{"id":1950,"date":"2022-06-03T00:21:00","date_gmt":"2022-06-02T22:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1950"},"modified":"2022-05-25T23:13:24","modified_gmt":"2022-05-25T21:13:24","slug":"queeres-jugendzentrum-ohne-doppelten-boden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/lambdanachrichten.at\/?p=1950","title":{"rendered":"Queeres Jugendzentrum ohne doppelten Boden?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die L\u00fccke von der niemand wissen will?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">\u201eReicht da nicht ein B\u00fccherregal\u201c  \u2013 Diese Frage, oder vergleichbare, wurde uns oft gestellt, als wir im Krisenjahr 2020 im Zuge unserer IDAHOBIT-Kampagne lautstark ein queeres Jugendzentrum forderten. Die bestehenden Jugendzentren seien doch alle bereits Schutzr\u00e4ume f\u00fcr benachteiligte Gruppen wie uns: junge LGBTIQ-Personen. Es g\u00e4be bereits Aktionen und Fortbildungen zum Themenkomplex Geschlecht, und \u00fcber die Regenbogenparade habe man auch schon mal gesprochen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer allerdings zu unserem Donnerstagabend im Gugg kommt, erlebt ein anderes Bild. Immer wieder kommen Jugendliche von eben diesen Jugendzentren, weil sie dort denjenigen begegnen, vor denen sie eigentlich au\u00dferhalb der Schule fl\u00fcchten wollen. Die bestehenden Jugendzentren sind nat\u00fcrlicherweise eine Spiegelung der Gesellschaft, die solche Jugendzentren erst notwendig machen. Familien, die nicht die Privilegien haben sich neben der Erwerbsarbeit Vollzeit um ihre Kinder zu k\u00fcmmern, Platzmangel, Einsamkeit, Diskriminierung auf der einen oder anderen Ebene. Da ist es klar, warum auch innerhalb der Jugendzentren nicht immer alles unbeschwert ist. Genau das sollen sie aber leisten. Es gibt zum Gl\u00fcck uns, Ehrenamtliche, die in ihrer Freizeit unbezahlt Jugendabende organisieren, bei denen junge queere Menschen bis inklusive 28 an einem Abend die Woche Gleichgesinnte treffen, Fragen stellen und einfach sie selbst sein d\u00fcrfen, ohne Angst angegriffen zu werden. Das ist zwar schon super, aber wir k\u00f6nnen es nicht leisten in diesem Kontext teils 12-j\u00e4hrige intensiv \u00fcber mehrere Tage in der Woche zu betreuen. Dieser Bedarf ist aber da! Sie kommen zu uns, weil sie keinen anderen Platz haben, wo sie hingehen k\u00f6nnen ohne Angst zu haben, sich verstellen zu m\u00fcssen, wo zur Abwechslung mal nicht nur ihre Queerness im Vordergrund steht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Missverst\u00e4ndnis, welches gerade bei vielen Menschen besteht, die nicht Teil der LGBTIQ-Community sind, oder die in ihrer Jugend gar nicht geglaubt haben, dass es irgendwann mal m\u00f6glich sein wird einen Raum wie den QYVIE Jugendabend zu haben, ist die scheinbare \u201cSexualisierung immer j\u00fcngerer Kinder\u201d, vor Allem bezogen auf Bildung zum Thema Homosexualit\u00e4t. Untersuchungen zeigen jedoch, das Alter des ersten sexuellen Kontakts ist nicht signifikant gesunken in den letzten zwei Jahrzehnten. Ver\u00e4ndert hat sich jedoch der Zugang zu Wissen. Gerade transgeschlechtliche Personen berichten immer wieder, dass sie bereits im fr\u00fchen Kindesalter sicher waren trans* zu sein, jedoch aufgrund von \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen lange Probleme hatten, sich selbst zu akzeptieren oder nach Hilfe zu fragen. Das f\u00fchrt bei einsetzender Pubert\u00e4t mitunter zu unwiderruflichen Ver\u00e4nderungen des K\u00f6rpers und dadurch auch zu psychischen Belastungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">All diesen spezifischen Herausforderungen kann sich ein Jugendzentrum \u201cf\u00fcr alle Jugendlichen\u201d einfach nicht in notwendigem Ausma\u00df stellen. Was junge Menschen brauchen, ist Sicherheit und Stabilit\u00e4t, die sie vielleicht zu Hause oder in der Schule nicht immer finden. Gerade solche, die von au\u00dfen signalisiert bekommen, dass sie nicht so ganz reinpassen, weil sie LGBTIQ sind, oder sich dahingehend noch nicht so ganz sicher sind.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbstverst\u00e4ndlich freuen wir uns auch weiterhin, die QYVIE-Abende am Donnerstag, gemeinsame Workshops, Hilfe und Beratung, etc. anzubieten, der Bedarf ist in jedem Fall da! Wir freuen uns aber auch \u00fcber die M\u00f6glichkeit in einem offenen, coolen, queeren Jugendzentrum Angebote f\u00fcr unsere diverse Community zu haben, damit sich einzelne Buchstaben des Regenbogens je nach Bedarf austauschen k\u00f6nnen, und trotzdem mal unter sich sein k\u00f6nnen. Es wirkt sehr heilend, zum Beispiel mal nicht die einzige bisexuelle Person im Raum&nbsp; zu sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist wichtig sich nochmal vor Augen zu f\u00fchren, wie dringend dieses queere Jugendzentrum ben\u00f6tigt wird. Wie in anderen Bereichen war die Pandemie, was h\u00e4usliche Diskriminierung und andere Gewalt angeht, ein Brandbeschleuniger. Viele waren mit den Menschen ihrer Familie oder Wohngemeinschaft eingesperrt, die sie nicht vollst\u00e4ndig akzeptieren, manche mussten sogar zur\u00fcck zu ihren Eltern ziehen, die sie mit M\u00fche und Not durch einen Lohnjob haben verlassen k\u00f6nnen. Die mentale Gesundheit darf auch hier keine Geldfrage sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber denken wir mal weiter in die Zukunft, es ist \u2026 sagen wir das Jahr 2024, wir haben nun das langersehnte queere Jugendzentrum, es l\u00e4uft super, Alle haben sich eingespielt, es kommen junge queere Menschen in Scharen, davon ist momentan ja auszugehen, und folgender Fall tritt ein: \u201cIch bin 12, trans*, und m\u00f6chte psychologische Beratung.\u201d, oder \u201cIch bin 15 und brauche einen Schlafplatz, weil ich mich bei meinen Eltern als lesbisch geoutet habe und rausgeworfen wurde.\u201d, oder \u201cIch bin verr\u00fcckt nach Fu\u00dfball, werde aber beim Vereinssport ausgeschlossen, weil ich schwul bin und wei\u00df jetzt nicht wohin.\u201d&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem utopisch angelegten queeren Jugendzentrum, mit bestens ausgebildeten Sozialarbeitenden, super \u00f6ffentlicher Anbindung, und weiteren tollsten Eigenschaften, wohin schicke ich die Jugendlichen, f\u00fcr die es in Wien keine Anlaufstelle gibt? Ein queeres Jugendzentrum muss sich nat\u00fcrlich mit den bestehenden Angeboten der Stadt und der LGBTIQ-Community vernetzen, wissen wer was anbietet, wo es welche Ressourcen gibt, nur was n\u00fctzt das ohne ein gr\u00f6\u00dfer gedachtes Netzwerk an bedarfsorientierten Angeboten? Wir denken viel, nur eben nicht genug.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den K\u00f6pfen vieler Menschen stecken schreckliche Bilder der Aidskrise, Staaten die Homosexuelle hinrichten, und sie fragen sich was in \u00d6sterreich noch ben\u00f6tigt wird, da wir doch scheinbar alles M\u00f6gliche erreicht haben, was es f\u00fcr die Regenbogencommunity zu erreichen gibt, doch das ist nicht nur falsch, sondern auch gef\u00e4hrlich! Selbst heute ist die Suizidrate unter queeren Jugendlichen signifikant h\u00f6her als die heterosexueller cisgeschlechtlicher, selbst heute werden Jugendliche von Stelle zu Stelle weitergereicht, weil die Stadt Wien kein Notfallwohnprojekt f\u00fcr junge queere Menschen hat, und die medizinische Versorgung von transidenten Jugendlichen, sowohl physische als auch psychische, ist noch immer mehr ein Hobby weniger Mediziner*innen statt Bestandteil der Grundausbildung, das trifft auch intergeschlechtliche hart. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es braucht noch viel Arbeit, Geld und strukturelle Ver\u00e4nderung, bis ein im Wiener Gemeinderat bereits beschlossenes queeres Jugendzentrum effizient arbeiten kann. Denn zu einer wirklichen Ver\u00e4nderung kann das Jugendzentrum nur beitragen; sollte es dabei allein bleiben, w\u00e4re das f\u00fcr unsere Community fatal. Wir wollen nicht immer nur vertr\u00f6stet werden, sondern echte Hilfe!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die L\u00fccke von der niemand wissen will? \u201eReicht da nicht ein B\u00fccherregal\u201c \u2013 Diese Frage, oder vergleichbare, wurde uns oft gestellt, als wir im Krisenjahr 2020 im Zuge unserer IDAHOBIT-Kampagne lautstark ein queeres Jugendzentrum forderten. Die bestehenden Jugendzentren seien doch alle bereits Schutzr\u00e4ume f\u00fcr benachteiligte Gruppen wie uns: junge LGBTIQ-Personen. 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