{"id":2230,"date":"2023-03-03T00:09:00","date_gmt":"2023-03-02T23:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2230"},"modified":"2023-03-02T22:46:11","modified_gmt":"2023-03-02T21:46:11","slug":"gibt-es-phallographische-alternativen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2230","title":{"rendered":"Gibt es phallographische Alternativen?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Nicht nur eine Analyse der Best\u00e4nde bislang produzierter Pornographie w\u00fcrde eine deutliche, fast schon klassische Schieflage hin zu m\u00e4nnlichen \u201eSubjekten\u201c und weiblichen \u201eObjekten\u201c f\u00fchren. Auch der Konsum von Pornographie ist Studien zu Folge zu 72% m\u00e4nnlich. Dies ist allerdings nicht verwunderlich, denn bereits der Begriff Pornographie ist, versteckt unter tradiertem Alltagsgebrauch, tief mit der altgriechischen Misogynie verbunden. Etymologisch bedeutet das griechische \u03c0\u03cc\u03c1\u03bd\u03b7 (p\u00f3rn\u0113) im Deutschen Hure, oder Dirne. Es geht bei Pornographie also urspr\u00fcnglich um die obsz\u00f6ne textliche (wie bei Athenaios, 193-235 n.Chr.) oder bildliche Darstellung von Huren. Ich werde im Weiteren dennoch den Begriff Pornographie verwenden, nicht nur wegen des Themas des Heftes, schon gar nicht um traditionsbewusste \u201eCancel Culture\u201c Rufer*innen zu bes\u00e4nftigen, sondern um nicht noch mehr Verwirrung zus\u00e4tzlich zum Gendern hineinzubringen und noch tiefer ins sprachliche Brauchtum einzugreifen. F\u00fcr begriffliche Neubestimmungen, auch in Gesetzestexten, w\u00e4re es angesichts der Debatten der letzten Wochen zwar h\u00f6chste Zeit, aber auch die inzwischen lange zur\u00fcckliegende PorNo Debatte hat diese grundlegende Misogynie nicht aufgegriffen und keine Alternativen, und schon gar keine lustvollen, aufgezeigt. Also: Rest in Power. Im fr\u00fchen sozialwissenschaftlichen Kontext wurde Pornographie f\u00fcr Projekte der Sittlichkeit, Hygiene und der Reglementierung von Prostitution instrumentalisiert. Wozu dieser Exkurs? Realit\u00e4t bleibt die phallische Schieflage auch bei einer \u201eDemokratisierung\u201c von Pornographie.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hands off Jugend<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Expert*innen sind sich einig. Wir erleben die erste durchpornographierte Generation junger Erwachsener, sie sind \u201eSex Natives\u201c. Sie kommen im Schnitt, meist ungewollt, im Alter von 10-12 Jahren mit der Mainstream Pornographie der Mehrheitsgesellschaft in Kontakt und werden damit h\u00e4ufig allein gelassen. Das immer fr\u00fchere Pubert\u00e4tsalter wurde bereits in den 90er Jahren festgestellt. Auch wenn homosexuelle Pornographie in Teilen \u00d6sterreichs seit 1989 freigegeben ist, ist deren Anteil am Gesamtmarkt und vor allem auf Porno-Plattformen im Netz wohl nicht allzu gro\u00df. Heteronormativit\u00e4t und Cis-Normativit\u00e4t wirken hier besonders. Diese werden nachgeahmt, auch wenn sie keinen gleichberechtigten oder gar einvernehmlichen Verkehr zeigt. Es gibt bislang leider keine Studien dar\u00fcber, wie sich die durch Pornographie verbreiteten Rollenbilder auf die geschlechtliche Identit\u00e4t der Jugendlichen auswirken. Bekannt ist allerdings schon seit den 90ern, dass ein kleiner Prozentsatz von 3% der Erwachsenen noch nie Geschlechtsverkehr hatte. Im Alter von 17-18 Jahren erleben die meisten Jugendlichen dann die ersten Beziehungen. F\u00fcr einen Gutteil der Trans stellen die in diesen Beziehungen gelebten sexuellen Praktiken jedoch auf Grund der eigenen K\u00f6rperlichkeit nur sexuelle \u00dcbergangsstrategien dar (Hamm, 2020), was jedoch oft keine gelingende Sexualit\u00e4t anzeigt. Zuweilen kommt es da zu Dissoziationen, bei denen die Akteur*innen in der Sexualit\u00e4t l\u00e4ngst nicht mehr im \u201eHier und Jetzt\u201c sind. Ein anderer Teil der Trans lebt asexuell.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG_3852-683x1024.jpg\" alt=\"(Foto: Mo Blau)\" class=\"wp-image-2232\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG_3852-683x1024.jpg 683w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG_3852-200x300.jpg 200w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG_3852-100x150.jpg 100w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG_3852-768x1152.jpg 768w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG_3852.jpg 912w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">(Foto: Mo Blau)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Pornographische Standards<\/h3>\n\n\n\n<p>Metastudien zeigen gravierende Gender-Ungleichheiten auf. Ich ziehe hier aber ein altbekanntes und viel diskutiertes und sehr krasses Beispiel aus dem Jahr 1972 heran, das unter Staraufgebot und viel Medienrummel als die Befreiung der Frau gefeiert wurde. \u201eDeep Throat\u201c schl\u00e4gt genau in die Kerbe des alt tradierten Stereotyps mit der griechischen Geschichte der Hysterie in Form der Wanderung von \u201eGeschlechtsorganen\u201c und der anschlie\u00dfenden Befreiung durch den Mann (Diagnose und Akt). \u201eDie Frau\u201c soll sich begl\u00fcckt f\u00fchlen, indem sie alles aufnimmt. Ein vollkommen absurdes Skript aus l\u00e4ngst vergangenen Tagen? Pornographische Skripts, eher Rahmenhandlungen, sind wohl fast immer an den Haaren herbeigezogen und gek\u00fcnstelt, einfach grottenschlecht. N\u00e4he, Emotionen, Z\u00e4rtlichkeit, F\u00fcrsorge, Liebe und Respekt sind \u00e4u\u00dferst selten zu finden. Eine allzu gro\u00dfe Realit\u00e4tsn\u00e4he ist da vielleicht gar nicht gewollt. Es geht um das Eine und das soll besonders sein. F\u00fcr alles andere ist kein Platz. F\u00fcr eine reale Geschichte ist ein Film wohl auch zu kurz und der reale Akt mit bis zu 13 Minuten einfach zu kurz (Mehr als 13 Minuten wird von Befragten in Studien als zu lang angegeben).<\/p>\n\n\n\n<p>Da bin ich gar nicht mal bei den kritisierten Produktionsbedingungen, welche bez\u00fcglich des oben angesprochenen Films in der Biographie von Linda Boreman nachgelesen werden k\u00f6nnen. Bei diesem Skript h\u00e4tte Fair Porn wohl auch nichts gebracht. Es geht um das ganze Paket. Und Porno ist nun mal ein Gesch\u00e4ft. Der Film spielte bei Produktionskosten von 25.000 $ immerhin 600 Mio. $ ein (Ebert, 2005). Die profitabelste Filmproduktion aller Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Pornographie schafft, ob sie will oder nicht, Standards. Dies trifft auch auf den Kondomgebrauch in homosexuellen Pornos (36%-64%) und in heterosexuellen Pornos (2%-3%) zu. In 75% der Pornos gibt es mehr oder weniger subtile Formen der Aggression, welche fast ausschlie\u00dflich gegen Frauen gerichtet sind. Gangbang ist so in den 2000ern aufgekommen und der Cumshot ist inzwischen f\u00fcr alle Geschlechter fast schon Standard (Wozu gibt\u2019s denn auch die Trickkiste?). Nur: Wo geht die Reise hin?<\/p>\n\n\n\n<p>Mag Pornographie auch ein (sehr verzerrter und r\u00fcckw\u00e4rtsgewandter) Spiegel der Gesellschaft sein, so ist bei der Bewertung von Pornographie Vorsicht geboten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hands off Emanzipation<\/h3>\n\n\n\n<p>Denn: Nichts da! Pornographie hat selbst keinen Einfluss auf Praktiken oder Identit\u00e4ten von Personen. Personen suchen sich die Inhalte, die ihnen entsprechen. (Prause 2022) Wir k\u00f6nnen das diskriminierende Individuum nicht mit der Ausrede einer pr\u00e4genden verachtenden Pornographie aus der Verantwortung entlassen. Es mag einen Zusammenhang geben, aber die Richtung ist genau andersrum. Es gibt jedenfalls keinen belegbaren Hinweis darauf, dass bestimmte Formen der Pornographie irgendwelche Auswirkungen auf Personen, Beziehungen oder Paare h\u00e4tte. Manche bringen die erektile Dysfunktion von 20-30-j\u00e4hrigen M\u00e4nnern mit Pornographie in Verbindung. Alle Studien, die versuchten dies nachzuweisen, versagten jedoch (siehe auch Hoagland &amp; Grubbs 2021) Pornographie hat einen aufkl\u00e4renden, also wissensvermittelnden, und auch emanzipativen Nutzen. Nicht nur f\u00fcr Jugendliche. Dazu braucht es jedoch Kontextualisierungen, Gespr\u00e4che und schlie\u00dflich Pornokompetenz.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gelingende (hands on) Sexualit\u00e4t<\/h3>\n\n\n\n<p>Wie oben bereits angesprochen, ist eine gelingende Sexualit\u00e4t f\u00fcr Trans nicht problemlos. Um ohne genitale Geschlechtsangleichung zu Selbstakzeptanz und einer kongruenten sexuellen Identit\u00e4t zu kommen, braucht es einen Kompromiss mit dem eigenen K\u00f6rper, akzeptierende Partner*innen, ein unterst\u00fctzendes Netzwerk und sexuelle (und geschlechtliche) Lernprozesse der Partner*innen. F\u00fcr letzteres braucht es den Mut, Erfahrungen zu machen. Zumindest in den kleinen Studien, die zugegebenerma\u00dfen kleine Stichproben haben, was auf einen sehr kleinen Anteil der Trans hinweist, zeigt sich die Bedeutung von Sexparties und Clubs f\u00fcr solche Erfahrungen (Kruber, 2016).<\/p>\n\n\n\n<p>Es braucht aber auch Wissen \u00fcber Praktiken und M\u00f6glichkeiten, welches auch \u00fcber Pornographie vermittelt wird. Und auch \u201eVorbilder\u201c, besser Vorreiter*innen, im Sinne von Menschen, die es machen. Texte, Bilder und Filme \u00fcber Gelebtes, auch Sexualit\u00e4t, geben zumindest das Gef\u00fchl, in der eigenen Situation mit den eigenen sexuellen Bed\u00fcrfnissen nicht allein zu sein und\/oder bleiben zu m\u00fcssen. Wie oben schon erw\u00e4hnt: \u201ePersonen suchen sich die Inhalte, die Ihnen entsprechen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hands on<\/h3>\n\n\n\n<p>Kellnerin, Kosmetikerin oder Sexarbeiterin? (Peters 2022) Das sind wohl die Standardberufsoptionen f\u00fcr viele, vor allem Transfrauen, die im Schatten stehen. Die Kritik von Marjorie Garber in ihrem Buch \u201eVerh\u00fcllte Interessen\u201c aus dem Jahr 1993, es handle sich bei Trans um ein \u201eupper class\u201c-Ph\u00e4nomen, \u00fcbersieht, dass es auch in der fr\u00fchen Phase des US-Trans-Aktivismus viele Sexarbeiter*innen waren, die um Anerkennung und Selbstbestimmung gek\u00e4mpft haben. Die bekannten aktuellen Zahlen weisen f\u00fcr die USA 19% und f\u00fcr Deutschland 16% Sexarbeiterinnen unter Trans aus. In L\u00e4ndern, in denen der Anteil an Sexarbeit allgemein h\u00f6her liegt (Spanien, u..), darf der Anteil von Trans-Sexarbeiter*innen h\u00f6her gesch\u00e4tzt werden. Bei PoC-Trans in den USA liegt der Anteil der Sexarbeiter*innen sogar zwischen 33% und 40%. Dabei geht es auch bei gelegentlicher Sexarbeit um Existenzerhaltung. Mehrfachdiskriminierung nach Geschlechtsidentit\u00e4t, sozialer Herkunft, Ausbildung, Klasse, Behinderung, Aufenthaltsstatus und Hautfarbe, schlie\u00dft Menschen nicht nur aus der klassischen Arbeitswelt aus, sie hat auch massive Auswirkungen auf die sexuelle Selbstbestimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den zuletzt genannten Gruppen ist die Einstellung zu Pornographie sicher eine Andere und bei wachsender sozialer Ungleichheit ist die Frage einer selbstbestimmten gelingenden Sexualit\u00e4t wohl zunehmend nachrangig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur eine Analyse der Best\u00e4nde bislang produzierter Pornographie w\u00fcrde eine deutliche, fast schon klassische Schieflage hin zu m\u00e4nnlichen \u201eSubjekten\u201c und weiblichen \u201eObjekten\u201c f\u00fchren. Auch der Konsum von Pornographie ist Studien zu Folge zu 72% m\u00e4nnlich. Dies ist allerdings nicht verwunderlich, denn bereits der Begriff Pornographie ist, versteckt unter tradiertem Alltagsgebrauch, tief mit der altgriechischen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":16,"featured_media":2231,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[94,95],"class_list":["post-2230","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-schwerpunkt","tag-lambda-190","tag-porno-yes"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2230","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/16"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2230"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2230\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2234,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2230\/revisions\/2234"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2231"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2230"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2230"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2230"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}