{"id":2146,"date":"2022-12-02T00:13:00","date_gmt":"2022-12-01T23:13:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2146"},"modified":"2022-12-02T07:43:45","modified_gmt":"2022-12-02T06:43:45","slug":"schluss-mit-der-selbstoptimierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2146","title":{"rendered":"Schluss mit der Selbstoptimierung"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">In queeren R\u00e4umen sollen gesellschaftliche Sch\u00f6nheits- und Leistungsnormen keine Rolle spielen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Immer erfolgreicher, sch\u00f6ner, ges\u00fcnder und besser: Wir leben in einer Welt mit einem enormen Konkurrenz- und Leistungsdruck. Auch queere Lebensrealit\u00e4ten und Begegnungsr\u00e4ume sind davon betroffen. Auf Dating-Plattformen spielt beispielsweise das Aussehen eine nicht unerhebliche Rolle. Wer nicht jung und sportlich ist, hat geringere Chancen. Viele investieren daher in ihren K\u00f6rper. Sie essen wenig und trainieren hart im Fitness-Center, um mithalten zu k\u00f6nnen. Menschen suchen oft Freund*innen und Partner*innen, um diese herzeigen zu k\u00f6nnen. Beim Austausch in sozialen Medien geht es im Regelfall darum, m\u00f6glichst viel Zuspruch und Likes zu bekommen. Der Drang, sich st\u00e4ndig mit anderen zu vergleichen, kann unter Umst\u00e4nden zu Stress und zu psychischen Problemen f\u00fchren, wie folgende Geschichte zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Person hatte Schlaf- und Magenprobleme. Sie ging zur Haus\u00e4rztin, doch diese konnte keine k\u00f6rperliche Ursache f\u00fcr die Beschwerden finden. Die \u00c4rztin empfahl eine Psychotherapie. Die Person reagierte genervt, weil sie nichts von psychischen Problemen h\u00f6ren wollte. Nach langem Z\u00f6gern entschied sie sich doch, es mit einer Therapie zu versuchen. Zun\u00e4chst war es nicht einfach, Termine zu finden. Denn die Person hatte viel zu tun. Sie studierte, machte ein Praktikum und k\u00fcmmerte sich viel um die Familie.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Beste geben wollen<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach jeder Therapiestunde fragte die Person, ob sie alles richtig mache und ob der Therapeut mit ihr zufrieden sei. Sie versuche, meinte die Person, immer das Beste zu geben. Auch im Studium sei es ihr wichtig, hervorragende Noten zu haben. \u00c4hnlich lief es im Sport. Die Person trainierte zwei Mal in der Woche im Fitnesscenter und ern\u00e4hrte sich bewusst. Sie las B\u00fccher \u00fcber Selbstoptimierung. Jeden Erfolg im Studium und jede Leistungssteigerung im Sport teilte sie in sozialen Medien mit. Die Person hatte viele Follower*innen, mit denen sie sich verglich.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch es gab auch Situationen, die alles andere als angenehm waren. Die Person erz\u00e4hlte von Alptr\u00e4umen. Sie tr\u00e4umte einmal davon, dass sie das Studium nicht schaffen w\u00fcrde. Daraufhin w\u00fcrden sich die Eltern und Verwandten abwenden. Die Person wachte dann schwei\u00dfgebadet auf und konnte nicht mehr weiterschlafen. Ein anderes Mal tr\u00e4umte die Person, dass sie zu einem queeren Clubbing gehen wollte. Doch sie wurde von T\u00fcrsteher*innen nicht eingelassen. Stattdessen zogen viele gutaussehende Menschen vorbei und schafften es problemlos in den Club. Die Person hatte in dem Traum das Gef\u00fchl, nicht sch\u00f6n genug zu sein und versagt zu haben. Sie f\u00fchlte sich einsam und wachte auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gef\u00fchl, einsam zu sein und nicht dazuzugeh\u00f6ren, kannte die Person von fr\u00fcher. In der Psychotherapie fand sie einen Ort, wo sie in einem sicheren und wertsch\u00e4tzenden Rahmen dar\u00fcber reden konnte. Daf\u00fcr brauchte es Zeit. Denn die Person verdr\u00e4ngte vieles. Sie schilderte, wie sie im jugendlichen Alter entdeckte, queer und damit anders als die meisten Mitsch\u00fcler*innen zu sein. Das Gef\u00fchl, anders und ausgesto\u00dfen zu sein, war f\u00fcr sie schrecklich. Sie tat alles, um dieses Gef\u00fchl zu vermeiden. In der Schule hatte sie immer wieder geh\u00f6rt, dass andere mit Schimpfw\u00f6rtern wie \u201eDu Schwuchtel\u201c oder \u201eDu Lesbe\u201c gemobbt wurden. Sie f\u00fchlte sich einsam und hasste sich f\u00fcr ihr queer sein. Sie wollte auf keinen Fall auffallen. Doch dies verursachte Scham, Stress und Gef\u00fchle der Ohnmacht. W\u00e4hrend sich andere in Drogen oder Alkohol fl\u00fcchteten, war die Person \u00fcberangepasst. Sie konzentrierte sich darauf, den Erwartungen von anderen zu entsprechen. Sie bekam Anerkennung, wenn sie viel leistete und sich anstrengte. Die Eltern lobten die Person, wenn sie von guten Noten erz\u00e4hlte. Auch in der Schule waren die Lehrer*innen mit ihr zufrieden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wir d\u00fcrfen auch schwach sein.&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Person hatte den Weg der \u00dcberangepasstheit auch im erwachsenen Leben verinnerlicht. Sie w\u00e4hlte ein Studium, das gute Berufsaussichten versprach. Die Person hielt sich in queeren Lebensrealit\u00e4ten und virtuellen R\u00e4umlichkeiten auf, in denen es um ein vermeintlich perfektes Aussehen ging. Dementsprechend schwierig war die Partner*innen-Suche. Auf queeren Dating-Plattformen wurden Menschen, die nicht sportlich aussahen, rasch aussortiert. Denn diese Menschen erinnerten die Person zu sehr an die eigenen vermeintlichen Defizite. Hatte sie dann doch jemanden gefunden, ging die Beziehung nach kurzer Zeit wieder in die Br\u00fcche, weil sich herausstellte, dass die Partner*innen M\u00e4ngel aufwiesen. Die Person war mit sich selbst unzufrieden. Daher fand sie auch bei Partner*innen schnell Bereiche, die angeblich nicht in Ordnung waren. In der Psychotherapie ging es darum, dass sich die Person selbst akzeptierte. Sie lernte, dass scheinbare Schw\u00e4chen in Ordnung sind. Langsam konnte die Person die jahrelang und unbewusst antrainierte \u00dcberangepasstheit ablegen. Sie entsprach nicht mehr den Erwartungen von anderen, sondern begann sich zu fragen, was ihr selbst guttut.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Folge war, dass sie im Studium nicht mehr so hart zu sich selbst war. Fr\u00fcher ging es ihr darum, dass sie \u00fcberall gute Leistungen hatte. Nun akzeptierte sie in F\u00e4chern, die sie weniger interessierten, mittelm\u00e4\u00dfige Noten. Die Person \u00e4nderte auch die Freizeitaktivit\u00e4ten. Sie ging weniger ins Fitnesscenter, sondern interessierte sich mehr f\u00fcr kulturelle Dinge und machte bei einer queeren Theatergruppe mit. Dort verliebte sie sich in einen Menschen, den sie fr\u00fcher aussortiert h\u00e4tte, weil die Person nicht allzu sportlich war. Doch ihr gefiel der Mensch wegen der Herzlichkeit und Gem\u00fctlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer immer nur angepasst ist und st\u00e4ndig zu den Gewinner*innen geh\u00f6ren will, verliert sich irgendwann selbst. Als Psychotherapeut w\u00fcnsche ich mir m\u00f6glichst viele queere Orte und R\u00e4umlichkeiten, wo wir einfach so sein k\u00f6nnen wie wir sind, wo wir uns mit unseren St\u00e4rken und Schw\u00e4chen annehmen und wo keine Vergleiche angestellt werden. Doch leider leben wir in einer Gesellschaft, wo das Tun und Handeln oft automatisch gemessen und bewertet wird. Gleichzeitig steigen die gesellschaftlichen Erwartungen: Wir sollen heute im Beruf erfolgreich sein, interessante Hobbys haben, gut aussehen, die gro\u00dfe Liebe finden, ein aufregendes Sexualleben f\u00fchren, sich sozial engagieren, einen nachhaltigen Lebensstil pflegen und dann auch noch zufrieden sein. Doch das ist eine \u00dcberforderung. Im heutigen Neoliberalismus z\u00e4hlen Floskeln wie \u201eMach mehr aus dir\u201c, \u201eLass dich nicht h\u00e4ngen\u201c und \u201eStreng dich an, dann schaffst du es nach oben\u201c. Doch das erzeugt enormen Druck.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Niemand ist perfekt<\/h3>\n\n\n\n<p>Verst\u00e4rkt wird der Anpassungsdruck durch soziale Medien. Postet jemand von sich ein Foto, soll es besonders gut aussehen. Daher werden die Bilder vor der Ver\u00f6ffentlichung noch einmal bearbeitet. Sehen andere die vermeintlich makellosen Fotos, f\u00fchlen sie sich oft dazu gedr\u00e4ngt, ebenfalls perfekt zu sein. Somit kann es unter Umst\u00e4nden sinnvoll sein, alle Kontakte zu l\u00f6schen, die uns das Gef\u00fchl geben, nicht gut genug zu sein. Ist sich jemand hinsichtlich des K\u00f6rpers unsicher, sollte die Person in sozialen Medien keinen Menschen mit Fotos von einem makellosen Body folgen. Denn damit werden die eigenen \u00c4ngste und Unsicherheiten getriggert. Viel besser sind Kontakte und Personen, die gegen den Sch\u00f6nheitskult auftreten und die Inhalte posten, in denen nicht alles perfekt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungesunder Konkurrenzdruck kann schnell zu einem Gegeneinander f\u00fchren. Im Konkurrenzkampf haben Werte wie Empathie, Mitgef\u00fchl und Solidarit\u00e4t keinen Platz. Ich tr\u00e4ume davon, dass queere Orte und R\u00e4umlichkeiten solidarisch sind. Solidarit\u00e4t bedeutet, dass Menschen nicht allein gelassen werden, dass wir f\u00fcreinander da sind, dass wir einander helfen und unsere Sorgen und N\u00f6te ernst nehmen. So erfahren wir Anerkennung, R\u00fcckhalt und Sicherheit. Dann brauchen wir uns nicht anzupassen, sondern wir k\u00f6nnen so sein, wie wir sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In queeren R\u00e4umen sollen gesellschaftliche Sch\u00f6nheits- und Leistungsnormen keine Rolle spielen Immer erfolgreicher, sch\u00f6ner, ges\u00fcnder und besser: Wir leben in einer Welt mit einem enormen Konkurrenz- und Leistungsdruck. Auch queere Lebensrealit\u00e4ten und Begegnungsr\u00e4ume sind davon betroffen. Auf Dating-Plattformen spielt beispielsweise das Aussehen eine nicht unerhebliche Rolle. Wer nicht jung und sportlich ist, hat geringere Chancen. 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