{"id":2072,"date":"2022-09-02T00:24:00","date_gmt":"2022-09-01T22:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2072"},"modified":"2022-09-02T08:26:35","modified_gmt":"2022-09-02T06:26:35","slug":"warum-sex-und-statistik-zu-missverstaendnissen-fuehren-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=2072","title":{"rendered":"Warum Sex und Statistik zu Missverst\u00e4ndnissen f\u00fchren k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Derzeit sorgt eine spezielle Virusinfektion f\u00fcr Aufmerksamkeit \u2013 die sogenannten Affenpocken, kurz MPX f\u00fcr \u201eMonkeypox\u201c. Sie werden vor allem mit MSM (M\u00e4nner, die Sex mit M\u00e4nnern haben) in Verbindung gebracht. Das aktuelle Beispiel der MPX zeigt erneut auf, wie wichtig es ist, die Hintergr\u00fcnde f\u00fcr so einen Zusammenhang zu reflektieren, um schwerwiegenden Missverst\u00e4ndnissen zu entgegnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">MPX (Affenpocken) im \u00dcberblick<\/h3>\n\n\n\n<p>Seit dem Fr\u00fchsommer h\u00e4ufen sich die F\u00e4lle von MPX auch in \u00d6sterreich. Das Virus und die Erkrankung sind dabei nichts Neues. 1950 wurden die Viren (MPXV), die von Nagetieren auf andere Tiere und Menschen \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen, bei Affen nachgewiesen \u2013 daher auch der Name. Und 1970 wurden MPX erstmals bei Menschen diagnostiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Neu ist jedoch, dass die F\u00e4lle au\u00dferhalb einer bestimmten Region auftreten. Bislang traten MPX nur in Mittel- und Westafrika auf und F\u00e4lle in anderen L\u00e4ndern waren mit Reisen in dieses Gebiet assoziiert. Jetzt sieht man \u00dcbertragungen in ganz anderen Settings.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einer MPXV- Infektion kommt es oft in der ersten Woche zu Fieber, Kopfschmerzen oder z.&nbsp;B. geschwollenen Lymphknoten. Da dies allgemeine Symptome einer ersten Immunreaktion sind, treten sie bei vielen Infektionen auf und k\u00f6nnen oft nicht zugeordnet werden. Typischer f\u00fcr MPX sind die danach auftretenden Pusteln bzw. Pocken \u2013 ebenfalls namensgebend. Diese fl\u00fcssigkeitsgef\u00fcllten Pusteln k\u00f6nnen aufbrechen, offene Wunden bilden und sich entz\u00fcnden. Oft haben sie einen wei\u00dflichen leicht erhabenen Rand, verkrusten und heilen nach ca. 3 Wochen ab. Auch hier sind durchaus Verwechslungen m\u00f6glich, z.&nbsp;B. mit Herpes, Windpocken oder auch einer Syphilis.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zu verwechseln sind MPX mit den humanen \u201eechten\u201c Pocken, die als \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrliche Infektion aus den letzten Jahrhunderten bekannt sind. Die Viren sind zwar miteinander verwandt, haben aber andere Auswirkungen auf den Menschen. Die oft t\u00f6dlich verlaufenden echten Pocken gelten dank konsequenter Impfprogramme seit Ende der 70er-Jahre als ausgerottet. Die weltweiten Impfprogramme wurden daher Anfang der 80er-Jahre eingestellt. Doch etwas Gutes ist geblieben, denn der Pockenimpfstoff hat auch bei MPX eine sch\u00fctzende Wirkung. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz einfach ist es mit der Impfung jedoch leider nicht: So ist z.&nbsp;B. noch nicht klar, ob ein Schutz bei Menschen besteht, die damals geimpft wurden. Immerhin ist das mindestens 40 Jahre her. Auch nach einer neuen Impfung ist die exakte Schutzwirkung nicht bekannt. Vermutlich liegt sie bei 80\u201385 % und auf jeden Fall hilft sie gegen schwere Verl\u00e4ufe. Daher sollte sie, den Impfempfehlungen folgend, grunds\u00e4tzlich zur Verf\u00fcgung gestellt und auch in Anspruch genommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gute Nachricht ist also: MPX sind keine unbekannte Infektionserkrankung, es gibt eine Impfung, die Infektion heilt selbstst\u00e4ndig aus und sehr schwere Verl\u00e4ufe sind zum Gl\u00fcck selten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die schlechte Nachricht ist: Ein Impfschutz ist nicht \u00fcberall gegeben, MPX k\u00f6nnen verwechselt und damit falsch behandelt werden, die Erkrankung kann sehr belastend sein und bis zum Ausheilen ist eine Isolation notwendig. Mehr als Grund genug, sich zu \u00fcberlegen, welche Situationen ein Infektionsrisiko bergen und wer besonders aufmerksam gegen\u00fcber MPX sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">MPXV und sexuelle \u00dcbertragung <\/h3>\n\n\n\n<p>Insgesamt sind MPXV eher schwer zu \u00fcbertragen. Denn es braucht einen sehr engen Kontakt zwischen Menschen. \u00dcbertragungen erfolgen bei direktem K\u00f6rperkontakt, insbesondere bei Kontakt zu den infekti\u00f6sen Hautl\u00e4sionen, oder z. B. \u00fcber gemeinsam verwendete Handt\u00fccher oder etwa Bettw\u00e4sche. MPXV sind also von den Infektionsrisiken her nicht mit anderen Erregern, wie etwa den Coronaviren, vergleichbar. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine besonders geeignete Situation f\u00fcr die \u00dcbertragung ist Sex. Wie bei anderen Infektionen auch ist hier weniger relevant, ob Sperma oder Vaginalfl\u00fcssigkeit infekti\u00f6s sein k\u00f6nnte. Die \u00dcbertragung erfolgt durch den engen und intensiven K\u00f6rperkontakt. Dass der aktuelle Ausbruch ma\u00dfgeblich durch sexuelle \u00dcbertragungen angetrieben wird, zeigt sich z. B. daran, dass die MPX-Pusteln oft im Genitalbereich auftreten. Ein anderer Nachweis f\u00fcr die sexuellen \u00dcbertragungen ist, dass MPX aktuell fast ausschlie\u00dflich in einigen sexuellen Netzwerken auftreten, konkret innerhalb der Gruppe der MSM.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sexuelle \u00dcbertragung und Statistik<\/h3>\n\n\n\n<p>Dass sexuell aktive MSM mit h\u00e4ufig wechselnden Sexualpartner*innen ein h\u00f6heres Risiko f\u00fcr MPX haben, liegt an zwei recht profanen Gr\u00fcnden. Erstens am biologischen Fakt, dass Sex ein besonders effektiver \u00dcbertragungsweg f\u00fcr MPXV ist. Zweitens an einer statistischen Dynamik. Wenn es in einem Netzwerk bereits Infektionen gibt, dann besteht innerhalb dieser Gruppe logischerweise auch ein Risiko f\u00fcr Viruskontakt. Und je mehr F\u00e4lle es gibt, desto h\u00f6her ist das statistische Risiko. Dazu kommt: Auch je mehr unterschiedliche Kontakte es innerhalb des Netzwerkes gibt, desto wahrscheinlicher ist ein Kontakt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zwei schwierige Missverst\u00e4ndnisse<\/h3>\n\n\n\n<p>Die genannten Gr\u00fcnde beziehen sich ausschlie\u00dflich auf Biologie und Statistik. Die Menschen als Einzelpersonen spielen hier keine Rolle. Es geht weder um individuelle sexuelle Praktiken und Vorlieben noch um eine sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identit\u00e4t. Und hier liegt das oft nervenaufreibende Missverst\u00e4ndnis. Wird die Situation nicht logisch durchdacht, entsteht teils die Fehleinsch\u00e4tzung, dass Infektionen mit gleichgeschlechtlichem Sex zusammenh\u00e4ngen. Und das hat (mindestens) zwei schwerwiegende Konsequenzen. Zum einen werden MSM per se ausgegrenzt und diskriminiert, da sie angebliche Infektionsrisiken darstellen. Zum anderen verorten viele Menschen f\u00fcr sich selbst kein Risiko, da sie sich nicht zu den MSM z\u00e4hlen. Darin unterscheidet sich der aktuelle MPX-Ausbruch kaum von einigen anderen sexuell \u00fcbertragbaren Infektionen. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sexuell \u00fcbertragbare Infektionen sollten alle interessieren<\/h3>\n\n\n\n<p>Sexuell \u00fcbertragbare Infektionen sollten f\u00fcr alle sexuell aktiven Menschen ein Thema sein. Wichtig ist, sich anhand der biologischen Fakten (Art der \u00dcbertragung) und statistischen Fakten (bestehende Pr\u00e4valenz, Anzahl der Kontakte) zu \u00fcberlegen, ob Infektionsrisiken bestehen und worauf zu achten sein k\u00f6nnte. Das gilt f\u00fcr MPX genauso wie f\u00fcr HIV, Herpes, Syphilis, Tripper und einiges mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel, wie es gehen kann, ist die Schwelle Wien. Als sexpositiver Raum bietet die Schwelle die M\u00f6glichkeit, sich auf unterschiedlichsten Ebenen mit dem Thema Sexualit\u00e4t auseinanderzusetzen. Sie geht aber noch einen Schritt weiter und \u00fcbernimmt Verantwortung in der Information ihrer Netzwerke \u00fcber sexuell \u00fcbertragbare Infektionen. Und so inkludiert sie auch dieses Jahr wieder im Rahmen ihres Festivals (www.schwelle-festival.com) einen Workshop zu Themen wie HIV, STIs, U=U, PrEP und Co. Alles Themen, die oftmals f\u00e4lschlicherweise ausschlie\u00dflich mit gleichgeschlechtlichem Sex unter M\u00e4nnern assoziiert werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h3>\n\n\n\n<p>MPX zeigen wieder auf, wie schnell die Kombination aus Infektionen, Sex und Statistik zu Fehleinsch\u00e4tzungen f\u00fchren kann. Dabei sind die realen Hintergr\u00fcnde f\u00fcr die Infektionsrisiken deutlich zu sehen. Und es ist auch deutlich zu sehen, was essenziell ist: n\u00e4mlich die Menschen, die einem h\u00f6heren Risiko ausgesetzt sind, ad\u00e4quat zu informieren und ihnen alle verf\u00fcgbaren Optionen anzubieten. \u2655<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit sorgt eine spezielle Virusinfektion f\u00fcr Aufmerksamkeit \u2013 die sogenannten Affenpocken, kurz MPX f\u00fcr \u201eMonkeypox\u201c. Sie werden vor allem mit MSM (M\u00e4nner, die Sex mit M\u00e4nnern haben) in Verbindung gebracht. Das aktuelle Beispiel der MPX zeigt erneut auf, wie wichtig es ist, die Hintergr\u00fcnde f\u00fcr so einen Zusammenhang zu reflektieren, um schwerwiegenden Missverst\u00e4ndnissen zu entgegnen. 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