{"id":2265,"date":"2023-03-03T00:17:00","date_gmt":"2023-03-02T23:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2265"},"modified":"2023-06-02T00:27:34","modified_gmt":"2023-06-01T22:27:34","slug":"wien-verliert-einziges-maennliches-laufhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2265","title":{"rendered":"Wien verliert einziges m\u00e4nnliches Laufhaus"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wo kann m\u00e4nnlichen Sexarbeitern noch Unterst\u00fctzung angeboten werden?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">An einem verschneiten Freitagabend war ich mit einem Streetworker unterwegs, um m\u00e4nnlichen Sexarbeitern Unterst\u00fctzung anzubieten. Ehrenamtlich und aus gro\u00dfem Interesse. Mein ehemaliger Mitbewohner war als Escort in der Sexarbeit t\u00e4tig und seitdem sehe ich Sexarbeit definitiv mit anderen Augen. Ich bin \u00fcberdies angehender Sozialarbeiter und strebe an, mal in der Gesundheitsf\u00f6rderung zu arbeiten. Dazu geh\u00f6rt unter anderem auch Sozialarbeit f\u00fcr Sexarbeit. Aus diesen Gr\u00fcnden habe ich mir mit einem Streetworker ausgemacht, gemeinsam mal Sexarbeit-Streetwork zu machen. Quasi als Tagespraktikum. Gibt es ein m\u00e4nnliches Bordell in Wien?<\/p>\n\n\n\n<p>Meines Wissens, ja \u2013 das Caf\u00e9 R\u00fcdiger. Zumindest dachte ich so. Das Hauptziel des Abends w\u00e4re eben dieses \u201eCaf\u00e9\u201c gewesen, doch leider mussten der Streetworker und ich feststellen, dass das \u00adR\u00fcdiger seit wenigen Monaten geschlossen ist. So standen wir vor geschlossenen T\u00fcren. Die Fassade des ehemaligen Laufhauses ist mittlerweile br\u00fcchig und mit Graffiti zugespr\u00fcht worden.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/2-768x1024.jpg\" alt=\"(Foto: Michael Stromenger)\" class=\"wp-image-2267\" width=\"576\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/2-768x1024.jpg 768w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/2-225x300.jpg 225w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/2-113x150.jpg 113w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/2.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">(Foto: Michael Stromenger)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Sofort brachte mich dies zum Nachdenken, was mit den Sexarbeitern wohl passiert ist und wie sie jetzt zu ihrem Geld kommen. Die m\u00e4nnlichen Sexarbeiter haben n\u00e4mlich mit der Schlie\u00dfung des R\u00fcdigers den einzigen offiziellen und sicheren Raum in Wien verloren, wo sie ihre Dienstleistungen (vor allem m\u00e4nnlichen) Klienten anbieten konnten. Die Betonung liegt hier auf den W\u00f6rtern offiziell und sicher. Nat\u00fcrlich gibt es noch viele andere R\u00e4ume; seien es Privatr\u00e4ume oder R\u00e4ume im Internet. R\u00e4ume, die nur sehr schwer von unterst\u00fctzenden Streetworkern und Sozialarbeitenden erreicht werden k\u00f6nnen. Die Gefahren, die damit einhergehen, sind gravierend und umfassen nicht nur ein erh\u00f6htes Risiko f\u00fcr sexuell \u00fcbertragbare Infektionen, sondern auch f\u00fcr Missbrauch. Im R\u00fcdiger hatten die M\u00e4nner immerhin die M\u00f6glichkeit, sich unter der Einhaltung von gewissen Hygiene- und Sicherheitsstandards zu prostituieren. Sicherheitsstandards, die im Park, am Bahnhof oder in einer \u00f6ffentlichen WC-Anlage nicht gegeben sind.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Suchen nach Sexarbeitern<\/h3>\n\n\n\n<p>Sozialarbeit f\u00fcr Sexarbeit gliedert sich in zwei gro\u00dfe Bereiche. Dazu geh\u00f6rt einerseits die aufsuchende Sozialarbeit (Streetwork) und andererseits die Sozialberatung in diversen Einrichtungen. Dorthin kommen meist Sexarbeiter*innen auf Eigeninitiative. Viele Sexarbeiter*innen suchen jedoch Beratungsstellen nicht auf, arbeiten illegal und sind schwer zu erreichen. Angenommen, man m\u00f6chte m\u00e4nnliche Sexarbeiter finden, hat man zumindest in den Sommermonaten im Schweizer Garten im 3. Wiener Gemeindebezirk noch die besten Chancen. Doch w\u00e4hrend unserer kalten Winternacht konnten wir auch dort keine sozialarbeiterische Hilfeleistung anbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohnehin wird die \u00f6ffentliche Prostitution in Wien zu einem selteneren Anblick seit 2011 strenge Regeln f\u00fcr Stra\u00dfenprostitution eingef\u00fchrt wurden. Unter anderem wird damit die Anbahnung der Prostitution auf Stra\u00dfen in Wohngebieten verboten. Eigentlich ist in Wien Stra\u00dfenprostitution nur auf einzelnen Stra\u00dfen in Liesing und in Floridsdorf m\u00f6glich. W\u00e4hrend also fr\u00fcher die Prostitution zum Stra\u00dfenbild von gewissen Rotlichtvierteln dazu geh\u00f6rte, haben sich Viertel wie beispielsweise der Spittelberg zu Bobogegenden mit teuren Bars &amp; Restaurants ver\u00e4ndert. Wo fr\u00fcher sexuelle Dienstleistungen angeboten wurden, kann heute Gem\u00fcse aus biologischem Anbau und Fairtrade-Kaffee gekauft werden. Nat\u00fcrlich freuen sich die meisten Anrainer*innen dar\u00fcber, keine Sexarbeiter*innen mehr sehen zu m\u00fcssen. Ich, als angehender Sozialarbeiter, bedaure jedoch, dass es immer schwieriger wird, Sexarbeiter*innen zu erreichen. Schlie\u00dflich wird die Prostitution durch solche Regeln nicht weniger, sie verlagert sich nur in schwerer zug\u00e4ngliche Bereiche. Ich frage mich, wie sich die Sozialarbeit in diesem Feld weiterentwickeln wird. Auf jeden Fall braucht es meines Erachtens neue Methoden und Zug\u00e4nge. Vielleicht muss ich mir als Sozialarbeiter mal ein berufliches Grindr-Profil erstellen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">M\u00e4nnliche Sexarbeiter in Szenelokalen<\/h3>\n\n\n\n<p>Nachdem wir im geschlossenen R\u00fcdiger keine aufsuchende Sozialarbeit machen konnten, beschlossen wir zumindest einen Spritzer in einem queeren Lokal zu trinken. Vielleicht w\u00fcrden sich da noch interessante Einblicke ergeben. Und dem war auch so. Schon der erste Anblick lie\u00df ein paar Vermutungen aufkommen. Mensch kann sich folgendes Bild vorstellen: \u00fcberf\u00fclltes Lokal, so gut wie alle M\u00e4nner sind schon etwas \u00e4lter und zwischen ihnen sitzen vereinzelt ein paar sehr junge M\u00e4nner, alle h\u00f6chstens 25 Jahre alt. Einer tanzt und zieht kurz sein T-Shirt hoch. Er kassiert dabei beeindruckte Blicke. Der junge Mann scheint Spa\u00df zu haben und bewusst damit umzugehen, was auch immer er hier heute Abend vorhat. Die anderen jungen M\u00e4nner wirken eher etwas zur\u00fcckhaltend, nahezu besch\u00e4mt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Prek\u00e4r, aber nicht illegal?<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eGesetzlich ist das ja okay. Ich meine, wenn beide dem zustimmen und zu dem einen dann nach Hause gehen\u2026.\u201c, kriege ich in einem Gespr\u00e4ch an dem Abend noch zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob es gesetzlich wirklich okay ist, zweifle ich an. Aber wen interessiert das schon? Wenn sich zwei Menschen untereinander etwas ausmachen, bekommt niemand was davon mit und niemand kann zur Verantwortung gezogen werden. Innerhalb der queeren Szene sind mehrere Adressen daf\u00fcr ber\u00fcchtigt, von Sexarbeitern aufgesucht zu werden. Die Betreiber*innen tolerieren dies eher als es zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>In erster Linie m\u00fcsse man auch hinterfragen, ob das Prostitutionsgesetz nicht eine zu hohe H\u00fcrde darstellt. Laut Polizei sind nur etwa 70 m\u00e4nnliche Sexarbeiter offiziell gemeldet. Die Dunkelziffer der illegalen Sexarbeiter wird aber auf ca. 700 gesch\u00e4tzt. Nur 10% aller Sexarbeiter sind also beh\u00f6rdlich erfasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach allen Eindr\u00fccken, die ich aus den Gespr\u00e4chen an diesem Abend bekam, bin ich mir sicher, dass es dringend einen neuen Raum f\u00fcr legale m\u00e4nnliche Prostitution in Wien braucht. Doch leider sind die H\u00fcrden f\u00fcr ein Prostitutionslokal zu hoch und die Toleranz der Gesellschaft zu dem Thema niedrig. Vor allem in unserem heutigen Zeitalter m\u00fcsste es dringend zu \u00c4nderungen kommen. Es braucht nicht nur neue Anlaufstellen f\u00fcr Sexarbeiter, sondern auch neue sozialarbeiterische Zug\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Michael Stromenger<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo kann m\u00e4nnlichen Sexarbeitern noch Unterst\u00fctzung angeboten werden? An einem verschneiten Freitagabend war ich mit einem Streetworker unterwegs, um m\u00e4nnlichen Sexarbeitern Unterst\u00fctzung anzubieten. Ehrenamtlich und aus gro\u00dfem Interesse. Mein ehemaliger Mitbewohner war als Escort in der Sexarbeit t\u00e4tig und seitdem sehe ich Sexarbeit definitiv mit anderen Augen. 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