{"id":2241,"date":"2023-03-03T00:11:00","date_gmt":"2023-03-02T23:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2241"},"modified":"2023-03-02T22:46:01","modified_gmt":"2023-03-02T21:46:01","slug":"porno-ist-maennlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2241","title":{"rendered":"Porno ist m\u00e4nnlich"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Porno ist m\u00e4nnlich. Zumindest aus historischer Perspektive war er das die l\u00e4ngste Zeit, erst in j\u00fcngster Zeit gibt es eigenst\u00e4ndige feministische und\/oder lesbische Pornoproduktionen, die aber nach wie vor Nischenprodukte sind und im milliardenschweren Pornomarkt eine geringe Rolle spielen. So best\u00e4tigte auch das Schwule Museum (SMU) in Berlin in einer Einladung zu einem \u201ePorn Film Archive Workshop\u201c, dass in ihrer mehr als 3.000 Objekte umfassenden Pornosammlung \u201enur wenige lesbische und trans* Pornofilme registriert\u201c sind. Auch QWIEN, das Zentrum f\u00fcr queere Geschichte, besitzt eine umfangreiche, wenn auch wesentlich kleinere Pornosammlung als das SMU. Diese aus Super 8-Filmen, \u00adVideos und DVDs bestehende Sammlung wurde aber bislang nur \u00fcberblicksm\u00e4\u00dfig gesichtet, best\u00e4tigt aber den Befund der Kolleg:innen aus Berlin.<\/p>\n\n\n\n<p>Porno ist m\u00e4nnlich. Egal ob heterosexuell oder gleichgeschlechtlich. Es ist entweder der m\u00e4nnliche Blick auf den weiblichen K\u00f6rper, der auch in den zahlreichen lesbischen Mainstreampornos dominiert, die M\u00e4nner f\u00fcr M\u00e4nner produziert haben. Es ist aber auch der Blick auf den m\u00e4nnlichen K\u00f6rper, den schwule M\u00e4nner auf M\u00e4nner richten. Ausnahmen dieser Blick- und Rezeptionsregie sind rar. So pr\u00e4sentierte das Transition Film Festival in Wien ab 2015 unter dem Label \u201eFucking Different\u201c ein Reihe von Filmen, bei denen lesbische Regisseur:innen schwule Pornos inszenierten und umgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Porno ist m\u00e4nnlich. Nicht nur die relative junge Pornoproduktion auf Film, Video oder digital repr\u00e4sentiert einen m\u00e4nnlichen Blick, auch in der Geschichte der bildlichen Darstellungen und von pornographischen Texten ist die weibliche Position praktisch nicht existent. Darstellungen gleichgeschlechtlicher Handlungen zwischen M\u00e4nnern sind seit der griechischen und r\u00f6mischen Antike bekannt. Auch aus dem Mittelalter und der Renaissance sind einzelne Bilder und auch Texte bekannt, aber eine erste Bl\u00fcte erlebt die Pornographie im 18. Jahrhundert vor allem in Frankreich. Ber\u00fchmt und bis heute rezipiert sind die Schriften von Marquis de Sade, es gab aber daneben eine Flut pornographischer Publikationen, die oft auch mit expliziten Kupferstichen illustriert waren. Doch verfolgten manche dieser Publikationen auch eine politische Agenda, sie sollten ein Beleg f\u00fcr die Dekadenz und sittliche Verwahrlosung des Adels sein. So wurde Maria Antoinette, die Tochter Maria Theresias und K\u00f6nigin von Frankreich, lesbischer Beziehungen bezichtigt und diese in Wort und Bild deutlich dargestellt. Doch war Pornographie damals weit davon entfernt, von einer breiten Masse konsumiert zu werden. Aufgrund der teuren Produktionsbedingungen war sie auf einen kleinen, verm\u00f6genden Kreis beschr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst mit der Erfindung der Fotografie wurde Pornographie massentauglich. Wobei es im Auge des Betrachters lag, was als pornographisch gelesen wurde. Ja, im Auge des Betrachters, denn Pornographie war nach wie vor m\u00e4nnlich. Gemacht f\u00fcr heterosexuelle und in seltenen F\u00e4llen homosexuelle M\u00e4nner. Von der Jahrhundertwende bis zum Beginn der 1910er-Jahre bl\u00fchte in Wien eine vielf\u00e4ltige sexuelle Subkultur, die durch den Zuzug und das damit verbundene rasante Wachstum Wiens zur Gro\u00dfstadt sowie die multikulturelle Durchmischung befeuert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die weite Verbreitung von Bildern, die als unsittlich empfunden wurden, rief auch Sittenw\u00e4chter auf den Plan, wobei pornographische Darstellungen genauso wie Fotografien, die wir heute als erotisch bezeichnen w\u00fcrden, unter das Verdikt der Unsittlichkeit fielen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Wien neben Paris das Zentrum erotischer Bildproduktion in Europa, sodass sich daf\u00fcr sogar das Label \u201eWiener Bilder\u201c etablierte. Die erste professionelle Filmproduktionsfirma \u00d6sterreichs, die Saturn Film, drehte ab 1906 ausschlie\u00dflich heute recht harmlos wirkende erotische Filme, die zu einem Exportschlager wurden. Beschwerden aus dem Ausland, dass es die Beh\u00f6rden in Wien zulie\u00dfen, dass pornographische Produkte europaweit vertreiben wurden, f\u00fchrten schlie\u00dflich 1910 zu einem Verbot der Saturn-Filme. Aber auch gegen den Handel in Wien wurde vorgegangen; im selben Jahr fand eine Razzia in der f\u00fcr den Vertrieb erotischer und pornographischer Druckwerke bekannten Buchhandlung C.W. Stern statt, bei der angeblich mehr als 30.000 St\u00fcck beschlagnahmt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits im Strafgesetzbuch von 1852 gab es den \u00a7 516 StG, mit dem \u201eunz\u00fcchtige\u201c Verhaltensweisen und Produkte verboten wurden, wenn die \u201eSittlichkeit und Schamhaftigkeit gr\u00f6blich\u201c verletzt wurde. Der Kampf gegen die Pornographie wurde zudem mit weiteren gesetzlichen Regelungen im Pressegesetz und in Jugendschutzgesetzen verst\u00e4rkt und 1910 und 1923 im internationalen \u201eAbkommen zur Bek\u00e4mpfung obsz\u00f6ner Schriften\u201c v\u00f6lkerrechtlich verankert. Im Austrofaschismus kam es zu weiteren Versch\u00e4rfungen \u201ezum Schutz der Sittlichkeit und der Volksgesundheit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In Strafakten aus der NS-Zeit finden sich immer wieder Hinweise, dass bei Hausdurchsuchungen einschl\u00e4giges Material beschlagnahmt wurde, doch ist dieses leider nie den Akt beigelegt oder im Lauf der Zeit aus ihnen verschwunden. In einem gro\u00dfen Verfahren ging es um die Produktion pornographischer Fotos. Jene Frauen, die auch lesbische Szenen darstellten \u2013 es ist eindeutig, dass diese f\u00fcr heterosexuelle M\u00e4nner hergestellt wurden \u2013, wurden au\u00dferdem nach \u00a7&nbsp;129 Ib StG wegen Unzucht wider die Natur angeklagt und teilweise auch verurteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Nachkriegszeit findet der Kampf konservativer Kreise gegen die \u201eVerwahrlosung\u201c der Jugend ihren legistischen Niederschlag. 1950 wird das Pornographiegesetz \u201ezum Schutz der Jugend gegen sittliche Gef\u00e4hrdung\u201c erlassen. Der Kampf gegen \u201eSchmutz und Schund\u201c f\u00fchrte dabei zu aus heutiger Sicht skurrilen Bl\u00fcten. So wurde 1951 das Urteil gegen den Hersteller von Oscar Wildes Roman \u201eDas Bildnis des Dorian Grey\u201c nach dem Pornographiegesetz letztinstanzlich vom Obersten Gerichtshof (OGH) best\u00e4tigt. Zwar reagierte der Gesetzgeber auch auf gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen (Stichwort sexuelle Revolution in der 1960er-Jahren), gleichgeschlechtliche Darstellungen blieben aber weiterhin tabuisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Strafrechtsreform 1971, die zu einer Abschaffung des Totalverbots homosexueller Handlungen f\u00fchrte, brachte keine Besserung. Die vier neu eingef\u00fchrten Paragrafen zeigten, dass f\u00fcr den Gesetzgeber homosexuelles Verhalten gesellschaftlich unerw\u00fcnscht blieb. So best\u00e4tigte der OGH 1977 in einem Urteil, dass die Darstellungen sadomasochistischer Praktiken, von Sex mit Minderj\u00e4hrigen, Tieren und homosexuellem Geschlechtsverkehr als \u201eabsolut unz\u00fcchtig\u201c gelten. Derartige Darstellungen wurden als \u201eharte Pornographie\u201c grunds\u00e4tzlich verboten. Hinzu kam der 1971 geschaffene \u00a7 220 StGB, das sogenannte Werbeverbot f\u00fcr Homosexualit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Gesetze wurden auch gegen Institutionen der Community angewandt: Die Frauenbuchhandlung wurde 1982 wegen eines lesbischen Sex-Ratgebers verurteilt, der Verein Rosa Lila Tipp und die Buchhandlung L\u00f6wenherz erlebten noch in der fr\u00fchen 1990er-Jahren Beschlagnahmen von AIDS-Informationsbrosch\u00fcren oder schwulen Sex-Ratgebern. Erst seit dem Jahr 2000 ist die Darstellung homosexueller Handlungen nicht mehr durch das Pornographiegesetz eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Porno blieb mit wenigen Ausnahmen m\u00e4nnlich, die feministische PorNO-Bewegung, die sich grunds\u00e4tzlich gegen Pornographie aussprach, wurde auch von Teilen der Lesbenbewegung unterst\u00fctzt. Dagegen sprach sich eine sexpositive Bewegung, die auch von vielen aus queer-feministischen Communitys unterst\u00fctzt wurde, f\u00fcr eine Aneignung der Produktionsmittel und damit auch des Blicks auf weibliche K\u00f6rper aus. Zwar zeigt das j\u00e4hrlich stattfindende \u00adVienna Porn Film Festival, wie vielf\u00e4ltig Sexualit\u00e4t und ihre Darstellungsformen sein k\u00f6nnen, doch funktioniert der Mainstream-Pornomarkt nach wie vor nach den alten Regeln.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Andreas Brunner<br>QWIEN<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Porno ist m\u00e4nnlich. Zumindest aus historischer Perspektive war er das die l\u00e4ngste Zeit, erst in j\u00fcngster Zeit gibt es eigenst\u00e4ndige feministische und\/oder lesbische Pornoproduktionen, die aber nach wie vor Nischenprodukte sind und im milliardenschweren Pornomarkt eine geringe Rolle spielen. 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