{"id":2244,"date":"2023-03-03T00:12:00","date_gmt":"2023-03-02T23:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2244"},"modified":"2023-03-02T22:45:57","modified_gmt":"2023-03-02T21:45:57","slug":"die-schoene-bunte-welt-der-gay-porn-industry","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2244","title":{"rendered":"Die sch\u00f6ne bunte Welt der Gay Porn Industry"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Falcon \u2013 ein Flaggschiff des Schwulenpornos<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Pornographie war anders in den 70ern \u2013 eine Zeit kurz nach den Stonewall Riots, mit denen die LGBT-Bewegung erstmals Fahrt aufnahm und sich die neuen Freiheiten mit zunehmendem Selbstbewusstsein der Community verbanden; eine Zeit, als Pornos oft noch als Kunst gemeint waren und in ausgew\u00e4hlten Kinos gezeigt wurden \u2013 erst sp\u00e4ter entstanden die einschl\u00e4gigen Sexkinos. Mit der Legalisierung der Pornographie im Zuge der sexuellen Revolution kam es bei den Schwulenpornos zum gro\u00dfen Aufbruch. Neue Labels schossen wie Pilze aus dem Boden. Oft war die Idee: Das kann ich auch!<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Fr\u00fchphase des Schwulenpornos tummelten sich mehrere Studios im \u00fcppigen Teich der neuen sexuellen Freiheiten \u2013 Falcon, Colt, Bijou, Catalina, Nova \u2013 es wurde viel ausprobiert (von Fisting \u00fcber S\/M bis hin zu Role Play; vom S\u00fcdseestrand \u00fcber Ver\u00adliese und Swimmingpools bis hin zur Tankstelle in der W\u00fcste); manches war erfolgreich; manches ging schief. Die Handlungen der Filme waren meist d\u00fcrftig; manchmal wurde aber auch eine kleine Geschichte erz\u00e4hlt. Denn es war noch unklar, was der schwule Pornokonsument eigentlich sehen wollte. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Falcon Studios wurden 1971 von Chuck Holmes gegr\u00fcndet, und anfangs von drei M\u00e4nnern \u2013 Steven Scarborough, Dragqueen Chi Chi LaRue und John Rutherford \u2013 betrieben. Sie fungierten auch selbst am Set als Regisseure \u2013 etwas, das Chi Chi LaRue bis heute tut (wenn auch \u00f6fters unter ihren eigenen Labels). In den ersten Jahrzehnten entstanden legend\u00e4re Produktionen wie die ersten Teile der \u201eThe Other Side of Aspen\u201c Serie, \u201eIn Your Wildest Dreams\u201c, \u201eStyle\u201c, \u201eSplash Shots\u201c, \u201eSpring Break\u201c, \u201eSpokes\u201c oder \u201eThe Pledge Masters\u201c. In dieser Zeit \u00fcberwogen kerlige Typen, die Falcon vor die Kamera brachte \u2013 der sog. \u201eClone Look\u201c war geboren, inspiriert vom Pornodarsteller Al Parker, ein Look mit Schnauzer, etwas l\u00e4ngeren Haaren und haarigen K\u00f6rpern, den Tausende von Schwulen in der Szene nachahmten und der zu seiner Zeit als erotisches Ideal galt. Zugleich schienen viele der Pornomodels dieser Phase den Comiczeichnungen von Tom of Finland entsprungen zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit Aufkommen der Videos, die man anders als davor auch im Privaten abspielen konnte, gab es Anfang der 1980er Jahre einen massiven Boost f\u00fcr die Pornostudios \u2013 es war so etwas wie die Goldgr\u00e4berzeit, in der die B\u00e4ume in den Himmel zu wachsen schienen. Aus den Underground-Studios wurde so etwas wie eine schwule Pornoindustrie \u2013 die zwar kleiner war als Hollywood, aber durchaus analog funktionierte mit Stars, Produzenten und diversen Gay Video Awards. Doch dann ereignete sich mit der Aidskrise die gro\u00dfe Katastrophe, die gerade unter Pornodarstellern viele Opfer forderte. Falcon reagierte lange nicht und produzierte bis in die fr\u00fchen 1990er hinein Pornos ohne Kondom. Lange vorher schon hatten andere Studios umgeschwenkt und Kondome auf den Pornosets eingef\u00fchrt, um ihre Models zu sch\u00fctzen. Falcon stellte sich lange stur und zog damit viel Kritik auf sich, bis es anderen Studios gleichtat.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Anfang der 2010er Jahre die Verlagerung des Pornovertriebs ins Internet als die gro\u00dfe Hoffnung der Branchenzukunft verhei\u00dfen und ein Versickern der DVD-Verk\u00e4ufe prophezeit wurde, versuchten viele Labels die Online-Vermarktung ihrer Produktionen zu forcieren. Eine Goldgrube sieht anders aus; der Talerregen blieb aus. Die Falcon Studios hielten w\u00e4hrenddessen an den DVD-Pressungen fest und rundeten ihr Portfolio durch Aufkaufen von Studios ab: Raging Stallion, Naked Sword und Hot House wurden in die Falcon Group integriert; unprofitable Unterlabels wie Mustang oder Jocks wurden stillgelegt. So konnte Falcon die schwierigen 2010er Jahre \u00fcbertauchen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KAL-Raging-Stallion-2023-733x1024.jpg\" alt=\"Raging Stallion (2023)\" class=\"wp-image-2246\" width=\"367\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KAL-Raging-Stallion-2023-733x1024.jpg 733w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KAL-Raging-Stallion-2023-215x300.jpg 215w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KAL-Raging-Stallion-2023-107x150.jpg 107w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KAL-Raging-Stallion-2023-768x1072.jpg 768w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KAL-Raging-Stallion-2023-1100x1536.jpg 1100w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KAL-Raging-Stallion-2023-1200x1675.jpg 1200w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/KAL-Raging-Stallion-2023.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 367px) 100vw, 367px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Raging Stallion (2023)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich findet ein Gro\u00dfteil der Bewerbung neuer Porno-Titel heute \u00fcber das Internet statt. Herk\u00f6mmliche Werbem\u00f6glichkeiten wie Pornomagazine oder schwule Videoguides haben einfach aufgrund schwindender Auflagenzahlen (oder gar Einstellung) keine ausreichende Breitenwirkung mehr. Internetauftritte erlauben heute ganz anders mit den Fans zu kommunizieren und sie bei der Stange zu halten. Man kann sie \u00fcber Online-Umfragen einbinden und ihre geheimsten W\u00fcnsche abfragen, so dass diese in zuk\u00fcnftige Produktionen einflie\u00dfen k\u00f6nnen, sobald die Nachfrage nach bestimmtem Kinky Content eine kritische Grenze \u00fcbersteigt: Puppy Play, Point-of-View-Videography, Bareback Sex, Ledersex, Reality Shows, Businesstypen, Jungs in Strumpfhosen, Sex mit dem Doktor, dem Lehrer, dem Armeeausbildner, dem Stiefvater usw. \u2013 die Liste der m\u00f6glichen Special Interests ist lang. Heutzutage sind gro\u00dfe Labels wie Falcon Studios in der Lage, schnell auf neu herauskristallisierende Nachfragen zu reagieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist Falcon einer der ganz gro\u00dfen Player in der schwulen Pornoindustrie geworden. Die Zeiten, als ein Pornoregisseur auch mal das Make-up seiner Models oder die Ausleuchtung des Filmsets \u00fcbernehmen musste, sind lange vorbei. Es geht zu wie auf einem Hollywood-Filmset, denn es geht auch um sehr viel Geld. Den neueren Filmen aus den Falcon Studios sieht man an, dass die Produzenten viel Geld daf\u00fcr in die Hand nehmen und in die Produktionen hineinpumpen. Das Ganze ist stylish und sehr Mainstream. Inzwischen braut sich dazu eine Gegenbewegung im schwulen Pornounderground zusammen: Kleine Newcomer auf dem Pornomarkt wie Czech Hunter in Europa oder neue Reihen wie Boy for Sale, Family Dick, Gaycest, Latin Leche, Funsize Boys oder Twink Top geben eine andere Richtung vor. Hier sind die Models oft nicht superm\u00e4nnlich, athletisch, muskul\u00f6s, Hochglanz. Sie wirken oft, wie frisch von der Stra\u00dfe weggefangen und naturbelassen \u2013 nat\u00fcrlich ein detailliert geplanter Effekt. An einem neuen Label unter dem Falcon-Dach \u201eTrailer Trash Boys\u201c \u2013 bei dem der ehemalige Pornostar Trenton Ducati Regie f\u00fchrt \u2013 ist zu erkennen, wie Falcon auf diese Konkurrenz reagieren will. <\/p>\n\n\n\n<p>Das von Fans lange Zeit geforderte Barebacking wurde bei den Produktionen 2018 eingef\u00fchrt \u2013 vergleichsweise sp\u00e4t in der Industrie. Dass alle Darsteller zeitnah vor den Shootings auf STDs getestet w\u00fcrden (wie die Disclaimer im Vorspann hervorheben), hat nicht alle \u00fcberzeugt. Gro\u00dfe Pornostars wie Darius Ferdynand oder der argentinische Latino-Macho Dio sind umgehend abgesprungen und haben sich kommentarlos \u201ezur Ruhe\u201c gesetzt. Andere Darsteller sind inzwischen an ihre Stelle getreten, denen Sex ohne Kondom vor der Kamera kein Kopfzerbrechen bereitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand kann sagen, wohin die Reise f\u00fchrt. Denn wie in all den bisherigen Jahrzehnten sind die Falcon Studios als ein von Menschen gemachtes Projekt und ein h\u00f6chst profitables Wirtschaftsunternehmen eben auch ein Work-in-Progress. Die 400 und mehr Filme, auf die die Falcon Studios allein schon zur\u00fcckblicken k\u00f6nnen, erlauben einen Blick auf einen Aspekt schwuler Kultur, der lange Zeit v\u00f6llig ignoriert wurde. Sie reflektieren Entwicklungen, Trends, Modeerscheinungen in der schwulen Community, die sehr wohl auch Gegenstand einer schwulen Sexualgeschichte sein M\u00dcSSEN. Nebenbei bemerkt: das Museum of Modern Art hat drei Filme des Pornoregisseurs Fred Halsted restaurieren lassen \u2013 deren Vorf\u00fchrung im Rahmen des Queer Film Festivals 2022 hat durchaus Beachtung gefunden. Die Falcon-Videos aus sechs Jahrzehnten warten noch auf die Entdeckung durch die Kunstwissenschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Falcon \u2013 ein Flaggschiff des Schwulenpornos Pornographie war anders in den 70ern \u2013 eine Zeit kurz nach den Stonewall Riots, mit denen die LGBT-Bewegung erstmals Fahrt aufnahm und sich die neuen Freiheiten mit zunehmendem Selbstbewusstsein der Community verbanden; eine Zeit, als Pornos oft noch als Kunst gemeint waren und in ausgew\u00e4hlten Kinos gezeigt wurden \u2013 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":31,"featured_media":2245,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[94,95],"class_list":["post-2244","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-schwerpunkt","tag-lambda-190","tag-porno-yes"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2244","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/31"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2244"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2244\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2249,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2244\/revisions\/2249"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2245"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2244"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2244"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2244"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}