{"id":2298,"date":"2023-03-03T00:25:00","date_gmt":"2023-03-02T23:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2298"},"modified":"2023-12-05T22:33:17","modified_gmt":"2023-12-05T21:33:17","slug":"widerspruechlich-irrational-undmoralinsauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2298","title":{"rendered":"Widerspr\u00fcchlich, irrational und moralinsauer"},"content":{"rendered":"<p class=\"has-drop-cap\">Porno also. Stellen wir zuerst einmal das Off ensichtliche fest: Beinahe alle haben schon mehr als einmal aus freien St\u00fccken Pornos konsumiert. Vor dem Internet musste man daf\u00fcr bezahlen, heute gibt es online mehr kostenlos, als man in einem ganzen Leben sehen k\u00f6nnte. Das ist sicher zahlenm\u00e4\u00dfig eine neue Entwicklung, aber nicht grunds\u00e4tzlich: Pornographie gibt es buchst\u00e4blich, seit es den Menschen gibt, selbst unter H\u00f6hlenmalereien wurden Sexszenen gefunden. Eine f\u00fcr unsere Community besondere Relevanz haben nat\u00fcrlich die bekannten homoerotische Szenen auf den Vasen der griechischen Antike.<\/p>\n<p>Da dr\u00e4ngt sich doch die Frage auf: Wieso ist das so ein heikles, tabuisiertes Th ema? Wie haben wir es als vermeintlich aufgekl\u00e4rte, liberale Gesellschaft geschafft , dass es ganz offi ziell und reguliert eine milliardenschwere Industrie gibt, sich aber kaum jemand v\u00f6llig wohlf\u00fchlt zu erz\u00e4hlen, ihr*e Kunde*Kundin zu sein?<\/p>\n<p>Vor allem ist da das Tabu der Sexualit\u00e4t an sich. Es gibt nur wenige Menschen, die \u00fcberall ohne Z\u00f6gern \u00fcber ihre Vorlieben sprechen, oder anderen Menschen dabei gerne zuh\u00f6ren. Das gilt genauso f\u00fcr den Sex mit den eigenen H\u00e4nden. In manchen Bereichen ist dieses Tabu sicher wichtig und ein Schutz Schw\u00e4cherer (besonders offensichtlich im Fall von Inzest), aber es hat mit seiner Scham, seiner Sprachlosigkeit, seinem erzwungenen Unwissen und dessen Folgen auch viel Leid gebracht. Das k\u00f6nnte man als ein weiteres Beispiel f\u00fcr die Schwierigkeit ethischer Gratwanderungen sehen. Doch es steht im krassen Widerspruch zur sonstigen Sexualisierung unserer Gesellschaft: Selbst Konsumg\u00fcter werden mit Sex oder sexuellen Anspielungen beworben, bis vor wenigen Jahren hatte die auflagenst\u00e4rkste Zeitung des Landes t\u00e4glich das Foto einer nackten Frau, und zurecht st\u00f6rt sich heute kaum noch jemand an Werbung f\u00fcr Viagra.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Umgang mit Sex ist also nach wie vor eher irrational. Das liegt sicher auch an der Verletzlichkeit, die die meisten von uns mit der eigenen Nacktheit verbinden. Da kommt ein gewisses Ma\u00df an Verdr\u00e4ngung ganz gelegen. Und so werden dann auch Prostituierte an den Stadtrand gedr\u00e4ngt, die fr\u00fcher zentral um Freier geworben haben, wenn nicht gleich ganz ein Verbot gefordert wird, das, wie man etwa in Schweden sieht, \u00e4hnlich erfolglos ist wie die Kriminalisierung von Drogen oder fr\u00fcher das Verbot von Abtreibungen. Das Verbot von Prostitution w\u00e4re in den 70ern \u00fcbrigens beinahe das Ende der amerikanischen Porno-Industrie gewesen, als Kalifornien versuchte, die Bezahlung der Darsteller*innen f\u00fcr Sex als Prostitution strafrechtlich zu verfolgen. Allerdings scheiterten dieser Versuch beim Supreme Court von Kalifornien aufgrund der Kunstfreiheit. Merke: F\u00fcr Sex bezahlen ist verboten, au\u00dfer es l\u00e4uft daneben eine Kamera und man zeigt es nachher.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein tats\u00e4chlich neues Ph\u00e4nomen ist dank dem Internet dazugekommen, n\u00e4mlich das der Eigenvermarktung der Darsteller*innen. Auf entsprechenden Plattformen k\u00f6nnen sie selbst den Preis festsetzen, zu dem die Zuseher*innen Zugriff auf ihre Videos bekommen, und m\u00fcssen diesen Verdienst nicht mit den Studios teilen. Damit wird die Karriere als Pornodarsteller*in \u00e4hnlich einfach (oder schwer) wie jene als YouTube-Star. Es ist zumindest ein Fortschritt, wenn die Models damit eine Alternative zu den Studios haben, wenn die dortigen Arbeitsbedingungen inakzeptabel sind. \u00dcber diese wird n\u00e4mlich tats\u00e4chlich selten gesprochen, wenn es um Pornos geht, und wenn, dann wird \u00fcber die Models gesprochen, kaum je mit ihnen. Wie so oft bei Sexarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re jetzt einfach, die Gesellschaft \u2013 und damit alle und niemanden \u2013 ob ihrer Heuchelei zu gei\u00dfeln. Aber das w\u00e4re erstens zu billig und zweitens wird das Thema ohnehin schon in Moralins\u00e4ure gebadet, mehr w\u00e4re wirklich \u00fcberfl\u00fcssig. Daher bleibt an dieser Stelle nur festzustellen, dass die Diskussion offener, rationaler und vor allem aus m\u00f6glichst vielen Perspektiven gef\u00fchrt werden sollte. Das ist der Beitrag, den dieser Lambda-Schwerpunkt hoffentlich leisten wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Porno also. Stellen wir zuerst einmal das Off ensichtliche fest: Beinahe alle haben schon mehr als einmal aus freien St\u00fccken Pornos konsumiert. Vor dem Internet musste man daf\u00fcr bezahlen, heute gibt es online mehr kostenlos, als man in einem ganzen Leben sehen k\u00f6nnte. 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