{"id":2168,"date":"2022-12-02T00:18:00","date_gmt":"2022-12-01T23:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2168"},"modified":"2022-12-02T07:43:17","modified_gmt":"2022-12-02T06:43:17","slug":"konferenzeroeffnung-gibt-vielen-themen-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2168","title":{"rendered":"Konferenzer\u00f6ffnung gibt vielen Themen Raum"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Ende Oktober 2022 fand einer der renommierten rein medizinischen HIV-Kongresse statt: die \u201eHIV Drug Therapy\u201c. Mit etwa 2.400 HIV-\u00c4rzt*innen und Forscher*innen aus 91 L\u00e4ndern feierte die Konferenz ihr 30-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um. Die Themen waren wie gewohnt biomedizinisch und wissenschaftlich, der Fokus liegt hier im Regelfall auf klinischen Studiendaten und aktuellen Entwicklungen in der HIV-Forschung. Dieses Jahr erhielten allerdings auch diverse andere Themen Raum. Allein die Kongresser\u00f6ffnung pr\u00e4sentierte einen Querschnitt durch unterschiedlichste inhaltliche Ebenen, wie folgende Beispiele zeigen. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Entwicklung in globalen Zahlen<\/h3>\n\n\n\n<p>In der Er\u00f6ffnungsrede gab eine der beiden Kongress-Pr\u00e4sidentinnen zun\u00e4chst einen geschichtlichen \u00dcberblick, den sie mit ihrer eigenen Konferenzgeschichte verband. Sie selbst hatte im Jahr 2000 erstmals an der \u201eHIV Drug Therapy\u201c teilgenommen. Damals wurden laut UNAIDS, dem Programm der Vereinten Nationen gegen HIV, j\u00e4hrlich etwa 5,4 Millionen Neuinfektionen registriert und 2,8 Millionen Menschen verstarben infolge von HIV\/AIDS. Der Vergleich zu den aktuellen Daten 2021 zeigt zweifelsohne die Erfolge auf: Die j\u00e4hrlichen Neuinfektionen liegen jetzt bei ca. 1,5 Millionen und die Todesf\u00e4lle sind auf 650.000 gesunken. Das ist immer noch eine Situation, mit der man sich keinesfalls zufriedengeben darf, aber es ist eine gro\u00dfartige Entwicklung in die richtige Richtung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ver\u00e4nderung in der Pr\u00e4vention<\/h3>\n\n\n\n<p>Durchaus emotional war auch der R\u00fcckblick zum Thema HIV-Pr\u00e4vention. Im Jahr 2000 war man noch weit entfernt von Schlagw\u00f6rtern wie Treatment as Prevention (TasP) und dem Slogan U=U, also dass es unter effektiver HIV-Therapie zu keinen sexuellen \u00dcbertragungen kommt. HIV-Pr\u00e4vention vor 22 Jahren fokussierte unter anderem auf sexuelle Abstinenz. Im damaligen Jahresbericht der UNAIDS beginnt das Kapitel Pr\u00e4vention mit Themen wie \u201eDen ersten Sex hinausz\u00f6gern\u201c, \u201eSex vor der Ehe: die HIV-Risiken\u201c und \u201eTreue in der Partnerschaft\u201c. Und noch etwas f\u00e4llt auf: Im gesamten Bericht wird z.&nbsp;B. die PrEP (Pr\u00e4expositionsprophylaxe) kein einziges Mal erw\u00e4hnt. Heute ist die PrEP als hochwirksame Schutzmethode unumstritten und nicht mehr wegzudenken. Zu der Zeit war sie nicht einmal eine Vision. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fehlender Wandel in der Gesellschaft<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu den beiden vorherigen Themen zeigt der Vergleich mit dem Jahr 2000 allerdings auch auf, was sich nicht ver\u00e4ndert hat. Als Risikofaktoren f\u00fcr eine HIV-Infektion wurden bereits im damaligen Bericht unter anderem Stigma, Diskriminierung, Angst, fehlende Information oder Gewalt gegen M\u00e4dchen und Frauen angef\u00fchrt. Der direkte Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Umgang mit Menschen und der HIV-Epidemie wird im Bericht genauso klar aufgezeigt, wie man es heute leider immer noch machen muss.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Science is political<\/h3>\n\n\n\n<p>Mit dem Kommentar \u201ethe situation is reminding us that science is also political\u201c wurde wieder einmal klar veranschaulicht, dass Wissenschaft allein eben nicht ausreicht. Der Erfolg aller medizinischer Errungenschaften ist ohne ad\u00e4quate gesellschaftliche, strukturelle oder finanzielle Rahmenbedingungen kaum oder nur unzureichend nutzbar. Um daf\u00fcr deutliche Beispiele zu finden, gen\u00fcgt neben HIV ein schneller Blick auf aktuelle Themen wie COVID-19, humane Affenpocken und Ebola oder auch Migrationsbewegungen, Frauenrechte im Iran oder selbstverst\u00e4ndlich die Situation in der Ukraine. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">HIV-Therapie f\u00fcr Menschen aus der Ukraine<\/h3>\n\n\n\n<p>Ein HIV-Arzt aus Polen berichtete, dass alle Kolleg*innen aus dem HIV-Bereich seit dem Krieg in der Ukraine vor gro\u00dfen Herausforderungen st\u00fcnden. Denn der Gro\u00dfteil der Menschen, die aus der Ukraine fl\u00fcchten mussten, befinde sich derzeit in \u00adPolen. Hier erhielten vor Kriegsbeginn etwa 15.500 Menschen eine HIV-Therapie in einem der 17 Behandlungszentren. Mit den Menschen aus der Ukraine ist die Zahl der zu betreuenden Personen mittlerweile um 15&nbsp;% angestiegen. Und von den notwendigen Ressourcen abgesehen, zeigt sich hier ein ganz anderes Problem: In der Ukraine erhalten etwa 80&nbsp;% aller Patient*innen eine HIV-Therapie, die ausschlie\u00dflich f\u00fcr ressourcenlimitierte Regionen und L\u00e4nder hergestellt wird. In Polen (und z.&nbsp;B. auch in \u00d6sterreich) ist diese Therapie gar nicht erh\u00e4ltlich. F\u00fcr die \u00c4rzt*innen und ihre Patient*innen aus der Ukraine hat das zur Folge, dass viele auf eine andere HIV-Therapie umgestellt werden m\u00fcssen, was eine zus\u00e4tzliche Belastung darstellen kann.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Blick aufs gro\u00dfe Ganze<\/h3>\n\n\n\n<p>Neben solchen HIV-bezogenen Themen fand die Er\u00f6ffnung sogar Platz f\u00fcr einen breiten Blick aufs \u201egro\u00dfe Ganze\u201c. Denn gerade in Bezug auf Infektionserkrankungen spielen \u00fcbergeordnete Zusammenh\u00e4nge eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. Der Vortrag stellte sein Fazit gleich an den Beginn: \u201eDie ver\u00e4nderte Welt erfordert eine sich ver\u00e4ndernde Wissenschaft, um zuk\u00fcnftige Risiken durch neue Infektionskrankheiten erfolgreich zu bek\u00e4mpfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der ver\u00e4nderten Welt ist hier z.&nbsp;B. die Klimaerw\u00e4rmung gemeint. Sie ist mitverantwortlich, dass sich das Auftreten mancher Infektionen geografisch ver\u00e4ndert. Als Beispiel kann man die Tigerm\u00fccke nennen, durch die Zika- oder Dengue-Viren \u00fcbertragen werden. Urspr\u00fcnglich ist die Tigerm\u00fccke in hei\u00dfen, tropischen Regionen beheimatet, mittlerweile tritt sie auch in S\u00fcdeuropa auf. Prognosen gehen davon aus, dass sich aufgrund der ver\u00e4ndernden Temperaturen die Tigerm\u00fccke und mit ihr einige Virusinfektionen \u00fcber ganz Europa ausbreiten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Klima und den damit ver\u00e4nderten Lebensr\u00e4umen hat die Globalisierung und die damit verbundene Mobilit\u00e4t massiven Einfluss. Je mehr Menschen und Waren weltweit unterwegs sind, desto mobiler und regional unabh\u00e4ngiger sind auch Krankheitserreger. Und noch eine Ursache ist quasi hausgemacht: die Urbanisierung. Je mehr Menschen auf engerem Raum zusammenleben, desto schneller breiten sich Erreger aus. Laut den Vereinten Nationen leben heute 56&nbsp;% aller Menschen in st\u00e4dtischen Regionen und 2030 werden es \u00fcber 60&nbsp;% sein. Die Herausforderungen werden also keinesfalls weniger. Die SARS-CoV2-Pandemie hat dies nur zu deutlich bewiesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Allein diese drei Punkte zeigen, dass es \u00fcberhaupt kein Wunder ist, dass das Potenzial f\u00fcr Infektionserkrankungen grunds\u00e4tzlich zunimmt. Das ist keine besonders erhebende Perspektive, wenn man bedenkt, dass selbst lange bekannte und gut erforschte Infektionen wie HIV bislang nicht eliminiert werden k\u00f6nnen, da es an ad\u00e4quatem Umgang und den richtigen Rahmenbedingungen fehlt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Menschen im Mittelpunkt<\/h3>\n\n\n\n<p>Trotz der teils beklemmenden Themen waren auf dem Kongress auch Motivation und Energie sp\u00fcrbar. Die Er\u00f6ffnung spannte einen Bogen \u00fcber viele Aspekte und verdeutlichte damit zugleich die Leidenschaft und Empathie, die so viele \u00c4rzt*innen f\u00fcr das Thema und die Patient*innen mitbringen. Dass HIV-Mediziner*innen auch h\u00e4ufig Aktivist*innen sind, zeigte z.&nbsp;B. ein Aufruf zur \u00c4nderung einer Formulierung. In den letzten Jahren kamen solche Aufrufe zu unterschiedlichen Begriffen bereits mehrfach vor. Anstelle des Begriffs \u201eHIV-positive Menschen\u201c spricht man von \u201eMenschen mit HIV\u201c, eine Formulierung, die im deutschsprachigen Raum bereits breite Anwendung findet. Die Argumentation dahinter wurde von der einfordernden \u00c4rztin mit folgendem Satz auf den Punkt gebracht: \u201ePeople are people \u2013 not conditions.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende Oktober 2022 fand einer der renommierten rein medizinischen HIV-Kongresse statt: die \u201eHIV Drug Therapy\u201c. Mit etwa 2.400 HIV-\u00c4rzt*innen und Forscher*innen aus 91 L\u00e4ndern feierte die Konferenz ihr 30-j\u00e4hriges Jubil\u00e4um. Die Themen waren wie gewohnt biomedizinisch und wissenschaftlich, der Fokus liegt hier im Regelfall auf klinischen Studiendaten und aktuellen Entwicklungen in der HIV-Forschung. 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