{"id":2160,"date":"2022-12-02T00:17:00","date_gmt":"2022-12-01T23:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2160"},"modified":"2022-12-02T07:43:21","modified_gmt":"2022-12-02T06:43:21","slug":"__trashed","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2160","title":{"rendered":"Queeres Wohnen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gibt es das?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Es ist ein schmaler Grat, auf dem wir uns bei der Frage nach Unterschieden, Besonderheiten, Klischees und Stereotypen im Zusammenhang mit der queeren Welt bewegen. Die Frage nach der Existenz von queerem Wohnen macht da keine Ausnahme: in einer Gesellschaft, in der Unterschiede, Grenzen, Zuordnungen immer mehr an Eindeutigkeit verlieren \u2013 und Codes, Zeichen und Stile ihre Bedeutung. Unsere Welt ist weit und vielf\u00e4ltig \u2013 gibt die Betonung von Unterschieden Orientierung oder verhindert sie die Entstehung von Neuem? Hier ein Versuch von Antworten in Bezug auf queeres Wohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab eine Zeit, in der wir dachten, die queere Welt lie\u00dfe sich mit drei Buchstaben (LGB) umrei\u00dfen; als die bewusste Abgrenzung, die Inszenierung des \u201eAnders-Seins\u201c, Sicherheit und Selbstbewusstsein gaben: Queere Musik, queere Mode, queere Sprache, queere Lokale \u2013 das alles existierte und bl\u00fchte einerseits versteckt in den Nischen der Subkultur \u2013 und andererseits im Spotlight der B\u00fchnen, Laufstege und Kunstgalerien \u2013 bewundert, aber oft unbenannt, wie der ber\u00fchmte wei\u00dfe Elefant im Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das Wohnen? Welche Rolle spielte es in diesem Universum, das sich nicht zeigen oder einfach nicht beim Namen genannt werden durfte? Nat\u00fcrlich war es immer Teil einer vor allem schwulen, also m\u00e4nnlichen, Selbstinszenierung. Wir denken an die poppig-schw\u00fclstig-abgefahrenen Interiors eines Gianni Versace oder Elton John; an den pomp\u00f6sen Luxus in den Apartments eines Karl Lagerfeld oder Liberace. Sie alle pr\u00e4gten die Klischees des schwulen Wohnens und erf\u00fcllten gleichzeitig die Erwartungen des Publikums.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber erstens: was sagt die Inszenierung schon \u00fcber das reale Leben aus (man denke blo\u00df an die Paradeappartements des 18. Jahrhunderts \u2013 die hatten auch nichts mit den privaten R\u00e4umen zu tun, in denen K\u00f6nig*in dann tats\u00e4chlich wohnte). Zweitens sahen (und sehen!) wir nichts oder weit weniger vom lesbischen Wohnen; wahrscheinlich weil Frauen \u2013 ob lesbisch oder nicht \u2013 sowieso meist andere Sorgen hatten (haben), als ihre Wohnung zu inszenieren und zu pr\u00e4sentieren. Das hat sich nur sehr bedingt ge\u00e4ndert \u2013 mit dem Ergebnis, dass bis heute vor allem schwule M\u00e4nner und ihre Wohnungen in den einschl\u00e4gigen Magazinen auftauchen. Und drittens: es ist ja Realit\u00e4t, dass auch heute noch der eine oder die andere aus unserer gro\u00dfen LGBTQIA+ Community nicht geoutet ist \u2013 vor Eltern, Kollegen und Freundinnen, und deshalb allzu eindeutige Hinweise aufs \u2013 und Einblicke ins queere Leben (schon gar eine bewusste Inszenierung) lieber vermeidet \u2013 selbst in den eigenen vier W\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wenn wir schon dabei sind \u2013 was w\u00e4ren denn solche Hinweise und sind tats\u00e4chlich sie es, die queeres Wohnen ausmachen? Vielleicht die Regenbogen-Neonleuchte? Das Handtuch mit der Stickerei Er &amp; Er? Das Kunstwerk, das den nackten K\u00f6rper (des jeweiligen Geschlechts) feiert? Verlassen sollten wir uns darauf nicht \u2013 allein der Blick auf queere Paare l\u00e4sst diesen Ansatz schon wieder wanken: Es ist eindeutig queeres Wohnen, wom\u00f6glich aber ohne explizit queere Optik. Daf\u00fcr werden vielleicht die R\u00e4ume anders genutzt als im Plan vorgesehen, gibt es also zwei pers\u00f6nliche R\u00fcckzugsbereiche statt eines Arbeits- und eines Kinderzimmers. Oder es werden \u00fcberhaupt alle Zwischenw\u00e4nde rausgenommen, weil\u2019s keine Abgrenzung braucht, sondern eher viel Platz f\u00fcr die eine oder andere Geselligkeit!<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"247\" height=\"750\" src=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Cristo_della_Minerva_CC-BY-SA-4.0_Peter1936F.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2163\" srcset=\"https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Cristo_della_Minerva_CC-BY-SA-4.0_Peter1936F.jpg 247w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Cristo_della_Minerva_CC-BY-SA-4.0_Peter1936F-99x300.jpg 99w, https:\/\/lambdanachrichten.at\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Cristo_della_Minerva_CC-BY-SA-4.0_Peter1936F-49x150.jpg 49w\" sizes=\"auto, (max-width: 247px) 100vw, 247px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Michelangelos \n&#8222;Der auferstandene Christus&#8220; [Fotocredit: Peter1936F unter CC BY-SA 4.0}<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Queerer Lifestyle bahnt sich durchaus seinen Weg und findet seinen Ausdruck, wie widrig die Umst\u00e4nde und wie festgefahren die gesellschaftlichen Stereotypen auch sein m\u00f6gen. Mir selbst zum Beispiel standen \u2013 in meinem ziemlich katholischen und peniblen Elternhaus \u2013 nicht allzu viele Wege offen, meinen jungen schwulen Geschmack auszuleben. Aber der muskelbepackte marmorne K\u00f6rper des \u201eAuferstandenen Christus\u201c von Michelangelo auf einem gro\u00dfen Poster \u00fcber meinem Bett \u2013 den fand ich wunderbar, und die Eltern waren wohl ebenso zufrieden. Mein lieber Mann hat in seiner Jugend neben den nackten \u00ad\u201eDavid\u201c einfach eine ebenso nackte \u201eVenus\u201c geh\u00e4ngt \u2013 als Tarnung, gewisserma\u00dfen. Wir sehen also ohnehin nur, was wir sehen m\u00f6chten, und nehmen wahr, wor\u00fcber wir ansatzweise Bescheid wissen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zumindest scheinen wir damit ein Merkmal queeren Wohnens gefunden zu haben: es sucht und findet, vergleichbar einer Sprache, einen Ausdruck f\u00fcr das Au\u00dfergew\u00f6hnliche \u2013 in welchem Aspekt auch immer: Vielleicht ist es die Lage oder Gr\u00f6\u00dfe der Wohnung oder eine neue Wohnform. M\u00f6glicherweise wird der Grundriss vollkommen umgekrempelt, gestalterisches Neuland betreten, oder es sind tats\u00e4chlich die Farben und M\u00f6bel in jeder Hinsicht au\u00dfergew\u00f6hnlich. Mag auch sein, dass es nur die Musik ist, die die R\u00e4ume erf\u00fcllt \u2026 <\/p>\n\n\n\n<p>Neuerliches ABER: Ist Wohnen nicht immer Ausdruck von Individualit\u00e4t, pers\u00f6nlichen Umst\u00e4nden und Rahmenbedingungen? \u201eIn der Tat\u201c k\u00f6nnte man sagen; wie ist es dann aber m\u00f6glich, dass sich die Individualit\u00e4t, wie gro\u00df ihr gesellschaftlicher Wert aktuell auch sein mag, im Einheitsbrei ewig gleicher Belanglosigkeiten verliert? H\u00e4user, Einrichtungen, Materialien, Farben \u2013 alles folgt gehorsam den von der Industrie vorgegebenen Trends. Es braucht Konsequenz und Durchhalteverm\u00f6gen, dem tats\u00e4chlich einmaligen individuellen Geschmack Ausdruck zu verleihen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und es braucht noch mehr: Die intensive Besch\u00e4ftigung mit dem eigenen Leben, den Bed\u00fcrfnissen, den Abl\u00e4ufen und Gewohnheiten; das Bewusstmachen der pers\u00f6nlichen Vorlieben, woher sie kommen und wie sie in die Gestaltung und Organisation von R\u00e4umen \u00fcbersetzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wage hier mal eine These: das Finden der eigenen Pers\u00f6nlichkeit verlangt von queeren Personen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Geschichte, ein tiefes Hinterfragen der eigenen W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse, die Definition eines tats\u00e4chlich individuellen Wegs zum Gl\u00fcck abseits etablierter heteronormativer Lebensentw\u00fcrfe. Vielleicht sind queere Personen es eher gewohnt, Naheliegendes zu hinterfragen und ihren eigenen Weg abseits ausgetrampelter Pfade zu finden, und deshalb eher gewillt, sich auch beim Wohnen nicht f\u00fcr das Erstbeste, sondern f\u00fcr das ihrer Person, ihrem Leben und Alltag entsprechende zu entscheiden, auch wenn die Suche danach und die Umsetzung immer wieder m\u00fchsam, zeitaufwendig und teuer sind.<\/p>\n\n\n\n<p>In kleinem oder gro\u00dfem Umfang, in einem einzigen Detail oder im gestalterischen Gesamtkonzept \u2013 queeres Wohnen existiert, findet seinen Ausdruck und immer einen Weg, auf die eine oder andere Art besonders, pers\u00f6nlich und sch\u00f6n zu sein. Es existiert als Manifestation einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst, den eigenen W\u00fcnschen und Vorlieben \u2013 immer wieder bereit, neu, ungewohnt und grenzenlos pers\u00f6nlich zu sein \u2013 ohne R\u00fccksicht auf Tabus und Trends.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wolfgang Stempfer ist selbst\u00e4ndiger Unternehmer und betreibt DER GUTE PLAN, B\u00fcro f\u00fcr Innenarchitektur und Interior Design.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt es das? Es ist ein schmaler Grat, auf dem wir uns bei der Frage nach Unterschieden, Besonderheiten, Klischees und Stereotypen im Zusammenhang mit der queeren Welt bewegen. 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