{"id":2342,"date":"2023-06-02T02:07:00","date_gmt":"2023-06-02T00:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2342"},"modified":"2023-06-02T08:20:55","modified_gmt":"2023-06-02T06:20:55","slug":"politik-engagement-und-missstaende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2342","title":{"rendered":"Politik, Engagement und Missst\u00e4nde"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Filme der Berlinale 2023<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Wenn dieser Text erscheint, liegt das Filmspektakel in Berlin bereits mehr als ein viertel Jahr zur\u00fcck. Da die Berlinale mit ihren Events und Auszeichnungen jedoch auch Einfluss auf andere Festivals hat, schadet es nicht, einen R\u00fcckblick auf die gl\u00fccklichen GewinnerInnen und pers\u00f6nliche Highlights zu wagen, zumal der hier integrierte Teddy Award als \u201eder bedeutendste queere Filmpreis der Welt\u201c gilt, der mit seinen Auszeichnungen \u201eeinen Beitrag f\u00fcr mehr Toleranz, Akzeptanz, Solidarit\u00e4t und Gleichstellung in der Gesellschaft\u201c (laut www.berlinale.de) leisten soll. So oder so, interessant ist die R\u00fcckschau allemal, zumal es die erste Berlinale seit Beginn der Corona-Pandemie war, die wieder mehr oder weniger ohne Zutrittsbeschr\u00e4nkungen und in vollbesetzten Kinos\u00e4len stattfand. Die einzige Einschr\u00e4nkung der Barrierefreiheit bestand darin, dass es in diesem Jahr endg\u00fcltig keinen Vorortverkauf bzw. Abendkasse mehr gab, also einen faktischen Ausschluss von Menschen ohne M\u00f6glichkeit eines Onlinezugangs. Nicht der einzige Ausschluss: die Berlinale hat sich zwar immer ger\u00fchmt, ein demokratisches Publikumsfestival zu sein, doch die Ticketpreise sind trotzdem f\u00fcr manche unerschwinglich. Man geh\u00f6rte schon immer zu den privilegierten Bildungsschichten, wenn man das Festival zehn Tage lang besuchen konnte. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war sch\u00f6n, wieder vor Ort in echter Pr\u00e4senz neben meist freundlichen, witzigen, gl\u00fccklichen, manchmal aber auch vor unh\u00f6flichen, hustenden und schubsenden MitcineastInnen zu sitzen und sich als Teil einer filmbegeisterten Community zu sehen, zumal der Zugang zum Berlinale Palast am Marlene-Dietrich-Platz eher entspannter als in Vorcoronajahren abging. Das Personal war h\u00f6flich geschult und gelassen, wenn es darum ging, auch ja jeden einzelnen QR-Code zu scannen. Und es war sch\u00f6n. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun zu den Preisverleihungen und vor allem zuerst einmal zu den Teddy Awards. Als besten Spielfilm bewertete die Teddy-Jury \u201eAll the colours of the world are between black and white\u201c von Babatunde Apalowo, eine einf\u00fchlsame Geschichte aus einer homophoben Community in Nigeria, in der zwei M\u00e4nner sich trotz aller Verbote n\u00e4herkommen und ihre Liebe entdecken \u2013 und das alles vor dem Hintergrund der 16-Millionen-Einwohnerstadt Lagos, die gr\u00f6\u00dfte Stadt Nigerias und die zweitgr\u00f6\u00dfte Afrikas. Mein Fazit: Wundersch\u00f6n, politisch beeindruckend und hoffentlich auch bald in \u00f6sterreichischen Kinos zu sehen. Mit dem Teddy f\u00fcr den besten Dokumentar-\/Essayfilm wurde \u201eOrlando, ma biographie politique\u201c&nbsp;(\u201eOrlando, My Political Biography\u201c) von Paul B. Preciado ausgezeichnet und erhielt zudem den Preis der Leser*innenjury des Tagesspiegel, den Spezialpreis der Encounters-Jury sowie eine Lobende Erw\u00e4hnung im Rahmen des Berlinale Dokumentarfilmpreises. Der franz\u00f6sische Beitrag wertet Virginia Woolfs Romanfigur neu aus und macht sich laut Berlinale-Katalog auf \u201eeine ungew\u00f6hnliche Wahrheitssuche\u201c, die als \u201eReferenz f\u00fcr alle nicht-bin\u00e4ren K\u00f6rper\u201c gelten soll. Bester Kurzfilm wurde \u201eMarungka tjalatjunu\u201c&nbsp;(\u201eDipped in Black\u201c) von Matthew Thorne und Derik Lynch, der eine Reise in die alte australische Heimat thematisiert, die spirituelle Heilung verspricht. Der Jury Award ging an Vicky Knight f\u00fcr ihre Performance in&nbsp;\u201eSilver Haze\u201c&nbsp;von Sacha Polak. Der niederl\u00e4ndisch-britische Beitrag spielt in London, wo eine Krankenschwester sich in ihre Patientin verliebt und sich mit ihrer Herkunft auseinandersetzt. Au\u00dferdem gab es einen Special Teddy Award f\u00fcr Andriy Khalpakhchi und Bohdan Zhuk, Begr\u00fcnder des Sunny Bunny Awards, dem queeren Filmpreis des Molodist Festivals in Kiew. In Bezug auf queeres Sujet m\u00f6chte ich zudem \u201eKnochen und Namen\u201c von Fabian Stumm erw\u00e4hnen, in dem er selbst auch eine der Hauptrollen spielt. Der Perspektive-Deutsches-Kino-Beitrag, der den Beziehungswendepunkt eines Schauspieler-Schriftsteller-Paares analysiert, gewann den Heiner-Carow-Preis, der nach dem Regisseur von \u201eComing Out\u201c (1989) benannt ist.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"429\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/SilverHaze-1024x429.jpg\" alt=\"Silver Haze\" class=\"wp-image-2343\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/SilverHaze-1024x429.jpg 1024w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/SilverHaze-300x126.jpg 300w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/SilverHaze-150x63.jpg 150w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/SilverHaze-768x322.jpg 768w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/SilverHaze-1536x644.jpg 1536w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/SilverHaze-2048x858.jpg 2048w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/SilverHaze-1200x503.jpg 1200w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/SilverHaze-1980x830.jpg 1980w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Silver Haze<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Folgenden wird es nun auch um Auszeichnungen gehen, die nicht unbedingt an queere Filme im engeren Sinne gingen, aber doch Beitr\u00e4ge w\u00fcrdigten, die eine herausragende politische Message haben, beziehungsweise das mutige Engagement ihrer ProtagonistInnen ehren. So wurde die deutsch-franz\u00f6sische Doku \u201eSieben Winter in Teheran\u201c von Steffi Niederzoll mit dem Friedensfilmpreis sowie dem Kompass-Perspektive-Preis bedacht, um an g\u00e4ngiges Unrecht im Iran zu erinnern. In diesem Film geht es dabei konkret um eine Studentin, die nach sieben Jahren Gef\u00e4ngnis geh\u00e4ngt wird. Sie hatte sich geweigert, ihre Aussage gegen ihren Vergewaltiger zur\u00fcckzunehmen. Ebenso wurde \u201eDas Lehrerzimmer\u201c von Ilker Catak hervorgehoben. Der deutsche Spielfilm ist Preistr\u00e4ger von Label Europa Cinemas und CICAE Art Cinema Award. Darin versucht eine Lehrerin, Mobbingaktionen und Intrigen an ihrer Schule entgegenzuwirken und verf\u00e4ngt sich dabei im Netz des Systems.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um zu den B\u00e4renverleihungen \u00fcberzuleiten, empfiehlt sich die Erw\u00e4hnung von \u201e20.000 especies de abejas\u201c (\u201e20.000 Species of Bees\u201c) von Estibaliz Urresola Solaguren, der neben dem Silbernen B\u00e4r f\u00fcr die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle an Sofia Otero noch mit dem Preis der Leserjury der Berliner Morgenpost und dem Gilde Filmpreis ausgezeichnet wurde. In dem spanischen Beitrag geht es um ein Kind im Landurlaub, das mit den Identit\u00e4tszuschreibungen seiner Umgebung nicht einverstanden ist und als Forscher*in lebensver\u00e4ndernde Entdeckungen in der Bienenzucht macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gab bei den Wettbewerbspreisen, die von der internationalen Jury unter Leitung von Kristen Stewart verliehen wurden, noch andere tolle Beitr\u00e4ge: Der Goldene B\u00e4r ging an \u201eSur l\u2019Adamant\u201c von Nicolas Philibert \u2013 ein Dokumentarfilm, aber fast t\u00e4uschend spielfilm\u00e4hnlich, wenn die BesucherInnen einer Tagesklinik in Paris versuchen, ihre psychischen Probleme zu bew\u00e4ltigen. Den Silbernen B\u00e4r Gro\u00dfer Preis der Jury erhielt \u201eRoter Himmel\u201c von Christian Petzold \u2013 eine unterhaltsame leise Geschichte, die sich in einer abgelegenen Ferienvilla mit Psychogrammen zwischen vier jungen Leuten abspielt, und die am Rande auch ein bisschen queer ist, aber einen unsicheren Heterosexuellen im Hauptvisier hat, der alles tut, um der h\u00fcbschen Protagonistin nicht zu nah zu kommen: \u201eDie Arbeit l\u00e4sst es nicht zu.\u201c Der Silberne B\u00e4r Preis der Jury wurde an \u201eMal Viver\u201c von Joao Canijo verliehen: F\u00fcnf Frauen betreiben zusammen ein altes Hotel und geraten aufgrund ihrer Vorgeschichte(n) in scheinbar unl\u00f6sbare Probleme. Der Silberne B\u00e4r f\u00fcr die Beste Regie ehrte Philippe Garrel f\u00fcr \u201eLe grand chariot\u201c: eine Puppenspielerfamilie, hin- und hergerissen zwischen Tradition und Selbstbefreiung. Den Silbernen B\u00e4r f\u00fcr die Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle erhielt Thea Ehre f\u00fcr ihr Schauspiel in \u201eBis ans Ende der Nacht\u201c von Christoph Hochh\u00e4usler: Verdeckter schwuler Ermittler im Drogenmilieu \u2013 und auch die Suche nach der wahren Liebe ist mit im Spiel. Den Silbernen B\u00e4r f\u00fcr das Beste Drehbuch nahm Angela Schanelec f\u00fcr \u201eMusic\u201c, in dem sie selbst auch Regie f\u00fchrte, entgegen: Vom \u00d6dipuskomplex auf Reise ins heutige Selbst; \u201eblutig, barock, elliptisch in Perfektion\u201c (aus dem Katalog). Den Silbernen B\u00e4r f\u00fcr eine Herausragende K\u00fcnstlerische Leistung hat sich H\u00e9l\u00e8ne Louvart f\u00fcr die Kamera in \u201eDisco Boy\u201c von Giacomo Abbruzzese verdient: Franz Rogowski spielt den durch Europa driftenden Aleksei, der schlie\u00dflich in der Fremdenlegion sein Gl\u00fcck sucht. Besonnen, nachdenklich, reflektierend, menschlich \u2013 und neuerdings auch ein bisschen queer; hier zwar nur in Ans\u00e4tzen und Andeutungen, aber 2021 in \u201eGro\u00dfe Freiheit\u201c von Sebastian Meise ganz explizit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Filme der Berlinale 2023 Wenn dieser Text erscheint, liegt das Filmspektakel in Berlin bereits mehr als ein viertel Jahr zur\u00fcck. 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