{"id":2262,"date":"2023-03-03T00:16:00","date_gmt":"2023-03-02T23:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2262"},"modified":"2023-03-02T22:45:35","modified_gmt":"2023-03-02T21:45:35","slug":"chemsex-und-pornos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2262","title":{"rendered":"Chemsex und Pornos"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wenn eins zum anderen f\u00fchrt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Der Konsum von unterschiedlichsten Substanzen im sexuellen Kontext ist nichts neues und kommt in allen Bev\u00f6lkerungsgruppen, soziodemographischen Schichten und Settings vor. Hintergr\u00fcnde, Beweggr\u00fcnde, Formen und Dynamiken und damit auch potenzielle Auswirkungen k\u00f6nnen sich jedoch deutlich unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein spezieller Bereich von sexualisiertem Konsum ist Chemsex. Hier geht es laut derzeitiger Definition um ganz konkrete Substanzen beim Sex zwischen M\u00e4nnern. Diese sogenannten Chems haben unter anderem luststeigernde, enthemmende und gleichzeitig schmerzstillende Wirkung und ver\u00e4ndern dementsprechend die Sexualit\u00e4t. Es kann zu anderen Praktiken, zu h\u00e4rterem oder l\u00e4ngerem Sex oder Sessions mit mehr Personen kommen, als im n\u00fcchternen Zustand. Oft ist Chemsex daher mit Partys und Gruppen verbunden. Mitunter wird hier das reale Ausleben von Bildern und Phantasien erm\u00f6glicht, welche nicht selten durch Pornos gepr\u00e4gt sind. Pornos treten im Zusammenhang mit Chemsex aber auch ganz anders auf: Denn auch Einzelsessions werden hierzu gez\u00e4hlt, also Substanzkonsum und Selbstbefriedigung in Kombination mit Pornos. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch abgesehen von solchen Definitionen sind Pornos und Chemsex nicht unerheblich miteinander verkn\u00fcpft und haben unter Umst\u00e4nden Einfluss auf die (sexuelle) Lebensqualit\u00e4t von M\u00e4nnern, die Sex mit M\u00e4nnern haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePornographie kann grunds\u00e4tzlich ein gutes Instrument sein. Es ist halt wichtig zu reflektieren, was Pornographie ist: N\u00e4mlich eine Fiktion und ein Spiel mit der Phantasie. Bei Comic-Filmen ist allen klar, dass hier keine Realit\u00e4t gezeigt wird. Bei Pornos in Zusammenhang mit schwuler Sexualit\u00e4t und in Kombination mit Substanzen, kann diese klare Wahrnehmung aus diversen Gr\u00fcnden verschwimmen.\u201c kommentiert Urs Gamsavar, Berater mit Schwerpunkt Sexualit\u00e4t und Sucht in der Berliner Gruppenpraxis \u00adLust.Punkt. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Grund h\u00e4ngt schon mit dem Format der meisten Pornos zusammen. Es wird viel mit Schnitten im Film gearbeitet. Viele Bestandteile von Sexualit\u00e4t, wie etwa das Aufbauen von Erregung und Verlangen sind ausgeblendet und nicht sichtbar, \u00fcbrig bleibt eine stark gek\u00fcrzte Version von Sexualit\u00e4t. Damit produzieren Pornos ein Bild von Sexualit\u00e4t, das von der Realit\u00e4t abweicht. Gamsavar erkl\u00e4rt die Diskrepanz zwischen Bild und Realit\u00e4t an einem Beispiel: \u201eIch denke da sofort an weit verbreitete Narrative zur schwulen Sexualit\u00e4t, die auch durch Pornos gestaltet werden. Ein typisches Beispiel ist, wenn der Penis nicht ganz hart ist. Das ist vollkommen normal und geh\u00f6rt zu m\u00e4nnlicher Sexualit\u00e4t dazu. Trotzdem wird dies oft sehr negativ und als Defizit empfunden. Durchaus nachvollziehbar, denn man hat ja im Porno gesehen, wie eine Erektion vermeintlich durchgehend auszusehen hat. Und bei anderen M\u00e4nnern klappt es anscheinend auch. Hier lohnt sich zu hinterfragen, ob man nur eine gek\u00fcrzte Version gesehen hat und ob Substanzen wie z.B. Viagra oder Kamagra im Spiel sein k\u00f6nnten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Potenzmittel wie Sildenafil und Co k\u00f6nnen tats\u00e4chlich eine hilfreiche Unterst\u00fctzung sein. Mittlerweile sind mehrere Substanzen dieser sogenannten PDE5-Inhibitoren erh\u00e4ltlich. Sie f\u00f6rdern die Gef\u00e4\u00dferweiterung, wodurch letztlich der Schwellk\u00f6rper im Penis besser durchblutet und dadurch eine Erektion gef\u00f6rdert wird. Der Nachteil daran ist, dass durch den Effekt der Gef\u00e4\u00dferweiterung der Blutdruck insgesamt sinkt und Kreislaufprobleme entstehen k\u00f6nnen. Das gilt nochmal mehr in Kombination mit Medikamenten, die den gleichen Effekt haben. Z.B. sollten Personen, die blutdrucksenkende Medikamente einnehmen, hier vorsichtig sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch andere Substanzen haben Auswirkungen. So sollte die Kombination mit Poppers eigentlich vermieden werden, da es durch den hier gelegentlich st\u00e4rkeren Blutdruckabfall bis zum Kollaps bzw. zur Bewusstlosigkeit kommen kann. Dr. Michael \u00adMeilinger, Internist, HIV-Behandler und Mitglied des \u00f6sterreichischen Chemsex-Netzwerkes, erkl\u00e4rt: \u201eDrogenkonsum ohne Risiko gibt es nat\u00fcrlich nicht, Risiken minimieren geht teilweise. In Bezug auf Potenzmittel und Chems gilt, es ist auf jeden Fall besser mit einer geringen Dosis anzufangen und nicht zu schnell nachzulegen. Oft wird n\u00e4mlich die Dauer einer Wirkung untersch\u00e4tzt. Poppers wirken nur sehr kurz, man konsumiert also schnell erneut. Potenzmittel hingegen wirken wesentlich l\u00e4nger. Da sollte man nicht drauf vergessen, dass die beiden Substanzen sich synergistisch verst\u00e4rken.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Neben Poppers gilt allgemein, dass sich Potenzmittel und Chems (GHB, Ketamin, Chrystal und Mephedron) gegenseitig verst\u00e4rken. Das liegt daran, dass viele Substanzen in der Leber \u00fcber die gleichen Mechanismen und Enzyme abgebaut werden. Es entsteht quasi eine Konkurrenz um die Verstoffwechselung und letztlich werden beide Stoffe langsamer abgebaut. Besonders gef\u00e4hrlich ist hier die Kombination aus Alkohol und GHB\/GBL. Auch hier geht es um eine gegenseitige Hemmung im Abbau. Alkohol kann auf diese Weise zu einer lebensbedrohlichen \u00dcberdosierung von GHB\/GBL f\u00fchren. <\/p>\n\n\n\n<p>Von solchen Interaktionen der Substanzen untereinander abgesehen, k\u00f6nnen Chems auch indirekte Risiken bergen. Denn einer ihrer Effekte ist das Senken das Schmerzempfinden. Zus\u00e4tzlich werden mitunter lokale An\u00e4sthetika eingesetzt, z.B. um Fisten zu erleichtern oder etwa den mechanischen Brechreiz beim Oralverkehr zu verringern. So kann auch hier eins zum anderen f\u00fchren. Und zwar in Form von Verletzungen, die nicht bemerkt werden und unter Umst\u00e4nden nachhaltige gesundheitliche Probleme verursachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Langfristige Probleme sieht der Mediziner jedoch vor allem auf der psychischen Ebene: <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBei regelm\u00e4\u00dfigem und h\u00e4ufigem Konsum von Chems im sexuellen Kontext gibt es nicht selten Schwierigkeiten wieder eine erf\u00fcllte Sexualit\u00e4t im n\u00fcchternen Zustand zu erleben. Durch den hohen Level an Erregung und Reizen und der oft empfundenen Offenheit und Gel\u00f6stheit w\u00e4hrend des Konsums entsteht eine Art Konditionierung. Nicht nur die Substanzen selbst, sondern auch das Setting von Chemsexparties oder die Planung von solchen, triggern sexuelle Lust. Ohne all das ist oftmals keine Erregung oder Geilheit mehr sp\u00fcrbar und auch eine Erektion f\u00fcr manchen nicht mehr zu erreichen. Da k\u00f6nnen auch Potenzmittel nur bedingt helfen, es ist ein psychischer Effekt, der zu einem sehr hohen Leidensdruck f\u00fchren kann. Und ganz abgesehen von diesen l\u00e4ngerfristigen psychischen Auswirkungen, ist man vom Porno-Ideal einer unzerst\u00f6rbaren Erektion unter Chems trotz starker Erregung meist weit entfernt, da unter Metamphetaminen (zB Crystal Meth) und Mephedron eine Erektion oft kaum m\u00f6glich ist. Hier kommen dann wiederum Potenzmittel zum Einsatz, die in Kombination mit den genannten Substanzen eben auch unerw\u00fcnschte Auswirkungen haben k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hier scheint sich also die ber\u00fchmte Katze in den Schwanz zu bei\u00dfen. Denn das eingangs erw\u00e4hnte Bild schwuler Sexualit\u00e4t inkludiert Aussagen wie: \u201eIch muss immer Lust haben. Ich muss immer geil sein.\u201c Pornos geben dieses Bild besonders deutlich wieder. Der dadurch entstehende Performancedruck ist enorm. Urs Gamsavar bringt es auf den Punkt \u201e Klar verleitet das dazu, dementsprechende Substanzen zu konsumieren. Weil es damit einfach leichter f\u00e4llt, solchen Bildern irgendwie zu entsprechen. Und weil man mit den Substanzen potenzielle psychosomatische Effekte von Stress im Alltag vermeidet. Sex wird geplant am Punkt m\u00f6glich, sozusagen unabh\u00e4ngig vom sonstigen Leben. \u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Potenzmittel und Chemsex bieten Optionen an. Vor allem Chems k\u00f6nnen aber eben umgekehrt auch zu Einbu\u00dfen in der Lebensqualit\u00e4t f\u00fchren. Und um dann individuellen Stress ausklammern zu k\u00f6nnen, braucht es eventuell wieder mehr solcher Optionen. Denn am Punkt abliefern und immer gut sein k\u00f6nnen, sind Themen die allgegenw\u00e4rtig sind. Selbstoptimierung und Selbstinszenierung nehmen in der heutigen Gesellschaft eine ma\u00dfgebliche Rolle ein. <\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht k\u00f6nnte Selbstoptimierung manchmal mehr als aktives Losl\u00f6sen von vermeintlichen Idealen und bestehenden Narrativen interpretiert werden. Und damit als Erleichterung f\u00fcr eine Sexualit\u00e4t mit ganz individuellen Vorlieben und Optionen. Oder wie Urs Gamsavar formuliert: \u201eChems k\u00f6nnen gut als Katalysator funktioniere. Aber es w\u00e4re total sch\u00f6n, wenn die Menschen neugieriger w\u00e4ren, jenseits von Substanzkonsum ihre eigene Sexualit\u00e4t selber zu entdecken und eine Leichtigkeit dabei zu sp\u00fcren. Es geht nicht immer um die Performance, es darf beim Sex auch mal herzhaft gelacht werden.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn eins zum anderen f\u00fchrt Der Konsum von unterschiedlichsten Substanzen im sexuellen Kontext ist nichts neues und kommt in allen Bev\u00f6lkerungsgruppen, soziodemographischen Schichten und Settings vor. Hintergr\u00fcnde, Beweggr\u00fcnde, Formen und Dynamiken und damit auch potenzielle Auswirkungen k\u00f6nnen sich jedoch deutlich unterscheiden. Ein spezieller Bereich von sexualisiertem Konsum ist Chemsex. Hier geht es laut derzeitiger Definition [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":2263,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,20],"tags":[94,95],"class_list":["post-2262","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheit","category-schwerpunkt","tag-lambda-190","tag-porno-yes"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2262","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2262"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2262\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2264,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2262\/revisions\/2264"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2263"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2262"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2262"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}