{"id":1998,"date":"2022-09-02T00:09:00","date_gmt":"2022-09-01T22:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1998"},"modified":"2022-09-02T08:27:49","modified_gmt":"2022-09-02T06:27:49","slug":"die-perfekte-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1998","title":{"rendered":"Die perfekte Frau"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">F\u00fcr mich wird es mit jedem Artikel schwieriger zu scheiben. Egal welches Thema, es f\u00fchlt sich an wie st\u00e4ndig im Sperrfeuer zu stehen. Minenfelder wohin ich mich auch bewege.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst banalste T\u00e4tigkeiten werden zuweilen zum Spie\u00dfrutenlauf. Zuletzt, es ist grad ein paar Tage her, fragte mich eine alte gesch\u00e4tzt siebzigj\u00e4hrige Frau lauthals: \u201eSind sie ein Mann oder einer Frau?\u201c Als sei dies beim Einkaufen oder gar beim Schlange stehen auch nur im Entferntesten relevant. Vor ein paar Jahren war ich cooler drauf, als mir ein Typ in der U-Bahn die gleiche Frage stellte. Ich antwortete: \u201eSuch\u2019s Dir aus!\u201c, worauf er einfach wegging. Es gibt aber auch Tage an denen ich nicht st\u00e4ndig im Alarm-Modus bin. An denen trifft es dann tief.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Frage, Mann oder Frau, scheint zurzeit zu brennen, wenn man die Kommentare zu Artikeln mit Transthemen liest. Sie ist schon l\u00e4nger da. Ich erinnere vor zwei, drei Jahren eine erfolgreiche Kosmetikerin, die von einer Kundin laut in Gesicht gesagt bekam: \u201eIch sehe, dass sie ein Mann sind!\u201c. Wir schreiben 2022, es f\u00fchlt sich aber zuweilen an wie 1950. Es gibt inzwischen einige, die das Rad der Zeit nur zu gerne in die bleiernen Jahre des biedermeierlichen Wirtschaftswunders zur\u00fcckdrehen wollen. In einem Kommentarpost einer Online Zeitung stand, hen verst\u00fcnde die Aufregung nicht, die meisten Trans w\u00fcrden sehr zur\u00fcckgezogen leben. Das traf dann auch f\u00fcr die Kosmetikerin zu. Das Hausverbot der Kundin hat da auch nicht mehr geholfen. Zu glauben das Outing von Trans w\u00e4re mit der einmaligen Selbstbestimmung erledigt ist eine Fiktion zur Selbstberuhigung. Dabei war das Passing der Kosmetikerin top, lebendig und nat\u00fcrlich. Einfach zu beneiden und eine wirklich tolle coole junge Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schon ein paar Wochen her, da berichtete eine Dragqueen bei einer Podiumsdiskussion zum Thema \u201eI am too\u2026\u201c (in diesem Fall war es wohl \u201efeminine\u201c) sie w\u00fcrde sich gerne erst zu Hause abschminken. Sie h\u00e4tte es eine Zeitlang probiert im Make-up mit der U-Bahn nach Hause zu fahren um sich dort in aller Ruhe und Gr\u00fcndlichkeit abzuschminken. Sie meinte, sie k\u00f6nne jetzt nachvollziehen wie es Frauen ginge, die sich nicht f\u00fcr die U-Bahn \u201ecleanen\u201c k\u00f6nnen, die ihr Frau Sein nicht einfach ablegen k\u00f6nnten, wie sie. Sie schminkt sich inzwischen gleich nach der Vorstellung ab. Und das ist jetzt der Punkt. Wenn die \u201e\u00f6ffentliche\u201c Drag-Show sich ins Private zieht bekommt Drag vielleicht eine Einsicht, hier ins U-Bahn fahren. Das ist aber bei weitem nicht das ganze Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass in Europa Travestieshows seit den fr\u00fchen Jahren des 20. Jhd. bis in 70er Jahre auch f\u00fcr Trans ein Hafen waren, in dem sie ihr Auskommen fanden, ist unbestritten (u.a. Eckert 2021, Dobler 2022). Sp\u00e4ter kamen dann noch die Swinger-Clubs dazu. Sp\u00e4testen Anfang der 90er (in Wien) kamen die Clubs dazu und Cross-dressing war angesagt. Seit den 80er Jahren \u00fcberschlugen sich auch die Modelabels mit neuen Formen und Rollen. Androgynie, im Sinne der Aufhebung der Geschlechtergrenzen, lag in der Luft, zeichnete sich wie bei Comme des Gar\u00e7ons ab. Deren erste Show in Paris wurde jedoch als Angriff \u201e&#8230; auf die Mode im Allgemeinen und das Ideal der \u2018westlichen Frau\u2019 im Besonderen, kurz auf Sch\u00f6nheit, Erotik, Sexappeal und Anmut&#8230;\u201c verunglimpft (Vinken 1993). Jenny Livingstons Kultfilm \u201eParis is Burning\u201c hat es vielleicht wieder geradeger\u00fcckt \u2013 er zeigt Weiblichkeit als Maskerade, kurz \u201eDrag\u201c. Das K\u00fcrzel \u201edrag\u201c wird einer Legende nach Shakespeare zugeschrieben. Bis Mitte des 17. Jhd. gab es nur M\u00e4nner als Schauspieler und er kennzeichnete in der B\u00fchnenanweisung \u201eFrauenrollen\u201c mit \u201edrag\u201c f\u00fcr \u201edressed as a girl\u201c. Also gut 17. Jhd. Trotzdem ist \u201egirl\u201c f\u00fcr K\u00f6niginnen (14x) und andere Rollen vielleicht auch damals schon abwertend gewesen. Dennoch stimmig. \u201eI\u2019m not a woman, I emulate a woman\u201c sagte Pepper Labeija, Mother des Houses Labeija. Die Geschlechtergrenzen waren also wiederhergestellt. Designer wie Gaultier, Lagerfeld, Armani, D&amp;G, \u2026, sind wohl alle nur Produzenten der Weiblichkeit als Maskerade, eines m\u00e4nnlichen Blicks auf Weiblichkeit. Vielleicht verwendet Barbara Vinken ja deshalb die \u201eNichtidentit\u00e4t\u201c als Kennzeichen des \u201eAnderen\u201c als dem M\u00e4nnlichen, weil es eben auf eine Bestimmung von Weiblichkeit durch M\u00e4nner hinausl\u00e4uft?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich zuf\u00e4llig eine Drag Show in der Villa kreuzte erntete ich zuweilen b\u00f6se Blicke von den Queens. Wohl weniger ob des Kreuzens doch eher wegen meines Seins. Nein, bei mir nicht f\u00fcr den Moment, nicht f\u00fcr die B\u00fchne, nicht f\u00fcr das Rampenlicht, nicht zum nachher ablegen. \u201eI am, what I am. No need f\u00fcr excuses\u201c. Vielleicht auch eine \u201eNichtidentit\u00e4t\u201c? So manche Trans l\u00e4uft da, wie auch manch andere Frau, einem Ideal nach. Frei nach Colette Dowlings \u201eDie Perfekten Frauen\u201c (1989) eine Flucht in die Selbstdarstellung. Manchmal wohl auch in einen Fluch der Selbstdarstellung, denn aus der Nummer kann man nicht mehr so leicht aussteigen. Bei mancher Trans muss man sich einen halben Tag vorher anmelden, weil die \u201eMorgentoilette\u201c bis zu vier Stunden dauert. Ganz ehrlich. Welche Frau kann sich das leisten. Alles was l\u00e4nger als 10 Minuten dauert ist f\u00fcr die meisten Frauen wohl einfach lebensfremd. Spontanes Treffen unm\u00f6glich. Alles weit voraus geplant. Und dann: \u201eAre you ready for the show?\u201c Sein oder Schein? Da wird ja das ganze Leben zu einem einzigen Drag-Race. Wenn die Kraft daf\u00fcr nicht mehr reicht, bricht die ganze Identit\u00e4t zusammen, so im Alter (IHS Projektbericht Senior*innen-WGs f\u00fcr LGBTQI+-Personen 2021).<\/p>\n\n\n\n<p>Einfach Frau sein sagte eine Bekannte zu mir. Das klingt einfacher, als es dann f\u00fcr viele ist, egal ob Cis oder Trans.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da habe ich einfach ein massives Problem mit Drag oder Travestie. Nein, ich bin nicht neidisch, dass Mario Soldo (Dame Galaxis) 1995 statt mir in die \u201eHans Meiser Show\u201c nach K\u00f6ln eingeladen wurde. (Anm.: Das war der Urahn der heutigen \u201eBarbara Karlich Show\u201c, nur mit mehr Seelenstriptease.) Sie wollten Trans, haben dann Travestie\/ Drag genommen. Dann doch lieber glatte Geschlechterklischees mit klassischem Ausgang (Huhu, bin ja doch ein Mann) statt echter Queerness. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das damals psychisch \u00fcberlebt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Womit ich echt ein Problem habe, ist die Wiedereinschreibung \u00fcberkommener Rollenbilder durch Drag. Urspr\u00fcnglich in der Travestie vielleicht als Versuch des Umgangs von Schwulen mit, des \u00dcberlebens in, starren Rollenbildern und Gesellschaftsnormen wie in \u201eLa Cage aux Folles\u201c kom\u00f6diantisch scheinbar zum Wohlgefallen aller aufl\u00f6st, nimmt es mit Drag eine Wendung hin zur Re-Etablierung einer ganz bestimmten bin\u00e4ren Geschlechternormativit\u00e4t. Damit lassen sich die Konnotation und die immer wieder vorkommenden Untergriffe \u201eMann im Rock\u201c nicht aufl\u00f6sen. Die biologistische Binarit\u00e4t wird durch Drag immer wieder best\u00e4tigt. Und das macht vielen das Leben schwer und erh\u00f6ht auch den Druck der operativen Angleichung um dem Sein dann auch mehr zu entsprechen, um eben kein Mann im Rock zu sein. Das Paradox (Lindemann 1993) oder das R\u00e4tsel (Morris 1974) ist eben, dass sich das innere Empfinden nicht zwangsl\u00e4ufig im \u00e4u\u00dferen Erscheinen \u201eablesen\u201c l\u00e4sst. Das ist kein Auseinanderfallen von Sein und Schein, wie oft behauptet, es ist ein Sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist es ja ganz gut, dass sich M\u00e4nner immer wieder um eine positive im Sinne von konkrete Beschreibung und Festmachung von Frau bem\u00fchen, ohne Frau auch nur ann\u00e4hernd nahe zu kommen. Denn die \u201eNichtidentit\u00e4t\u201c, in der sich das \u201eWeibliche\u201c jeder Beschreibung entzieht, erm\u00f6glicht Frau in jeder Form Frau zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss noch die Situation an der Kassa vom Anfang meines Artikels aufl\u00f6sen. Die Filialleiterin \u00f6ffnete sofort eine zweite Kassa und der Rollator blieb an f\u00fcnfter Position w\u00e4hrend ich als erste zur neu er\u00f6ffneten Kassa kam. Wir leben wohl doch im Jahr 2022. Mag sein, dass es auch damit zu tun hat, dass ein Jahr zuvor ein Mann, der damals im gleichen Gesch\u00e4ft Kassendienst hatte, sich mit mir vor der T\u00fcr \u201eunterhalten\u201c wollte. Das viel auf \u2013 ich wurde auch lauter und fragte ihn, was er denn vor der T\u00fcr wolle. Er ward an der Kassa nie wiedergesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Werde die, die du bist! Die Anderen sind nicht zu \u00e4ndern, und du musst auch nur das \u00e4ndern, was dir selbst an dir nicht passt. Die Erfahrungen zeigen, frei nach Bob Dylan: \u201eFor the times, they (still) are a changing!\u201c \u2655<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr mich wird es mit jedem Artikel schwieriger zu scheiben. Egal welches Thema, es f\u00fchlt sich an wie st\u00e4ndig im Sperrfeuer zu stehen. Minenfelder wohin ich mich auch bewege. Selbst banalste T\u00e4tigkeiten werden zuweilen zum Spie\u00dfrutenlauf. 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