{"id":2346,"date":"2023-06-02T02:08:00","date_gmt":"2023-06-02T00:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2346"},"modified":"2023-06-02T08:20:48","modified_gmt":"2023-06-02T06:20:48","slug":"30-jahre-loewenherz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2346","title":{"rendered":"30 Jahre L\u00f6wenherz"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Sichtbarkeit ist das Erfolgsgeheimnis unserer Emanzipationsbewegung: Dem versch\u00e4mten Verschweigen, Wegschauen und Verstecken setzen wir stolz unseren eigenen Lebensentwurf entgegen. Selbst bei der manifesten Verfolgung von Schwulen, Lesben, Transmenschen, queeren Lebensformen waren und sind die Verfolgten nur Mittel zum Zweck: Auch hier geht es vor allem um Ausl\u00f6schung der Wahrnehmung und Erinnerung. In Andreas Brunners j\u00fcngstem Werk \u201eAls homosexuell verfolgt\u201c belegt gleich das erste abgedruckte Dokument mit dem Vermerk \u201eohne historischen Wert\u201c diese Zielsetzung: Keine Archivierung, keine Erinnerung, schon gar keine Aufarbeitung.<\/p>\n\n\n\n<p>Sichtbarkeit ist ein Leitbegriff, der die Arbeit der Buchhandlung L\u00f6wenherz seit 30 Jahren bestimmt hat \u2013 und gleich im ersten Jahr auch Anlass f\u00fcr Razzia, Beschlagnahme und Prozess gegen uns, denn bis 1996 (L\u00f6wenherz startete 1993) galt ein strafrechtlich bewehrtes Werbeverbot in Bezug auf Homosexualit\u00e4t. Selbst das damals noch viel kleinere Sortiment stand nat\u00fcrlich in seinem Ansatz, schwule, lesbische, transidente Literatur sichtbar zu machen, hierzu im Widerspruch. Wir hatten Gl\u00fcck, die Sache verlief sich, doch ein gesundes Misstrauen gegen\u00fcber der Mehrheitsgesellschaft ist uns geblieben. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt aufgrund dieser legalen Grauzone, in der sich die Idee von L\u00f6wenherz in der Gr\u00fcndungsphase bewegte, wurde die Buchhandlung zusammen mit dem benachbarten Caf\u00e9 Berg in einer gemeinsamen Firma und mithilfe eines Privatkredits er\u00f6ffnet. Leo Kellermann vereinte Idee und Antrieb, eine Buchhandlung, wie es sie schon in anderen Gro\u00dfst\u00e4dten gab, auch in Wien zu etablieren. J\u00fcrgen Ostler und Andreas Brunner suchten das erste Sortiment aus, kauften ein und machten den 1. Juli 1993 zusammen mit dem Caf\u00e9 Berg zu einem Wendepunkt der lesbisch-schwulen Geschichte Wiens: Zum ersten Mal gab es einen Ort, der offen und tags\u00fcber v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich schwul bzw. lesbisch war. <\/p>\n\n\n\n<p>Lesbisch, schwul, trans, bi, inter, queer: L\u00f6wenherz ist seit 30 Jahren ein Ort, an dem dieses Leben stattfindet. Von der Er\u00f6ffnung an (streng genommen schon in der Vorbereitungszeit) gab es Lesungen, Vortr\u00e4ge und Diskussionsveranstaltungen, und es sind viele Formate hinzugekommen. Online-Veranstaltungen, Videos, die w\u00f6chentliche Radiosendung \u201eBerggasse 8\u201c und der gleichnamige Podcast, der w\u00f6chentlich B\u00fccher bespricht. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Juergen-Ostler-und-Veit-Georg-Schmidt-683x1024.jpg\" alt=\"Veit Georg Schmidt und J\u00fcrgen Ostler (Foto: L\u00f6wenherz)\" class=\"wp-image-2349\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Juergen-Ostler-und-Veit-Georg-Schmidt-683x1024.jpg 683w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Juergen-Ostler-und-Veit-Georg-Schmidt-200x300.jpg 200w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Juergen-Ostler-und-Veit-Georg-Schmidt-100x150.jpg 100w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Juergen-Ostler-und-Veit-Georg-Schmidt.jpg 732w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Veit Georg Schmidt und J\u00fcrgen Ostler (Foto: L\u00f6wenherz)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Viele dieser Ver\u00e4nderungen sind nat\u00fcrlich durch das Internet gekommen, ein Medium, das es bei Gr\u00fcndung der Buchhandlung noch gar nicht gab. Aber das war schon immer (und das bleibt hoffentlich auch so) etwas, was uns bei L\u00f6wenherz viel Spa\u00df gemacht hat: Neues zu entdecken, auszuprobieren und zu entwickeln. Auch unser regelm\u00e4\u00dfig erscheinender gedruckter Katalog ist so nicht allein geblieben, auf www.loewenherz.at gibt es einen komplett hauseigen programmierten Webshop mit vielen Features, die kaum eine andere Buchhandels-Website bietet, wie neben unserer eigenen Kategorisierung eine eigene, selbst entwickelte (lesbisch-schwul-queere) Verschlagwortung, ein Affiliate-System, Einbindung externer Medien und v.a.m. <\/p>\n\n\n\n<p>Sichtbarmachen h\u00e4ngt f\u00fcr L\u00f6wenherz auch immer eng mit Sch\u00f6nheit und Freude zusammen. Und darum haben wir auch den Laden vor kurzem komplett renoviert und um etwa ein Viertel vergr\u00f6\u00dfert. Alles ist jetzt aus Massivholz, die neuen Regale haben schicke Schiebew\u00e4nde, auf denen ausgew\u00e4hlte Titel pr\u00e4sentiert werden, der Kassenbereich zeigt die Verbindung von Laden und Internet und die neue Leseecke ist ein richtiger Hingucker. Der Raum ist gro\u00dfz\u00fcgiger, bietet zugleich Platz f\u00fcr mehr B\u00fccher und bei Veranstaltungen ist nicht nur die Technik leichter einsatzbereit, es finden auch mehr G\u00e4ste Platz als zuvor. <\/p>\n\n\n\n<p>Finanziell miterm\u00f6glicht wurde dieser Umbau durch einen Preis: L\u00f6wenherz wurde 2020 zur \u201eBuchhandlung des Jahres\u201c gek\u00fcrt \u2013 und auch diese Ehrung durch das Staatssekretariat f\u00fcr Kunst und Kultur zeigt eine wichtige Ver\u00e4nderung f\u00fcr L\u00f6wenherz: Die Wahrnehmung au\u00dferhalb der Community. L\u00f6wenherz ist die kompetente Anlaufstelle geworden, Kinderg\u00e4rten und Schulen sch\u00e4tzen unsere Expertise ebenso wie Museen und Unternehmen. Daran war in der Anfangszeit gar nicht zu denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese neue Sichtbarkeit von L\u00f6wenherz h\u00e4ngt viel mit den zahlreichen Aktivit\u00e4ten der Buchhandlung und ihrer Buchh\u00e4ndler zusammen, die sie au\u00dferhalb der vier W\u00e4nde des Ladens entfalten. Nicht nur Regenbogenparade und Regenbogenball wurden ja von L\u00f6wenherz mitangesto\u00dfen (die erste Parade hat die Infrastruktur der Buchhandlung zum Organisationsb\u00fcro verwandelt), viele Szeneinitiativen und Vereine sind von L\u00f6wenherz gef\u00f6rdert und begleitet worden. Und mit der monatlichen Queerfilmnacht und dem j\u00e4hrlichen Queerfilmfestival im September betreut L\u00f6wenherz mittlerweile eine weitere wichtigen kulturelle Community-Eventreihe.<\/p>\n\n\n\n<p>Sichtbarkeit ist aber kein reines Schneller-H\u00f6her-Weiter \u2013 etwas sichtbar zu machen hei\u00dft auch, etwas auszuw\u00e4hlen, es zum Besonderen zu machen, ihm Relevanz zu verleihen. Das war in den ersten Jahren von L\u00f6wenherz vor allem eine Sache der Beschaffung: Bei uns gab es die B\u00fccher, die anderswo nicht findbar waren, h\u00e4ufig genug, weil andere Buchhandlungen sich weigerten, so etwas Anr\u00fcchiges zu besorgen. (Nebenbei f\u00fchrte das \u00fcbrigens dazu, dass wir Spezialisten f\u00fcr die Beschaffung von B\u00fcchern geworden sind, bei denen sich auch erfahrene Buchh\u00e4ndlerinnen und Buchh\u00e4ndler schwer tun, und so greifen mittlerweile auch andere Buchhandlungen f\u00fcr ihre komplizierten Titel gern auf unsere Erfahrung zur\u00fcck und bestellen \u00fcber uns.) <\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Jahren erleben wir eine Bl\u00fcte der schwulen, lesbischen, queeren Literatur, Romane wie Sachb\u00fccher greifen transidentes Leben aus eigener Perspektive auf; wir k\u00f6nnen also eine ungeahnte Vielfalt anbieten und unsere Aufgabe ist immer mehr die geworden, von der wir anfangs nur tr\u00e4umen konnten, n\u00e4mlich: Herausfinden, welches Buch f\u00fcr die jeweilige Kundin, den jeweiligen Kunden gerade passend sein k\u00f6nnte. Denn wir sind \u00fcberzeugt: Das Buch, das alle gelesen haben m\u00fcssen, gibt es nicht, Interessen sind vielf\u00e4ltig, mitunter unvereinbar und es macht Spa\u00df, sich auf Tageslaunen beim Beratungsgespr\u00e4ch einzulassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und hier hei\u00dft Sichtbarmachen auch: Einordnen, was ist authentisch, was ist gro\u00dfe Kunst, was ist Entspannungslekt\u00fcre und was ist seichte Unterhaltung, wom\u00f6glich auch aus rein kommerzieller Absicht auf den Markt geworfen. Und gerade die gegenw\u00e4rtige Popularisierung queerer Themen bei gro\u00dfen Verlagen, Filmstudios und k\u00fcnstlerischer Events wirft immer h\u00e4ufiger die Frage auf: Hat das eigentlich noch mit uns zu tun, oder sind wir Schwule, Lesben, queere Menschen nur noch Staffage, so austauschbar wie das verschollene Kind im viktorianischen Roman oder das Pferd in der Jugendliteratur der letzten Jahrzehnte. Dabei geht es uns gar nicht darum auszusortieren \u2013 welche B\u00fccher ihre Berechtigung haben, das entscheiden Leserinnen und Leser selbst. Unsere Aufgabe ist es, beim Ausw\u00e4hlen helfen zu k\u00f6nnen und beim Einsch\u00e4tzen zu unterst\u00fctzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn uns nach 30 Jahren eines gewiss erscheint, dann ist es dies: Zusammen mit unseren Kundinnen und Kunden, Freundinnen und Freunden werden wir immer wieder neu herausfinden, was wichtig, was sch\u00f6n, was bereichernd und was einfach nur entspannend ist. Viele unserer aufregendsten Titel-Entdeckungen verdanken wir ja direkt oder indirekt Gespr\u00e4chen im Laden und darum ist die Buchhandlung L\u00f6wenherz auch so etwas wie ein Katalysator daf\u00fcr, was ein schwules, lesbisches, transidentes, intergeschlechtliches, queeres Buch ausmacht \u2013 auch in den kommenden 30 Jahren. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Veit Georg Schmidt<br>Buchhandlung L\u00f6wenherz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sichtbarkeit ist das Erfolgsgeheimnis unserer Emanzipationsbewegung: Dem versch\u00e4mten Verschweigen, Wegschauen und Verstecken setzen wir stolz unseren eigenen Lebensentwurf entgegen. Selbst bei der manifesten Verfolgung von Schwulen, Lesben, Transmenschen, queeren Lebensformen waren und sind die Verfolgten nur Mittel zum Zweck: Auch hier geht es vor allem um Ausl\u00f6schung der Wahrnehmung und Erinnerung. 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