{"id":2363,"date":"2023-06-02T02:12:00","date_gmt":"2023-06-02T00:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2363"},"modified":"2023-06-02T08:20:25","modified_gmt":"2023-06-02T06:20:25","slug":"queere-scham-ueberwinden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2363","title":{"rendered":"Queere Scham \u00fcberwinden"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Beim Thema \u201equeeres Gedenken\u201c&nbsp;kommen mir die vielen queeren Menschen, die kein&nbsp;einfaches Leben hatten, in den Sinn.&nbsp;In der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, gab es einen Mann, der alleine in einer Wohnung lebte. Im Ort wurde behauptet, dass er schwul war. Wer mit 40 noch nicht verheiratet, machte sich verd\u00e4chtig. Dieser Mann wurde nicht bedroht, sondern als bemitleidenswertes Wesen angesehen. Die meisten Menschen im Ort gingen ihm aus dem Weg, als ob er eine ansteckende Krankheit haben k\u00f6nnte. Ich habe mich oft gefragt, warum er nicht in eine Stadt gezogen ist. Der Mann, der den Horror der Nazi-Zeit und auch danach die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Menschen miterlebt hat, ist schon lange tot. Wenn ich in der Gegend bin, habe ich an seinem Grab eine Kerze angez\u00fcndet. Mittlerweile wurde das Grab aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ich habe in meiner Jugend meine sexuelle Orientierung geheim gehalten. Ich stamme aus einem Dorf in der \u00f6sterreichischen Provinz und bin in einer Zeit aufgewachsen, als Homosexualit\u00e4t noch&nbsp;als Krankheit galt. Als ich merkte, dass ich mich zu M\u00e4nnern hingezogen f\u00fchle, hatte ich nur einen Wunsch: Wie kann ich das \u00e4ndern? Ich stellte mir bei der Selbstbefriedigung Frauen vor. Doch es half nichts. Eine gro\u00dfe Scham \u00fcberkam mich. Scham ist ein Gef\u00fchl, dass viele queere Menschen kennen. Scham steht an der Schnittstelle zwischen einer individuellen Person und der Gesellschaft. Wer sich sch\u00e4mt, f\u00fchlt sich klein und schwach. In meiner Kindheit und Jugend wurden gleichgeschlechtlich liebende Menschen in der \u00f6sterreichischen Provinz f\u00fcr pervers, abnormal und krank gehalten. Immer wieder habe ich mich damals gefragt, warum es ausgerechnet mich getroffen hat. \u00dcber Sexualit\u00e4t wurde in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, wenig gesprochen. Ich ging in eine \u00f6ffentliche Schule, wo wir vom Religionslehrer &#8211; einem katholischer Priester &#8211; aufgekl\u00e4rt wurden. Dieser nahm sich eine Stunde Zeit, um \u00fcber Heterosex zu sprechen. \u00dcber Homosexualit\u00e4t, queeres Leben, Bisexualit\u00e4t, trans* Personen, inter* Personen verlor er kein Wort. Es war so, als ob es uns nicht geben w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">St\u00e4ndig auf der Hut sein<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchlte mich in der Kindheit und Jugend einsam. Immer wieder gab es Momente, in denen ich an Suizid dachte. Meine Scham f\u00fchrte dazu, dass ich mit keiner Person dar\u00fcber reden konnte. Gleichzeitig war es eine anstrengende Zeit. Ich musste st\u00e4ndig auf der Hut sein. Ich tat alles, um mich und meine Gef\u00fchle unter Kontrolle zu halten. Ich wollte nicht auffallen. Es durfte kein un\u00fcberlegtes Wort, das mich verd\u00e4chtig machte, herausrutschen. Ich hatte solche Angst, entdeckt zu werden. Denn Schwul-Sein war damals auf dem Land mit Ausgrenzung und sozialer Isolation verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine Zeit, die sich junge Menschen heute schwer vorstellen k\u00f6nnen. Denn heute bekommen wir im Internet auch in abgelegenen Gegenden schnell alle gew\u00fcnschten Informationen. Als ich aufwuchs, hatten wir mit ORF-1 und ORF-2 nur zwei Fernsehprogramme. Die B\u00fccherei im Ort wurde von der katholischen Pfarre betrieben. Auch in der Buchhandlung in der n\u00e4chsten Stadt gab es nichts \u00fcber Schwule oder queeres Leben. Aus heutiger Sicht bin ich damals sicher depressiv gewesen. Selbst wenn ich meine Scham \u00fcberwunden h\u00e4tte, w\u00e4re es vermutlich schwer gewesen, Hilfe zu bekommen. In den Schulen auf dem Land waren keine Psycholog*innen t\u00e4tig. Und zum Hausarzt hatte ich wenig Vertrauen, weil er im ganzen Ort bekannt war. Als ich 16 Jahre alt war, hatte ich einmal den Mut, in der n\u00e4chstgelegenen Stadt in einer Trafik ein Hetero-Porno-Magazin zu kaufen. Es ist eine Szene, die ich nie vergesse. Der Trafikant wickelte das Magazin schnell in ein anderes Zeitungspapier ein, damit es die anderen Kund*innen nicht sehen konnten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Enge entfliehen<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich habe mich als Jugendlicher nicht nur gesch\u00e4mt, sondern ich habe mich gehasst. Ich wollte mit Schwulen nichts zu tun haben. Ich h\u00e4tte damals alles gegeben, hetero zu werden. Queerer Selbsthass entsteht, wenn wir die durch die Gesellschaft erfahrene Diskriminierung verinnerlichen. Als Jugendlicher sah ich nur einen Ausweg: Ich musste mich in der Schule anstrengen, die Matura schaffen, um zum Studium nach Wien gehen zu k\u00f6nnen. Ich wollte weg &#8211; in die Anonymit\u00e4t der Gro\u00dfstadt. Es hat in Wien einige Zeit gedauert, bis ich mich in die schwule Community wagte und mich mit meinem Selbsthass auseinandersetzte.<\/p>\n\n\n\n<p>In Wien habe ich als junger Erwachsener zun\u00e4chst versucht, meiner Vergangenheit zu entfliehen. Ich wollte alles Belastende von fr\u00fcher verdr\u00e4ngen und vergessen. Dies ist ein zutiefst menschlicher Impuls. Doch die Vergangenheit hat mich immer wieder eingeholt. So gingen beispielsweise meine ersten queeren Beziehungen und Freund*innenschaften in die Br\u00fcche, weil ich mich schwer tat, Gef\u00fchle zu zeigen. Kein Wunder, schlie\u00dflich habe ich mich ja als Jugendlicher immer unter Kontrolle gehalten. Als Erwachsener war ich gezwungen, mich der Vergangenheit zu stellen, um alte und destruktive Muster ablegen zu k\u00f6nnen. Es ist kein Zufall, dass ich jetzt als Psychotherapeut arbeite. Ich wei\u00df aus eigener Erfahrung, was es hei\u00dft, in schwierigen und aussichtslosen Situationen zu sein. Gleichzeitig wei\u00df ich, dass es m\u00f6glich ist, sich vom negativen Ballast befreien und neue Wege gehen zu k\u00f6nnen. Das ist ein Akt des Empowerments.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mir haben queere Identifikationsfiguren gefehlt<\/h3>\n\n\n\n<p>Wir queere Menschen wurden \u00fcber Jahrhunderte f\u00fcr krank, abnormal, gef\u00e4hrlich und wertlos gehalten. Dies kann dazu f\u00fchren, dass wir die Ausgrenzung, die wir durch die Gesellschaft erfahren haben, in die eigene Gedankenwelt \u00fcbernehmen. Als Jugendlicher habe ich mich oft wertlos gef\u00fchlt. Das habe ich kompensiert, indem ich in der Schule besonders viel leistete. Heute wei\u00df ich, dass ich nicht mehr kompensieren muss. Von Menschen, die mich nicht akzeptieren, verabschiede ich mich. Queeren Selbsthass k\u00f6nnen wir \u00fcberwinden, wenn wir uns selbst mit einer Haltung von Akzeptanz und Liebe begegnen. Als Jugendlicher haben mir queere Identifikationsfiguren gefehlt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich 1996 in Wien an der ersten Regenbogenparade teilgenommen habe. Ich war \u00fcberrascht, dass wir doch so viele sind. Und es wurden im Laufe der Jahre immer mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Um dem Gef\u00fchl der Scham, des Alleinseins und des Nicht-Dazugeh\u00f6rens entgegenzuwirken, kann es hilfreich sein, die historische Geschichte der LGBTIQ*-Bewegung kennenzulernen. Diese besteht nicht nur aus Ausgrenzungen und Stigmatisierungen, sondern enth\u00e4lt auch viele Aspekte, die empowern. Wir haben begonnen, uns zu wehren &#8211; wie 1969 die Stonewall Riots zeigen. Wir sind nicht passiv geblieben und haben nicht auf die Anerkennung der Mehrheitsgesellschaft gewartet, sondern wir haben uns organisiert und f\u00fcr unsere Anliegen gek\u00e4mpft. Dieser Kampf ist nicht zu Ende. Wir sind eine Gemeinschaft, die auf eine reiche Geschichte des Empowerments aufbauen kann. Damit wird Scham (\u201eich geh\u00f6re nicht dazu, ich bin nichts wert\u201c) zu Stolz (\u201eLGBTIQ*-Personen haben eine reiche Geschichte und ich bin ein Teil davon\u201c).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Thema \u201equeeres Gedenken\u201c&nbsp;kommen mir die vielen queeren Menschen, die kein&nbsp;einfaches Leben hatten, in den Sinn.&nbsp;In der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, gab es einen Mann, der alleine in einer Wohnung lebte. Im Ort wurde behauptet, dass er schwul war. Wer mit 40 noch nicht verheiratet, machte sich verd\u00e4chtig. 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