{"id":2280,"date":"2023-03-03T00:20:00","date_gmt":"2023-03-02T23:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2280"},"modified":"2023-06-02T00:27:15","modified_gmt":"2023-06-01T22:27:15","slug":"zitronen-oderlimetten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2280","title":{"rendered":"Zitronen oder Limetten?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Gar nicht so einfach, meine letzte Kolumne f\u00fcr die Lambda (Nachrichten) zu schreiben, nach fast 24 Jahren, in denen ich meine Gedanken zu LGBTIQ-, Frauen-, feministischen oder anderen Themen aktueller (Gesellschafts-)Politik, hier und anderswo, formuliert habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Begonnen hat es mit meinem Einzug in den Nationalrat Ende 1999 \u2013 und jetzt wird es Zeit, dass sich andere aus feministischer\/lesbischer Sicht Gedanken machen. Ich freue mich, dass der \u201eLesben*Rat\u201c dies \u00fcbernehmen wird, danke!<\/p>\n\n\n\n<p>Wor\u00fcber soll ich aber zum Abschluss schreiben? Da f\u00e4llt mir ein Thema meines Dolmetschstudiums in Innsbruck ein, Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre: Wie Begriffe \u00fcbersetzen oder dolmetschen, die es in einer anderen Sprache, einer anderen Region nicht gibt, weil es die Institution, die Errungenschaft oder auch banal das Obst dort nicht gibt? Welche Weltanschauung steckt dahinter?<\/p>\n\n\n\n<p>Anlass war die \u00dcbersetzung von \u201eEingetragener Partnerschaft\u201c auf einem offiziellen Dokument f\u00fcr Argentinien, wo es die \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c gibt, aber kein \u00e4hnliches, paralleles Rechtsinstitut wie in \u00d6sterreich. In \u00d6sterreich hat das mit dem Widerwillen der \u00d6VP zu tun, gleich die Ehe zu \u00f6ffnen, weshalb wir 2009 andere Wege gehen mussten. Dann hat der VfGH 2017 nachgeholfen, und seit 1. J\u00e4nner 2019 k\u00f6nnen alle w\u00e4hlen: zwischen der althergebrachten Ehe und der in einigen wenigen Punkten moderneren EP.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie also \u201eEingetragene Partnerschaft\u201c \u00fcbersetzen, wenn sie rechtlich als \u201eder Ehe gleichwertig oder vergleichbar\u201c gilt? Ich w\u00e4re ja daf\u00fcr, \u201eEP\u201c einfach mit \u201eEhe\u201c zu \u00fcbersetzen \u2013 aber bei der \u00dcbersetzung eines offiziellen Dokuments w\u00e4re das wohl inakzeptabel. \u201eUni\u00f3n civil\u201c, also \u201eLebensgemeinschaft\u201c, ist eine oft ins Spiel gebrachte Option \u2013 doch ich halte das f\u00fcr eine ideologisch begr\u00fcndete Option von Leuten, die Vorbehalte gegen\u00fcber der rechtlichen Gleichstellung von uns Lesben und Schwulen haben. Denn \u201euni\u00f3n civil\u201c bedeutet \u201eLebensgemeinschaft\u201c, also die \u201eniedrigste Stufe\u201c des staatlich anerkannten Zusammenlebens zweier Menschen \u2013 und weit entfernt von der \u00f6sterreichischen EP.<\/p>\n\n\n\n<p>Apropos Ideologie: in meinem viel benutzten Synonym-W\u00f6rterbuch, Wehrle-Eggers \u201eDeutscher Wortschatz\u201c, das ich 1979 erstand, fand ich einige Beispiele f\u00fcr ideologisch begr\u00fcndete Formulierungen: \u201ehomosexuell\u201c und \u201elesbisch\u201c als Synonyme f\u00fcr \u201eUnreinheit\u201c \u2013 gleich neben \u201epervers, pervertiert, sadistisch, masochistisch\u201c und \u201esodomitisch, hurerisch, prostituiert\u201c \u2013 kein Wunder, dass es damals sehr schwer war, ein positives Selbstverst\u00e4ndnis zu finden. Moderne W\u00f6rterb\u00fccher w\u00fcrden sowas nicht mehr wagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was also tun mit der \u201eEingetragenen Partnerschaft\u201c? Das Europaparlament benutzte \u201epareja registrada\u201c, die \u00f6sterreichischen Botschaft in Argentinien \u201euni\u00f3n registrada\u201c \u2013 und so \u00fcbersetzten wir es auch, mit Fu\u00dfnote, dass in \u00d6sterreich Ehe und EP \u201egleichwertig oder vergleichbar\u201c sind. Hoffentlich verstehen die argentinischen Beh\u00f6rden dieses \u00f6sterreichische Unikum von zwei fast gleichen, auf jeden Fall \u201egleichwertigen\u201c Rechtsinstituten \u2013 und machen bei anstehenden Erbrechtsf\u00e4llen oder Pensionsanspr\u00fcchen keine Probleme.<\/p>\n\n\n\n<p>So zeigt sich, dass auch beim \u00dcbersetzen und Dolmetschen, so neutral es eigentlich sein sollte, immer auch weltanschauliche und gesellschaftspolitische Ansichten mitspielen. Obst und Gem\u00fcse jedoch unterliegen nicht ideologischen Vorbehalten \u2013 sondern simplen naturbedingten. Beispiel gef\u00e4llig? In den meisten Teilen Lateinamerikas werden v.a. \u201eLimetten\u201c (also die kleinen gr\u00fcnen kugelrunden Zitronen mit der d\u00fcnnen Schale) verwendet, sie hei\u00dfen \u201elimones\u201c \u2013 w\u00e4hrend wir hier v.a. die gr\u00f6\u00dferen gelben \u201eZitronen\u201c mit der dicken Schale verwenden. Also Achtung bei der Zubereitung von Speisen oder Cocktails \u2013 und jeweils die richtigen \u201elimones\u201c verwenden ;-)!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ulrike Lunacek, langj\u00e4hrige Bundes- und Europapolitikerin der Gr\u00fcnen, ist u.a. Obfrau der Frauensolidarit\u00e4t und lebt als Autorin (j\u00fcngst erschienen \u201eZwei Gr\u00fcne Leben\u201c, \u201eGlobal Female Future\u201c) und Moderatorin in Wien. Ihre Kolumnen und Artikel aus den ersten 10 Jahren (ab 1995) in der (Partei- und Parlaments-)Politik sind 2006 erschienen, unter dem Namen \u201eZwischenrufe\u201c, im \u00adMilena-Verlag. Nur mehr antiquarisch erh\u00e4ltlich.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gar nicht so einfach, meine letzte Kolumne f\u00fcr die Lambda (Nachrichten) zu schreiben, nach fast 24 Jahren, in denen ich meine Gedanken zu LGBTIQ-, Frauen-, feministischen oder anderen Themen aktueller (Gesellschafts-)Politik, hier und anderswo, formuliert habe. 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