{"id":2291,"date":"2023-03-03T00:23:00","date_gmt":"2023-03-02T23:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2291"},"modified":"2023-03-02T22:44:58","modified_gmt":"2023-03-02T21:44:58","slug":"vor-den-vorhang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2291","title":{"rendered":"Vor den Vorhang"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Barbara und Brigitte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Denjenigen, die im Vordergrund t\u00e4tig sind, wird in der Regel der meiste Ruhm zuteil. Zum Beispiel wird ihnen \u00f6ffentlichkeitswirksam der Dank f\u00fcr die Arbeit des Teams ausgesprochen. Das ist nicht weiter schlimm, schlie\u00dflich geht mit solchen \u00c4mtern meist sehr viel Verantwortung und ehrenamtliche Arbeit einher, und dies verdient Anerkennung. Nur ist es immer schade, wenn diejenigen vergessen werden, die mehr im Hintergrund wirken \u2013 vor allem dann, wenn sie au\u00dferordentlich lange und konsequent mitarbeiten und diese Arbeit dazu noch oftmals belastend und wenig prestigetr\u00e4chtig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Barbara Fr\u00f6hlich und Brigitte Zika-Holoubek geh\u00f6ren zu jenen Menschen, die in der HOSI Wien eher im Hintergrund \u2013&nbsp;oft auch belastende \u2013&nbsp;Arbeit leisten, und das seit Jahrzehnten. Und das geh\u00f6rt ordentlich gew\u00fcrdigt, gerade jetzt, da mehrere Jubil\u00e4en zusammenfallen: Barbara hat unl\u00e4ngst ihren 60. Geburtstag und ihr 30. Dienstjahr in der HOSI Wien gefeiert, und Brigitte wird im Sommer 75. Im Rahmen der Weihnachtsfeier 2022 hat Brigitte dazu noch den ersten HOSI Wien Award f\u00fcr ihr Engagement erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Barbara Fr\u00f6hlich ist in Nieder\u00f6sterreich geboren und aufgewachsen und kam zum Studium der Japanologie nach Wien. 1991 stie\u00df sie zur HOSI Wien-Lesbengruppe \u2013 in einer in mehrerlei Hinsicht schwierigen Zeit: Die AIDS-Krise hatte dem Verein enorme Kraft und vielen ihrer m\u00e4nnlichen Aktivisten das Leben gekostet, Trauer und Schmerz waren allgegenw\u00e4rtig. Dadurch sind auch viele Aktivistinnen m\u00fcde geworden. Somit war Barbaras Aufgabe, 1994 die Hauptverantwortung f\u00fcr die Lesbengruppe zu \u00fcbernehmen und sie wiederzubeleben, alles andere als leicht und oft auch frustrierend. Viele h\u00e4tten wohl bald aufgegeben, doch Barbara bewies au\u00dferordentliches Durchhalteverm\u00f6gen und leitete die Gruppe schlie\u00dflich 23 Jahre lang \u2013 und das mit regelm\u00e4\u00dfig nur zwei Stunden Schlaf mittwochnachts. Mittwochs hat sie den im HOSI-Zentrum stattfindenden Lesbenabend betreut, inkl. Bardienst und einem offenen Ohr f\u00fcr jede Sorge, und dabei eine diverse Gruppe zusammengehalten, in der u. a. alle Altersgruppen und viele soziale Schichten vertreten sind. Barbara gelang auch eine Pionierleistung, indem sie die Lesbengruppe (inzwischen die HOSI Wien LesBiFem-Gruppe) als eine der europaweit ersten auch f\u00fcr trans Frauen \u00f6ffnete.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Waltraud-Riegler-und-Barbara-Froehlich-Foto-Martin-Witzmann-787x1024.jpg\" alt=\"Waltraud Riegler und Barbara Fr\u00f6hlich (Foto: Martin Witzmann)\" class=\"wp-image-2293\" width=\"590\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Waltraud-Riegler-und-Barbara-Froehlich-Foto-Martin-Witzmann-787x1024.jpg 787w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Waltraud-Riegler-und-Barbara-Froehlich-Foto-Martin-Witzmann-231x300.jpg 231w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Waltraud-Riegler-und-Barbara-Froehlich-Foto-Martin-Witzmann-115x150.jpg 115w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Waltraud-Riegler-und-Barbara-Froehlich-Foto-Martin-Witzmann-768x999.jpg 768w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Waltraud-Riegler-und-Barbara-Froehlich-Foto-Martin-Witzmann-1180x1536.jpg 1180w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Waltraud-Riegler-und-Barbara-Froehlich-Foto-Martin-Witzmann-1574x2048.jpg 1574w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Waltraud-Riegler-und-Barbara-Froehlich-Foto-Martin-Witzmann-1200x1562.jpg 1200w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Waltraud-Riegler-und-Barbara-Froehlich-Foto-Martin-Witzmann-1980x2577.jpg 1980w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Waltraud-Riegler-und-Barbara-Froehlich-Foto-Martin-Witzmann-scaled.jpg 1967w\" sizes=\"auto, (max-width: 590px) 100vw, 590px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Waltraud Riegler und Barbara Fr\u00f6hlich (Foto: Martin Witzmann)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>In dieser Funktion war sie auch dar\u00fcber hinaus vielseitig aktiv, u.a. verfasste sie Gastbeitr\u00e4ge in Zeitschriften und B\u00fcchern, hielt Redebeitr\u00e4ge und engagierte sich ab 1998 beim \u201eHOSI-Lesbenradio\u201c, einer monatlichen Sendung auf Radio Orange 94.0 (ausf\u00fchrlicheres dazu im Buch SICHTBAR \u2013 40 Jahre HOSI-Wien-Lesben*gruppe).<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben hat sich Barbara stets mit Herzblut f\u00fcr den Gesamtverein eingesetzt: So ist sie bis heute (mit Unterbrechungen) l\u00e4ngst\u00addienende Schriftf\u00fchrerin und hat etliche internationale Konferenzen mitorganisiert, deren Gastgeberin die HOSI Wien war, darunter die ILGA-Osteuropakonferenz 1993, die ILGA-Welt- und ILGA-Europa-Tagungen 2008 sowie die EPOA-Jahreskonferenz 2018. Bei der Organisation der European Lesbian* Conference 2017 in Wien arbeitete Barbara ebenfalls tatkr\u00e4ftig mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wichtiges Anliegen ist Barbara zudem stets das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gewesen: Auch auf diesem Gebiet hat sie sich intensiv eingebracht und an zahlreichen einschl\u00e4gigen Aktionen des Antifaschistischen Komitees der HOSI Wien teilgenommen, zuletzt bei einer Gedenkfeier am Heldenplatz am 27. J\u00e4nner anl\u00e4sslich des Tages zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei alledem schafft sie es immer, sich mit allen auf Augenh\u00f6he auseinanderzusetzen, dabei zwar ihre wichtigen Anliegen mit Nachdruck zu vertreten, aber auch zu akzeptieren, wenn sie einmal nicht Teil der Mehrheit ist. Dabei bleibt sie immer herzlich und nimmt sich, wann und wo immer m\u00f6glich, Zeit f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch. Mit dieser liebevollen Art und Weise hat sie viel dazu beigetragen, auch den Verein zusammenzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>1997 lernte Barbara im Rahmen der Vorbereitungen zur zweiten Wiener Regenbogenparade ihre k\u00fcnftige Lebenspartnerin Brigitte kennen und lieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Brigitte stammt aus dem Wiener Umland und kam durch ihr Engagement f\u00fcr AIDS-Kranke zur HOSI Wien. Seit den sp\u00e4ten 1980er-Jahren hatte sie an AIDS erkrankte Menschen auf der AIDS-Station \u201eAnnenheim\u201c (in der heutigen Klinik Penzing) ehren\u00adamtlich betreut \u2013 zu einer Zeit, als die Krankheit am meisten Todesopfer forderte, noch schlecht erforscht und mit erheblicher Stigmatisierung verbunden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Menschen hatten damals noch gro\u00dfe Ber\u00fchrungs\u00e4ngste und weigerten sich, mit AIDS-Kranken zu arbeiten. Doch nicht so \u00adBrigitte \u2013 ganz im Gegenteil: Sie setzte sich an ihre Betten, hielt ihre H\u00e4nde, h\u00f6rte sich ihre \u00c4ngste und Sorgen an und begleitete sie auf diesem unvorstellbar schweren Weg. F\u00fcr manche war sie sogar die einzige Bezugsperson \u2013 vor allem f\u00fcr jene, die von ihren Familien aufgrund ihrer sexuellen Orientierung versto\u00dfen wurden, die keinen Partner (mehr) hatten, weil dieser wom\u00f6glich selbst schon verstorben war.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen dieser T\u00e4tigkeit kam Brigitte auch mit HOSI-Aktivisten in Kontakt, die an AIDS erkrankt waren. Auch einige von ihnen begleitete Brigitte mit gro\u00dfer Empathie und Unterst\u00fctzung in ihren letzten, meist sehr schwierigen und qualvollen Lebensmonaten. Diese mit gro\u00dfer seelischer Belastung verbundene Arbeit ist nicht mit Gold aufzuwiegen und war deshalb ein Beitrag von unsch\u00e4tzbarem Wert in diesen schwersten Jahren der Vereinsgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nicht nur das: Seit dieser Zeit k\u00e4mpft Brigitte gemeinsam mit Friedl Nussbaumer, dessen Partner Michael 1992 den Kampf gegen AIDS verloren hatte, mit dem Names Project Wien (namesproject.at) daf\u00fcr, dass die an AIDS verstorbenen Menschen nicht vergessen werden, sondern Gedenkt\u00fccher mit ihren Namen an sie erinnern. Im Laufe der Jahre hat Brigitte den \u00f6sterreichischen Memorial Quilt an viele Orte in \u00d6sterreich zur Aufbereitung begleitet, eine Form der Pr\u00e4ventionsarbeit, die besonders f\u00fcr Schulklassen gedacht und geeignet war. Im Mai 1999 pr\u00e4sentierte sie Quilt-Gedenkt\u00fccher sogar in Moskau und wurde dazu von drei russischen TV- bzw. Radiosendern interviewt (vgl. LN 3\/1999, S. 28 ff). Noch heute zeigt Brigitte den Quilt gerne der HOSI-Jugend, erz\u00e4hlt seine Geschichte auf ber\u00fchrende Weise und sorgt damit daf\u00fcr, dass das Gedenken an die Opfer von HIV und AIDS fortbesteht \u2013 zuletzt wieder letzten November am HOSI Wien Jugend\u00adabend.<\/p>\n\n\n\n<p>Brigitte hat sich ebenfalls stets sehr um die HOSI als Ganzes bem\u00fcht, sich an vielen Aktionen beteiligt, darunter an vielen Veranstaltungen der Lesbengruppe, des Antifaschistischen Komitees, aber beispielsweise auch an Protestaktionen, wie der friedlichen Besetzung der Botschaft Portugals in Wien, um das damalige EU-Vorsitzland davon zu \u00fcberzeugen, beim Druck auf die schwarz-blaue Regierung nicht nachzulassen. Und auch Brigitte hat sich mit ihrer liebevollen m\u00fctterlichen Art nach Kr\u00e4ften um alle gek\u00fcmmert und damit einen wichtigen Beitrag f\u00fcr das soziale Gef\u00fcge des Vereins geleistet.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Liebe Brigitte, liebe Barbara,<\/em><br><em>Danke f\u00fcr eure immerw\u00e4hrende Herzensw\u00e4rme, euer offenes Ohr und eure liebevolle Art \u2013 ohne euch h\u00e4tte ich mich niemals in dem Umfang engagieren k\u00f6nnen!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Barbara und Brigitte Denjenigen, die im Vordergrund t\u00e4tig sind, wird in der Regel der meiste Ruhm zuteil. Zum Beispiel wird ihnen \u00f6ffentlichkeitswirksam der Dank f\u00fcr die Arbeit des Teams ausgesprochen. Das ist nicht weiter schlimm, schlie\u00dflich geht mit solchen \u00c4mtern meist sehr viel Verantwortung und ehrenamtliche Arbeit einher, und dies verdient Anerkennung. 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