigene Gedenktafeln f\u00fcr queere Opfer des Nationalsozialismus und 2008 wurde schlie\u00dflich auch in der deutschen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal enth\u00fcllt. Im ehemaligen Frauen-KZ Ravensbr\u00fcck wurde im Herbst 2022 nach jahrzehntelangem Einsatz schlie\u00dflich auch ein Denkmal f\u00fcr verfolgte und ermordete lesbische Frauen in Form einer Betonkugel errichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Nennenswert ist eine weitere Gedenktafel, n\u00e4mlich jene im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen, die 1992 enth\u00fcllt wurde, 50 Jahre nach dem Tag der Mordaktion an 200 homosexuellen H\u00e4ftlingen im KZ-Au\u00dfenlager Klinkerwerk. Vergangenes Jahr, am 80. Jahrestag dieser Mordaktion erinnerte der Pr\u00e4sident des Internationalen Sachsenhausen-Komitees: \u201eGedenken ist nicht nur ein R\u00fcckblick, es geht nicht nur um die Vergangenheit, es spiegelt sich auch in der Gegenwart wider &#8211; also auch beim Stand der Stellung und der Rechte von Schwulen und Lesben, der LGBTQAI+ Community zur heutigen Zeit.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Diese mahnenden Worte haben umso mehr Gewicht, wenn man die besorgniserregenden politischen Entwicklungen weltweit ansieht, wo queerfeindliche Polemik h\u00e4ufiger wird und sogar diskriminierende Gesetze beschlossen werden, wie es derzeit beispielsweise in Florida, Polen oder der Slowakei der Fall ist. Selbst im Wiener Landtag sind von einer Fraktion vermehrt queerfeindliche Wortmeldungen und politische Forderungen zu vernehmen, die an den Wortlaut der republikanischen Anh\u00e4ngerschaft Donald Trumps in den USA erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade deshalb ist es h\u00f6chst an der Zeit, dass auch die Stadt Wien ihr eigenes Mahnmal zum Gedenken an die queeren Opfer des Nationalsozialismus bekommt. Bereits 2006 wurde ein Wettbewerb f\u00fcr ein Denkmal am Wiener Morzinplatz durchgef\u00fchrt. Am Morzinplatz, dem Ort, an dem die Gestapo ihren Sitz hatte, befindet sich bereits seit 1951 eines der ersten \u00f6sterreichischen Mahnmale f\u00fcr die Opfer des Nationalsozialismus. Nachdem der Siegerentwurf technisch nicht umsetzbar war, wurden von 2010 bis 2015 verschiedene tempor\u00e4re Mahnmale am Morzinplatz und am Wiener Naschmarkt errichtet. Es dauerte aber noch einige Jahre, bis schlie\u00dflich ein w\u00fcrdiges permanentes Projekt auserkoren wurde. Im Juni 2023 wird nun im Wiener Resselpark das Denkmal ARCUS (Schatten eines Regenbogens) er\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wiener Mahnmal wird sich einreihen in die Orte des Gedenkens, die uns aufzeigen, was niemals vergessen werden und was niemals wieder geschehen darf.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Alexander Friedrich<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 78 Jahren endete die nationalsozialistische Schreckensherrschaft in Europa. Der Holocaust forderte das Leben von Millionen von Menschen j\u00fcdischen Glaubens. Viele weitere Minderheiten wurden vom NS-Regime verfolgt, verhaftet und ermordet. 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