{"id":2255,"date":"2023-03-03T00:14:00","date_gmt":"2023-03-02T23:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2255"},"modified":"2023-03-02T22:45:45","modified_gmt":"2023-03-02T21:45:45","slug":"es-ist-nicht-alles-gold-was-glaenzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2255","title":{"rendered":"Es ist nicht alles Gold, was gl\u00e4nzt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">In Zeiten von Inflation und globalen Krisen steigt die Belastung auf Arbeitende besonders stark. So auch in der heutigen Zeit. Arbeiter*innen aller L\u00e4nder leiden unter Unterbezahlung und Ausbeutung. Statt f\u00fcr den Big Boss irgendeines Gro\u00dfunternehmens zu schuften kam vielleicht auch dem einen oder anderen bereits die Idee, die Fr\u00fcchte der eigenen Arbeit in die eigene Hand zu nehmen; sich selbst zu entlohnen, ergo selbstst\u00e4ndig zu werden. <\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Jahrzehnten bot sich f\u00fcr den selbstst\u00e4ndigen Br\u00f6tchenverdienst immer mehr das Internet an. So auch in der sogenannten \u201e\u00e4ltesten Branche der Welt\u201c. W\u00e4hrend vor der Geschichtsschreibung schon nackte Frauenk\u00f6rper in Stein gemei\u00dfelt wurden und die vorige Generation vielleicht noch heimlich Heftchen unter der Ladentheke erwarb, ist es inzwischen gang und g\u00e4be den Konsum von pornographischen Inhalten g\u00e4nzlich online zu betreiben. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSex sells!\u201c Darum ist auch eine der gr\u00f6\u00dften Industrien online die Pornographie. Am bekanntesten wahrscheinlich die schwarz-orangen Seiten. Da gibt es ganze Filme in 4K, voll ausgeleuchtet, in teuren Hotelzimmern gedreht und mit Stars der Szene besetzt. Das ganze gibt\u2019s umsonst \u2013 wie auf anderen Seiten finanziert durch viel Werbung. Die Einnahmen landen zu gro\u00dfen Teilen bei den Bossen der Industrie, deren Genitalien nie in intimen Momenten von einem Kamerateam gefilmt und der Welt gezeigt wurden. Wie in vielen Industrien lohnt sich hier Arbeit auch kaum. Die Darsteller*innen sprechen von Unterbezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen. Ihnen geht es also \u00e4hnlich wie vielen anderen Arbeitenden. Warum also auch hier nicht die Sache in die eigene Hand nehmen? <\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich bezahlt sich das dann aber nicht von allein. Aber wer etwas zum Kauf anbietet, das gut ankommt, der*die muss nicht lang auf interessiere Kund*innen warten. Die Pornoerfahrung ist dann aber exklusiver, sozusagen nur f\u00fcr Fans. Entsprechende Internetdienste bieten an, gegen einen selbst festgelegten Preis die heimisch produzierte Pornographie zum Verkauf zu stellen. Nat\u00fcrlich gegen Beteiligung an den Einnahmen. Wer seinen K\u00f6rper zeigen will, dem ist es nun aber m\u00f6glich ganz frei die Inhalte zu produzieren; alles vor und hinter der Kamera liegt somit in der Hand der Darsteller*innen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das hat f\u00fcr die Pornoindustrie eine \u00e4hnliche Bedeutung wie die Abl\u00f6sung von Videoverleih durch Internetpornographie. Namhafte Pers\u00f6nlichkeiten innerhalb UND au\u00dferhalb haben pl\u00f6tzliche das Ruder in der Hand. Aber auch Privatpersonen, die vielleicht nie Teil der Pornobranche gewesen w\u00e4ren, entdecken selbstgedrehte Sexfilme und freiz\u00fcgige Fotos pl\u00f6tzlich als eine M\u00f6glichkeit zum Nebenverdienst. <\/p>\n\n\n\n<p>Das erm\u00f6glicht auch die Repr\u00e4sentation von Leuten, die zuvor keinen gro\u00dfen Platz in der Pornowelt eingenommen haben. Es gibt ein immer gr\u00f6\u00dferes Angebot an Amateurpornos, die \u2013 zum Schock der Industrie \u2013 auch eine Nachfrage findet, von der sie jetzt nicht mal profitieren k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich schauen viele Menschen wohl nicht nur gerne Filmchen mit jungen gro\u00dfbr\u00fcstigen Damen und stahlharten, gut ausgestatteten M\u00e4nnern. F\u00fcr Pornos zu bezahlen erm\u00f6glicht ganz spezifische Dinge f\u00fcr einen selbst zu w\u00e4hlen. Hier werden dann eben auch ganz andere K\u00f6rper repr\u00e4sentiert. Zuvor waren die zu dick oder zu d\u00fcnn, zu gro\u00df oder zu klein, vielleicht zu alt oder zu trans, als dass sich gro\u00dfe Studios um sie geschert h\u00e4tten. Auch k\u00f6nnen selbstgedrehte Pornos sich mal an jemand anderen richten als cism\u00e4nnliche Zuschauer. Mehr Pornos f\u00fcr Frauen, mehr Pornos f\u00fcr Menschen, deren Sex queerer ist als vieles, was man kostenlos allein findet.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlussendlich ist aber nicht alles Gold, was gl\u00e4nzt. Arbeit bleibt nun mal Arbeit. Es gibt also auch in der Pornographie die alten Probleme der Ausbeutung \u2013 nur in neuem Mantel. Man sollte sich trotz neuer M\u00f6glichkeiten der Repr\u00e4sentation und der Selbstbestimmung auch klar machen, dass hier trotzdem eine Industrie versucht, aus den Menschen und ihrer Arbeit Profit zu schlagen. Genie\u00dfen wir die Inhalte, die unsere liebsten Darsteller*innen produzieren, aber machen wir uns nicht vor, dass das nicht auch Arbeitende sind. Pornographie ist eine Phantasie, und so auch der vermeintlich private Einblick, den wir in das Intimleben anderer Personen erhalten. Diese Personen geben diesen Einblick auf eine lustvolle und bewusste Art und bestimmen selbst was sie tun, aber am Ende des Tages brauchen sie auch eine warme Mahlzeit auf dem Tisch und verkaufen daf\u00fcr ihre Arbeit. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zeiten von Inflation und globalen Krisen steigt die Belastung auf Arbeitende besonders stark. 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