{"id":2360,"date":"2023-06-02T02:11:00","date_gmt":"2023-06-02T00:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2360"},"modified":"2023-06-02T08:20:28","modified_gmt":"2023-06-02T06:20:28","slug":"faszination-lgbtiq-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2360","title":{"rendered":"Faszination LGBTIQ-Geschichte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">QWIEN ist die erste Anlaufstelle f\u00fcr queere Geschichte in Wien. Hier wird archiviert, zusammengetragen, geforscht und aufgearbeitet. Vor allem wird aber vermittelt: Durch queere Stadtf\u00fchrungen, Publikationen, Teilnahmen an Konferenzen und vieles mehr. Andreas Brunner ist einer der beiden Leiter von QWIEN und ist in Wien bekannt f\u00fcr seine queeren Stadtf\u00fchrungen, seine Expertise zu queerer Geschichte und seine Leidenschaft, diese weiterzugeben. Um die Gegenwart der LGBTIQ Community in \u00d6sterreich zu verstehen, m\u00fcssen wir einen klaren Blick auf die Geschichte und den Weg, den wir gekommen sind, werfen. Hierf\u00fcr hat sich Andreas Brunner den Fragen der Lambda gestellt. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Lambda: Lieber Andreas, die erste Frage, die ich Dir stellen will, ist: Was fasziniert Dich eigentlich an der LGBTIQ Geschichte?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>AB: Was fasziniert mich an queerer Geschichte? Dass es wahnsinnig viel zu entdecken gibt an unbekannter Geschichte und ungeschriebenen Geschichten. Seien es Biografien oder historische Zusammenh\u00e4nge, f\u00fcr lange Zeit wurden sie tabuisiert, wurden sie verschwiegen, auch in der akademischen Forschung. Das Reizvolle ist jetzt, diese Geschichte sichtbar zu machen, den Leuten n\u00e4her zu bringen, mit historischen Fachstudien, mit popul\u00e4ren Stadtspazierg\u00e4ngen, mit Vortr\u00e4gen, mit Artikeln \u2013 so gab es ja auch in der \u201eLambda Nachrichten\u201c lange eine historische Kolumne. All das, um zu vermitteln: Es gab schwule, lesbische, trans Menschen immer! Sie waren nur unsichtbar oder sie wurden in die Unsichtbarkeit gedr\u00e4ngt. Es ist unsere Aufgabe heute, diesen Schleier zu l\u00fcften und sie wieder an die Oberfl\u00e4che, in die Sichtbarkeit zu bringen, ins Licht zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lambda: Was ist der Unterschied zwischen queerer Geschichtsschreibung und \u201enormaler\u201c Geschichtsschreibung?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>AB: Mein Initialerlebnis diesbez\u00fcglich war Anfang der 1990er Jahre, als ich meinen Zivildienst im Dokumentationsarchiv des \u00f6sterreichischen Widerstandes machte. Dort musste ich feststellen, dass es eigentlich fast nichts zur Verfolgung von Homosexuellen in der NS-Zeit gab. Es fanden sich ein paar B\u00fccher, ein paar Publikationen aus Deutschland, nat\u00fcrlich \u201eDie M\u00e4nner mit dem rosa Winkel\u201c von Heinz Heger, ja. Aber niemand wusste, was sich hinter dieser Geschichte eigentlich verbarg. Wer waren diese Personen, was waren die Umst\u00e4nde, wie kam es dazu? Es gab \u00fcberhaupt keine Forschung dazu. Und das hat dann meinen Kollegen Hannes Sulzenbacher und mich motiviert, speziell an der NS-Verfolgung zu arbeiten. Und wir arbeiten ja heute noch daran. Man sieht, es ist ein weites Feld. Inzwischen fast 30 Jahre sp\u00e4ter wissen wir aber eindeutig mehr und k\u00f6nnen das auch unter die Leute bringen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lambda: War \u00d6sterreich da ein Spezialfall, oder war es \u00fcberall in Europa so, dass queere Geschichte nicht untersucht wurde?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>AB: \u00d6sterreich ist vielleicht in paar J\u00e4hrchen hinten nach, aber im Grunde kein Spezialfall. Egal ob man jetzt queere Wissenschaft im deutschsprachigen Raum, in Frankreich, oder im englischsprachigen Raum betrieb: Sobald man sich mit diesen Themen besch\u00e4ftigte, war da der Vorwurf des Involviert-Seins, da sich ja heterosexuelle Wissenschaftler*innen mit diesen Themen nicht besch\u00e4ftigen w\u00fcrden. Wenn man ins Archiv ging und bestimmte Sachen suchte, hatte man sozusagen schon den Rosa-Winkel-Stempel drauf. Gleichzeitig wurde einem aber die n\u00f6tige wissenschaftliche Objektivit\u00e4t abgesprochen, weil man ja direkt betroffen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ja tats\u00e4chlich so, dass die fr\u00fche Forschung zu diesen Themen aus den queeren Communities getrieben wurde: Sie kam aus der Schwulenbewegung, sie kam aus der Lesbenbewegung, sie kam dann auch aus der Transbewegung. Es war also immer der Impuls aus den Communities, der dann mit einiger Zeitverz\u00f6gerung von den akademischen Wissenschaften aufgenommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten doch deutlich ge\u00e4ndert. Inzwischen gibt es eine viel breitere Forschungscommunity, die sich nicht mehr \u00fcber die eigene sexuelle Orientierung definiert. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Lambda: Wenn wir \u00fcber Geschichte reden, reden wir ja auch immer \u00fcber Erinnern und \u00fcber Gedenken. Wie hat sich aus Deiner Perspektive queere Gedenkkultur in \u00d6sterreich entwickelt?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>AB: Das ist nicht einfach zu beantworten. Man muss sich \u00fcberlegen, was bedeutet Gedenkkultur? Ist das jetzt irgendwo einen Stein, ein Monument hinstellen? Oder ist nicht Gedenkarbeit ein Prozess, der laufend stattfindet und auch laufend stattfinden muss? <\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersteren Aspekt, ein Mahnmal als sichtbares, \u00f6ffentliches Zeichen: da war \u00d6sterreich erstaunlich fr\u00fch dran. Das Denkmal f\u00fcr die homosexuellen NS-Opfer in Mauthausen war ja das erste Monument weltweit dieser Art. Noch dazu an einem Ort der Verfolgung! Daf\u00fcr haben viele andere Gedenkst\u00e4tten noch Jahrzehnte gebraucht. Und ich muss mich ja ehrlich noch immer fragen, wie hat das 1984 funktioniert? Wie haben Reinhardt Brandst\u00e4tter und Co das durchgebracht beim Mauthausen-Komitee? Ein gro\u00dfes Wunder, dass \u00d6sterreich da so fr\u00fch dran war. Danach ging die Diskussion weiter, und es hat lange gedauert, bis jetzt 2023 tats\u00e4chlich ein Mahnmal auch in Wien er\u00f6ffnet werden wird. Dazwischen gab\u2018s aber auch Initiativen in anderen Bundesl\u00e4ndern, wie zum Beispiel Stolpersteine f\u00fcr homosexuelle NS-Opfer in Salzburg und in der Steiermark.<\/p>\n\n\n\n<p>Was jetzt diesen Prozess der Gedenkkultur anbelangt, das ist etwas, das von den Communities getragen werden muss. Solch ein Prozess ist nat\u00fcrlich auch einer st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderung unterworfen, weil sich die Formen des Gedenkens \u00e4ndern. Wenn ich z.B. historische Stadtspazierg\u00e4nge mache und dabei speziell auf die Verfolgungssituation vor, w\u00e4hrend und nach der NS-Zeit von Lesben, Schwulen, Transpersonen eingehe, wenn ich dabei vor einem Haus stehe, wo eine Frau gelebt hat, die wegen ihrer Homosexualit\u00e4t gesellschaftlich ge\u00e4chtet, ausgeschlossen und verfolgt wurde, dann ist das auch ein Akt des tempor\u00e4ren Gedenkens. Die Gruppe setzt gemeinsam einen Gedenkmoment. Das sind ephemere, verg\u00e4ngliche Formen des Gedenkens, die aber genauso wichtig sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Oder wenn eben bei euch in den \u201eLambda Nachrichten\u201c \u00fcber queere Geschichte berichtet wurde, wenn an Personen erinnert wird, die f\u00fcr queere Gleichberechtigung und Rechte eintraten in einer Zeit, als das noch nicht selbstverst\u00e4ndlich war. Damals, als man noch strafrechtlich verfolgt wurde und das auch den sozialen Tod bedeutet hat, weil man danach viele Berufe nicht aus\u00fcben konnte, weil man von der Familie ausgesto\u00dfen wurde. Das passiert teilweise auch heute noch, aber nicht mehr in dem Umfang wie vor 50, vor 70, vor 100 Jahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch das sind Beitr\u00e4ge zu einer Gedenkkultur.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lambda: Welche Ereignisse der j\u00fcngeren Geschichte findest Du besonders wichtig f\u00fcr die queeren Communities?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>AB: Die 80er Jahre waren ein ganz spannendes Jahrzehnt. Damals bildeten sich mit der Gr\u00fcndung der HOSI Wien und der Etablierung der [T\u00fcrkis] Rosa Lila Villa zwei Organisationen in Wien, die f\u00fcr die Sichtbarkeit von queeren Lebensformen ganz entscheidend waren und immer noch sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch hat sich im Zuge der AIDS-Epidemie und der Bedrohung durch das Virus das Sprechen \u00fcber Sexualit\u00e4t ganz grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndert in den 1980er Jahren. Homosexuelle Lebensweisen wurden dadurch sichtbar und Teil eines \u00f6ffentlichen Diskurses, nicht nur \u00fcber Sexualit\u00e4t, sondern auch \u00fcber Beziehungen \u2013 und deren rechtliche Absicherung. Das war ein entscheidender Schritt in Richtung Gleichberechtigung, denn damit konnte dieses Thema nicht mehr wegdiskutiert werden. Diese Entwicklungen heute zu analysieren, finde ich besonders spannend und wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lambda: M\u00f6chtest Du unseren Leser*innen noch etwas mitgeben?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>AB. Was ich gerade der jungen Generation mitgeben m\u00f6chte, ist, dass Bewusstsein um die eigene Geschichte ein ganz wichtiger Bestandteil der Identit\u00e4t ist, und dass es wichtig ist, zu wissen, woher man kommt. Dieses Geschichtsbewusstsein hatte die LGBTIQ-Bewegung immer. Das sehen wir schon in den 70er Jahre, in denen die eigene Geschichte ein ganz wichtiger Moment der Identifikation und der Selbstversicherung war. Diese R\u00fcckbesinnung muss Teil unseres heutigen Lebens sein, da die Geschichte ein Teil unserer heutigen Identit\u00e4t ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>QWIEN ist die erste Anlaufstelle f\u00fcr queere Geschichte in Wien. Hier wird archiviert, zusammengetragen, geforscht und aufgearbeitet. Vor allem wird aber vermittelt: Durch queere Stadtf\u00fchrungen, Publikationen, Teilnahmen an Konferenzen und vieles mehr. 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